Kultstätte Holmenkollen Abriss im Heiligtum

Es ist die Kultstätte des nordischen Skisports: Seit 1892 tragen Skispringer am Holmenkollen in Oslo ihre Wettkämpfe aus. An diesem Wochenende müssen sie vom Allerheiligsten Abschied nehmen.

AP

Das Thermometer zeigt 15 Grad unter Null, und Johnny Cash schaut zufrieden in die Runde. Bereits gestern hat er sich diesen Spitzenplatz am Streckenrand gesichert und mit seinen Kumpels vier olivgrüne Armeezelte aufgebaut. Feldbetten, Schlafsäcke, Heizöfen - die Nacht im Freien kann lustig werden. Johnny Cash trägt eine rote Baseballkappe über seinem breiten Gesicht. Zwanzig Stunden vor dem Start des Rennens legt er das erste Spanferkel auf den Grill.

Der Hüne mit der tiefen Stimme, der sich als Johnny Cash vorgestellt hat, heißt eigentlich Asbjørn Larshus und verdient sein Geld als Rettungssanitäter in Oslo. Mit 30 Kollegen macht er eine Art Betriebsausflug zum Holmenkollen. Am zweiten Wochenende im März tragen die besten Skispringer und Langläufer hier ihre Weltcup-Wettbewerbe aus. Es gehört zu den nationalen Traditionen Norwegens, in diesen Nächten neben der Loipe zu zelten. Johnny Cash hat sich gewissenhaft auf die nordische Kombination vorbereitet: Die Paletten mit Bier und Schnaps sollten bis zum 50-Kilometer-Rennen reichen. Dreimal werden die Läufer am Wendepunkt der Strecke vorbeikommen. Da steht der Grill von Johnny Cash.

Am anderen Wendepunkt, im Skistadion, steht Karin Berg. Sie trägt ein schwarzes Trachtenkleid, eine weiße Bluse und traditionellen nordischen Silberschmuck. Sie ist Ende 50, ihr straffes Gesicht strahlt so frisch wie ein Wintermorgen. Die Historikerin leitet seit 24 Jahren das Skimuseum am Holmenkollen. Hinter Glas liegen hier 1400 Jahre alte Bretter, mit denen Nordmänner im Winter auf die Jagd gingen.

Letzter Sprung

"Die Ski sind unser Geschenk an die Welt", sagt Karin Berg mit einem Enthusiasmus, den man bei einer norwegischen Historikerin nicht unbedingt erwarten würde. "Und der Holmenkollen ist die älteste Sprungschanze der Welt, die noch immer in Benützung ist."

Wer dieses Jahr am 9. März gewinnt, wird im Geschichtsbuch des Skisports einen besonderen Rang einnehmen: Er wird der letzte Sieger auf der großen Schanze sein. Ende März sollen an der Kultstätte die Abrissbagger anrücken. Die berühmteste Schanze der Welt wird geschleift, weil sie den Anforderungen des internationalen Skiverbands nicht mehr genügt.

Im Winter 2011 finden am Holmenkollen Weltmeisterschaften statt - bis dahin soll für 60 Millionen Euro eine neue Anlage gebaut werden. Sie wird ein Panorama-Restaurant auf dem Sprungturm bekommen, und die Anlaufspur soll mit einer aufwendigen Konstruktion gegen den Seitenwind geschützt werden.

Der Hügel des Dr. Holm

1892 fand der erste Wettkampf am Holmenkollen statt. Der Hügel (norwegisch: Kollen) war nach Dr. Holm benannt, der hier, in der gesunden Höhenluft oberhalb von Oslo, ein Sanatorium betrieb. Das Gebäude steht noch, holzgeschnitzte Drachenköpfe ragen über die Giebel, hinter den roten Balken des großen Blockhauses speisen heute die Gäste des Holmenkollen-Hotels. Nebenan ragt der Sprungturm als Wahrzeichen von Oslo steil in den Himmel.

Der erste Sieger am Holmenkollen sprang 21,5 Meter weit. Heute liegt der Schanzenrekord bei 136 Metern, und Karin Berg verweist mit Stolz auf ihre Landsfrau Anette Sagen: Sie flog auf diesem Bakken 128 Meter weit.

Helfer präparieren die Anlaufspur. Links bläht sich ein großes grünes Netz. Es soll den so genannten Nansen-Wind abhalten. Der heißt so, weil er aus der Richtung des Nansen-Denkmals weht. Fritjof Nansen hat 1888 auf Skiern Grönland durchquert und über diese Expedition ein Buch geschrieben. Es hat den Skilauf in Norwegen zum Volkssport gemacht.

Ein Volk auf Skiern

Was das bedeutet, sieht man am besten eine Woche vor den großen Wettkämpfen, beim Holmenkollen-Kindertag. Da weht bei minus zehn Grad ein eisiger Wind über den Hügel - trotzdem sind mehr als 7000 Kinder da. Alle mit Langlaufski, die Jüngsten sind noch keine drei Jahre alt. Für sie ist die Häschen-Loipe präpariert: 250 Meter lang, alle 15 Meter steht ein Plüschhase neben der Spur. Ein Mädchen mit rot gefrorenen Wangen bleibt träumend auf der Strecke stehen, eine jugendliche Helferin muntert sie auf, im Ziel gibt's als Preis für jeden einen kleinen Rucksack.

Ein Bronzedenkmal zeigt den beliebten König Olav (1903-1991) in Kniebundhosen bei seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Langlauf. Kinder turnen an Olafs Bronzeskistöcken, nebenan gibt es eine kleine Schanze. Ein Junge winkt seinem Vater zu, dann geht er in tiefer Hocke in die Anlaufspur und springt energisch vom 30 Zentimeter hohen Schanzentisch. In der Luft verheddern sich seine schmalen Langlaufski, auf dem Hintern rodelt er den Auslauf hinunter. Dann stapft er lachend wieder den Hügel hinauf und stellt sich zum nächsten Sprung an. Mütter mit Babys in Kinderwagen warten am Rand. Wenn sie nicht wären, müsste man tatsächlich glauben, die kleinen Norweger kämen mit Skiern auf die Welt.

2600 Kilometer Loipen

Es gibt keine andere Kultstätte in der Sportwelt, an der Breiten- und Leistungssport so eng verzahnt sind. Während des ganzen Winters trifft man in der U-Bahn Menschen aller Altersklassen mit Skiausrüstung. Ihre ansteckende Vorfreude auf den Schnee macht die Linie 1 zur fröhlichsten U-Bahn der Welt. In einer guten halben Stunde führt sie vom Hauptbahnhof zum Holmenkollen. Sie windet sich aus dem Tunnel den Berg hinauf, vorbei an romantischen Holzhäusern und Villen im norwegischen Beverly-Hills-Stil. Am Holmenkollen beginnt das Loipennetz. 2600 Kilometer sind durch die Wälder gespurt: schmale Pfade zwischen den Bäumen, ebene Strecken über zugefrorene Seen. Eltern ziehen Kleinkinder im Pulka-Schlitten hinter sich her, in malerischen Hütten gibt's heißen Johannisbeersaft. Einige Loipen sind bis 22 Uhr beleuchtet, nach Büroschluss trainieren ambitionierte Läufer auf schmalen Rennski.

Seit den Olympischen Winterspielen 1952 hält der Holmenkollen einen Weltrekord: 101.400 zahlende Zuschauer sahen das Springen. Der "Kollenbrøl" ist legendär, es ist der Schrei, mit dem die Menge jeden Springer anfeuert. Im Fernsehzeitalter sind die Tribünen nicht mehr ganz so voll, aber eine Welle norwegischer Fahnen wogt noch immer über den Hügel. Selbst die U-Bahnen sind am Holmenkollen-Sonntag mit der Nationalflagge geschmückt.

Bis zum Neubau des Skistadions ist auch der König dem Winterwetter ausgesetzt. In einem blauen Anorak verfolgt König Harald in seiner bescheidenen Loge die Wettkämpfe. Sie ist nach vorne offen, keine Glasscheibe schützt den Monarchen vor dem Schneetreiben. Die deutsche Läuferin Evi Sachenbacher schwärmt von der Strecke: "Das ist Langlauf wie früher: Die Strecke geht noch richtig durch den Wald, und überall stehen Zuschauer, die dich anfeuern."

Schanze zum Mit-nach-Hause-nehmen

Das 50-Kilometer-Rennen der Männer wird für alle richtig hart. Johnny Cash muss seinen Kumpel Attle verarzten. Der hat sich gewissenhaft über die flüssigen Vorräte hergemacht, ist gegen den Ofen im Zelt gestolpert und hat sich die Hand verbrannt. Die Dramen der Wettkämpfer, die sich ins Ziel quälen, kriegen die beiden nicht mehr mit.

"Ohne den Spitzensport würde der Kollen irgendwann ein Museum", sagt die Historikerin Karin Berg. Deshalb fiebert sie den Skiweltmeisterschaften in drei Jahren entgegen, auch wenn diese Opfer verlangen. Nächsten Winter muss das Springen am Holmenkollen wegen der Bauarbeiten ausfallen.

"Im ersten Moment war ich geschockt", sagt Karin Berg. Aber dann hat sie sich mit der Überlegung beruhigt, dass die Schanze ja schon 18 Mal abgerissen und vergrößert worden ist. Sie hat auch schon eine Idee, wie dem Abriss im Heiligtum der Schrecken des allzu Profanen zu nehmen ist: "Wir werden die Teile vom alten Bakken als Souvenirs verkaufen, wie die Stücke von der Berliner Mauer. Dann können die Leute eine Erinnerung nach Hause nehmen."



insgesamt 2 Beiträge
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Reiko Schmidt, 10.03.2008
1.
Ich war im Sommer 2007 am Holmenkollen. Meinen Bericht dazu gibt es zum Hören als Podcast unter www.nachtzugnachhamburg.de Folge 640. Direkt zu der angesprochenen Folge geht es hier: http://nachtzug-nach-hamburg.podspot.de/post/nnh640-oslo-2/
Franz-Josef Klein, 10.03.2008
2.
Der Holmenkollen wird für mich immer mit einem der schönsten Urlaube verbunden sein. 3 Wochen Norwegen mit seiner grandiosen Landschaft. Die erste Station in Norwegen, nach einer langen Fährfahrt, ist Oslo. Eine der ersten Aktivitäten ist eine Fahrt zum Holmenkollen. Meine Frau ist schon seit vielen Jahren begeisterte Anhängerin des Skispringens und für sie hat der Besuch des Holmenkollens eine ganz besondere Bedeutung. Mir sind zwei Dinge am Holmenkollen aufgefallen: Zum einen, dass er fast in der Stadt liegt, also in dem Fall Oslo. Zum anderen, daß ich in Ehrfurcht erstarrt bin, als ich am höchsten Punkt der Schanze stand und gesehen haben, wohin sich die Springer stürzen. Das der Holmenkollen jetzt umgebaut und die alte Schanze begerissen wird, kann am Myhtos dieser Sportstätte nicht kratzen.
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