Kino auf dem Dorf Filmtheater mit Brausebad

"Lebende Photographien" zeigten Wanderkinos im holsteinischen Ort Lensahn schon 1897, nur anderthalb Jahre nach der Pariser Weltpremiere. Ein eigenes Kino bekam der Ort aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg - dafür mit Badewannen und Brausekabinen. Uwe Stock berichtet über acht Jahrzehnte Kino in der Provinz.

Uwe Stock/Archiv Gmeinde Lensahn

Der Beginn der Filmgeschichte wird allgemein auf den 28. Dezember 1895 datiert, als in Paris die erste öffentliche Filmvorführung gegen Eintrittsgeld stattfand. Bereits im Mai 1897 erreichte der Kinematograph mit seinen "lebenden Photographien" das holsteinische Oldenburg. Wie aus der Anzeige aus den "Wagrisch-Fehmarnschen Blättern" vom 18.5.1897 zu entnehmen ist, waren die Filme sehr kurz. Ein Ansager und ein Klavierspieler begleiteten sie. Aus Mangel an Filmen zog der Unternehmer in der Regel nach wenigen Tagen mit seinem Wanderkino in einen andern Ort.

Bald danach wuchs das Angebot an Filmen, und es setzte eine wahre Flut von Kinogründungen ein. Um 1910 hatte nahezu jede Stadt in Schleswig-Holstein ein fest installiertes Kinotheater. Da es in Lensahn kein festes Kino gab, mussten die Lensahner sich nach Oldenburg oder Neustadt begeben, um einen Film zu sehen. Vermutlich wurden aber in unregelmäßigen Abständen in den Lensahner Lokalen Filme von Wanderkinos vorgeführt.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 begann eine Neuordnung des Filmwesens. Die Herstellung und der Vertrieb von Filmen waren dem im März 1933 errichteten Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda unter Führung von Joseph Goebbels unterstellt. Das Lichtspielgesetz vom 1. März 1934 untermauerte die alles umfassende staatliche Zensur. Die Umsetzung dieses Gesetzes oblag den parteieigenen Gaufilmstellen. Die Gaufilmstelle Schleswig-Holstein setzte insgesamt 13 Tonfilmwagen mit Wanderkinoeinrichtung ein, um die Filme bis in das kleinste Dorf zu bringen. Die Ortsgruppen der NSDAP leisteten die notwendige organisatorische Vorarbeit.

Harmlose Spielfilme und parteipolitisches Programm

In Lensahn war der Malermeister Franz Bedey von seiner NSDAP-Ortsgruppe damit beauftragt worden, den Saal zu besorgen und die Plakate auszuhängen. Alle vier Wochen kam dann der Wagen der "Gaufilmstelle" mit Projektor und Vorführer in das Bahnhofshotel, später auch in das Hotel Lensahn. Pro Tag gab es zwei Vorstellungen, und die Bude war jeweils gerammelt voll.

Die Gaufilmstelle hatte schon die Erfahrung gemacht, dass rein parteipolitisch zusammengestellte Programme keine Zuschauermassen anlockten. Im September 1934 ordnete Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels daher an, dass Wochenschau und Kulturfilm nur zusammen mit einem "harmlosen" Spielfilm eingesetzt werden durften. Die dahinterstehende Absicht wird an einem Zitat von 1936 deutlich:

"Vor allen Dingen muss durch einen wirklich guten Spielfilm dafür gesorgt werden, dass möglichst große Volkskreise die Veranstaltungen besuchen. Wenn dann eine im Verhältnis zum Ort zufriedenstellende Besucherzahl vorhanden ist, wird im Beiprogramm des Films die staats- und parteipolitische Erziehung zu ihrem Recht kommen. Wenn die Programmgestaltung nach diesen beiden Gesichtspunkten vorgenommen wird, so ist damit eine erzieherische und propagandistische Arbeit geleistet, die als solche vom Zuschauer nicht empfunden wird. Darauf kommt es bei der Filmarbeit in der Hauptsache an, denn wenn etwaige Filmbesucher schon vorher annehmen, dass sie belehrt und erzogen werden, dann bleiben sie häufig den Veranstaltungen fern."

150-Meter-Schlange bei der Kino-Eröffnung

Nach 1945 ließ sich die starke Nachfrage nach Filmen kaum befriedigen. Viele Filmkopien waren zerstört oder verloren gegangen. Neue deutsche Filme gab es noch nicht, und viele alte deutsche Filme waren von der Besatzungsmacht verboten worden. Neue Theater konnten erst (wieder)eröffnet werden, wenn der beratende Filmausschuss für die britische Zone eine Lizenz für das Kino erteilt hatte und wenn entsprechende Filmkopien vorhanden waren. Den starken Nachholbedarf nach 1945 stillten zunächst Wanderlichtspiele, die ihre Filme im Bahnhofshotel und im Hotel Lensahn vorführten.

1949 baute Alois Polarczyk, der in den Kriegswirren in den Ort gekommen war, in Lensahn ein großes Kino mit 500 Sitzplätzen. Die Lizenz dafür musste er sich in Hamburg besorgen. Bei der Eröffnung am 21. Januar 1950 gab es eine 150 Meter lange Besucherschlange. Sie kamen zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit dem Trecker und mit einem extra eingesetzten Postbus, der über die Dörfer fuhr. Bald gehörte der Kinobesuch zum Alltag der Menschen, man ging jede Woche ins Kino, unabhängig vom Programm. Die Wohnungen waren eng, und "viele junge Leute wollten mal zwei Stunden allein sein", wie Polarczyk zu erzählen weiß.

Über die Eröffnung berichtete die Kreisrundschau:

"In Anwesenheit von Kreiskommissar Oberst Hyden-Smith und Vertretern der Kreis- und Kommunalbehörden wurde am Sonntagnachmittag das neue 'Filmtheater Lensahn' seiner Bestimmung übergeben. In einer Festansprache des Bauherrn Polarczyk wurden noch einmal die Schwierigkeiten deutlich, die überwunden werden mussten, um für Lensahn diese vorbildliche Kulturstätte schaffen zu können. Mit Stolz blicken jetzt die Lensahner auf ihr Theater, in dem nicht nur Filme gezeigt werden sollen, sondern in dem auch der Mime zu Wort kommen wird, der jetzt eine Bühne mit 4 Meter lichter Höhe und entsprechender Tiefe sowie einen versenkten Orchesterraum für selbst größere Klangkörper vorfindet. Dass der rund 500 Personen fassende Zuschauerraum mit ausgezeichneter Akustik und bequemen Gestühl ebenfalls als Tagungs- und Kongresshalle dienen kann, dürfte für Lensahn ein weiterer Anziehungspunkt sein.

Als sehr glücklich darf der Gedanke bezeichnet werden, unter den Bühnenräumlichkeiten mit eigenem Zugang eine allen modernen Ansprüchen genügende Badeanlage mit zahlreichen Wannen- und Brausekabinen einzurichten. Den Dank der Gemeindebehörde brachte der stellvertretende Bürgermeister Hinzpeter in seiner Festansprache zum Ausdruck. Die Eröffnung fand mit der Vorführung des Films "Verführte Hände" ihren Abschluss."

In den Dörfern und Ostseebädern ließ sich Kasse machen

Polarczyk schickte seinen Vorführer "auf Wandertour" über die Dörfer und die Ostseebäder. Die größeren Orte wurden jeweils am Wochenende bedient. Es gab immer "volle Kassen". Im Laufe der Jahre wurde die vorhandene Konkurrenz aufgekauft. Bald konnte er in größeren Orten, wie Heiligenhafen, Dahme, Grömitz, Kellenhusen und Neustadt, feste Kinos einrichten.

Der Hunger nach neuen Filmen war scheinbar unbegrenzt, auch wenn sie zuletzt in die Landlichtspiele kamen. Die Nachfrage erreichte 1958 ihren Höhepunkt - mit 267 Filmtheatern in Schleswig-Holstein war es das Jahr der größten Kinodichte. Der Konjunktureinbruch setzte ab 1960 ein. Das Fernsehen machte den Kinos erhebliche Konkurrenz. Die Wochenschauen, die bis dahin Bildinformationen aus aller Welt geliefert hatten, wurden durch die Aktualität des Fernsehens überholt, und die Kulturfilme verloren an Attraktivität.

Außerdem erlaubte die wachsende Mobilität den Dorfbewohnern den Besuch der Großstadtkinos. Interessante Filme gab es schon auf Videokassetten bevor sie endlich die Dorfkinos erreichten. Zuerst starben die Wanderlichtspiele und dann die Kinos, die wegen der höheren Rentabilität teilweise in Supermärkte und Wohnungen umgewandelt wurden.

1969 wurde Polarczyks Kino in Lensahn verkleinert. 1975 wurde es endgültig geschlossen und in Wohnungen umgewandelt.



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