Schicksal einer KZ-Überlebenden Tochter vieler Mütter

Als Rena Quint mit zehn Jahren ein neues Leben beginnt, hat sie vier Mütter, drei Namen und zwei Geburtstage. Sie ist eines der wenigen Kinder, die ein Konzentrationslager überlebt haben.

Rena Quint

Hinter der Baracke, in der die Waisenkinder hausen, stapeln sich die Leichen. Sie sehen aus wie viel zu dürre Schaufensterpuppen, mit Schnee gepudert, abgelegt, um verbrannt zu werden. Dorthin hat sich das Mädchen geschleppt und fiebert dem Tod entgegen. Kalter Schweiß klebt an ihrem mageren Körper, der Atem rasselt leise. Doch bevor der Typhus ihr Leben den Nazis entreißen kann, geschieht an diesem 15. April 1945 etwas Unerwartetes.

Menschen, die kaum noch die Füße heben können, rennen über die hartgefrorenen Wege. Stimmen, die sonst nie lauter sprachen als im Flüsterton, schreien sich zu: "Wir sind frei!" Die Rufe dringen durch das Fieber hindurch, brennen sich in Renas Erinnerung. Was sie bedeuten, begreift das Mädchen damals noch nicht.

Arbeiten bedeutete Überleben

Schon drei Jahre zuvor war Rena Quint, die damals noch Frajda Lichtensztajn hieß, nur knapp dem Tod entgangen. Das sechs Jahre alte Mädchen lebte im jüdischen Ghetto von Piotrków, einem der ersten in Polen. Wer dort keine Wohnung fand, schlief und starb damals auf den Straßen des Ghettos. Die Obdachlosen waren die Ersten, die von den Nazis in die Synagoge der Stadt getrieben wurden. Die anderen stolperten die Treppen der Häuser hinunter, schnell, raus, nur eine Tasche, weiter, los! Unter ihnen war auch Frajda. In der Synagoge gellten Schreie, Weinen, Schläge, Schüsse, Brüllen. Fradja zitterte an der Hand ihrer Mutter, in den Raum gedrängt, in dem sie sonst am Freitagabend den Beginn des Sabbats feierten.

Plötzlich schimmerte Licht durch die Öffnung in einer Tür, der Griff der Mutter löste sich, Frajda fühlte sich durch den Spalt geschoben, fühlte die letzte Berührung ihrer Mutter. Dann stand sie im fahlen Tageslicht vor der Synagoge. Warum kein Soldat sie zurückschubste zu den Todgeweihten, warum niemand auf sie schoss, kein Hund ihr nachjagte, kann sie auch heute noch nicht begreifen. Ein Mann, ein Onkel, riss sie fort, durch das Ghetto, bis Frajda in die Arme ihres Vaters fiel, der glückliche Unglückliche, der in der Glasfabrik der Stadt arbeiten durfte und den ersten Transporten in die Gaskammern entkam. Wenigstens seine Tochter lebte!

Fotostrecke

14  Bilder
Holocaust-Zeitzeugin: "Ich weiß nicht, wie ich das überleben konnte"

Der Vater schnitt ihr die Haare ab, zog ihr Hosen an, nannte sie von nun an Froyim. Er machte seine Tochter zu seinem Sohn, der den Arbeitern Wasser brachte. Arbeiten können bedeutete Überleben.

Doch dann trieben die Nazis auch die letzten Juden Piotrkóws ins Lager. Männer und Frauen, Väter und Töchter wurden voneinander fortgerissen. Ihr Vater schob Frajda in die Arme einer Lehrerin. Sie sollte ihre zweite Mutter werden. Soldaten stießen sie in Viehwagons. Die Enge in dem Wagen, der Gestank aus dem Eimer in der Ecke, aus dem die Exkremente überquollen, die Toten, die bei jedem Halt des Zuges aus den Wagons geworfen wurden, all das brannte sich in das Gedächtnis des Mädchens ein.

"Nein, keine Christen"

Doch nun, am 15. April 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen, wo Fradja hinter der Waisenbaracke kauert, ist die Lehrerin schon lange tot. Britische Soldaten schreiten durch das Lager, lassen sich vom Geruch der Leichen nicht täuschen und entdecken das lebende Bündel Lumpen. Sie ziehen Frajda zwischen den Toten hervor - was danach geschieht, weiß sie nicht mehr. Erst in einem Lazarett in Hamburg kommt sie zu sich, wird später auf ein Schiff nach Schweden gebracht, in ein Auffanglager.

Dort trifft sie Menschen in einem Niemandsland zwischen Überleben, Euphorie und Hoffnungslosigkeit. Neun Jahre alt ist Frajda, ihre Eltern erschossen oder vergast. Was soll aus den Waisenkindern werden? Frajda drückt eine Puppe an sich, eine christliche Familie hat sie ihr geschenkt, die Frau will ihre neue Mutter werden. "Nein, keine Christen", sagt jemand, "das Mädchen ist Jüdin, sie muss zu einer jüdischen Familie."

Kurzes Glück

Sommer 1946 auf dem Atlantik, Frajda heißt jetzt Fanny, geboren am 15. Februar 1936 statt am 18. Dezember 1935.

Fanny trägt den Namen und Geburtstag eines toten Mädchens und fährt mit der Mutter des toten Mädchens, ihrer dritten Mutter, in ein neues Leben. Im Auffanglager haben sie sich getroffen, das Mädchen ohne Eltern und die Frau, deren Tochter gerade gestorben war. Beide haben die Vernichtungspläne der Nazis überlebt. In Amerika wollen sie neu anfangen.

Es ist ein Happy End, das einen Sommer lang dauert: Fanny schlingert auf einem neuen Fahrrad vor ihrem neuen Zuhause herum, buchstabiert in der Lesefibel die ersten Wörter, reiht die ersten englischen Sätze aneinander - aus dem neunjährigen Opfer des Holocaust wird eine neunjährige Amerikanerin.

Der Gestank der Toten, der die Kehle zu einem Würgen zusammendrückte, der Geruch der Suppe im Lager, die nach Abwaschwasser schmeckte, die Kälte, die sich in die Haut fraß wie die Flöhe in der Kleidung der Gefangenen - alles ist weit weg, als wäre es nie gewesen. Es ist ein Sommer voller Hoffnung auf die Zukunft und Vergessen der Vergangenheit. Dann stirbt Fannys dritte Mutter.

54 Jahre Schweigen

"Aber jedes Mal, wenn ich eine Mutter verloren hatte, kam jemand anders und wurde meine neue Mutter", erinnert sich Rena Quint heute.

Im Herbst 1946 lebt sie in Brooklyn. Fanny heißt nun Rena. Ihre neuen Eltern haben keine eigenen Kinder, aber viel Liebe für das kleine Mädchen, das jetzt ihre Tochter werden soll. Wieder bekommt Rena ein neues Leben: die vierte Mutter und einen Vater, Onkel, Tanten, Cousins, Cellounterricht und eine neue Puppe. Renas Leben ist trotz allem ein Leben mit Happy End. Nach den Schrecken im Konzentrationslager, von denen auch ihre neue Familie aus Zeitung und Fernsehen erfahren hat, fragt Rena niemand. Keiner will wissen, ob das Mädchen nachts von den Bildern aus den Lagern heimgesucht wird, ob sie noch an die Toten denkt, zwischen denen sie lag.

Wie sie danach ein normales Leben führen konnte, warum sie nicht von Albträumen geplagt und von Ängsten geschüttelt wurde, versteht sie bis heute nicht. Vielleicht hat es geholfen, in einer neuen Welt ein neues Leben anzufangen, ohne an das alte zu denken.

Über das KZ spricht Rena zum ersten Mal wieder, als sie 1989 nach Polen reist. Nach 54 Jahren Schweigen.

Der Vergangenheit auf der Spur

Im Frühjahr 2014 lebt Rena in Jerusalem, als Tochter vieler Mütter, Kind mit zwei Geburtstagen. Sie ist jetzt 79 Jahre alt. Rena sitzt in ihrem Wohnzimmer in einem sandfarbenen Haus im Zentrum Jerusalems. Von ihrem Balkon aus blickt sie auf die Mauern der Altstadt, dahinter liegt die Klagemauer. Rena hat vier Kinder und viele Enkel, ihr Mann war ein erfolgreicher Anwalt und lässt Besucher gerne wissen, wie stolz er auf seine Frau ist. Seit Rena in Polen war, in Auschwitz und in Piotrków, seit 25 Jahren, ist sie nun auf der Suche nach sich selbst.

Dass die Erinnerungen an die Schreie in der Synagoge, die Kälte im Lager oder die Reise nach Schweden stimmen, zeigen ihr die Dokumente, die sie in ihrer Geburtsstadt gesammelt, vom Internationalen Roten Kreuz angefordert und von einem Privatdetektiv hat finden lassen. Sie sind Beweise für eine Geschichte, die sie selbst manchmal nicht glauben kann. Und sie sind ihre einzige Verbindung zu ihren Wurzeln: Das einzige Bild eines Verwandten, das Passfoto ihres Vaters, verdankt Rena den Recherchen des polnischen Privatdetektivs.

Von ihrem Leben hat sie in den vergangenen Jahren oft erzählt. Sie spricht in der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem in Jerusalem vor israelischen Soldaten, amerikanischen Touristen, vor Deutschen. Immer wieder beschreibt Rena dann die gleichen Situationen mit den gleichen Sätzen, das Erzählen ist Routine geworden. Doch ein Satz klingt jedes Mal, als würde sie ihn zum ersten Mal aussprechen: "Ich weiß immer noch nicht, wie ich das überleben konnte."



insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Chris Zettler, 03.09.2014
1. vielen Dank für diesen Artikel
sehr gut geschrieben. Nach einigen sinnfreien Artikeln hier führt mich ein solcher dich wieder zurück
Michael Graw, 03.09.2014
2. Auge um Auge, Zahn um Zahn.
Wie gut, dass das Vergeltungsprinzip des Alten Testaments heute nicht mehr praktiziert wird. Und wie schändlich, dass die Mehrzahl der aktiv Schuldigen nie zur Verantwortung gezogen wurde! Solche Beiträge bleiben wichtig, allein um ein Bewusstsein zu erhalten: "Nie wieder!". Auch wenn viele junge Leute heute immer wieder bei diesen Themen stöhnen: "Nicht schon wieder! Hört das denn nie auf?".
ursula love, 03.09.2014
3. Es berührt mich immer wieder zutiefst
wenn ich über das Schicksal der Juden in Nazideutschland lese. Als deutsches Kind im Alter dieser Frau in einem kleinen Ort hatte ich keine Ahnung, was sich da im Geheimen abspielte. Ich kann mein Grauen kaum beschreiben, als ich die Tatsachen im Film über den Nürnberger Prozess mit ansehen musste. Und es überkam mich auch eine unbeschreibliche Fassungslosigkeit, dass "meine Deutschen" so etwas Unmenschliches anrichten konnten. Ich hätte auch als Kind alles getan, um so einem Menschen zu helfen. Nun bleibt mir nichts mehr als mich vor den Toten und Überlebenden zu verneigen und um Verzeihung zu bitten. Und ich kann einen neuen Judenhass überhaupt nicht verstehen.
Michael Kaminki, 03.09.2014
4. Ich kann es seit meiner Kindheit nicht fassen
Immer und immer wieder kann ich es nicht fassen, wozu Menschen fähig waren und leider auch fähig sind, wenn wir jetzt die neuesten Ereignisse der Weltgeschichte betrachtet und diese Fassungslosigkeit habe ich seit Jahrzehnten nicht abstreifen können. So etwas ist mit Worten nicht zu beschreiben, wie eine Klique von Terroristen (egal ob Nazis oder ISIS) ganze Völker terrorisieren oder ermorden kann.
Jörn Ehlers, 03.09.2014
5. Welch ein Drama...
Welch ein Drama...Die Lebensgeschichte dieses Menschen ist eigentlich eine geeignete Grundlage fuer einen bewegenden Film. Vielleicht sollte Hollywood eine Neuauflage von Schindlers Liste versuchen...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.