Kinsey-Report Als Dr. Sex Amerika aufklärte

Seine Hochzeitsnacht war ein Reinfall, dennoch wurde er zum Vater der sexuellen Revolution: 1953 veröffentlichte der US-Forscher Alfred Kinsey seine Studie über "Das sexuelle Verhalten der Frau" - und empörte Amerika. Dabei interessierte den Wissenschaftler anfangs eine ganz andere Spezies.

AP

Von Tabea Rossol


So unscheinbar der 1600-Seiten-Wälzer von außen wirken mochte, sein Inhalt erregte die Gemüter: "Eine Wirkung wie eine Atombombe", warnte das "Time"-Magazin in einer seiner August-Ausgaben 1953, das US-Nachrichtenmagazin "Newsweek" behauptete, jetzt wisse man "alles über Eva", und für die "San Francisco News" war das Thema sogar so heiß, dass das Blatt mit Absicht auf jegliche Berichterstattung verzichtete.

Aber was war passiert? Was schockierte die Öffentlichkeit derart, dass einige Zeitungen sich weigerten, zu berichten? Am 14. September 1953 erschien die erste Langzeitstudie über "Das sexuelle Verhalten der Frau". Der Report, der damals Tausende Wissenschaftler, Konservative und einfache Bürger in ihren prüden Ansichten erschütterte, sollte fortan das Denken über Sexualität in der westlichen Welt revolutionieren. Zusammengetragen hatte die Ergebnisse ein Forscherteam um einen Mann: Alfred Kinsey.

In seiner Studie lieferte Kinsey nackte Zahlen zu damals schlüpfrigen Themen. Zum ersten Mal lasen die Amerikaner schwarz auf weiß - und wissenschaftlich belegt - von Männern, die miteinander schliefen, und von Frauen, die Sex mit sich selbst oder - schlimmer noch - vor der Ehe hatten. Die als Kinsey-Reports bekannt gewordenen Studien brachten ihrem Autor den Ruhm als Vorreiter der sexuellen Revolution ein. Dabei hätte Kinsey selbst vermutlich nie gedacht, dass er einmal einer der größten Aufklärer des 20. Jahrhunderts werden würde.

Seine Eltern verboten ihm, Mädchen zu treffen

Aufgewachsen im ärmlichen Hoboken im Bundesstaat New Jersey wurde Alfred Kinsey von seinem Vater, einem praktizierenden Methodisten, streng puritanisch erzogen. Jeden Sonntag schleppte Kinseys Vater den kleinen Alfred und seine zwei Geschwister in drei verschiedene Gottesdienste. Danach ging es in die Sonntagsschule, wo Kinseys Vater selbst unterrichtete.

Zu Dates durfte Kinsey nicht gehen. Seine Eltern hielten es für falsch. Eine Altersgenossin sagte damals über Kinsey: Er war "der schüchternste Junge, den man sich vorstellen konnte".

1920 lernte Kinsey doch noch eine Frau kennen: Clara McMillen, eine hübsche und kluge Chemiestudentin, die Kinsey bei seinen späteren Studien unterstützt haben soll. Zur Hochzeit - ein Jahr nach ihrem Kennenlernen - schenkte er seiner vier Jahre jüngeren Gattin Wanderstiefel, denn die Flitterwochen verbrachten die Kinseys in den Bergen. Doch die Hochzeitsnacht sollte sich zur Katastrophe werden, denn es passierte: nichts.

Im Bett des Sexforschers herrschte Flaute

Ein Jahr lang hatte das junge Paar keinen Sex. Warum im Bett der Kinseys so lange Flaute herrschte, lässt sich nicht eindeutig sagen. In einem sind sich Kinseys Biografen aber einig: Der Schmerz und die Verbitterung über sein maues Liebesleben waren wohl ein wesentliches Motiv für Kinseys wissenschaftlichen Eifer.

Seine Karriere begann Kinsey in den Zwanzigern an der Indiana University in Bloomington, wo er nicht nur seine spätere Frau Clara traf, sondern auch akribische Forschung lernte: an Gallwespen. Minutiös katalogisierte er Hunderttausende der kleinen Flügeltierchen, verfasste ganze Standardwerke über die Insektenfamilie und galt als renommierter Experte auf seinem Gebiet. Rund zwei Jahrzehnte hatte sich der Insektenforscher Kinsey den schwirrenden Hautflüglern gewidmet, bevor er merkte, dass in den USA über das Paarungsverhalten der Gallwespe mehr bekannt war als über das Paarungsverhalten des Menschen. Also befragten er und seine Mitarbeiter Tausende Männer und Frauen, sehr intim und anonym - die erste großangelegte Feldstudie der menschlichen Sexualität war geboren: der Kinsey-Report.

Schon sein erster Bericht über die Sexualität der Männer sorgte 1948 für Aufsehen. Laut der Studie hatten fast 40 Prozent der Befragten in ihrem Leben bereits homosexuelle Erfahrungen gemacht. Kinsey, dem selbst immer wieder eine offene Ehe und mehrere Affären mit Männern nachgesagt wurden, warnte in dem Report vor einer Kategorisierung in Hetero- und Homosexuelle: "Die Welt kann nicht in Schafe und Ziegen aufgeteilt werden. Weder sind alle Dinge schwarz, noch sind alle Dinge weiß."

Auch andere damalige Tabuthemen wie Selbstbefriedigung und Sadomasochismus wurden mit Erscheinen des Reports erstmals öffentlich diskutiert. Die ersten 200.000 Exemplare des Buches waren innerhalb weniger Wochen vergriffen - und das obwohl damals in vielen amerikanischen Bundesstaaten noch Homosexualität, Oralsex und "Verkehr zwischen den Rassen" unter Strafe standen.

Die Menschen drängten Kinsey ihr Liebesleben regelrecht auf

Nach seiner ersten Veröffentlichung über das menschliche Sexualverhalten hörte das Telefon in Kinseys Büro im zwölften Stock des Biologie-Gebäudes der Indiana University gar nicht mehr auf zu klingeln. Kinsey und sein Team hatten mit einem Ansturm von Redewilligen zu kämpfen, die sich ihm öffnen wollten. Auf einer seiner vielen Reisen, auf denen er die Menschen interviewte, belagerten Frauenschwärme stundenlang Kinseys Hotel. Eine Lokalzeitung hatte seinen Besuch vorher angekündigt. Der Portier war den ganzen Tag damit beschäftigt, die Anschriften der Frauen aufzuschreiben, die Kinsey Details aus ihrem Liebesleben berichten wollten.

Solange es um das Sexleben der Männer ging, konnte man auch im prüden Amerika der Nachkriegszeit den Tabubruch einigermaßen verkraften. Als Kinsey fünf Jahre später aber aus Tausenden Gesprächen seinen Report über die Frauen veröffentlichte, liefen nicht nur konservative und religiöse Gruppen Sturm. Bis dahin galten Frauen gemeinhin als sexuell desinteressierte Wesen. Dass sie heimlich in Gedanken eigene Lustphantasien und Wünsche formulierten, war für Millionen Männer damals unvorstellbar - nicht nur in den USA.

Als der Kinsey-Report schließlich wissenschaftlich belegen konnte, dass mehr als die Hälfte der befragten 6000 Frauen gelegentlich oder regelmäßig masturbierten und so mehr Spaß am Sex hatten, dass außerdem 28 Prozent gleichgeschlechtliche Erfahrungen gesammelt hatten und ein Bruchteil der Frauen sogar "Sexualkontakt mit irgendeinem Tier" erlebt haben soll, wollten es viele Amerikaner plötzlich gar nicht mehr so genau wissen - zumindest öffentlich. Hinter vorgehaltener Hand aber entwickelte sich auch der zweite Kinsey-Report binnen weniger Wochen zum Bestseller.

Außerehelicher Koitus, Ehebruch und verklemmte Moralansprüche

Besonderes Aufsehen erregte das zehnte Kapitel der Studie, in dem es um "außerehelichen Koitus" ging. Dem Report zufolge beging ein Viertel der weiblichen Befragten Ehebruch, jede zweite Frau war außerdem schon bei der Eheschließung nicht ganz so unerfahren, wie es die verklemmten Moralansprüche damals nahelegten.

Bei den Gesprächen mit ihren Forschungsobjekten achteten Kinsey und sein Team stets darauf, die Fragen distanziert zu stellen, um das damals hitzige Thema mit der entsprechenden wissenschaftlichen Kühle zu behandeln, die Kinsey so wichtig war. Seine Gespräche leitete Kinsey daher regelmäßig mit dem einfachen Satz "Ich möchte mit Ihnen über Sex reden" ein. 521 Fragen umfasste der Katalog der Forscher - darunter: "Welche Stellung bevorzugen Sie?" (häufige Gegenfrage: "Da gibt es mehrere?") oder "Woran denken Sie beim Onanieren?" Im Anschluss an die oft stundenlangen Interviews anonymisierten und kodierten Kinsey und sein Team die Antworten und trugen die Chiffren in Tabellen ein. Nur sieben seiner Mitarbeiter konnten den Kinsey-Code knacken.

Sehr bald nach Erscheinen des zweiten Reports, dem über die weibliche Sexualität, hinterfragten Kritiker, wie repräsentativ die Ergebnisse der Kinsey-Studie tatsächlich waren. Schließlich befragten die Forscher nur solche Menschen, die auch gerne über ihr Sexleben plauderten - darunter Prostituierte und Gefängnisinsassen. Sie, so der Vorwurf der Kinsey-Gegner, seien der Grund für die damals schier unglaublichen Ergebnisse der beiden Studien gewesen.

Kinsey sollte erst postum zu Ruhm und Ehre kommen

Bei aller Kritik an den wissenschaftlichen Methoden - mit ihren Studien schafften Kinsey und sein Team etwa ein Jahrzehnt vor der Antibabypille und der sexuellen Revolution etwas, das bis dahin in Amerika als verpönt, wenn nicht undenkbar, galt: Es war das erste Mal, dass Sexualität wissenschaftlich in all ihren Facetten beschrieben wurde und das erste Mal, dass öffentlich über Selbstbefriedigung, Sadomasochismus und Homosexualität gesprochen und geschrieben wurde.

Sein Ruhm als Vater der Aufklärung sollte Kinsey aber erst postum ereilen. Nach seinem zweiten umstrittenen Sexreport drehte ihm die Rockefeller-Stiftung den Geldhahn ab - sein bis dahin treuester und größter Mäzen. Nie wieder danach sollte Kinsey eine namhafte Studie veröffentlichen. Alfred Kinsey starb am 25. August 1956.



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Gilbert Janeselli, 13.10.2013
1.
Zu einem ähnlichen Thema gibt es die brandneue US Fernsehserie "Masters of Sex": http://www.sho.com/sho/masters-of-sex/home http://www.imdb.com/title/tt2137109/ http://en.wikipedia.org/wiki/Masters_of_Sex
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