Leistungsrudern in der DDR "Sonst kriegen Sie kein Bein mehr auf den Boden"

Ziiiiiieeh! Die DDR war Ruder-Weltmacht, weil schon das Sichtungssystem seinesgleichen suchte. Nirgendwo wurden die Talente so hart ausgesiebt. Jan Frehse schaffte es bis zum Olympiakader und wurde Juniorenweltmeister im Achter. Aber er lernte auch die Schattenseiten des Sports kennen.

Jan Frehse

Am Ende war nur noch ich übrig. Wir hatten in unserer Sporthalle am Reck geturnt, als ein Mann in die Halle kam und unser Sportlehrer uns antreten ließ. Der Mann war Sichter der Ruderabteilung des SC Magdeburg, und er suchte große Jungen und Mädchen. "Wer ist denn 1,80 Meter groß?", fragte er. Dann bat er alle, die in Frage kamen, in eine Kabine und maß selbst noch mal nach. Ich war der einzige, der die richtige Größe hatte.

Ich war damals 14 Jahre alt, 1,86 Meter groß und passte genau ins Schema des Sichters. In jenem Winter 1976/77 gab es in den Rudervereinen des Bezirks viel zu wenige große Jugendliche, weshalb alle Schulen nach geeigneten "Kadern" abgegrast wurden. "Willst du Leistungssportler werden?", fragte mich der Mann in der Kabine. Und wie ich wollte.

Und so verbrachte ich meine Frühjahrsferien im SCM-Ruderbootshaus mit 19 anderen Jungen. Durch Krafttests, Laufwettkämpfe und erste Versuche im Ruderboot versuchte der Trainer herauszufinden, ob wir Talent für diesen Sport mitbrachten. Stolz schrieb ich am Ende der Woche in mein Tagebuch, dass ich von allen am häufigsten im Ruderboot gesessen hatte. Ein Sportarzt überprüfte unsere gesundheitliche Eignung und rechnete nach verschiedenen Messungen unsere Finalgröße aus, die mindestens 1,86 Meter betragen musste. Bei mir sagte er 1,94 Meter voraus, plus/minus 3 Zentimeter.

Ein Mann in Nappalederjacke, der sich als Vertreter der Kaderleitung vorstellte, erzählte mir genüsslich, dass die Ruderer des SCM "ihren leistungssportlichen Auftrag stets vorbildlich erfüllen" und unsere Republik bei internationalen Wettkämpfen "als Diplomaten im Trainingsanzug würdig vertreten". Wenn zehn Jungen in eine neue Trainingsgruppe aufgenommen werden, würden vier von ihnen Juniorenweltmeister und einer Olympiasieger - Disziplin, Fleiß und entsprechende Lebensweise vorausgesetzt. Diese Rechnung beeindruckte mich sehr. Auf seine Frage, ob ich diesen schweren Weg gehen wolle, sagte ich ja.

Bescheidene Anfänge

Seit dem 1. September 1977 war ich Mitglied des SCM und besuchte die Kinder- und Jugendsportschule "Gerhard Steinig". Meine Ausbildung zum Erfolgsruderer ging in den folgenden Monaten eher schleppend voran. Das Protokollbuch, das ich auf Anweisung des Trainers führte, dokumentiert häufig nur mittelmäßige Leistungen in vielen Tests, Konflikte mit anderen Sportlern der Trainingsgruppe und mangelnde Beherrschung des Ruderboots. Doch mein Ehrgeiz blieb ungebrochen. Meist war ich nach Schule und Training erst spätabends im Internat. Wöchentlich 10 bis 15 Trainingseinheiten wie Krafttraining, Fußball, Laufen und mindestens hundert Kilometer auf dem Wasser stehen für diese Zeit im Buch.

In der ersten Wettkampfsaison 1978 mussten wir Nachwuchsruderer viel Lehrgeld zahlen. Wir schafften sogar das Kunststück, im Doppelvierer während eines Rennens zu kentern. Ein magerer zweiter Platz blieb die Ausbeute der gesamten Saison.

Danach lief es besser für mich. Ein Sieg bei der Spartakiade 1979 und ein zweiter Platz bei der Junioren-WM 1980 im belgischen Hazewinkel (beides im Achter) ließen mich hoffen, irgendwann ganz oben anzukommen. Aber auch in diesen beiden Jahren verlor ich viele Rennen vor allem in den kleinen Bootsklassen. Der beste Einerfahrer unserer Trainingsgruppe wurde im Sommer 1979 aufgrund mangelnder Perspektive "ausdelegiert", wie es hieß. Ihm fehlten 3 Zentimeter an der geforderten Körpergröße von 1,86 Meter. Es war kein Platz mehr für ihn im gnadenlosen System des Leistungssports. Ich war inzwischen 1,91 Meter groß.

Plan erfüllt

Als ich 17 Jahre alt war, stellten sich bei mir massive Rückenbeschwerden ein. Bereits zwei Jahre zuvor hatte ein Orthopäde einen deformierten Wirbel diagnostiziert. Mein Trainer stand anstelle meiner Eltern mit im Raum und erklärte dem Arzt, dass ich zu den Besten der Gruppe gehörte. Die Entscheidung, ob ich weiterhin Leistungssport treiben möchte, überließen sie mir. Ich überlegte nur kurz. Und machte weiter. Vor allem im Herbst quälten mich starke Schmerzen in der Lendenwirbelsäule. Zeitweilig spürte ich mein rechtes Bein kaum mehr. Trainiert habe ich in diesen Wochen ausschließlich auf dem Fahrradergometer.

An Doping kann ich mich übrigens nicht erinnern. Ich bin mir zwar sicher, dass auch im Rudern gedopt wurde, aber bis auf Vitamin-C-Tabletten in braunen Fläschchen bekam ich nichts. Wir sollten diese Tabletten in rauen Mengen nehmen. Zudem wurden wir in der Wettkampfvorbereitung unglaublich intensiv kontrolliert. Die berühmten blauen Oral-Turinabol-Tabletten habe ich erst später bei meinem Grundwehrdienst gesehen - dort gingen Hobby-Bodybuilder ziemlich offen mit ihnen um.

Die Zeit als Junior brachte mir neben den Schmerzen in der Wirbelsäule aber auch Angenehmes - beispielsweise Empfänge und Ehrungen bei Club- und FDJ-Bezirksleitung, dazu lobende Artikel in der Bezirkspresse. Auch wurden im Bootshaus für uns Discos organisiert, zu denen die sogenannten "Patenbetriebe" (Unterstützerbestriebe der Vereine) ihre jungen Mitarbeiterinnen schickten. Daneben zahlten sich meine Erfolge auch finanziell aus. Monatlich erhielt ich etwa 120 Mark vom Kaderleiter des SCM. Wenn es hieß "Post ist gekommen", meldete ich mich bei ihm und erhielt einen Briefumschlag mit Geld.

Im Frühsommer 1981 konnte ich mich erneut für den Achter der Juniorennationalmannschaft qualifizieren. In den Wochen der Vorbereitung in Potsdam und Berlin fiel es unserem Trainer Roland Sommer schwer, eine schlagkräftige Mannschaft aus Magdeburger, Dresdener, Potsdamer, Leipziger und Rostocker Ruderern zu formen. Im Boot lief wenig zusammen und in Testrennen erreichten wir nur durchschnittliche Ergebnisse.

Bei mir kamen Erinnerungen an ein äußerst unangenehmes Erlebnis während der Junioren-WM 1980 hoch. Damals hatte unser Achter den Vorlauf mit deutlichem Abstand zum Sieger verloren. Ein Sportfunktionär hatte uns nach diesem Rennen beiseite genommen und unverhohlen gedroht: Wenn wir es nicht ins Finale schafften, würde er dafür sorgen, dass wir "kein Bein mehr auf den Boden kriegen" - weder im Club noch in der Schule. Tage später erkämpften wir die Silbermedaille.

Neben den hohen Trainingsumfängen - wir fuhren im Achter bis zu 35 Kilometer in einer Trainingseinheit - lag durch die ständigen Leistungsüberprüfungen in der Vorbereitung ein unglaublicher Druck auf unserer Mannschaft. Per Video und Messachter wurde die Technik gecheckt, immer wieder fuhren wir verschiedene Testrennen gegen andere Boote und mussten Psychotests überstehen.

Pünktlich zur Junioren-WM in Sofia war unser Achter dann in Form und wir siegten im Finale am 8. August 1981 mit großem Vorsprung vor dem sowjetischen Boot. Dieser Sieg vervollständigte einen unfassbaren Triumph, der auch mich stolz machte: Die DDR-Junioren hatten in allen acht Bootsklassen gesiegt. Zur Belohnung gab es eine Festveranstaltung und 2000 Mark Prämie. Zum Vergleich: Ein Lehrer in der DDR bekam damals 700 Mark Monatsgehalt.

"... wird mit hoher Wahrscheinlichkeit ausdelegiert"

Die angenehmen Seiten wurden jedoch immer mehr von den Schmerzen überlagert. Seit 1980 hatte ich in jedem Jahr viel Trainingsausfall durch Rückenprobleme. In meinem ersten Männerjahr 1982 überstand ich die Wettkampfsaison nur durch Spritzen, die mir ein Sportarzt regelmäßig in den Wirbelkanal injizierte. Als ich für die Armee gemustert wurde, fragte mich der Arzt nach Ansicht meiner Röntgenbilder, ob "irgendwann im Rollstuhl sitzen" wolle. Ich besaß also eine konkrete Vorstellung davon, was mir drohte, aber immer noch wollte ich weitermachen. Unser neuformierter Vereinsachter hatte Potential, wir gewannen Regatten in Kopenhagen und Duisburg. Ich selbst hatte die Aussicht, bei den Olympischen Spielen 1984 zu starten.

Doch dazu kam es nicht mehr. Ich kam in meinem Elektrotechnikstudium nicht voran und begriff, dass es Wichtigeres im Leben gab als den Leistungssport. Als ich im Herbst 1982 dann auch noch wegen einer Nierenbeckenentzündung drei Monate pausieren musste, war das Ende abzusehen. Trotzdem schob ich meine Entscheidung bis zum nächsten Frühjahr vor mir her, begann sogar für einige Wochen wieder mit dem Rudertraining. Als ich meinem Trainer meinen Entschluss aufzuhören, letztlich mitteilte, kostete mich das viel Überwindung. Im Umkleideraum heulte ich anschließend Rotz und Wasser. Die Staatssicherheit hatte das lange vorhergesehen. "F. wird mit hoher Wahrscheinlichkeit 1983 ausdelegiert", steht in meiner Akte.

Von den 13 Neuzugängen des SC Magdeburg im Jahr 1977 wurden übrigens zwei Juniorenweltmeister. Einer gewann später bei den Männern eine WM-Silbermedaille.

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Jan Frehse, 21.11.2010
1.
Die ersten Kontakte zu meinen ehemaligen Achterkollegen habe ich geknüpft. In meinem Blog (janfrehse.twoday.net) finden sich auch die ersten beiden Interviews.
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