Langhans-Biografie Höschen-Träume in der Haftanstalt

Sex, Selbstfindung, Revolution: Die Kommune I ging als 68er-Mythos in die Geschichte ein. In seiner entwaffnend ehrlichen Autobiografie erzählt Rainer Langhans, wie verklemmt es dort wirklich zuging. Ein Auszug - mit überraschenden Einsichten und Enthüllungen.

Blumenbar Verlag

Ich habe mich sehr früh mit der Frage beschäftigt, wer ich bin und was ich hier soll. Was das Ganze überhaupt soll. Schon als Kind ging es mir so, dass alle anderen seltsam unbeschwert auf mich wirkten. Wie hinter einer Milchglasscheibe schaute ich ihnen zu, wie sie redeten, lebten, ihr Ding machten. Ich gehörte nicht dazu. Mein Normalzustand war, dass ich mich fremd fühlte und nicht wusste, wie das Leben funktioniert. Weder im Großen noch im Kleinen. Selbst Danke oder Guten Tag sagen fiel mir schwer. Ich spürte den richtigen Moment nicht.

Ich habe mich gefragt: Warum bin ich das Kind meiner Eltern? Warum bin ich nicht wie meine Geschwister oder meine Kameraden, die so unbefangen miteinander umgehen? Ich wusste nicht, was mit mir los ist. Das ging soweit, dass ich das Gefühl hatte, aus dem Körper herauszufallen. Ich habe damals nicht viel herausgefunden mit dem ewigen Reflektieren, diesem Bohren in mir selbst. Da waren keine Ergebnisse, Erkenntnisse oder Sinnzuwächse, die ich hätte verzeichnen können.

Und dann gab es einen ersten Schimmer von Begreifen - in der Studentenrevolte. Plötzlich waren alle um mich herum von dem Gefühl überwältigt, dass ein ganz anderes Leben möglich wäre. Für mich jedenfalls war es entscheidend, man kann fast sagen lebensrettend, als ich das erste Mal sah: Ich bin gesund, und krank ist die alte Ordnung, die mich bisher so bedrängt hat mit ihrer vermeintlichen Richtigkeit.

Weil ich so dringend Veränderungen brauchte und diese Zeit so intensiv erlebte und damit auch verkörperte, bin ich zu dieser etwas merkwürdigen und bekannten Figur geworden, die für viele Leute wichtig war. Zu Beginn war ich nicht politisch oder links, und ich wollte nicht die Welt verändern. Es war nichts davon.

Ich habe mich einfach reingestürzt. Mehr als viele andere.

Meine Exkommunarden sagen heute noch: Du spinnst. Die Geschichten mit deinen Frauen, das ist doch alles Quatsch. Du hast eine Macke gehabt. Und das Guruding sowieso.

Wir alle konnten nur einen kleinen Sprung in ein neues Leben machen und uns eine Weile darin aufhalten, was schon ungeheuer viel ist. Von heute auf morgen alles verändern - subito! -, das konnten wir nicht.

Als die Bewegung zusammenbrach, hatte ich das gleiche Problem wie viele andere - nämlich, zu überleben. Ich wollte keineswegs mehr in meinen alten Körper und in die alte trostlose Welt zurück, wo jeder einem nur sagt: Was willst du hier eigentlich? Du gehörst nicht zu uns, du gehörst nirgendwohin.

Viele aus der Bewegung sind verschwunden. Sind erschossen worden oder haben sich umgebracht. Kamen von Trips nicht mehr zurück. Sind in bürgerliche Existenzen eingetaucht und haben so getan, als ob nicht viel gewesen wäre. Andere haben versucht, auf kleinen Inseln weiterzumachen. Zu diesen gehörte auch ich - bis ich irgendwann dachte: Das ist das Ende. Ich wusste nicht mehr weiter.

In diesem Augenblick kam die entscheidende Wende. Ich bin eine Zeit lang aus dem Leben verschwunden und habe meine gesellschaftliche Existenz und sämtliche Gewohnheiten noch einmal sehr viel massiver in Frage gestellt als in der Zeit der Kommune.

Seit meiner spirituellen Klausur, die länger als zehn Jahre dauerte, bewege ich mich wieder mehr nach außen. Es ist bis heute so, dass ich meine inneren Erfahrungen nicht privatistisch verstecken - ein Erbe meiner 68er-Erfahrungen -, sondern mit dem Außen verbinden möchte.

Das heißt nicht, dass ich viel erreicht hätte. Im Gegenteil. Ich halte mich nach wie vor für einen Stümper. Für einen ziemlich unerfahrenen Menschen. Und habe auch zu meinem Entsetzen festgestellt, dass ich gar nicht dieser großartige geistige Mensch bin, für den ich mich hielt. Sondern eigentlich ein ziemlich stumpfsinniger Mensch - gemessen an den neuen Möglichkeiten, die ich jetzt sah. Das mag ja in der Studentenbewegung noch ganz toll gewesen sein, da gehörte ich mit zu den Größten, aber danach, an neuen Maßstäben gemessen, überhaupt nicht mehr.

Es gibt einen Dämon, der mich treibt, die berühmte Frage zu beantworten: Warum bin ich hier? Er verlangt eine Antwort von mir, aber nicht die Antwort des Wissens. Er will, dass ich richtig lebe, und er lässt mich nie entspannt sein, so dass ich sagen könnte: Okay, ich habe einiges erreicht und bin irgendwo angekommen, jetzt bin ich hier, und es ist alles ganz gut so wie es ist - sondern er treibt und treibt mich weiter und lässt mir keine Ruhe. Ich habe dazulernen können, so dass ich nicht nur von ihm in fürchterlichen Stößen getrieben und geschleift werden muss, sondern dass ich einigermaßen, wenn auch stolpernd, mit ihm Schritt halten kann: ich muss tun, was ich tue, ich bin bereit, mich zu verändern, mache die Dinge vielleicht nicht mehr so sehr verkehrt, dass er mir wieder einen Tritt geben muss: wieder falsch, komm jetzt, los, los, los ...

Darauf beruht mein zunehmendes Glück.

Das Schlimmste war, dass ich lange Zeit keinen Glauben, keine Hoffnung, keine Zuversicht besaß, dass das besser werden könnte, mein Leben.

"Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment": Bis heute gilt diese Parole als das Motto der sexuellen Befreiung der 68er-Generation. Keine Privatsphäre, keine Tabus, jeder mit jedem - die Realität sah allerdings etwas anders aus. Wie problembeladen der Umgang mit Sex und dem jeweils anderen Geschlecht tatsächlich war, das belegen Rainer Langhans' Briefe an seine damalige Freundin Uschi Obermaier aus der JVA Moabit. Dort war der Kommunarde zusammen mit Dieter Kunzelmann wegen des Verdachts auf Bildung einer kriminellen Vereinigung 1969 inhaftiert. SPIEGEL ONLINE hat Stellen gefunden, die Sie überraschen werden:

Wiedersehen nach langer Zeit - vorsichtiges Beschnuppern

Zelle 187, den 20.3., Donnerstag Liebstes, eben habe ich den Brief, den du dann hoffentlich am Samstag bekommen wirst eingesteckt. Und mir ist da noch etwas eingefallen, woran ich gern denke, wenn ich hier liege: an die ersten Tage, die wir hier in Berlin zusammen waren, erinnerst Du Dich noch? Wie Ihr kamt, war ich in der kleinen Wohnung vorn und erkannte sofort das Motorengeräusch des Busses und ich hatte ja so lange schon auf Euch gewartet, denn es ging mir unbeschreiblich schlecht in der Zeit davor und ich wußte, daß es sich mit Euch ändern würde. Und ich lehnte mich aus dem Fenster und sah auch Dich und hörte sofort zu telefonieren auf, um Euch hinterherzugehen. Und ich erwischte Dich noch unten an der Treppe zu den beiden oberen Stockwerken und ich faßte Dich gleich zaghaft um die Schultern, weil ich nicht wußte, wie Du zu mir stehst nach dieser langen Zeit. Und Du warst nett und das hat mich sehr gefreut. Wir gingen dann hoch und beschnupperten uns vorsichtig und zuversichtlich. Ich habe dann viel mit Dir gesprochen und Du hast erzählt, was Ihr so gemacht hattet und sagtest natürlich noch wenig über Dich und mich.

Im Bett mit Uschi Obermaier

Wir haben uns dann zueinander gelegt und behielten natürlich Dein Höschen an - und nun mußt Du ein bißchen ergänzen, weil ich typischerweise nicht mehr ganz genau weiß, wie das war. Ich weiß nur, daß ich erstaunt war, daß Du gar nicht richtig küssen konntest, Daß Du es sehr eilig hattest, aber ich ließ das alles erst mal geschehen. Ich fragte Dich dann, ob Du nicht Dein Höschen ausziehen könntest, weil ich Dich nicht immer so unterbrochen durch dies Wäschestück streicheln wollte. Ich weiß das noch ziemlich genau. Ich fuhr über Deine glatten und schöngeformten Hüften und konnte sie gar nicht richtig erfühlen, weil immer diese Unterbrechung da war. Ich sagte Dir das dann und Du zögertest.

Es stellte sich heraus, daß die anderen, angeblich, weil sie zu müde waren, doch in die Pension wollten und die Frage entstand, ob Du dableibst, gleich am ersten Abend ins Bett eines fremden Mannes. Das war für Dich noch sehr problematisch, weil Du dachtest, eine gute und geschickte Kleinfrau müsse viel taktischer vorgehen, sie dürfe nicht gleich erkennen lassen, daß sie eigentlich auch will, weil dann der Mann denkt, daß sie leicht zu haben sei und sich nichts aus ihr macht.

Alle mit allen? Von wegen!

Du warst ziemlich befangen wegen der anderen, die da alles sehen konnten und warst natürlich immer unter der Decke und ich konnte erst noch gar nicht viel sehen. Du hattest Deine violette Hose, die Jeans, Deinen weißen Pulli und die grüne Militärjacke an und Du legtest dich zuerst mit dem weißen Pulli ins Bett, natürlich.

Eifersucht I - der Konkurrent Jimi Hendrix

Liebstes, es ist so schön, daß diese lange Zeit uns nicht auseinanderbringt, sondern sogar das vertieft, wie lieb wir uns haben. Denn die Dinge, die wir jetzt von uns wissen, die lassen sich nicht mehr vergessen - das hast Du mir ja auch geschrieben in diesem wunderbaren Brief. Liebes, Liebes, Du Allerliebste, daß ich Dich hab!! Nur eins, das muß ich gleich schreiben, hat mich an Deinem Brief erschreckt und das verstehe ich auch nicht - vielleicht habe ich es nicht richtig verstanden: Natürlich das mit H., denn jetzt hast Du ja zwei Leute, die nicht da sind, und mit denen Du schlafen möchtest und bei ihm ist es doch leichter, wahrscheinlich. Ja, und dann schreibst Du, und das macht mich traurig und es scheint mir so, daß es alles Andere irgendwie in Frage stellt. "Er hat lieb und gut geschrieben. Ich würde aber vielleicht zu ihm hinfliegen, wenn es nicht anders gehen würde, aber ich würde mich sehr bemühen, daß er hierbleibt." Liebste, es wäre sehr schlimm für mich, wenn Du eine Weile weg wärst, denn ich kann Dir nicht schreiben und Du antwortest mir nicht. Ich weiß nicht, wie ich das aushalten soll.

Eifersucht II - Vorwürfe, Vorwürfe, Vorwürfe

Daß Du das kannst, das ist mir rätselhaft und ich glaube, daß ich das nicht aushalten werde und ich möchte da wirklich mal ehrlich von Dir wissen, wie es da steht mit Dir, denn Versteckspielen ist da sinnlos - lieber möchte ich es gleich wissen, weil ich es dann für mich klarmachen kann, daß Du eben noch immer auf den Märchenprinzen wartest und daß ich halt Zwischenstation bleiben werde, Und das kann ich nicht, weil Du mir mehr bist, viel mehr - ich habe keine Märchenprinzessin oder eine Existenz, die ich tauschen möchte und da gehörst Du so dazu, daß ich mich ganz neu finden müsste, wenn Du nicht mehr da wärst.

Wer hält wen aus?

Da fällt mir ein, daß ich Geld brauche aufs Konto, kannst Du das machen oder Jemanden darum bitten...

Höschen und Parfum statt Revolution und Politik

ICH BIN SO UNGLÜCKLICH! Es ist so schade, daß ich Deinen Brief nicht lesen und genießen kann, aber das ist mir halt richtig verhagelt worden. Ich wußte das selbst nicht als ich ihn das erste Mal las und nur froh war, daß soviel Schönes drin steht und habe erst dann abends, als ich mich dazu hinlegte, diesen Pferdefuß entdeckt, richtig begriffen. Die Bilder und das Parfüm, das man gut riecht und die anderen Sachen, das Höschen und den Handschmuck, alles, was ich so lieb habe an Dir, das sehe ich gar nicht richtig jetzt - ich weiß nur, daß ich es hatte und wieder haben möchte.

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 19.02.2008

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