Michael Jackson und ich "Zeig mal, ob du Ahnung hast!"

Als es noch an jeder Ecke Plattenläden gab, ließen sich Kunden gern vom Personal beraten. Besonders Misstrauische unterzogen Verkäufer wie Werner Theurich erst mal einem Geschmackstest - der so zu seinem ganz persönlichen Michael-Jackson-Moment kam.


Die "Schallplatte am Mönckebergbrunnen" war Ende 1979 der bestsortierte Plattenladen in Hamburg. Und ich fand es supercool, dort als Disponent zu arbeiten. Den ganzen Tag die neueste und tollste Musik zu hören, alles, wirklich alles zu kennen und beschaffen, was es irgendwie zu beschaffen gab, und es dann auch an den Fan zu bringen, war ein Riesenspaß. Es war eine Zeit der musikalischen Gegensätze: Punk war noch lebendig, Police starteten gerade die Karriere, AC/DC herrschten beim Hardrock, Reggae war wichtig, und die ersten HipHop- und Rap-Alben vermaßen die Pop-Gründe neu.

Wenn man als Verkäufer in einem solchem Vollsortiment-Laden stand, hatte man also einen gewissen Ruf zu verteidigen. Doch dieses Vertrauen musste man sich auch erarbeiten und ständig rechtfertigen. Neue Kunden waren schon mal misstrauisch und liebten kleine Tests.

Da wir ein immenses Sortiment an R'n'B, Soul, Reggae und Jazz hatten, kauften auch viele Afroamerikaner, Afrikaner und Lateinamerikaner bei uns. Neue Alben und Singles fluteten täglich die Regale, manchmal kam man kaum mit dem Durchhören nach. Umso mehr freuten sich Kunden, wenn sie schnell mal die drei, vier wichtigsten Neuveröffentlichungen der Woche für die Weekend-Party bei uns empfohlen bekamen.

Natürlich zog ich damals auf die entsprechende Frage eines Afroamerikaners, der gerade frisch nach Hamburg gekommen war, die aktuellen Pflicht-Werke aus dem Rack: das zweite Prince-Album, Betty Wright ("Clean-Up Woman" war endlich wieder lieferbar!), neues von Millie Jackson und Chaka Khan. Ich begann mich warmzureden und checkte ab, wie viel Platten der Interessent wohl mitnehmen würde - alles wichtig für meine "Verkäuferbilanz".

Der Kunde schaute mich durchdringend an. Dann zog er geschwind Michael Jacksons "Off The Wall" aus dem Regal und hielt mir das Album vor die Nase. Jackson, damals noch mit lockig-flauschiger Afro-Matte, blickte mich fröhlich lächelnd an. "Wie ist es denn mit dieser Platte hier?", fragte er mich, ohne zu lächeln. "Naja, das ist eines der drei besten Alben der letzten zehn Jahre, wir verkaufen es wie blöd, und das zu recht", antwortete ich rasch, "ich dachte, Sie als Kenner hätten es längst! Gibt's schon ein paar Monate, deshalb hab' ich's nicht extra empfohlen, sorry."

Jetzt grinste der Mann doch noch. "Schon okay, ich wollte bloß sehen, ob du Ahnung von guter Musik hast. Test bestanden!" Er packte alles ein, was ich ihm in die Hand gedrückt hatte - meine Umsatzbilanz an jenem Tag war nicht übel. Schließlich hatte ich gerade wieder ein wenig Selbstbewusstsein getankt. Danke, Michael.

insgesamt 2 Beiträge
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Stefan Jansen, 26.06.2009
1.
Ich bin mir fast sicher, dass Phil Collins erst 1981 "In The Air Tonight" trällerte...
werner theurich, 26.06.2009
2.
Lieber Stefan Jansen, Sie liegen vollkommen richtig mit 1981 - manchmal täuscht die Erinnerung und die Trauer trübt den Blick. Bitte um Entschuldigung, und Dank für den Hinweis! Beste Grüße aus HH Werner Theurich
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