Konzertfotograf Panther mit Panik-Schnalle

Er hatte Ike & Tina Turner, Udo Lindenberg und Chuck Berry vor der Linse - und einmal einen Gitarrensplitter im Gesicht: Der Hamburger Fotograf Heinrich Klaffs war Anfang der siebziger Jahre Dauergast auf Rockkonzerten. Auf einestages zeigt er seine besten Bilder.

Heinrich Klaffs

Als Chuck Berry auf die Bühne kam, waren die Hells Angels völlig außer Rand und Band. Ich hatte mir für dieses Konzert extra einen Blitz gekauft, damit ich aus sicherer Entfernung fotografieren kann, obwohl ich den Rock'n'Roll-Pionier auch verehre. Aber im Gegensatz zu den meisten anderen Konzertbesuchern wusste ich, dass die Hells Angels kommen würden. Ein paar Monate vorher hatte ich auf dem Set von Klaus Lemkes Film "Rocker" fotografiert. Eigentlich ein Routinetermin für die Zeitung, der allerdings damit endete, dass ich im offenen Kofferraum vom Mercedes des Kameramanns über ein stillgelegtes Stück Autobahn fuhr und fotografierte, wie die Jungs auf ihren Motorrädern über die Straße donnerten. Da hatten die mir schon mit großen Augen erzählt, wie wahnsinnig sie sich auf das Konzert freuen.

Die Hells Angels waren 1973 noch auf dem Übergang von naiven Rockern und Motorradfans zu Schwerkriminellen. Sie nannten sich Bloody Devils und hatten sich gerade bei den internationalen Hells Angels beworben, den Titel überhaupt führen zu dürfen. Trotzdem waren sie auch damals schon ein angsteinflößender Haufen.

Irgendwann im Laufe des Konzerts standen die dann auf der Bühne. Der Musikpromoter Fritz Rau hatte richtig Angst um Chuck Berry. Er stürzte sich ins Getümmel, um die Rocker zu beschwichtigen. Auch die Ordner versuchten, die Jungs zu bewegen, von der Bühne zu gehen. Aber da war nichts zu machen. Die tanzten, johlten und rückten ihrem Idol immer mehr auf die Pelle. Irgendwann sah man die Band gar nicht mehr. Da guckte nur noch eine Gitarre aus der Menge. Das war Chuck Berry, der Angst hatte, dass seine Gibson Schaden nimmt. Es war wirklich bewundernswert, wie er die Situation gemeistert hat. Die haben ihn fast erdrückt vor lauter Liebe und Zärtlichkeit.

Die große Rock'n'Roll-Welle

Die erste Hälfte der siebziger Jahre war eine besondere Zeit für die Musikszene in Hamburg. Damals kam der Rock'n'Roll in die Hansestadt. Den Star-Club, wo in den sechziger Jahren die Beatles auftraten, kennt heute zwar jeder. Aber erst Anfang der Siebziger wurde diese Musik auch von der Masse angenommen und erfolgreich verkauft. Und plötzlich fanden überall Rockkonzerte statt: In der Musikhalle, einem Konzertsaal für klassische Musik, im Audimax der Universität und manchmal sogar im Hamburger Schauspielhaus.

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Siebziger Rockkonzerte: Nahaufnahmen vom Rock'n'Roll

Ich arbeitete zu der Zeit als Polizeifotograf für das "Hamburger Abendblatt". Wir hörten Tag und Nacht den Funk ab und fuhren zu Unfallstellen oder Tatorten. Am schlimmsten war das sogenannte Witwenschütteln - oft noch vor der Polizei fuhr man zu den Hinterbliebenen von Opfern und versuchte, ihnen Bilder und Zitate aus dem Kreuz zu leiern. Manchmal durfte ich auch Konzertberichte schreiben. Das war für mich der Ausgleichssport.

Während für mich als Polizeifotograf manche Situationen nur zu ertragen waren, wenn ich mich durch den Blick durch den Sucher meiner Kamera abschottete, war es bei Konzerten genau andersrum: Durch den Kameraausschnitt wurde ich regelrecht in das Geschehen hineingesogen. Ich habe mich wirklich hundertprozentig auf die Musiker konzentriert. Und wenn mir die Musik richtig gut gefiel, habe ich gar nicht mehr darauf geachtet, wie viele Filme ich verbrauche. Als ich 1973 das erste Mal Roxy Music gesehen habe, habe ich mehr als 200 Fotos geschossen.

Elton John ohne Brille und ein Andenken von The Who

Zwischen '70 und '74 wurde ich Zeuge, wie Fats Domino mit seinem Bauch ein Klavier über die Bühne schob, sah ich wie der Ire Rory Gallagher sich buchstäblich die Finger blutig spielte und dokumentierte den allerersten Auftritt der deutschen Kultband Faust. Es ist mir sogar gelungen, ein Foto von Elton John ohne Brille aufzunehmen, und ich habe festgehalten, wie Freddy Quinn singend über ein durch die Musikhalle gespanntes Hochseil geht. Ich war immer ganz nah dran. Einmal sogar zu nah. Das war beim Konzert des kanadischen Jazz-Pianisten Oscar Peterson. Damals war ich es noch gewohnt, dass man auf die Bühne durfte und den Musikern auf die Pelle rücken konnte. Bei ihm habe ich es dann zu weit getrieben - er hörte mitten im Stück auf und verwies mich der Bühne. Ich zog mit hochrotem Kopf ab und meine Frau, die im Publikum saß, versank vor Scham im Boden.

Wenn ich mir heute die Bilder ansehe, bin ich fast ein bisschen neidisch auf mich selbst. Ich merke, wie mit den Jahren die Neugier geringer geworden ist. Und ich frage mich, ob ich heute noch so fotografieren könnte wie damals. Deshalb habe ich vor zwei Jahren auch angefangen, die Bilder zu digitalisieren. Ich wollte die Fotos so aufbereiten, dass ich sie zur Verfügung habe. Zum Teil habe ich das bis an den Rand meiner Kräfte betrieben. Tagsüber war ich in der Redaktion, nachts habe ich mein Archiv gescannt. Aber als ich dann angefangen habe, die Bilder ins Internet zu stellen, habe ich gemerkt, wie viele Leute sich für die alten Konzertaufnahmen interessieren. Ich habe Rückmeldungen aus Japan, Frankreich, den USA und Neuseeland bekommen.

Es gibt aber noch ein anderes Andenken an die Zeit. Im August 1972 spielten The Who in Hamburg. Ich stand wie so oft in der ersten Reihe und fotografierte, während neben mir der Sohn meines damaligen Chefs stand. Am Ende des Konzerts zerschlug Pete Townshend seine Gitarre und ein Stück davon traf mich an der Nase. Ich blutete wie Sau, aber der Junge fragte nur ganz aufgeregt: "Hast du das Gitarrenstück?" Hatte ich nicht - aber ich habe bis heute eine Narbe an der Nase. Ich trage sie wie einen Orden.

Aufgezeichnet von Benjamin Maack



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