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21. September 2018, 11:50 Uhr

DDR-Kultfilme "Olsenbande"

Mächtig gewaltig, Egon

Von Björn Menzel

Im Westen ein Flop, im Osten Kult - vor 50 Jahren lief erstmals die "Olsenbande" im Kino. Die dänischen Krimikomödien um das Gaunertrio Egon, Kjeld und Benny haben bis heute eine verblüffend treue Fangemeinde.

In der dritten Schublade von oben hinter der braunen Schranktür liegt ein Schatz. So nennt Paul Wenzel ein Buch mit einigen Hundert Seiten. Behutsam zieht er es heraus, blättert, streicht über den Deckel - dieser Schatz ist ein Originaldrehbuch zum Film "Die Olsenbande schlägt wieder zu".

Es war die neunte von insgesamt 14 Folgen der Krimikomödie aus Dänemark. Der erste Film lief vor 50 Jahren, genau am 11. Oktober 1968, in dänischen Kinos an, zwei Jahre später dann auch in Deutschland. In der Bundesrepublik floppten die Filme. In der DDR wurden sie legendär. Und bis heute wird das Gaunertrio verehrt.

Der inzwischen einzige deutsche Olsenbanden-Fanclub, gegründet im Jahr 2000, zählt mehr als 3000 Mitglieder. Das Vereinsherz schlägt in einem Leipziger Wohnviertel. Paul Wenzel, 32, und sein Mitstreiter Steffen Paatz, 47, haben eine Vierraumwohnung zum bewohnbaren Museum umfunktioniert.

Die Olsenbande, das sind drei tollpatschige Ganoven. In jedem Film planen die Kleinkriminellen ihren ganz großen Coup, gehen aber viel zu verrückt und tapsig vor:

14 Folgen produzierte Nordisk Film mit den drei windigen, aber liebenswerten Typen. 13 davon entstanden zwischen 1968 bis 1981, die letzten beiden mit zusammenhängender Handlung. Dann gab es eine lange Pause bis zum 14. Film, einer Art Comeback. Noch während der Dreharbeiten waren Schauspieler Poul Bundgaard und Regisseur Tom Heedegard gestorben. Dennoch kam 1998 "Der (wirklich) allerletzte Streich der Olsenbande" in die Kinos.

Teil der ostdeutschen Identität

Im Fernsehen werden die Folgen immer wieder ausgestrahlt, zuletzt ab Ende Juni im RBB. Auch Paul Wenzel kannte die Filme, weil abends seine Eltern in Radebeul Wiederholungen schauten. Er entflammte für die Olsenbande - und gründete, weil sich kein Fanclub auf seine Anfragen meldete, einfach selber einen.

Nach TV-Folgen melden sich stets noch am selben Abend mehrere Enthusiasten und wollen Mitglied im Fanclub werden, der schon viele Aktionen rund um die Olsenbande gestartet hat. Zum 50-Jahre-Jubiläum läuft am 22. und 23. September eine Feier im Zittauer Kronenkino, mit Konzert, Party, Podiumsdiskussion und natürlich einigen Filmen.

Besonders stolz sind die Leipziger auf die Rettung eines Stellwerkes, das einst Drehort war und in Kopenhagen auf dem Güterbahnhof stand. Die Bahn wollte den Turm abreißen. Da rückten Wenzel und sein Club an und hatten selber einen Plan. Sie sammelten Spenden, retteten das "gelbe Palais", suchten einen neuen Standort. Nun können Besucher eines kleinen Museums in Gedser im Süden Dänemarks das erhaltene Stellwerk besichtigen, die Szenerie aus "Die Olsenbande stellt die Weichen" ist dort nachgestellt.

Ein bisschen meschugge wirkt es schon, sich so mit Filmfiguren zu identifizieren. Und warum sind ausgerechnet Ostdeutsche die größten Olsenbande-Fans der Welt? Für Wenzel und Paatz ist die Antwort ganz einfach: Es liege, da sind sich beide einig, vor allem an der Synchronisation. Die Defa habe für die DDR-Kinofassungen wunderbare Arbeit geleistet - teilweise sogar besser als die Originale, sagte ihnen selbst Kjeld-Schauspieler Grunwald.

Aus "skidegodt" wurde "mächtig gewaltig"

Egons "genialen Plan" gibt es in den dänischen wie deutschen Filmen. Aber nicht in allen Details entspricht die Synchronisation dem Original. So geht es in einem Dialog um Nato-Geheiminformationen. In der DDR-Fassung ist stattdessen die Rede von Infos, "die so geheim sind, dass niemand weiß, ob man überhaupt wissen darf, dass man das gar nicht wissen darf" - was das Ostpublikum prompt als Anspielung auf die Stasi verstehen konnte.

Eine ostige Erfindung ist auch der berühmteste Olsenbanden-Ausruf: "Mächtig gewaltig" gibt es im Original nicht. Auf Dänisch ruft Gauner Benny "Skidegodt!" - was so viel heißt wie "Scheißgut" und den Übersetzern wohl zu unflätig war.

Der Riesenerfolg beim DDR-Publikum überraschte anfangs auch die dänischen Schauspieler. Als einziger des Trios lebt Benny-Darsteller Morten Grunwald noch und beschreibt die Filme als soziale Satire - der kleine Mann gegen die Reichen und Mächtigen. Zudem schien der Plan von Obergauner Egon stets mit simplen Mitteln zu erreichen, ein Plot wie aus dem DDR-Alltag geschnitten. Bei so viel Improvisation und Einfallsreichtum konnte sich mancher Trabbi-Bastler in den Ganoven wiederfinden. Und dabei kamen die Filme auch noch aus dem nichtsozialistischen Ausland, von der Ostseeküste gegenüber.

Wiederentdeckt: eine Mauer

"Es war auch der Traum von Freiheit", sagt Grunwald, 83. So sehnten sich Kjeld und vor allem seine Frau Yvonne in den Filmen nach Mallorca - und mussten lange darauf warten, bis der Olsenbande dann doch einmal die Flucht auf die Sonneninsel gelang. Für DDR-Bürger gab es kein Mittel gegen solches Fernweh.

In Dänemark, erklärt Grunwald das große Echo dort, zeige die Olsenbande trotz aller Satire die Liebe zum Land. In einer Jubiläumsausstellung mit Filmrequisiten ließ sich eine 67-Jährige kürzlich so mitreißen, dass sie Egons todsicheren Plan einfach einsteckte. Sie wurde beim Diebstahl gefilmt. Als die Frau das merkte, meldete sie sich selbst bei der Polizei.

Dänische Behörden beweisen bei der Olsenbande Humor. Die Straße, die auf den berühmten Knast etwas außerhalb von Kopenhagen zuführt, heißt inzwischen Egon-Olsens-Vej - jedenfalls zum Teil, denn das Gefängnis selbst wollte doch lieber seine alte Adresse ("Gefängnisweg") behalten. Nicht, dass der Name die Gefangenen zu sehr zu "genialen Plänen" inspiriert.

Die Olsenbande hat etliche Fans zu Dänemark-Fans werden lassen, aus dem Osten wie dem Westen Deutschlands. Viele treffen sich regelmäßig oder sind bei Reisen des Fanclubs dabei. An einem früheren Drehort haben Paul Wenzel und Steffen Paatz einen weiteren Schatz entdeckt und zeigen ihn in einem kleinen Zimmer der Museumswohnung: In Plastikbehältern bewahren sie Styroporklötze auf - künstliche Ziegelsteine, mit denen im dritten Film "Die Olsenbande fährt nach Jütland" eine Mauer nachgebildet wurde.

Jahrzehnte später haben die beiden Fans diese Requisiten per Spaten aus der Erde gebuddelt. Was die Filmemacher schlicht vergessen hatten, schmückt heute ihr Museum oder Ausstellungen wie derzeit etwa im Filmmuseum Potsdam. In den Worten der Olsenbande: "mächtig gewaltig".

Mit Material von dpa

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