Wiedervereinigung in der Antarktis "Wir sind hier erst mal kaltgestellt"

In Berlin fiel die Mauer, am Südpol glaubte man an einen Psychotest: Kurz vor der Wende brach eine Antarktisexpedition der DDR ins ewige Eis auf. Und feierte knapp ein Jahr später die deutsche Einheit am kältesten Ort der DDR.

Ulf Bauerschäfer

Die Männer hatten es sich gemütlich gemacht. Tee dampfte aus Tassen vor ihnen auf dem Tisch, während draußen ein Schneesturm um die Georg-Forster-Forschungsstation tobte. Thema war an diesem Abend die Lage in der DDR. Seit Wochen protestierten Tausende Menschen in Leipzig und anderen ostdeutschen Großstädten gegen das SED-Regime. Ulf Bauerschäfer und seine Kollegen verfolgten die dramatischen Ereignisse im Arbeiter- und Bauernstaat aus der Ferne.

Die ostdeutschen Wissenschaftler saßen rund 15.000 Kilometer von Ost-Berlin entfernt fest - im ewigen Eis der Antarktis.

Plötzlich stürmte der Funker der Gruppe herein. "Die Leute tanzen auf der Mauer!", rief er aufgeregt. "Da haben wir gesagt: 'Nee, das kann nicht sein, die machen mit uns hier einen Psychotest'", erinnert sich der Geophysiker Bauerschäfer an diesen Augenblick am 10. November 1989.

Alle Mann sprangen auf und stürmten zum Funkgerät. Über die Deutsche Welle erfuhren sie, was an den Grenzübergängen der DDR vor sich ging. Hunderttausende hatten die bislang hermetisch abgeriegelte Grenze überquert. Knapp ein Jahr später feierte Deutschland die Einheit - und Bauerschäfer und seine Kollegen waren noch immer am Südpol.

"Geopfert für Getränke"

Während das Volk bereits den Aufstand probte, war eine vierköpfige Gruppe um den Expeditionsleiter Gerhard Schlosser am 17. Oktober 1989 von Berlin-Schönefeld losgeflogen. Sie bildete den Voraustrupp der später zehnköpfigen 3. DDR- Antarktisexpedition.

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Bald kreisten die Bierflaschen im "Herrensalon" genannten Container der Georg-Forster-Station - der Mauerfall wurde ausgiebig gefeiert. Die Männer wickelten sich Tücher um den Kopf und setzten Fliegerbrillen auf, um die Entdecker der eisfreien Schirrmacher-Oase, in der ihre Station lag, zu kopieren. Immerhin begann am 11. November auch die Faschingssaison. 1938 hatte Hermann Göring als "Beauftragter für den Vierjahresplan" eine Expedition in die Antarktis entsandt, die die Region entdeckte. Als das Bier knapp wurde, vergriff sich der Chemiker an seinem Vorrat an reinem Alkohol. "Geopfert für, tja, Getränke", so Ulf Bauerschäfer.

Mit der Feier bekämpften die Forscher auch ihre Trauer, bei den weltverändernden Ereignissen in der DDR nicht dabei zu sein. Anderthalb Jahre sollte ihre Mission dauern: bis zum März 1991. Als die Polarforscher schließlich nach Hause zurückkehrten, existierte die Deutsche Demokratische Republik nicht mehr. "Man ist weg, weit weg von Zuhause und hat keinen Einfluss und dort wird eine politische Wende vollzogen", erinnert sich der Techniker Gerald Müller in der 2010 von Anna Schmidt für ServusTV produzierten Dokumentation "Eiskalt vereint". "Das war für uns richtig heftig."

Zeit, an Zuhause zu denken, hatten die Männer allerdings kaum. "Wir hatten eine Sieben-Tage-Woche", erzählt der Expeditionsleiter Gerhard Schlosser im Gespräch mit einestages. "Es ist keiner auf die Idee gekommen, dass das, was wir da machen, für die Katz ist." Mit Schlittenzügen, angetrieben von tonnenschweren Kettenfahrzeugen, rückten die Forscher immer wieder tagelang in die Schneewüste vor. Sie dokumentierten Eisbewegungen, nahmen Ozonwerte, entnahmen einem vereisten See Wasserproben und erforschten Polarlichter.

"Jeder musste sich gut überlegen, was er sagte"

Per Funk konnten die zehn DDR-Bürger Kontakt mit Zuhause halten. Und eine besondere Form des deutsch-deutschen Austausches aufbauen. In der 800 Kilometer entfernten Georg-von-Neumayer-Forschungsstation hielten sich zur gleichen Zeit Wissenschaftlerinnen aus der Bundesrepublik in der Antarktis auf. Nach dem Mauerfall beschlossen die ostdeutschen Männer, Kontakt aufzunehmen - was kurz zuvor noch undenkbar gewesen war. "Am Anfang musste sich jeder gut überlegen, was er da sagt", sagt Gerhard Schlosser. "Es war eine offene Welle." Niemand wusste, ob die bislang allmächtige Stasi den Funkverkehr vielleicht immer noch überwachte.

Es dauerte allerdings nicht lange, bis sie auch über ihre Sorgen sprachen. "Und ich glaube, nicht nur ich, auch viele andere haben jetzt schon langsam Angst davor, wo das noch hinführen soll", heißt es in einem Funkspruch aus der Georg-Forster-Station. "Wir sind hier also erst mal kaltgestellt." Aus der Heimat erhielten die DDR-Forscher beunruhigende Neuigkeiten. Betriebe schlossen, die Arbeitslosenzahlen stiegen rapide an. "Ansonsten hat sich dann natürlich jeder Gedanken gemacht: 'Wie geht es jetzt mit mir persönlich weiter?'", sagt der Chemiker Reinhard Zierath in der Dokumentation.

Im Oktober 1989 sandte die DDR ihre 3. Antarktisexpedition aus. Es sollte die letzte sein.
Servus TV

Im Oktober 1989 sandte die DDR ihre 3. Antarktisexpedition aus. Es sollte die letzte sein.

Tausende Kilometer von Zuhause entfernt versuchten die Männer Anteil am Geschehen in der DDR zu nehmen. An der ersten freien Wahl zur Volkskammer am 18. März 1990 konnten die Polarforscher allerdings nicht teilnehmen. "Über Funk durften wir nicht wählen, weil es eine geheime Wahl war", so Gerhard Schlosser. Deshalb wollten sie am Vorabend der Währungsunion am 30. Juni 1990 wenigstens die Ost-Mark würdig verabschieden.

"Das letzte Mal DDR" hieß das Spiel, das eigens für diesen Anlass erfunden wurde. Die Wissenschaftler und Techniker mussten sich in einer Schlange eines improvisierten Geschäfts einreihen und warten, bis sie an der Reihe waren. Beim spielerischen Eintritt in eine Gaststätte begrüßte die Forscher der Satz: "Unsere Versorgungseinrichtung ist überfüllt. Warten Sie bitte, Sie werden platziert". Die Männer nahmen mit Galgenhumor teil. "Jetzt stehen wir nicht mehr am Kaufladen an oder so, sondern demnächst stehen wir am Arbeitsamt an", beschreibt Ulf Bauerschäfer in der TV-Produktion "Eiskalt vereint" die damalige Stimmung.

"Da sind schon Tränen geflossen"

Bald stand bereits die nächste Feierlichkeit auf dem Programm. Per Funk erfuhren die Polarforscher von der bevorstehenden Wiedervereinigung am 3. Oktober. Sie erkundigten sich, ob es offizielle Richtlinien für die Zeremonie des Flaggenwechsels gebe. Fehlanzeige. "Politisch war die Sache ja schon gegessen, sodass da keine Vorgaben gemacht wurden", sagt Gerhard Schlosser. Hitzig wurde diskutiert, wie der Beitritt der sechs neuen Bundesländer begangen werden sollte. Die DDR-Flagge solle zerrissen werden, forderten die einen. Andere erklärten, nur die Flagge der Bundesrepublik Deutschland solle gehisst werden. Am Schluss einigte man sich auf einen Flaggenwechsel.

Bereits Tage vor dem 3. Oktober hatten die Expeditionsteilnehmer mit den Vorbereitungen begonnen. Einer studierte die beiden Nationalhymnen auf seiner Trompete ein. Den Text der dritten Strophe des Deutschlandliedes hatten die Ostdeutschen von den Forscherinnen in der Georg-von-Neumayer-Station erhalten. Es wurde gebacken, gekocht und gebraten. Schließlich waren die Angehörigen der benachbarten sowjetischen und indischen Antarktisstationen eingeladen.

Mit Bier, Schnaps und Sekt wurde schließlich am Abend des 3. Oktober gefeiert. Bis Deutsche, Inder und Sowjets kurz vor 23 Uhr aus der Station in die eisige Nacht heraustraten. Zuhause war es bald Mitternacht, die letzten Minuten der DDR brachen an. Nacheinander kletterten die Deutschen auf den Container, auf dem der Fahnenmast angebracht war. Unter dem Absingen der DDR-Hymne holten die Männer das Banner mit Hammer und Zirkel ein. Dann zogen sie unter den Klängen des Deutschlandliedes Schwarz-Rot-Gold hinauf. Als Salut schossen sie Leuchtkugeln in den Himmel.

Damit war die DDR auch am Südpol Geschichte. Die Feier ging bis in die Morgenstunden weiter. "Da sind schon Tränen geflossen", erinnert sich Gerald Müller an diese Nacht.

Fünf Monate lang forschten die Teilnehmer der 3. DDR-Antarktisexpedition weiter. Dann ging es nach Hause. Und für manche in die berufliche Unsicherheit. Reinhard Zierath arbeitete eine Zeit lang für die Pharmaindustrie, bis er ein Ballonfahrtunternehmen gründete. Auch Ulf Bauerschäfer ging in die Privatwirtschaft. Gerhard Schlosser übte seinen Beruf als Vermessungsingenieur aus, während Gerald Müller für das Alfred-Wegener-Institut weitere Forschungsmissionen begleitete.

Die Georg-Forster-Station überstand das Ende der DDR nur ein paar Jahre. 1993 begann die Demontage dieses weit entfernten Außenpostens des Arbeiter- und Bauernstaates. "Es war ein neues Spiel, ein neues Glück", so Gerhard Schlosser. Vermisst hat er in der Antarktis wenig. "Bis auf Bananen und Apfelsinen. Aber die haben wir in der DDR auch nicht so oft gekriegt."



insgesamt 7 Beiträge
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A N, 03.10.2015
1. ......bei
Dr. Schlosser hatte ich (Mitte der 90er Jahre) Vorlesungen während des Studiums. Genialer Typ! Viel gelernt! Sehr pragmatisch! Sehr sympathisch! Die Geschichten kannte ich daher schon :) aber schön alles mal wieder zu lesen/zu sehen....
Carsten Leuters, 03.10.2015
2. BRD-Flagge?
Woher hatten die denn eine westdeutsche Flagge? Das könnte doch nur eine umfunktioniert DDR-Flagge gewesen sein. Einfach Ährenkranz, Hammer und Zirkel ab, schwupps hat man eine Westfahne!!! Oder bekam jede Expedition zwei Fahnen mit damit man zwischendurch auf politische Umbrüche reagieren kann?
pablo cremer, 03.10.2015
3. sehr bewegende Geschichte.
Gut berichtet, ohne falsches Pathos. Danke fuer den Beitrag
Richard Cubek, 04.10.2015
4.
Coole Geschichte. Nur, wo hatten die eine BRD-Flagge her? Haben Sie etwa eine mit Loch in der Mitte aufgehängt? Oder hat der Chemiker kurz ein paar Farben gemischt?
Claus Hage, 05.10.2015
5. Flagge
Wenn man sich die Bilder anschaut sieht man, dass dort auch Flaggen anderer Länder wehten, zB. Chile, Argentinien, Neusseland, ja sogar USA und der Union Jack. Also klingt es nicht so unwahrscheinlich, dass sie auch eine BRD Fahne vorrätig hatten.
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