Dschungelstadt Las Pozas Edward im Wunderland

Ohne ihn würde man heute weder Salvador Dalí noch René Magritte kennen - Edward James entdeckte die Superstars des Surrealismus. In Mexiko hinterließ der britische Exzentriker eine unmögliche Stadt.

Frank Steinhofer

Aus Xilitla berichtet


Endlos schlängelt sich die Straße aus Richtung Mexiko-Stadt in das Hochplateau des Bundesstaats San Luis Potosi bis zum Bergdorf Xilitla. Die mühsame Anreise wird belohnt - mit dem Anblick eines der skurrilsten Bauprojekte der Welt: "Willkommen im Atlantis Mexikos", witzelt Carlos. Der Guide lehnt an einer Betonsäule, die sich wie eine Spindel in den Himmel dreht. Ein rundes Steintor ist das Schlüsselloch zu einer anderen Welt: Sie besteht aus bizarren Stelen, steinernen Blütenkelchen und Schlangenskulpturen aus Beton. Was ist das für ein sonderbarer Ort?

Die kleine Stadt im Dschungel heißt Las Pozas. Mit ihr hatte der britische Millionär Edward James in den Sechzigerjahren Gott gespielt und sich seine eigene Welt erschaffen. Der Kunstsammler galt als Sonderling, die Einwohner Xlitlas nannten ihn nur den ausgeflippten Ausländer, "Gringo loco". Sein Freund Salvador Dalí sagte über ihn, er sei der einzig wirklich Verrückte im Kreis der Möchtegern-Surrealisten.

"Meistens ist Edward James mit Morgenmantel und Papagei auf den Schultern durch den Dschungel spaziert", erzählt Carlos und deutet auf ein Gehege, in dem der Brite seinen Privatzoo unterhielt. "Hier lebten seine Flamingos" - "Flamingos?" - "Ja, Flamingos." Er geht den Trampelpfad entlang, streift Äste aus seiner Sicht. "Das ist das Haus von Edward James." Carlos macht eine kurze Pause. "Es hat zwei Türen, damit die Boas nicht entwischen."

Großer Reichtum, große Einsamkeit

Das gewöhnliche Leben war nichts für den Exzentriker James. Der einzige Sohn eines US-amerikanischen Eisenbahn-Tycoons war in der britischen Aristokratie aufgewachsen. Seine Mutter, eine bekannte Gesellschaftsdame, zog die Teilnahme an Empfängen der Erziehung ihrer fünf Kinder vor. Auf die Frage der Hausdame, welches Kind sie mit zum Spaziergang nehmen wolle, soll sie einmal geantwortet haben: "Welches am besten zu meinem blauen Kleid passt."

Mit 21 erbte Edward James ein Millionenvermögen. Er fing an, Literatur in Oxford zu studieren, verfasste Gedichte und liebäugelte mit einem Künstlerleben. Gleichgesinnte fand er unter den jungen Surrealisten. Er förderte den damals noch unbekannten Dalí, den er 1935 kennengelernt hatte. Der Deal: James kaufte dem Künstler seine Werke für die nächsten Jahre ab und ließ ihn sein Haus in Monkton in eine surreale Stätte umwandeln. Ab 1937 unterstützte James auch René Magritte, dem er für zwei seiner berühmten Werke sogar Modell stand.

Doch eine Heirat brachte James mit 24 an den Rand der Verzweiflung. Die Tänzerin Tilly Losch schielte auf sein Vermögen. Die Ehe endete in einer Schlammschlacht. Tilly Losch bezichtigte ihn der Homosexualität. James kolportierte zahlreiche Affären seiner Ex-Frau. Doch ein britischer Gentleman tut so etwas nicht - Edward James Eltern und viele seiner Freunde wandten sich von ihm ab.

Sinnsuche in Mexiko

Verbittert folgte James seinem Schützling Dalí zur Weltausstellung 1939 nach New York und ließ sich später in Los Angeles nieder. Doch sein Scheckbuch übte wohl auf den dortigen Jetset mehr Faszination aus als seine Person. James packte die Sehnsucht nach Abgeschiedenheit. "Ich wollte einen Platz finden, wo ich in Ruhe weitere Bücher schreiben konnte", erklärte er dem Fotografen Avery Danziger für dessen Dokumentation "Builder of Dreams".

Der Schriftsteller Erich Fromm empfahl ihm den Besuch von Cuernavaca in Mexiko, der "Stadt des ewigen Frühlings". Dort lernte James 1944 Plutarco Gastelum kennen, der ein Telegrafenbüro führte. Er bot ihm das Doppelte seines Gehalts an, wenn er mit ihm seinen "Garten Eden" aufspürte. James suchte einen passenden Ort, um Orchideen zu züchten. "Mexiko ist dafür einfach romantischer als Kalifornien", erklärte der Kunstsammler.

Mit Schlafsäcken streiften sie durch das Land - und James badete eines Tages in einem Wasserfall. Der Schatten einer Wolke aus Monarchfaltern fiel auf ihn. Der Schmetterlingsschwarm setzte sich auf ihr Lager. James deutete dies als Zeichen: Hier bei den Wassertümpeln - spanisch: Las Pozas - sollte er sich niederlassen.

Er erwarb das Grundstück und begann Orchideen zu züchten. Doch ein Kälteeinbruch vernichtete 1962 all seine Pflanzen. Nie wieder sollte ihm die Natur einen Streich spielen! Dann eben ein Garten aus Beton. "Ich wusste nichts über die Konstruktion von Bauwerken. Deshalb habe ich einfach die doppelte Menge an Stahl verwendet", gestand James.

Hobby-Architekt trifft auf mexikanische Häuslebauer

Edward James heuerte Hunderte von Steinmetzen, Maurern und Schreinern aus der Umgebung an. Über ein Vierteljahrhundert setzte der mexikanische Bautrupp erfinderisch die Ideen von Edward James um. "Sie waren einfach ein gutes Team! Auf einer Reise nach Indien schickte James dem Tischler eine Postkarte eines Palastes - mit einer eingekringelten Säule. Das reichte schon als Bauanweisung", erklärt der Architekt Mathew Holmes. Er kümmert sich heute im Auftrag der Stiftung Pedro y Elena Hernández um den Erhalt von Las Pozas.

Wir laufen durch ein Labyrinth von Pfaden. 36 Bauten verstecken sich im Dschungel. Doch keines der Gebäude in der Urwaldstadt macht wirklich Sinn. "Am meisten wurde hier ein Rohstoff verarbeitet: die Fantasie", erklärt Mathew Holmes. Genau das verleiht dem Ort den surrealistischen Touch. Es gibt Türen, die nicht geöffnet werden können, Treppen, die ins Nichts führen, eine Bibliothek ohne Bücher, Säulen, die der Schwerkraft trotzen, das "Haus mit drei Stockwerken", das in Wahrheit fünf hat und ein Filmtheater, das dem Director's Cut eines lebhaften Kopfkinos entsprungen zu sein scheint. Las Pozas wirkt wie eine Insel des Irrationalen in einer von Regeln gezügelten Welt.

"Edward James war wohl einer der größten Geschichtenerzähler aller Zeiten", erinnert sich der Fotograf Avery Danziger. "Und eigentlich sammelte er nicht Kunst, er sammelte Künstler." Auch für die Kuratorin Ghislaine Wood ist Edward James Beitrag für die Kunstwelt nicht hoch genug einzuschätzen. Er habe nicht nur Dalí gefördert, sondern ein Klima geschaffen, in dem die Avantgarde dieser Zeit aufgehen konnte.

In Mexiko hat James die Vorraussetzungen für seine Visionen gefunden. Und vielleicht ist es gerade das mexikanische Improvisationstalent, das auch andere Surrealisten inspiriert hat: Auf seiner Reise durch Mexiko entwarf André Breton, der Verfasser des surrealistischen Manifests, einen Stuhl, fertigte eine perspektivische Skizze an und ging zu einem Schreiner. Ein paar Tage später wollte er ihn abholen - und siehe da: Der Schreiner hatte ihm einfach einen perspektivischen Stuhl gebaut. Wenn das nicht wahrer Surrealismus ist.



insgesamt 4 Beiträge
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Stephan Haag, 02.06.2016
1.
Naja, Beton für den Urwald.
Bruno Toussaint, 02.06.2016
2. Vergessene Orte, fast vergessene Zeiten
Wenn man die Zeit heute noch einmal um fünfzig Jahre weiterdrehen würde, und auf die Sonderlinge der heutigen Zeit schaut oder auf verwunschene Orte der Jetztzeit, wird man kaum vergleichbares finden. In der Musik ist ohne Zweifel die Neverland Ranch von Michael Jackson in ähnlichem Rang, eben Popkultur, zugleich abgründig und verspielt. In der Kunst gibt es aber nichts vergleichbares, was mit einem solchen fast authistischen Mut zum Fantastischen aufgebaut wurde. Historisch ist dies typisch für den Menschenschlag der Sechziger und Siebziger Jahre, der Traum zum Licht, der Hang zum gelebten Wahn als ästhetisches Surrogat. Es gibt dennoch etwas vergleichbares an einem Kunstprojekt, was den Geist dieser Zeit atmet, aber nicht so ganz abgedreht. Sehen sie selbst, dies ist das Kunstprojekt des ehemaligen Stuttgarter Galeristenehepaar Hewlga und Hans-Jürgen Müller http://www.mariposa-projekt.de
Michael Schmitt, 03.06.2016
3. War vor acht Woche dort
Faszinierend!
Mike Schenkenberg, 04.06.2016
4. Erich Fromm
Ein interessanter Beitrag. Aber Erich Fromm als Schriftsteller zu kategorisieren, wird diesem nicht gerecht und ist ein bisschen peinlich. MfG
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