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11. Juli 2008, 17:08 Uhr

Manipulierte Bilder

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Kann man seinen Augen trauen? Mit gefälschten Bildern wird Politik gemacht - wie im Fall der manipulierten Raketenfotos aus Iran im Jahr 2008: eine Revue der krassesten, bizarrsten und peinlichsten Fälle.

Aus drei mach vier: Um eine fehlgezündete Rakete bei einem Waffentest am 9. Juli 2008 zu kaschieren, ließ die iranische Regierung kurzerhand ein Geschoss mitsamt Schweif über den Blindgänger kopieren. So sehen zwei der vier Qualmwolken, die nach dem Abschuss über den Boden wabern, exakt gleich aus. Die plumpe Bildfälschung wurde über die Nachrichtenagentur AFP verbreitet - und gelangte auf diesem Weg in einige große westliche Medien, auch auf die Titelseite der "Chicago Tribune" und die Website der "New York Times". Doch der Schmu flog umgehend auf, die Agentur zog das Bild zurück - der Propagandakniff der Mullahs endete selbst als medialer Rohrkrepierer.

Dass Diktatoren zu Propagandazwecken Bilder fälschen, ist so alt wie die Fotografie selbst. Russlands Stalin ließ sich neben den todkranken Lenin in ein Bild retuschieren, um sich als legitimen Nachfolger des Sowjetführers zu zeigen. Seinen Konkurrenten Trotzki dagegen ließ er aus Bildern entfernen, nachdem der in Ungnade gefallen und ins Exil getrieben worden war. Hitler ließ sogar seinen Vertrauten Joseph Goebbels aus Bildern mit seiner Entourage verschwinden und der italienische Faschistenführer Benito Mussolini sorgte dafür, dass aus einem Foto, auf dem der er hoch zu Ross mit martialisch gezogenem Schwert posierte, der Stallbursche entfernt wurde, der den Gaul am Zügel still hielt.

Aus zwei mach eins

Doch solche Irreführungen der Öffentlichkeit sind längst nicht mehr die Domäne diktatorischer Regime, die Angst vor der Wahrheit haben. Immer wieder wurden in den vergangenen Jahren auch Fotografen, die für kommerzielle Bildagenturen aus demokratischen Ländern arbeiteten, der Manipulation von Fotos überführt - gemäß der Marktregel, dass sich dramatische Bilder immer besser verkaufen als wenig spektakuläre.

So lieferte 2003 Brian Walski, ein Fotograf der "Los Angeles Times" ein Bild aus dem Irak-Krieg, das die amerikanische Tageszeitung prompt auf ihrer Titelseite abdruckte. Warum auch nicht - Walski hatte sich als Berichterstatter aus vielen Kriegen und Konflikten einen Namen gemacht und war von der California Press Photographers Association 2001 als "Photographer of the Year" ausgezeichnet worden. Doch nach der Veröffentlichung wurde entdeckt, dass einige der abgebildeten Zivilisten gleich doppelt auf dem Bild zu sehen waren. Walski musste zugeben, am Computer zwei Aufnahmen zusammengebastelt zu haben, um die Komposition zu verbessern. Der Fotoreporter wurde entlassen.

Ein anderes Beispiel von manipulierter Kriegsfotografie: Nach der Bombardierung der libanesischen Hauptstadt Beirut durch die israelische Luftwaffe Anfang August 2006 verbreitete die Agentur Reuters Aufnahmen, die dichten, schwarzen Rauch über den Dächern Beiruts zeigten - mehr, als zum Zeitpunkt der Aufnahme vor Ort zu sehen gewesen war. Nachdem Blogger aufgedeckt hatten, dass die Wolken per Bildbearbeitung hineinretuschiert worden waren, tauschte Reuters das Bild aus und beendete die Zusammenarbeit mit dem Fotografen.

Kleine Kopfdrehung - große Wirkung

Ziemlich schamlos gehen seit jeher die Boulevardmedien mit Bildfälschungen um. 1992 erschienen auf mehreren Yellow-Press-Titelbildern Fotos der monegassischen Prinzessin Stéphanie mit ihrem angeblichen Baby - schon vor der Niederkunft der werdenden Mutter am 26. November 1992. Eine andere Prinzessin, Diana von Wales, wurde ebenfalls Opfer von Bildmanipulation. Als im Sommer 1997 über eine Affäre Dianas mit Dodi al-Fayed spekuliert wurde, druckte die britische Boulevardzeitung "The Mirror" ein Foto, das zeigte, wie sich Diana und Dodi einander zuwandten, offenbar zu einem zärtlichen Kuss. Auf dem Originalbild allerdings schaute al-Fayed von der Prinzessin weg - sein Haupt war leicht gedreht worden, um "das Bild, das alle wollten" zu erzeugen.

In der People-Berichterstattung ist das Motiv für Bildmanipulation allerdings nicht immer die Auflagensteigerung, sondern immer wieder auch die politische Rücksichtnahme. Das französische Klatschblatt "Paris Match" etwa brachte im vergangenen Sommer ein Urlaubsfoto von Präsident Nicolas Sarkozy in Badehose, bei dem die Speckröllchen des agilen Staatschefs dezent retuschiert worden waren - wie die Konkurrenz vom Magazin "L'Express" den lieben Kollegen nachwies. Der Verleger von "Paris Match", Arnaud Lagardère, ist mit Sarkozy befreundet. In Deutschland verbreitete die Deutsche Presseagentur 2005 eine Aufnahme von Bundeskanzlerin Angela Merkel winkend bei den Bayreuther Festspielen - mit sichtbaren Schweißflecken unter den Armen. Auf der Internetseite des Bayrischen Rundfunks erschien die Regierungschefin dagegen makellos - ein Mitarbeiter hatte die störenden Flecken am Computer entfernt. Politische Hintergedanken stritt die als konservativ geltende ARD damals ab.

In einer früheren Version des Textes hieß es in einer Bildunterschrift, das Bild eines trinkenden Irakkriegssoldaten sei in den abgebildeten unterschiedlichen Bildausschnitten in der Presse veröffentlicht worden. Tatsächlich handelt es sich hierbei um eine Fotomontage, die bewusst als Beispiel für die Manipulierbarkeit der Wahrnehmung des Betrachters angefertigt und auch in diesem Kontext veröffentlicht wurde. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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