Medizingeschichte Operation am offenen Herzen

Eingriff mit Komplikationen: Als eines der ersten Kinder der Bundesrepublik wurde Günter Schönberger 1959 wegen eines Klappenfehlers am Herzen operiert. Der Zustand des 13-Jährigen schien danach aussichtslos. Ein Pfarrer habe ihm sogar die Sterbesakramente erteilt - kann der Patient 50 Jahre später erzählen.

Günter Schönberger

In den Nachkriegsjahren sah es schlecht aus für Menschen mit Herzerkrankungen. Kardiomedizinisch hatte die Bundesrepublik gegenüber anderen westlichen Industrieländern einige Entwicklungsjahre aufzuholen. Erst 1957 wurde an mehreren deutschen Universitäten die Operation am offenen Herzen eingeführt, und 1958 gelang dem Chirurgen Rudolf Zenker die erste erfolgreiche Herzoperation mit Hilfe der Herz-Lungen-Maschine. Das Gerät übernimmt für einen begrenzten Zeitraum die Funktionen von Herz und Lunge, so dass der Eingriff durch die Stilllegung des Herzens mit weniger Risiken verbunden ist. Eine Revolution in der Herzchirurgie.

1951 wurde bei mir ein Herzklappenfehler diagnostiziert. Nur eine Operation konnte mir noch helfen. Eine Hiobsbotschaft in der damaligen Zeit. Erst acht Jahre später, im Oktober 1959, war es soweit. Ich wurde mit 13 Jahren als eines der ersten Kinder in Deutschland am schlagenden, offenen Herzen operiert, denn obwohl bereits Eingriffe mit der Herz-Lungen-Maschine in Deutschland durchgeführt worden waren, war die Operationstechnik noch so neu, dass die Tübinger Universitätsklinik ein solches Gerät noch nicht besaß.

Als mich die Oberschwester in den Patientensaal der Kardiologie führte, starrten mich 23 erwachsene Männer an. Die Oberschwester stellte mich mit ein paar netten Worten vor. Ich spürte, dass sie mich mochte. Kein Wunder, denn ich war das einzige Kind in der Klinik. Spezielle Abteilungen für Kinderkardiologie gab es in Deutschland erst in den sechziger Jahren.

"Wenn du aufwachst, bist du gesund"

Als meine Eltern die Einwilligungserklärung für die Operation unterschrieben, erfuhr ich, dass der Eingriff schon drei Tage später, am 15. Oktober, vorgenommen werden sollte. Das Risiko wurde damals als sehr hoch eingeschätzt. Ich war aufgeregt und nervös. Vor der Operation hatte ich allerdings keine Angst. Zumindest beteuerte ich das immer wieder. Der Gedanke an die unvermeidliche Spritze setzte mir allerdings zu. Ich hatte panische Angst vor Spritzen.

Am Morgen der Operation gab es kein Frühstück. Alles ging sehr schnell. Ich kam gar nicht dazu, Angst zu haben. Ich zog mich an, eine Schwester half mir, meine wenigen Sachen in eine Tasche zu packen. Alle Patienten standen um mich herum, wünschten mir Glück und klopfen mir auf die Schultern. Die Oberschwester drückte mich kräftig und sagte: "Komm bald wieder zu uns zurück. Wir warten auf Dich." Es war nur ein kurzer Weg bis zu dem Gebäude, in dem sich der Operationssaal befand. Es war kalt. Die Schwester trug meine Tasche, und als sie merkte, dass ich ihr nicht folgen konnte, weil sie zu schnell lief, hakte sie mich unter. Mich schüttelte es. Vor Kälte oder Aufregung? Vielleicht beides.

Wir betraten die Halle und fuhren mit dem Aufzug in den Operationsbereich, wo wir schon erwartet wurden. In einem kleinen Zimmer zog ich das bereitgelegte Flügelhemdchen an. Dann wurde ich mit einem fahrbaren Bett abgeholt. Vor der offenen Glastür zum OP-Bereich stand ein junger Arzt. Ich wusste, dass ich jetzt die Spritze bekommen würde. Er hielt sie in seiner Hand und verpasste mir den Piekser, vor dem ich mich so gefürchtet hatte, in den Oberschenkel. Hinter der Tür empfing mich der Chirurg und drückte mir kräftig die Hand. Dann strich er mir über den Kopf und sagte: "Wenn du aufwachst, tut es noch eine Zeit lang weh, aber dann bist du gesund." Daran glaubte ich fest.

Komplikationen

Um die Frequenz meines Herzschlags auf ein Minimum zu reduzieren, musste meine Körpertemperatur herabgesenkt werden. Dazu wurde ich einige Zeit in gestoßenes Eis gebettet. Das Öffnen des Brustkorbes erfolgte damals nicht wie heute mittels Durchtrennung des Brustbeines, sondern durch einen etwa 30 Zentimeter langen Schnitt zwischen dem vierten und fünften Rippenbogen unter dem linken Arm hindurch. Dann wurden die Rippen mit einer Zange weit möglichst auseinander gespreizt, um sich Zugang zum Herzen zu verschaffen.

Aus dem Brief der Medizinischen Universitäts- und Poliklinik Tübingen an meinen Hausarzt geht hervor, dass das Ausmaß der Verengung der Herzklappe bemerkenswert war. Die Operation verlief nicht reibungslos, die Weitung der Herzklappenverengung, die mithilfe des Zeigefingers des Operateur und eines speziellen Instruments vorgenommen wurde, führte zu starken Blutungen. Die Krankheit hatte auch schon den Rest meines Körpers in Mitleidenschaft gezogen. In dem Brief heißt es: "Auffallend war bei der Operation, dass die linke Lunge feucht und schwer war und starke bräunliche Pigmentierungen zeigte."

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Kurz nach der Operation bekamen meine Eltern einen Telefonanruf. Man teilte ihnen mit, dass es Komplikationen gegeben hatte. "Der Junge wird es voraussichtlich nicht schaffen." Meine Mutter rief meine Großmutter an. Beide trafen in der Klinik ein und blieben einige Stunden. Meine Großmutter betete für mich. Es wurde Abend, und ich war noch immer nicht aufgewacht. Die Frauen fuhren voller Sorge nach Hause, in Erwartung des Schlimmsten. Mein Zustand war so aussichtslos schlecht, dass ich durch den katholischen Pfarrer die Sterbesakramente erhielt.

Doch entgegen aller düsteren Prognosen und wie durch ein Wunder wachte ich wieder auf. Herz und Körper erholten sich von dem traumatischen Eingriff. Bald ging ich wieder zur Schule und lebte ein neues Leben, allerdings ohne jede Garantie, dass nun endlich alles überstanden war. Damals konnte niemand wissen, ob der Oberarzt bei der Nachuntersuchung zwei Jahre später nicht doch noch Recht behalten sollte. "Über den endgültigen Operationserfolg", hieß es, "lässt sich jetzt noch nichts aussagen."

Bis heute hat mich mein Herz nicht im Stich gelassen.

Auszug (leicht geändert) aus Günter Schönbergers Buch "Rückwärts gegen den Wind"



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