Kultobjekt Bierdeckel Überflieger Untersetzer

Gibt's bald überall Feuchtgebiete? Der größte Bierdeckelhersteller der Welt steht vor der Pleite. Seit mehr als hundert Jahren halten die kleinen Papperl Tische trocken und bringen nebenher allerlei Botschaften unters Volk - mitunter ziemlich absurde. einestages zeigt die schönsten Deckel der Welt.

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Für die meisten Menschen sind Bierdeckel nur ein Stück Pappe unter dem Pilsglas - für manche sind sie die schönste Nebensache der Welt: Sie erkennen in den schnöden Pappuntersetzern kleine Kunstwerke, wertvolle Sammlerstücke, Baumaterial - oder gar Sportgeräte.

Der Rekord im Bierdeckelweitwurf etwa liegt bei stolzen 38,26 Metern. Der höchste Bierdeckelturm wurde 1988 im nordrein-westfälischen Bocholt errichtet - er war 9,70 Meter hoch und bestand aus 42.432 Bierpappen. Eine beachtliche Anzahl, über die der Rekordhalter im Bierdeckelsammeln vermutlich trotzdem nur müde lächeln kann: Leo Pisker aus Langenzersdorf in Österreich hat ein Archiv von über 150.000 unterschiedlichen Bierdeckeln aus aller Herren Länder.

leftfalsecustomDoch jetzt trifft selbst die buntbedruckten Papperl und ihre Liebhaber die Krise: Der nach eigenen Angaben weltgrößte Bierdeckelhersteller ist Pleite: Die Katz Group aus dem badischen Weisenbach, 1716 als Sägewerk gegründet und seit 1903 im Bierdeckel-Business, hat Insolvenz angemeldet. Der Marktanteil von Katz International Coasters lag in Europa zuletzt bei etwa zwei Drittel, in den USA gar bei 97 Prozent.

"Wer nicht küsst und wer nicht trinkt"

Was wird nun, fragen sich die vielen Fans der kleinen Pappscheiben. Seit Jahrzehnten gibt es eine eigene Bierdeckelszene, Kenner treffen sich regelmäßig auf Tauschbörsen in ganz Deutschland oder zeigen ihre Sammlung im Internet. Und wer in die Welt der Bierdeckel eintaucht, stößt tatsächlich auf wahre Schätze von aparten Designs und liebevoll gestalteter Reklame, aber auch von politischer Propaganda und zotigen Sprüchen: "Ein Mädel und ein Gläßchen Bier kurieren alle Not", heißt es da auf einem Bierdeckel mit einem streng dreinschauenden, bierglasbewehrten Mädchen: "Und wer nicht küsst und wer nicht trinkt - der ist so gut wie tot."

Premiere hatte der Pappbierdeckel 1880. Da stanzte die Kartonagenfabrik und Druckerei Friedrich Horn in Buckau bei Magdeburg erstmals Bieruntersetzer aus Pappe und bedruckte sie - bald waren die kleinen Scheiben unter aller Bierglas. Die Wirte liebten sie, denn sie schonten ihre Tische, mussten nicht gewaschen werden und kosteten sie nichts - weil Reklame drauf war, und die Werbetreibenden sie den Gastronomen nachwarfen.

Was den Wegwerfartikel als Sammelobjekt so faszinierend macht? Vielleicht eben seine Vergänglichkeit. Oder die nahezu unendliche Vielfalt der Varianten. Und vermutlich auch ihre Allgegenwart. In jeder Kneipe in Deutschland und beinahe überall auf der Welt landet das frisch gezapfte Pils, Export oder Kölsch auf einem Pappuntersetzer vor dem durstigen Gast.

Puzzleteile der Lokalgeschichte

Und der niedrige Produktionspreis ermöglicht selbst Kleinstbrauereien, Dorfkneipen und Frisör Bubert aus Lüdenscheid, den unentbehrlichen Untersetzer als Werbefläche zu nutzen - und damit Bierdeckelgeschichte zu schreiben. Die lauschige Gastwirtschaft mag vor Jahren einer Fastfood-Kette gewichen, Fehrbellin-Bier seit drei Jahrzehnten vom Markt verschwunden und das Jägerfest vom Jägerverein Neheim längst vorbei sein - irgendein begeisterter Bierdeckelsammler hat bestimmt einen Bierfilz aufbewahrt, der an diese kleinen Puzzleteile der Lokalgeschichte erinnert.

Doch der Bierabsatz schrumpft, und so ging auch der weltweite Bierdeckelbedarf in den letzten Jahren zurück - so stark, dass jetzt der Branchenprimus zahlungsunfähig ist. Dass die Bierdeckel künftig von Theken und Kneipentischen verschwinden werden und zu einem abgeschlossenen Sammelgebiet werden, darf trotzdem bezweifelt werden. Schließlich erfüllen sie genau den Job, für den sie einmal erfunden wurde: Sie halten auf unkomplizierte Weise den Tisch trocken. Und für manche leisten sie noch viel mehr als das.

bma/dpa

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
Peter Karl Scherl, 16.04.2009
1.
in den sechzigern gab es von dinkelacker den bizarren deckel: flowerpower-dinkelacker. ich habe irgendwo noch ein exemplar aus dem "boulanger" in tübingen. sobald ich ihn gefunden habe, stelle ich ihn ein.
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