Kriegsgefangen Auf dem Rücken weiße Lettern

Seuchen, Hunger, Lagerkoller: Hunderttausende deutsche Kriegsgefangene sperrte die US-Armee zwischen April und September 1945 in den Rheinwiesenlagern ein - unter teils unmenschlichen Bedingungen. Als 18-Jähriger erlebte Hans-Joachim Möller den grausamen Alltag im Lager Bad Kreuznach.


Es regnete. Der Aprilwind heulte. Vor den Toren von Bad Kreuznach an der Nahe hatten die Amerikaner ein gigantisches Areal ausgeschaut, darauf nichts als Weinstöcke. Sie sammelten alle uniformierten Deutschen ein: Männer, Frauen, Halbwüchsige.

Weil sie Angst hatten. Angst vor dem Werwolf - von dem selbst die Deutschen nicht wussten, wer oder was damit gemeint war.

Angst hatten sie etwa vor Schießereien mit regulären Truppen, Angst vor einem Volkssturm und Angst vor den Jungs in HJ-Uniformen, denen man Panzerfäuste in die jugendlichen Hände gedrückt hatte. Die wussten nur, auf welchen Knopf sie drücken sollten, damit das Ding losging. Auf amerikanische Panzer sollten sie zielen, hatte man ihnen gesagt. Erst 15 oder 16 waren sie, manchmal auch jünger.

Wie Vieh auf der Ranch

Die Amerikaner sammelten alle ein: alte Herren, denen man den Karabiner 98K in die teilweise zittrigen Hände gedrückt hatte, Marinehelfer- und Marinehelferinnen, weil auch sie Uniformen trugen, Luftwaffenhelfer, weil sie hinter den Vierlingsflaks gestanden hatten, ja, sogar Polizisten und Förster, weil sie unbekannte Uniformen trugen. Doch um diese Zeit hatten eigentlich alle die Schnauze randvoll - sie wollten einfach nicht mehr sterben.

Auch die Amerikaner hatten den Krieg satt. Sie wollten die Gefahr bannen, indem sie alle irgendwie "wehrfähig" aussehenden Deutschen einfingen und in ein Lager steckten. Einer Ranch gleich, in denen viele Tausende zusammengetrieben wurden.

Ein weißes "PW" auf dem Rücken

Die Amerikaner sammelten alle ein, obwohl sie Probleme mit der Bewachung, der Unterbringung und der Versorgung bekamen. Sie waren vorbereitet aufs Kämpfen, auf die Bedienung ihrer Waffen, auf das Fahren ihrer Panzer und auf taktische Aufgaben. Mit der Organisation von enormen Kriegsgefangenenlagern kannten sich die Sieger jedoch nicht aus.

Zunächst transportierten sie uns per Lastwagen-Treck auf die große Freifläche. An die hundertvierzigtausend kamen zusammen, darunter Offiziere, Unteroffiziere, HJ-Jungs, "Helferinnen und Helfer". Manche bekamen Töpfe mit weißer Farbe und Pinsel in die Hand gedrückt. In langen Reihen aufgestellt, trieb man uns an den "Pinselmännern" vorbei, die uns mit großen Buchstaben ein "PW" für "Prisoner of War" auf die Rücken malten.

Erstickt in der Latrine

Langsam bekamen wir Hunger und Durst. Wir hatten kein Dach über dem Kopf, um uns vor dem eiskalten Regen zu schützen. Keine Decken, keine Medikamente, nichts. Die Amerikaner scheiterten daran, uns zu ernähren, ja, sie schafften es nicht einmal, uns am Leben zu erhalten. Mit der Zeit wurden sie nervös, reagierten nicht mehr normal. Sie zäunten das ganze Areal mit Stacheldraht ein, doppelt und dreifach, drei Meter hoch. Der wurde von Scheinwerfern angestrahlt, Tag und Nacht. An den Ecken saßen die Posten auf Wachtürmen an Maschinengewehren. Über der Latrine hing bald ein Pesthauch.

Und dann war da noch der Lagerkoller. Wohl aus Versehen oder aus reiner Gedankenlosigkeit fand jemand seinen Löffel, seine Büchse nicht gleich wieder. Er schrie: "Ein Dieb, ein Dieb! Ich bin bestohlen worden!" Endlich passierte etwas - und schon geiferten alle, dankbar für die Abwechslung. "Kameradendieb - fasst ihn", brüllten sie und jagten ihn. Ob es nun der Schuldige war oder nicht, egal. Wichtig war, einen zu haben, ihm ein Pappschild umzuhängen, ihn durchs Lager zu prügeln.

An der Hatz beteiligten sich alle. Schließlich stürzte man den Gejagten in die "Scheißgrube", in der er jämmerlich erstickte - nur hier und da versuchten die Amerikaner, solche Übergriffe zu vereiteln. Dann bestimmten sie einige von uns dazu, in die Grube hinabzusteigen und den Toten zu bergen. Auch ich gehörte mal dazu - noch Tage danach stank ich, und keiner wollte mit mir in der Schlange nach Wasser oder bei der Büchsenverteilung stehen. Der Erstickte kam ins Leichenzelt - zu den anderen, die jeden Tag abgefahren wurden. Wir haben nie erfahren, wohin die Toten kamen.

Prügeleien am Trinkwassertank

Verzweiflung, Schrecken, Neid, Böswilligkeit und Brutalität. Zum Schlimmsten aber gehörte es, Episoden wie diese miterleben zu müssen: Ein hoch dekorierter Feldwebel machte sich ein Feuerchen aus Pappresten, um seinen Kaffee-Becher darüber zu halten. Aus Versehen kam jemand an seinen Becher, der Kaffee verspritzte. "Pass doch auf", sagte der Mann am Feuer, doch schon grölte die Gruppe: "Halt bloß die Schnauze! Ihr habt uns lange genug herumkommandiert, Ihr Arschlöcher!" Und: "Jetzt hast du uns endlich nichts mehr zu sagen!" Sie rempelten ihn an, prügelten auf ihn ein, brüllten laut und ließen ihn liegen. Er blutete. Als er sich nicht mehr erhob sagte einer schließlich: "Der ist hin, der Scheißkerl." Viele haben sich ihre Rangabzeichen entfernt, um so etwas nicht zu erleben. Zahlreiche Orden nahmen sich die GIs mit nach Hause, als Andenken - im Tausch gegen Zigaretten.

Ältere starben zuerst, zu gering war ihre Widerstandskraft. Erkältungen waren die Todesursache, körperliche Schwäche durch unzureichende Nahrung - oder auch einfach Lethargie, Teilnahmslosigkeit, Verzweiflung. Viele von uns wurden wegen Kleinigkeiten zu Tode geprügelt. Schon beim Anstehen am Trinkwassertank ging es los. Es wurde gestoßen, gerempelt und gepöbelt wegen Nichtigkeiten, die aber in dieser Situation von ungeheuerer Bedeutung waren. Und die "Verpflegung"? Büchsen aus den amerikanischen Depots, Ration A. Wenn es nicht schnell genug ging, wurde zugeschlagen. Und es regnete weiter.

Den Ehering für eine Packung Chesterfield

Am Stacheldrahtzaun stand manchmal einer, der zufällig aus der Gegend war, und versuchte, etwas zu den Zivilisten hinüberzurufen. "Sag Bescheid, ich lebe noch!" zum Beispiel. Die Amerikaner vereitelten dies brutal. Schossen von den Wachtürmen, erst in die Luft, manchmal auch gezielt, ganze Salven, mit ihren MPs. Manchmal auch "only for fun" und um den Deutschen Angst einzujagen. Wenn die dann auseinander liefen, lachten sie - und freuten sich, wenn sie die "goddamned Krauts" rennen sehen konnten.

So mancher lockte einen amerikanischen Wachsoldaten auch an den Stacheldraht, um sich Zigaretten oder etwas Essbares einzutauschen. Gab seinen Ehering durch den Stacheldraht. für eine Schachtel Chesterfield. Immer wieder fielen Schüsse, keiner wusste warum. Die Amis waren nervös, brüllten herum. Die Panzer kehrten wieder und umkreisten das Areal. Falls wir wirklich mal eingeschlafen waren, wachten wir durch das Klirren der Sherman-Panzerketten auf. Wer dieses Geräusch einmal gehört hat, vergisst es nie wieder. So schlimm er auch war - wir konnten uns einfach nicht vorstellen, wie es sein mochte ohne Krieg. Ich war damals 18 Jahre alt.



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