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08. Februar 2013, 12:56 Uhr

Weltkriegsfoto-Ikone

Das Rätsel des unbekannten Soldaten

Von Björn Menzel

Das Foto eines erschossenen US-Soldaten ging um die Welt, doch seine Identität blieb ein Mysterium. 1945 nahm der Fotograf Robert Capa in Leipzig eines seiner berühmtesten Bilder auf. Erst Jahrzehnte später sollte das Geheimnis um den Toten aufgedeckt werden - ausgelöst durch eine Abrissgenehmigung.

Die Kapitulation der Deutschen Wehrmacht lag gerade einmal sechs Tage zurück, als das amerikanische "Life"-Magazin eine erschütternde Fotoserie veröffentlichte: Die Bilder zeigen eine geöffnete Balkontür in einem Leipziger Wohnzimmer. Draußen sind kaum Blätter an den Bäumen, der Frühling des Jahres 1945 hat gerade erst eingesetzt. Im Türrahmen liegt, sonderbar friedlich, ein junger Soldat in der Uniform der US-Truppen. Über den alten Parkettboden breitet sich langsam, von Bild zu Bild weiter, eine dunkle Flüssigkeit aus: sein Blut. Ein Kamerad robbt zu ihm heran, ein Soldat geht auf den Balkon hinaus und versucht zu erspähen, woher die tödliche Kugel kam.

"Last Man to Die", der letzte Tote, stand unter dem Bild des allein daliegenden, sterbenden Soldaten. Ein bündiger Titel, mit dem das "Life"-Magazin die Sehnsucht nach einem Ende des Krieges auf den Punkt brachte - auch wenn der Sterbende nicht wirklich der letzte tote Soldat des Zweiten Weltkriegs gewesen war: Der Fotograf Robert Capa hatte die Aufnahme am 18. April 1945 gemacht, knapp drei Wochen vor Kriegsende. Während eines Gefechts zwischen Amerikanern und Deutschen hatte er neben dem Soldaten auf dem Balkon hinter einer Brüstung gehockt, als der tödliche Schuss gefallen war. Der Soldat, ein junger Maschinengewehrschütze, war kaum drei Meter von Capa entfernt zu Boden gesackt. Blitzartig war der Fotograf zurück in die Wohnung gesprungen und hatte das Bild aufgenommen, das wenig später um die Welt gehen sollte.

Schon damals war Capa eine Legende: Der 1913 in Ungarn geborene Kriegsfotograf war spätestens mit seiner Aufnahme "The Falling Soldier" von 1936 weltberühmt geworden, dem Foto eines republikanischen Soldaten im Spanischen Bürgerkrieg, der im Moment der Aufnahme von einer Kugel getroffen zu werden scheint. Das Bild zählt heute zu den Ikonen der Fotografie. Capas Motto "die Wahrheit ist das beste Bild" gilt noch heute als Leitspruch für Dokumentarfotografen rund um den Globus, sein Leben und Werk sind bis ins Detail erforscht. Auch das Bild "Last Man to Die" ist in den vergangenen Jahrzehnten in zahllosen Zeitschriften veröffentlicht, in Fotobänden abgedruckt, auf Ausstellungen gezeigt worden. Und doch konnte eines nie geklärt werden: Wer war der tote Soldat?

Suche nach dem Unbekannten

67 Jahre sollte es nach dem Tod des jungen US-Soldaten dauern, bis seine Identität aufgedeckt wurde. Die Stadt Leipzig hatte 2011 grünes Licht dafür gegeben, das historische Gebäude, in dem Capa seine bedrückende Aufnahme gemacht hatte, dem Erdboden gleich zu machen. Aber eine kleine Gruppe historisch interessierter Bürger, unter ihnen der Kabarettist Meigl Hoffmann und der Landtagsabgeordnete Volker Külow (Die Linke) beschloss, sich dem Abriss in den Weg zu stellen - indem sie die Öffentlichkeit an die geschichtliche Bedeutung des Ortes erinnerten. Doch um die dort entstandenen Fotos Capas und damit das Gebäude wieder in die Medien zu bringen, schien es nur einen Weg zu geben: Sie mussten den Namen des Toten herausfinden.

Die Suche begann am 27. November 2011. Zuerst durchforsteten die Hausretter das Internet nach den Leipziger Capa-Fotos. Unter einigen beim Fotodienst Flickr gefundenen Capa-Aufnahmen stieß Ulf Dietrich Braumann, der Koordinator der Initiative, auf einen möglichen Anhaltspunkt: Unter Pseudonym hatte jemand einen Kommentar zu einem der 1945 in Leipzig entstandenen Bilder gepostet - und erklärte, er kenne einen der darauf abgebildeten Amerikaner. Braumann schöpfte Hoffnung: Vielleicht kannte er auch den toten Soldaten auf ihrem Bild?

Die Spur war die richtige. Es gelang ihnen, den anonymen Kommentator aufzuspüren: Lehmann Riggs aus Cookeville, Tennessee, heute 93 Jahre alt. Der Weltkriegsveteran erinnerte sich an Leipzig. Er war der Soldat gewesen, der auf einem späteren Foto der Bilderserie nach dem Todesschuss auf dem Balkon stand und versuchte, das Versteck des Todesschützen zu erspähen. Und tatsächlich konnte Riggs auch den gefallenen Soldaten identifizieren: Sein Name sei Robert Bowman gewesen. Bowman, so Riggs, sei am 7. Juni 1944 in Europa gelandet, nur einen Tag nach dem D-Day. Es sei entsetzlich gewesen, mit anzusehen, wie sein Kamerad so kurz vor Kriegsende noch einen sinnlosen Tod starb.

Kampf gegen das Vergessen

Die Nachricht über die enthüllte Identität des Toten sorgte Ende 2011 in Leipzig für helle Aufregung. Die Zeitungen begannen, wieder auf das Haus aufmerksam zu werden. Aber leider stimmte die Neuigkeit nicht ganz: Der Militärhistoriker Jürgen Möller war von den Hausrettern um Hilfe gebeten worden, um anhand von Archivunterlagen Riggs' Aussagen zu verifizieren - und stieß auf Unstimmigkeiten. So hatte sich Riggs zwar richtig an die Initialen "RB" seines gefallenen Kameraden erinnert, doch der Vorname "Robert" war falsch. Bei einer Internetrecherche stieß Möller auf einen anderen Namen: Über die Site findagrave.com stieß er auf das Grab des am 18. April 1945 Gefallenen Private First Class Raymond J. Bowman. Und es gelang ihm, auch Fotos des Soldaten auszugraben. Der Vergleich mit den Capa-Fotos fiel eindeutig aus: Der "Last Man to die" war kein Robert, sondern Raymond Bowman aus Rochester, New York - gestorben mit nur 21 Jahren.

An Heiligabend 2011 schrieb Möller freudig an die Leipziger Initiative, er habe ein Weihnachtsgeschenk für sie: "Wir haben den Namen!" Es sollte nicht die einzige freudige Überraschung für die Leipziger bleiben: Im April 2012 kam der Zeitzeuge Riggs selbst nach Deutschland. Er kehrte noch einmal an den Ort zurück, an dem er 67 Jahre zuvor seinen Kameraden sterben sah - und sorgte mit seinem Besuch für ein erneutes Medienecho.

Die Wirkung blieb nicht aus: Inzwischen hat sich ein Investor des Gebäudes angenommen, das von den Leipzigern nun liebevoll "Capa-Haus" genannt wird. Er will es von Grund auf sanieren. Es scheint, als hätte die Hausretter-Initiative ihr Ziel erreicht. Doch ihre Arbeit ist noch nicht getan: Ihr Plan ist es, hier eine Erinnerungsstätte zu schaffen. Damit nie wieder in Vergessenheit gerät, was sich im Frühjahr 1945 an diesem Ort zutrug.

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