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20. März 2019, 12:29 Uhr

Naziverbrechen

Das Massaker im Arnsberger Wald

Von Christian Parth

Es war einer der schlimmsten Massenmorde noch kurz vor Kriegsende: Vor 74 Jahren erschoss die "Division zur Vergeltung" im Sauerland 208 polnische und russische Zwangsarbeiter. Jetzt wurden ihre Habseligkeiten gefunden.

Hagel peitscht durch den Arnsberger Wald, dunkle Wolken hängen über den kahlen Ästen der Eichen und Buchen. Gebeugt, mit Schiebermütze auf dem Kopf, steht Günter Aust auf einem matschigen Waldweg am Rande der Kreisstraße 68 bei Suttrop und erinnert sich an eine der schlimmsten Stunden seiner Kindheit. Er war 13 Jahre alt, als US-amerikanische Soldaten am 3. Mai 1945 die Dorfgemeinschaft morgens um 9 Uhr versammelte und zur Waldgemarkung Am Stein schickte. Die Bevölkerung sollte sehen, was die deutschen Soldaten verbrochen hatten.

Mit seiner älteren Schwester Eleonore, Mutter Maria und etwa 5000 Menschen marschierte Günter Aust los. Am Wegesrand lagen die Leichen von 56 Frauen und Männern, die NSDAP-Mitglieder auf Anordnung der Amerikaner exhumiert hatten. Aufgereihte Leichen, neben ihnen Papiere und einige Habseligkeiten, die ihnen geblieben waren. Austs Blick blieb haften an einem toten Säugling, der Schädel zertrümmert. Opfer 57. "Das ist schrecklich", habe er damals gedacht. "Wie kann man einem Kind so etwas antun, wer macht so etwas?"

Günter Aust zählt zu den letzten lebenden Zeitzeugen eines der grausamsten Verbrechen, das die Nazis in der Endphase des Zweiten Weltkriegs abseits der Konzentrationslager und Gefängnisse begingen. 208 polnische und russische Zwangsarbeiter wurden zwischen dem 20. und 23. März 1945 an drei Orten im Arnsberger Wald ermordet. Die Täter gehörten der "Division zur Vergeltung" an, einem gefürchteten Verband aus Mitgliedern der Wehrmacht und der Waffen-SS.

"Die Opfer wurden wahllos ausgesucht"

Im Herbst 1944 war die Division auf der Suche nach einem sicheren Stabsquartier in Warstein gelandet. Von hier aus sollte sie bis zum bitteren Ende im Namen des Führers ihr blutiges Werk vollführen: das Abfeuern von V2-Raketen auf Städte der Feinde. Chef der Einheit war Hans Kammler; der Architekt und General der Waffen-SS hatte zuvor mit KZ-Entwürfen und dem Bau von Gaskammern bei den Nazis Karriere gemacht.

Gleich neben dem Divisionsquartier lag die Schützenhalle St. Hubertus. Hier hatten Zwangsarbeiter Unterschlupf gefunden, die in Trecks vor Bombardements im Rheinland gen Osten geflohen waren. Ihre späteren Mörder wohnten jetzt nur einen Hof entfernt.

Im März gab Kammler den Exekutionsbefehl, unter dem Vorwand, die Zwangsarbeiter seien wegen möglicher Plünderungen ein Sicherheitsrisiko für die Bevölkerung. "Die Zahl der Fremdarbeiter muss kräftig dezimiert werden", sagte er dem SS-Obersturmbannführer Wolfgang Wetzling bei einer Unterredung im Besprechungsraum der Suttroper Stabsbaracke. Dienstbeflissen begann Wetzling, Jurist und SS-Oberfeldrichter, mit der Vorbereitung des Massenmords.

"Die Opfer wurden wahllos ausgesucht, es gab dahinter kein System", sagt Marcus Weidner. Die Menschen seien einfach ermordet worden, ohne jeden erkennbaren Grund. Seit 2015 wühlt sich der Historiker des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) durch Archive in Großbritannien, Russland und den USA, um die Hintergründe der Verbrechen aufzuhellen und die letzten Stunden im Leben der Ermordeten zu rekonstruieren. Gleichzeitig untersuchte LWL-Archäologe Manuel Zeiler, unterstützt von ehrenamtlichen Sondengängern, den Boden an den Erschießungsplätzen.

Kürzlich präsentierten die Wissenschaftler im Sitzungssaal des Warsteiner Rathauses ihre Funde: Löffel mit russischer Prägung, Blechgeschirr, bunte Perlen, russische Geldmünzen, Teile einer Mundharmonika, ein Paar Damenschuhe, ein Gebetsbuch auf Polnisch. Mehr als 400 Stücke konnten Zeiler und sein Team aus der Erde holen. Dinge, die den Tätern wertlos erschienen, aber den Opfern alles bedeuteten - ihre letzte Erinnerung an die ferne Heimat.

Ein Baby am Baum zerschmettert

"Grausame Verbrechen wurden damals verübt", sagt Historiker Weidner. Auch wenn sich drei Taten in der Ausübung unterschieden, war das Muster ähnlich: Zur Exekution bei Suttrop etwa wurden die Opfer nachts unter einem Vorwand aus der Unterkunft geholt und mit Lastwagen in den Wald gefahren. Geld und Wertsachen wurden ihnen abgenommen; insgesamt etwa 1000 Reichsmark wanderten nach allen drei Exekutionen in die Divisionskasse. Die Zwangsarbeiter mussten Gruben ausheben und sich an den Rand stellen. Dann drückten die Soldaten ab, manche noch keine 20 Jahre alt, mal mit der Pistole, mal mit dem Karabiner oder Maschinengewehr.

Genickschuss, kleines Einschussloch hinten, vorn weggesprengte Schädelplatte: Viele der Menschen, die wie Günter Aust damals unter Aufsicht der US-Soldaten die Leichen beschauen mussten, um die Grausamkeit zu begreifen, dachten daher, den Menschen sei der Kopf eingeschlagen worden. Nur das Baby, das Aust nicht vergessen kann, hatte niemand erschießen wollen.

Der Gerichtsprozess am Landgericht Arnsberg erbrachte später nur milde Urteile, ein Skandal für sich. Das Verfahren ergab, dass ein junger SS-Rottenführer den Säugling nahm und mit dem Kopf gegen einen Baum schmetterte, bis er tot war. Danach wurde das Baby ins Massengrab geworfen und mit den anderen verscharrt. Bei der späteren Umbettung in Einzelgräber wurde es neben eine Frau gelegt; ob sie wirklich die Mutter war, wird man wohl niemals klären können.

Mit US-Filmmaterial zeigt der Landschaftsverband auf seiner Webseite auch, wie die Ortsbevölkerung an den Leichen vorbeigehen musste, und dokumentiert zudem Vernehmungsprotokolle von zwei Angeklagten im Prozess 1957. Die Untersuchung der Tatorte habe gezeigt, wie minutiös sich die Mordkommandos vorbereitet hatten, erklärt Archäologe Zeiler. So habe man sich im Vorfeld in der hohen Gesellschaft Warsteins über geeignete Orte informieren lassen. Einer der Tippgeber war der einflussreiche Industriellensohn und Panzerhauptmann Ernst Moritz Klönne, der mit SS-Obersturmbannführer Wetzling die Exekution von 56 Frauen, 14 Männern und einem Kind im Warsteiner Langenbachtal vorbereitete.

Klönne stand unter keinem Befehl und schaute sich die nächtliche Hinrichtung freiwillig an. Er sah zu, wie die Menschen nach den ersten Schüssen in Panik zu fliehen versuchten und mit Maschinengewehrsalven niedergestreckt wurden. Nach den Erschießungen kamen Säuberungstrupps, um alle Spuren zu beseitigen und sogar die Patronenhülsen vom Waldboden zu klauben. "Die Verbrechen waren gut organisiert und heimtückisch", so Zeiler.

Opfer ohne Lobby

Mit dem Forschungsprojekt will der Landschaftsverband den ermordeten Zwangsarbeitern ein Gesicht geben, ihre Geschichte wieder lebendig werden lassen, eine Erinnerungskultur schaffen, die offenbar lange bewusst verhindert worden war. "Die Opfer hatten keine Lobby, sie sind aus der Geschichte gefallen", sagt Historiker Weidner. Seinen Recherchen zufolge wollte die Bevölkerung rund um Warstein bis in die Siebzigerjahre nicht an die Verbrechen erinnert werden, die vor ihrer Haustür geschehen waren.

Als "Zumutung empfunden" habe man etwa den Obelisken mit rotem Sowjetstern und kyrillischer Inschrift, den die Russen an der provisorischen Grabstätte im Wald bei Suttrop aufstellen ließen. Immer wieder habe es Bestrebungen gegeben, den Stein einfach verschwinden zu lassen. Das aber habe man sich wohl nicht getraut.

Nun steht der Obelisk am Rande des Waldfriedhofs Fulmecke im benachbarten Meschede, wohin die Opfer 1964 umgebettet worden waren. Beachtung fand das Mahnmal auch dort nicht. Bis Weidner kam, war der Obelisk von Pflanzen umwuchert.

"Wir sind es den Opfern und uns selbst schuldig, uns den Taten zu stellen, die die Deutschen begangen haben", sagte Dirk Wiese, Russlandbeauftragter der Bundesregierung, der eigens für die Präsentation der Fundstücke ins Sauerland reiste. Auch Warsteins Bürgermeister zeigt den Willen, die Erinnerung an das dunkle Kapitel der Gemeindegeschichte wachzuhalten: "75 Jahre später stehen wir noch immer erschüttert vor der unglaublichen Barbarei, die hier bei uns stattgefunden hat", so Thomas Schöne. "Wir als Nachgeborene tragen keine Schuld an dem, was geschehen ist. Aber wir tragen die Verantwortung, dass es nicht vergessen wird." Nun sollen Tafeln aufgehängt werden, ein Erinnerungspfad soll die Tatorte zusammenführen und als Mahnmale der Zeitgeschichte erfahrbar machen.

Günter Aust hat die Gegend um Suttrop nie verlassen. Fast 88 Jahre ist er heute, hat ein Leben als Tischler hinter sich, war Betriebsleiter eines Marmorwerks. An seinen Augen kann man erkennen, dass es ihn traurig macht, wenn er in den Arnsberger Wald zurückkehrt, wo noch immer die Überreste sieben getöteter Zwangsarbeiter liegen, die man damals bei der Umbettung nicht mehr finden konnte.

Mit gefalteten Händen, sein Gesicht nass vom Regen, steht er vor dem beinah vergessenen Gedenkstein an der Kreisstraße 68. Mit brüchiger Stimme sagt Aust: "Man kann verdrängen, aber nicht vergessen."

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