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27. März 2009, 13:11 Uhr

Komparse im Hollywood-Blockbuster

Wenn die Toten zu sehr zittern

Eigentlich wollte er sich nur als Filmleiche 300 Euro dazuverdienen - dann fand sich Tobias Mandelartz in einem Alptraum wieder: Der Dreh für den angekündigten Science-Fiction-Streifen entpuppte sich als grausige Massengrab-Szene mit sadistischen Aufsehern. Die Gruselgeschichte eines Komparsen.

Alles begann Anfang März 2005 mit einer unscheinbaren Kleinanzeige im Berliner Stadtmagazin "Zitty": Casting-Agentur sucht Statisten für amerik. Kinofilm! Benötigt werden Männer ab 25 J., schlank bis sehr dünn, mit kurzen bis sehr kurzen Haaren. Bewerbungen bitte an Agentur Sowieso.

Ich rief sofort an, sagte, dass ich mich auf die Anzeige melden würde und, ähm, hätte da zunächst mal 'ne Frage... "Nein, es wird kein KZ-Film sein", unterbrach mich Sabine aus der Agentur. Ähm, ja, das wäre meine Frage gewesen. Ich hätte da irgendwie Probleme, aus dem Leiden von KZ-Insassen Kapital zu schlagen, nur weil ich vom Aussehen her etwas in die Richtung ginge, dürr und mit kahlrasiertem Schädel, erklärte ich etwas langatmig.

Nee, nee, sagte Sabine von der Agentur, es werde ein Science-Fiction-Film sein, basierend auf dem Comic "V wie Vendetta". Der spiele mit der Frage, was wäre, wenn Großbritannien einen Atomkrieg gewinne, die Welt unterjoche und nur ein einziger geheimnisvoller Freiheitskämpfer - eben jener V - im Jahre 2050 die Welt retten könnte. Die jungen Männer, die gebraucht würden, hätten nichts weiter zu tun, als ruhig rumzuliegen, wie es nun einmal Leichen so tun. Dafür - also für eine einzige Szene - gebe es, da wir außer String-Tangas keine Kleidung tragen würden, immerhin satte 300 Euro. Ob ich dazu Lust hätte?

Zwischen Stacheldraht und Wachtürmen

Ich mailte der Agentur einige Fotos, und einige Tage später rief mich Sabine zurück. Sie sagte, dass man genau solche Typen wie mich gesucht hätte. Und so kam es, dass sich an einem kalten, sonnigen Tag Ende April zwanzig junge, dünne und kahlköpfige Männer am Berliner Theodor-Heuss-Platz vor einem Steakhaus trafen, sich gegenseitig beäugten ("Haste dir die Haare auch extra abgeschnitten? Gibt 25 Euro extra!") und schnell so etwas wie eine ausgelassene Klassenfahrtsstimmung aufkam. Schlechte Witze wurden gerissen ("Wir sehen aus wie die Reha-Abteilung der Krebsklinik auf Vergnügungstour."). Endlich kam ein Busfahrer, der uns ein wenig ängstlich anblickte, uns aber dann einlud und in Richtung Potsdam fuhr.

Irgendwo bei Babelsberg, nach diversen hektischen Telefonaten des Fahrers und etlichen Kehrtwendungen, war der Drehort gefunden, eine ehemalige LPG. Sie war mit viel Stacheldraht und Wachtürmen in ein lagerartiges Gefängnis verwandelt worden. Überall wuselten Statisten herum, Kamerakräne, Catering-Zelte, Kostümwagen - ein unglaubliches Chaos. Unser spezieller Statistenbetreuer Shaun begrüßte uns freudig erregt, musterte uns ein wenig mitleidig und schickte uns zur Kostümausgabe, was bei unserem Kostüm, eben jenem String-Tanga, nicht wirklich nötig gewesen wäre. Als jeder nur noch spärlich bekleidet war, ging es in die Maske.

Okay, wir wussten, dass wir "nur" Tote darstellen sollten - was wir nicht wussten: wie wir gestorben sein sollten. Nach zweieinhalb Stunden konnte ich grob erahnen, durch welches Martyrium ich in den vergangenen Wochen gegangen sein musste: Mein gesamte Körper war übersät mit schwärenden und eiternden Wunden, am Kopf sah man noch die Abdrücke von Elektroden, Blut floss aus einer tiefen Schnittwunde am Bein, die Nase war gebrochen. Wir bewunderten unter spitzen Schreien die Künste der Maskenbildnerinnen an unseren Kollegen, ertrugen tapfer die angeekelten Blicke der Film-Crew und sagten uns, dass wir von nun an eine eingeschworene Gemeinschaft seien: Einer für alle, alle für einen.

"Ih, guck' mal, der da!"

Während wir auf unseren Auftritt warteten, von der Crew fürsorglich mit Decken versorgt, lernten wir kennen, was keiner von uns für möglich gehalten hätte: die Hierarchie der Statisten und die sich selbst erfüllende Prophezeiung. Neben uns zwanzig Leichen gab es nocheinmal so viele Statisten, die immerhin lebendige Menschen darstellen sollten: vertreten waren Transvestiten, Punks, Dicke, Kleinwüchsige, dicke Kleinwüchsige und so weiter. Langsam dämmerte uns, dass im Plot dieses Streifens diktatorische Herrscher sämtliche nicht in ihr Bild passenden Menschen in Lagern kasernierten, um sie dann nach medizinischen Tests langsam umzubringen. Was hatte Sabine noch am Telefon gesagt? "Nein, es ist kein KZ-Film."

Die dritte Gruppe der Statisten waren die Lagerwärter, alles junge, gut gebaute, dumm glotzende Kerle Anfang Zwanzig, die breitbeinig in martialischen Phantasieuniformen und mit Bürstenhaarschnitt herumstolzierten und mit kindlicher Freude ihre Plastik-MGs verglichen. Wir Toten standen etwas zitternd herum, versuchten krampfhaft, die Decken um uns zu hüllen, ohne dass die Plastikwunden abfielen, und blickten dabei demütig zu Boden. Keiner der anderen Statisten sprach mit uns, aber alle sprachen ungeniert über uns ("Ih, guck' mal, der da, der ist ja echt krass eklig"). Sie begutachteten uns völlig schamlos, kommentierten Wunden, Verletzungen, Figur, und wir, nun ja, wir rückten enger aneinander und blickten zu Boden. Einer für alle, alle für einen.

Irgendwann kam Shaun, der Betreuer, angerannt, nun werde es endlich ernst. Wir hatten mittlerweile Unmengen Gerüchte über unseren Drehort gehört. Sabine hatte uns nur verraten, dass wir irgendwie nebeneinander in einer Art Grube liegen sollten, eben tot. Einer der Kollegen hatte aufgeregt erzählt, dass er ziemlich sicher zu wissen meinte, dass wir neben einer Selbstschussanlage liegen würden, als wären wir davon getroffen worden. Aber wie fast alles an diesem Tag kam es anders, ganz anders.

Statisten in der Grube

Shaun brummelte in sein Walkie-Talkie, das ihm am Ohr festgewachsen zu sein schien, zählte uns (zum bestimmt vierzigsten Mal an diesem Tag) durch und sagte: "Okay, jetzt geht's los, alle mir nach!" Und so ging es los. aus der Baracke, über das LPG-Gelände, über den Hof, auf die Straße und in den Wald: Shaun fröhlich vorneweg und ihm hinterher zwanzig frierende und sehr schlecht aussehende, dünne junge Männer und mittlerweile auch drei Frauen. Ich hätte uns gerne von außen gesehen. Irgendwo im Wald waren dann wieder Zelte aufgebaut, dazu Kamerakräne, Scheinwerfer, Monitore, und wir fühlten uns sofort wieder heimisch.

Bis wir die Grube sahen. Das Loch.

Im Waldboden war ein etwa drei Meter tiefes Loch, Größe etwa 3 mal 4 Meter. Uns allen war sofort klar, dass man dort nicht bequem nebeneinander liegen und so tun konnte, als wäre man eine perfekte Leiche; dort unten würde man übereinander auf einem Haufen liegen.

Wir entledigten uns unserer Decken, und stiegen, vor Kälte unkontrolliert zitternd, eine wackelige Leiter hinunter ins Loch, wo uns eine Regieassistentin plazierte: über-, unter- und nebeneinander, mit verrenkten Armen und abgespreizten Beinen. Ich hatte auf meinem Bauch einen jungen Mann aus Marzahn, der furchtbar fluchte, auf meinem linken Bein einen Burschen aus Prenzlauer Berg, der immer kicherte, mein rechtes Bein lag über einem Kerl aus Mitte, der meinte, er könne so die Luft nicht anhalten. Mit meiner linken Hand sollte ich den Tanga einer der drei Frauen verdecken, mein rechter Arm war unter dem Po eines Mannes vergraben, der mich permanent angrinste. Dann hatte ich noch im rechten Ohr den großen Zeh eines Studenten aus Friedrichshain, und dieser Zeh zitterte, als hätte sein Besitzer einen epileptischen Anfall.

Wenn die Toten zittern

Der Regisseur kam und begutachtete das Silleben eingehend, machte hier und dort kleine Verbesserungsvorschläge und war dann endlich zufrieden. Die ganze Szene bestand aus acht Sekunden Film: Die Stuntfrau der Hauptdarstellerin ließ sich elegant in eine Ecke der Grube fallen, oben am Rand standen Wärter, die ihr dann Sand und Kalk (schlichtes Mehl) hinterherwarfen und uns mit einem Desinfektionsmittel (grünem Wasser) besprühten. Shaun stand am Rand der Grube und hob aufmunternd den Daumen - jetzt wussten wir endgültig, warum er uns zur Begrüßung so mitleidig gemustert hatte. .

Nachdem der erste Take gedreht worden war, erlebten wir Toten spontan eine Reinkarnation: Schniefend, prustend und hustend versuchten wir, das Mehl und den Sand aus den Augen, den Nasen und anderen Körperöffnungen zu bekommen.

Dann Take Two: Der junge Mann aus Prenzlauer Berg bekam einen Lachkrampf.

Take Three: Irgendeiner hustet immer.

Take Four: Nein, erst die Stuntfrau, dann Mehl und Sand.

Take Five: Okay, das müssen wir nehmen, weil es noch einmal nicht geht, weil die Toten zu sehr zittern.

Was waren wir stolz! Unser Running Gag auf der Rückfahrt: "Ey, du hast noch Sand im Ohr!" - "Was? Ich kann dich nicht hören, ich hab noch Sand im Ohr."

Lesen Sie im zweiten Teil: Wie Natalie Portman meinen Unterschenkel zu schätzen lernte

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