Landwirtschaft in der DDR Experiment mit Todesfolgen

Massentierhaltung, Milchersatz und gefährliche Nahrungszusätze: In den sechziger Jahren versuchten die LPG in der DDR ihre Produktionskraft stetig zu steigern. Unter anderem mit Futterzusätzen wie Harnstoff. Als Tierarzt erlebte Ernst Woll, wie eines der Experimente tragisch endete.

Ernst Dr. Woll

Die Gründungsjahre der LPG waren sehr bewegt. Die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften der DDR waren in den sechziger Jahren wirtschaftlich unterschiedlich gut aufgestellt. Insbesondere neu gegründete Genossenschaften hatten mit Startschwierigkeiten zu kämpfen. Schwache Betriebe erhielten großzügige staatliche Unterstützung, so dass keine LPG Bankrott anmelden musste. Für die Tiere bedeutete die LPG-Reform jedoch ein gewisses Risiko. Tiere, die zuvor in kleineren und mittleren Bauernhöfen traditionell gehalten und individuell betreut worden waren, bekamen die einschneidenden Veränderungen besonders deutlich zu spüren, sie vertrugen die Bedingungen in den Mastbetrieben meist nicht sehr gut. Ihre in der neuen Umgebung geborenen und aufgewachsenen Nachkommen dagegen wurden damit merklich besser fertig.

Experimentierfreudig erprobte man neue Haltungsbedingungen und Fütterungsmethoden. Ein großes Thema der damaligen Zeit waren sogenannte Ersatzstoffe, die den permanenten Futtermangel mindern sollten. Vor allem die älteren Bauern betrachteten den Einsatz von Milchersatzstoffen mit Skepsis. Aber das natürliche Säugen war in der genossenschaftlichen Haltung nicht mehr vorgesehen. Unter den Kälbern herrschte damals eine relativ hohe Sterblichkeitsrate. Wahrscheinlich hatten die neuen Haltungsmethoden ihren Anteil daran.

Was erfahrene Bauern dagegen lobten, war vor allem die verbesserte Tier- und Milchhygiene und die gesundheitliche Betreuung der Tiere in den neuen Ställen. Dass diese Verbesserungen vor allen Dingen höhere Milchleistungen erzielen sollten, war dabei selbstverständlich. Ein gestandener Landwirt sagte damals sehr treffend: "Wir machen unsere landwirtschaftlichen Nutztiere in der Neuzeit immer mehr zu Produktionsmaschinen. Hoffentlich gelingt es uns, sie weiterhin als Lebewesen zu betrachten."

Grausiger Anblick

Damals wollte man in einer LPG-Haltung den wissenschaftlichen Fortschritt nicht verpassen und fügte Anfang der sechziger Jahre dem Futter der Kühe Harnstoff bei. Man hatte gehört, dass es sich um ein Wundermittel handele. Man glaubte, das Verdauungssystem der Wiederkäuer würde aus dem Harnstoff eine wertvolle Eiweißquelle machen und so die Milchleistung steigern. Der Tierpfleger hatte zur Abendfütterung eine größere Menge Harnstoff auf die zerkleinerten Rüben in die Krippe der Kühe geschüttet und freute sich, dass die Tiere gut fraßen. Von Paracelsus hatte er wahrscheinlich noch nichts gehört. Sonst hätte er gewusst: "All Ding' sind Gift und nichts ohn' Gift; allein die Dosis macht, das ein Ding kein Gift ist."

Am nächsten Morgen bot sich ein schauriges Bild: Von 20 Tieren lagen acht tot im Stall. Die übrigen rangen mit dem Leben. Als schnell herbeigerufener Tierarzt konnte ich zumindest die zwölf geschädigten Tiere retten, für die acht anderen war es längst zu spät. Welche Todesqualen die Tiere ausgestanden hatten, war von niemandem beobachtet worden. Es muss grausam gewesen sein.

Nach dem Vorfall gab es Vorwürfe über Vorwürfe. Sogar die Kriminalpolizei ermittelte. Zu beklagen war aber nicht nur der wirtschaftliche Schaden, sondern auch die Qual und das Leid der Tiere. Aus dem Vorfall wurden Schlussfolgerungen gezogen: Künftig sollte es strenge Einsatzregeln für Harnstoff als Eiweißergänzung in Futtermitteln für Wiederkäuer geben. Für die acht Tiere war es leider zu spät.



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