Klassenfahrt nach Westberlin Das Böse hinter der Mauer

Jahrelang hatte er gerätselt: Was war die DDR? Was ging in der Ostzone vor sich? Auf einer Klassenfahrt 1965 nach Westberlin kommt Karl Wilhelm Meier dem Mysterium endlich näher. Doch als er an der Bernauer Straße einen Blick über die Grenze wirft, reizt die andere Stadt hinter der Mauer seine Neugier kein bisschen.

AP

West-Berlin, die ferne Insel der Freiheit im Meer des Kommunismus. Dorthin sollte es 1965 auf unserer letzten Klassenfahrt, kurz vor Schulabschluss gehen. Ein raunender Sicherheitshinweis unseres Lehrers läutete unser kleines Transit-Abenteuer ein: Um keinen Preis durften wir am Grenzübergang mit den Volkspolizisten mehr reden als unbedingt nötig. Fast hätte man den Eindruck bekommen können, unser Lehrer fürchte Agitation und kommunistische Propaganda im Vorbeifahren.

Der hohe Wachturm, der Stacheldraht und die zahlreichen Militärs am Übergang Marienborn machten einen erdrückenden Eindruck auf mich. Zwei meiner Mitschüler, die staatenlos waren, mussten bei der Transitabfertigung aussteigen und Rede und Antwort stehen. Obwohl ich die beiden nie besonders gemocht hatte, empfand ich nun Solidarität mit ihnen. Dass sie einer speziellen Grenzabfertigung bedurften, berührte mich seltsam. Als hätten sie den Bestand der DDR ernsthaft gefährden können - so wurden sie behandelt. Über die DDR wusste ich damals nicht viel. Ich machte mir mein eigenes Bild von diesem Land - so gut es eben ging.

Meine Mutter stammte aus Magdeburg. Gleich nach dem Krieg war sie nach Bremen gezogen. Was aber die Ostzone ausmachte, warum sie dort wegging, darüber sprach sie mit uns Kindern nie. Doch einiges war merkwürdig.

Sorgen um die Verwandten

Es begann im Juni 1953: Meine Mutter las am Küchentisch die "Norddeutsche". Die Zeitung machte mit dem Arbeiteraufstand in der DDR auf, berichtete über Tote und Verletzte. Mutter machte sich Sorgen um ihre Verwandten. Für mich als Vierjährigen war die DDR weit weg. Für einen Vierjährigen ist aber auch etwas ganz nahe Liegendes weit weg. Als ich mit meiner Mutter das erste Mal in die Parallelstraße ging, um frische Eier zu kaufen, fragte ich: "Ist das hier die DDR?" Ich erntete ein schallendes Lachen.

Dann kamen ein Onkel und der Opa aus der DDR zu Besuch. Uns Kinder nahmen sie kaum wahr. Der Opa kaufte sich Speck und Harzer Käse, um diese Lebensmittel mit nach Hause zu nehmen. Das war sein Lieblingsessen und wohl in dieser eigenwilligen Kombination in der DDR schwer zu bekommen. Ich weiß es nicht. Hängen blieb wohl, dass es in dieser anderen Republik deutscher Nation mit der Versorgung nicht zum Besten stand.

Schließlich kam der 13. August 1961: Die DDR schottete ihre Grenzen ab. Viel Aufregung gab es deshalb in unserer Familie nicht. Man verschwendete keine Energie auf Dinge, die man sowieso nicht ändern konnte. In der Schule fand die DDR nicht statt. Geschichtlich kamen wir bis zum Ersten Weltkrieg. Der war sicherlich schlimm genug, und womöglich war der Zweite Weltkrieg für unseren Lehrer noch nicht Geschichte.

Die geheimnisvolle Stimme der Ostzone

Irgendwann hatte ich mein erstes Radio. Einen alten Kasten, den ein Mieter stehen gelassen hatte. Er empfing noch und ich drehte und drehte und hörte plötzlich einen DDR-Sender. Nicht lange, denn bald stürzte mein Vater ins Zimmer und stellte das Radio ab. "Willst du uns alle ins Unglück stürzen?", fragte er. Wollte ich nicht. Beim nächsten Mal stellte ich das Radio leiser. Da jede Intervention ausblieb, ließ ich es schließlich, die Stimme der DDR zu hören.

1965 sollte ich zur Freude meiner Eltern die Schule geschafft haben. Doch zuvor saß unsere ganze Klasse im Bus nach Westberlin.

Auf der Transitautobahn ratterte der Bus über die breiten Plattenfugen durch die DDR Richtung Westberlin. Nachdem wir Dreilinden, den letzten Kontrollpunkt an der Autobahn, passiert hatten, erreichten wir bald unsere Unterkunft in der Bundesallee, unweit des Westberliner Zentrums.

Klassisches Programm für die Klassenfahrt

Unser Programm war klassisch: Zuerst gab es einen Vortrag über den Mauerbau in der Bundesanstalt für gesamtdeutsche Aufgaben. Lebhaft ist mir der eingespielte Film in Erinnerung geblieben, in dem Walter Ulbricht auf einer Pressekonferenz beteuert, niemand habe die Absicht eine Mauer zu bauen. Man erzählte uns, wie viele Menschen bei Fluchtversuchen schon umgekommen waren - und wenig später besuchten wir ihn selber, den Schauplatz so vieler tragischer Geschehnisse.

Auf der Aussichtsplattform Bernauer Straße waren wir überrascht, wie schmal die Grenze anmutete. Alles, was man im Osten sehen konnte, war grau, kein einziger Mensch war auszumachen. Obwohl wir später bei unseren Westberliner Stadterkundungen immer wieder auf die Mauer stießen, die die Stadt fest umschloss, zogen wir einen Besuch des Ostteils der Stadt nicht einmal in Erwägung. Dort waren schließlich die "Bösen", das war schlichtweg tabu. Wir hatten auch irgendwie kein Bedürfnis, uns ein Bild von dem zu machen, was da hinter der Mauer lag.

Hatten wir Angst um unsere Freiheit? War es uns einfach nur zu grau? Fürchteten wir die Langeweile? Oder waren wir Landeier so voller großstädtischer Eindrücke, dass wir keine weiteren Abenteuer mehr brauchten? Wer weiß. Damals habe ich nicht darüber nachgedacht. Heute kann ich nur spekulieren - und mich darüber wundern, dass wir unseren Lehrer nicht einmal fragten, ob es uns möglich wäre, den anderen, den nahezu unsichtbaren Teil der Stadt zu sehen.



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