Kinderlandverschickung auf Burg Lankau Heimweh und Heublumentee

Auf Befehl Hitlers wurden ab 1940 Kinder vor den Bomben des Zweiten Weltkriegs auf dem Land in Sicherheit gebracht. Ferdinand Schumacher war eines von ihnen. Doch statt Schule und Sport erwarteten den Kölner Jungen Drill und Disziplin - bis ein holländischer Junge auftauchte, der eine unglaubliche Geschichte erzählte.

Ferdinand Schumacher

Die Mundpropaganda war verheißungsvoll. Der "Führer" hatte für seinen Nachwuchs Lager eingerichtet, um ihn vor den Bomben der Royal Air Force zu schützen. In den meisten Fällen waren es ehemalige Jugendherbergen und Ferienheime des Jungvolks oder der HJ, die für diesen Zweck eingerichtet wurden. Auch einige Klöster beteiligten sich. "Kinderlandverschickung" (KLV) war in diesem Zeitraum ein beliebtes Urlaubsangebot der Regierung für Kinder der weniger betuchten Bevölkerung.

Etwa 100 Jungen zwischen 10 und 13 Jahren wurden im Winter 1941 von Köln in ein KLV Lager nach Niederschlesien, nahe der polnischen Grenze verschickt. Ich war einer von ihnen. Krank vor Heimweh kamen wir nach fast zwei Tagen in Namslau an. Hoher Schnee und eisige Kälte empfingen uns - eine unerwartete Härte. Obwohl auch in Köln die Temperaturen im Minusbereich lagen und der Schnee eine bis dahin ungekannte Höhe erreicht hatte.

Mit Gepäck mussten wir die Strecke bis zur Wasserburg Lankau marschieren. In der Wärme der Burg konnten wir die Strapazen schließlich vergessen. Doch dann, einige Tage später, kam das böse Erwachen. Das Reglement war typisch preußisch: Wecken um sieben Uhr, eine Viertelstunde Frühsport im Freien trotz der Minustemperaturen - gelobt sei, was hart macht - waschen, anziehen und aufstellen zum Morgenappell. Hände, Haare und Kleidung wurden einer peniblen Kontrolle unterzogen.

Politische und Militärische Erziehung

Sauberkeit, Ordnung, Disziplin und absoluter Gehorsam waren die obersten Gebote. Vergehen dagegen ahndete man mit drastischen Strafen die teilweise auf die gesamte Stube ausgedehnt wurden. Schule hatte Seltenheitswert, politische Erziehung und vormilitärische Ausbildung dagegen absoluten Vorrang. Das war neu.

Bis dahin waren die Eltern für die Erziehung zuständig. Hier waren es jüngere HJ-Führer und zwei Lehrer mit ihren Familien. Einige ältere Jugendliche waren mit dieser Methode nicht einverstanden und setzten sich erfolgreich in Richtung Heimat ab.

Für unsere Ernährung sorgten die Bewohner des Ortes. Beliebt waren Brötchen, Semmeln genannt. Sie waren doppelt so groß wie in Köln. Der übliche Heublumentee aber setzte dem Frühstücksspaß bald ein Ende. Das Mittagessen konnte man als vegetarisch einstufen. Es gab fast überwiegend schlesische Gerichte.

Männer in Ledermänteln

Durch die strenge Erziehung wurde Selbstständigkeit gefördert, vermeintlich als Vorbereitung auf die militärische Zukunft. Das war aber nicht überall der Fall. Einige Schulfreunde erzählten von anderen Erfahrungen: keine militante Ausbildung, stattdessen Sport, Wanderungen und eine ausgezeichnete Schulbildung.

Der Aufmarsch im Osten und die naheliegenden KZ in Polen änderten unsere Situation. Ein gleichaltriger Junge stand eines Tages vor uns und bat um Hilfe. Seine Sprache klang holländisch. Seine Eltern hatten ihn bei einem Stopp des Zuges aus dem Waggon geworfen.

Er erzählte eine unglaubliche Geschichte aus seiner Heimatstadt Amsterdam, von Soldaten in schwarzen Uniformen mit Totenköpfen darauf, die ihn und viele andere verhaftete hatten. Wer von uns kannte schon die SS-Polizeitruppe?

Tags darauf wurde er von Männern in Ledermäntel abgeholt. Das war Grund genug uns umzusiedeln.

Umsiedlung und ein versöhnliches Ende

Die Familie Richthofen hatte in Petersdorf am Zobten ein Landgut mit einem imposanten Herrenhaus. Hier kamen wir unter. Die bisherige strenge Erziehung wurde auf Einspruch der Eltern abgesetzt. Die Briefzensur aber blieb weiterhin bestehen. Spiele wurden ausgegeben, und anstelle der Zivilkleidung bekamen wir eine khakifarbene Uniform verpasst. So ganz ohne "Barras" ging es also doch nicht.

Ausmärsche in Kolonnen mit Absingen von Kampfliedern ersetzten den militärischen Drill. Die medizinische Versorgung war mangelhaft. Verletzungen wurden durch die Lehrerfrauen auf Großmutterart behandelt. Eine vernünftige Hygiene fehlte. Der enorme Verschleiß an Schuhwerk erzeugte Fußverletzungen, die kaum noch ausheilten. Mittlerweile stand Textilpflege auf dem Stundenplan. Den Umgang mit Nadel und Faden und die Reinigung von Textilien und Lederzeug vermittelten uns ebenfalls die Frauen der Lehrer.

Während der Schulferien verlegte man ein Teil der Mannschaft ins Eulengebirge. Eine sehr romantische Gegend mit uraltem Baumbestand. Wandern und sportliche Aktivitäten machten diesen Ferienaufenthalt zu einem spannenden Erlebnis. Der Hauptteil wurde ins Riesengebirge auf eine Baude verlegt. Hier entstand auch das Lied des Lagers. Der Schlager von den Blauen Jungs von der Waterkant wurde textlich durch Kölsche Jungs vom Rheinesstrand ersetzt. Und das Ahoi gegen Alaaf getauscht.

Ein versöhnlicher Abschluss für die strenge Erziehung. Nach sieben Monaten, mit einem Koffer voller Lumpen und einem erheblichen schulischem Manko, endete dieses Abenteuer.

Leicht bearbeiteter Auszug aus: "Jahrhundertbrief an unsere Nachkommen"



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