Länderspiel-Geschichte Doppelt kickt besser

Vor 100 Jahren feierte die deutsche Nationalelf ihren ersten Länderspielsieg. Nach einer Klatsche gegen die Schweiz ließ der DFB sicherheitshalber gleich zwei Teams parallel antreten - eine siegte. Überhaupt waren es kuriose Zeiten - Nationalkicker wurden schon mal aus dem Publikum rekrutiert.

Von Hardy Grüne


Fast auf den Tag genau ein Jahr war seit dem "Schwarzen Tag von Basel" vergangen. Damals war die deutsche Fußballnationalmannschaft in ihrem ersten Länderspiel am 5. April 1908 in Basel mit der 3:5 Toren untergegangen. Und jetzt war der Tag der Revanche: Am 4. April 1909 bezwang die deutsche Elf die Eidgenossen in Karlsruhe mit 1:0 - es war der erste Länderspielsieg der deutschen Fußballgeschichte.

Überlieferungen von dem historischen Ereignis vor genau 100 Jahren sind rar. Die Tagespresse beschränkte sich seinerzeit auf ein paar Zweizeiler, und Augenzeugenberichte sind keine bekannt. Wie "aus einem Guss" habe die deutsche Auswahl gespielt, heißt es, und Mannschaftskapitän Sepp Glaser, später Professor für Philologie, sei zufrieden gewesen.

Bekannt ist: Die Freude über den ersten Triumph hielt sich in engen Grenzen. Denn der deutsche Fußball war in den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts in sich zerstritten, mit überaus kuriosen Folgen: So hatte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) am 4. April 1909 nicht nur eine Nationalmannschaft ins Rennen geschickt, sondern gleich zwei. Während "Team I" in Karlsruhe für den ersten Sieg der DFB-Geschichte sorgte, errang "Team II" ein 3:3 in Ungarn.

Proporz-Elf für Deutschland

Grund für die Doppelpack-Nationalelf waren Dissonanzen zwischen Süddeutschland und Berlin, wo man unterschiedliche Spielphilosophien pflegte und sich über die Frage, welche die erfolgversprechendere sei, zerstritten hatte. Zudem wurde die Nationalelf nicht etwa nach Leistung der Spieler auf dem Platz zusammengestellt, sondern nach Verbandsproporz: Jeder Regionalverband durfte eine bestimmte Anzahl Spieler stellen - und so ergab sich ein Team, in dem keineswegs die besten Fußballer des Landes standen.

Unter diesen Umständen war die Idee gereift, es einfach mit zwei separaten Nationalmannschaften zu versuchen. Statt nur elf konnten dadurch schließlich gleich 22 Akteure berufen werden- und zudem konnte man mit zwei Systemen spielen. Diese aus der Not geborene Doppelauswahl war es, die am 4. April 1909 Premiere hatte. Während in Karlsruhe eine ausschließlich aus Süddeutschen gebildete und damit verhältnismäßig eingespielte Mannschaft auf die Schweiz traf, reiste eine Auswahl aus Nord-, Mitteldeutschen und Berlinern nach Budapest, um ihre Kräfte mit den Ungarn zu messen.

Aus sportlicher Sicht wurde die Doppelveranstaltung zu einem vollen Erfolg. In Karlsruhe bejubelten über 7.000 Zuschauer auf dem KFV-Platz an der Telegrafenkaserne die (süd-)deutsche Auswahl um Mannschaftskapitän Sepp Glaser bei ihrem historischen Sieg. Stuttgarts Eugen Kipp, bis zum Ersten Weltkrieg DFB-Rekordnationalspieler, sorgte in der 38. Spielminute aus kurzer Distanz für den Siegtreffer.

Nationalkicker aus dem Stadionpublikum

Zeitgleich erzielte das vom Berliner Mittelfeldregisseur Paul Hunder angeführte Parallel-Team in Budapest ein beachtliches 3:3 gegen die starken Ungarn. Dreimal gelang es der zusammengewürfelten, nicht eingespielten deutschen Elf einen Rückstand aufzuholen. Insgesamt bestätigte der deutsche Fußball damit sein zwar hohes, aber auch gespaltenes Niveau. Während die Magyaren in der Presse für ihr "ausgeprägtes Flachpassspiel" gelobt wurden, imponierten die Sieger von Karlsruhe vor allem durch "konditionelle Stärke".

Bis es gelang, die unterschiedlichen Fähigkeiten zu kombinieren, vergingen noch viele Jahre, in denen die Nationalmannschaft ein ungeliebtes Stiefkind des deutschen Fußballs blieb. Weder wurden vorbereitende Trainingslager durchgeführt, noch gab es eine gemeinsame Anreise. Stattdessen wurden die Nationalspieler kurzerhand per Telegramm aufgefordert, auf eigene Faust zum entsprechenden Spiel zu erscheinen. Häufig trudelte die Mannschaft daher erst wenige Stunden vor dem Anpfiff am Spielort ein, und Gelegenheiten, sich kennenzulernen oder gemeinsame Trainingseinheiten zu absolvieren, gab es keine.

Die skurrile Verbandspolitik gipfelte Pfingsten 1910, als der DFB nur 24 Stunden nach dem Endspiel um die deutsche Meisterschaft ein Länderspiel gegen Belgien ansetzte - logisch, dass die Akteure der Meisterschaftsfinalisten Holstein Kiel und Karlsruher FV fehlten. Schlimmer noch: Weil eine Stunde vor dem Anstoß erst sieben Nationalspieler am Spielort Duisburg angekommen waren, musste man im Publikum nach Spielern lokaler Vereine suchen - woraufhin die bis dahin völlig unbekannten Duisburger Kicker Berghausen, Budzinski, Schilling und Breynk völlig unverhofft zu Länderspieleinsätzen kamen.

Erst im Vorfeld der Olympischen Spiele 1912 änderte der DFB seine Politik und setzte fortan auf das Leistungsprinzip. Dennoch fiel die Länderspielbilanz bis zum Ersten Weltkrieg mit nur sechs Siegen in 30 Begegnungen trist aus.

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