Michael Jacksons "Thriller" Zombie-Video als Musikunterricht

Wer bitte ist Michael Jackson? Carl Esser hatte kein MTV und keine Ahnung vom "King of Pop", als er 1983 auf Schüleraustausch in den USA war. Bis der Unterricht wegen eines neuen Musikvideos ausfiel. "Thriller" war eine Offenbarung für den deutschen Schüler - und brachte Horden von Jugendlichen dazu, Tanzunterricht im "Moonwalk" zu nehmen.

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Niemand wusste genau, worum es geht. Nur eines stand fest: Ein Musikvideo sollte vorgeführt werden und der reguläre Musikunterricht würde nicht stattfinden.

Hmmmm, was könnte das wohl sein? Am nächsten Morgen machte ein Gerücht die Runde, wofür unser Musiklehrer, Herr Bjornson, die Stunde ausfallen lassen würde: das neue Video von Michael Jackson. Ich fragte mich wer Michael Jackson ist, traute mich aber nicht, diese Frage offen zu stellen. Jeder meiner Mitschüler in der 12. Klasse der Barnesville High School in Minnesota schien zu wissen, wer das war, dessen Video wir da in gut einer Stunde zu Gesicht bekämen.

Na ja, dachte ich, das muss schon interessant sein, sonst würde nicht so viel Aufhebens darum gemacht. Zuvor hatte ich allerdings noch eine Stunde "Computer Science" mit den von mir heiß und innig geliebten Apple-II-Computern. So verging die Zeit schnell, und mir machte das Warten auf das vermeintlich große Ereignis nichts aus.

"Siehst Du denn nie MTV?"

Kurz nach zehn Uhr war es dann soweit, der Chorsaal füllte sich schnell. Ich nahm mit meinem Freund Le in den oberen Reihen des Saales ganz hinten Platz, um einen guten Blick auf den großen Bildschirm zu haben. "Wer ist Michael Jackson?", fragte ich Le dann leise. "Du weißt nicht, wer Michael Jackson ist? Das ist nicht dein Ernst!" Ich fühlte mich wie ein zurückgebliebener Hinterwäldler aus dem alten Europa. "Siehst du denn nie MTV?"

Ich hatte von MTV schon gehört und einmal sogar ein paar Minuten bei einem Freund erhascht. Ich selbst war aber bei Gasteltern auf einer Milchfarm untergebracht, auf der es nicht mal Kabelfernsehen gab, von MTV ganz zu schweigen. Ich war schon froh, dass ich wenigstens "Knight Rider", "The Dukes of Hazard" und "Magnum" über die wenigen Kanäle empfangen konnte. Le wohnte in der Stadt und hatte - natürlich - Kabelanschluss und somit auch MTV.

Bei mir zu Hause in Bayern war zu dieser Zeit noch überhaupt nicht an Kabelfernsehen zu denken. Da war die Antenne auf dem Dach, und neben den obligatorischen drei Programmen (ARD, ZDF, BR) gab es nur Schneerauschen oder mal ein Testbild im Schwarz-Weiß-Fernseher zu sehen. Aber das gestand ich noch nicht einmal meinem Freund Le.

"Bonanza" statt "Thriller"

Herr Bjornson, wie immer ganz lässig mit Zahnstocher zwischen den Zähnen, bat um Ruhe im Saal. Mehr oder weniger leise lauschten alle, welche Karriere Michael Jackson mit den Jackson Five und seit ein paar Jahren, insbesondere nach seinem Erfolgsalbum "Off the Wall", weltweit bereits gehabt hätte. Nun aber habe er mit seinem neuen Album und insbesondere mit dem neuen Video zu seinem neuesten Hit "Thriller" alles bisher Dagewesene in den Schatten gestellt. Ziemlich ergriffen kündigte er nach dieser kurzen Einleitung das Video an, als handle es sich dabei um die Übertragung der Mondlandung.

Er legte eine Videokassette ein und drückte auf "Play". Nach kurzem Schneegeflimmer auf dem Bildschirm ritt Hoss Cartwright durch das Bild, und die allseits bekannte Musik der Westernserie "Bonanza" schallte durch den Chorraum. Sofort gellten Pfiffe und "Booooohhh"-Rufe durch die Luft.

Bjornson, dem der Vorfall sichtlich peinlich und unangenehm war, stellte den Videorekorder ab und riss die Kassette aus dem Schacht. "Sorry", murmelte er mit hochrotem Kopf, "I'm sorry, guys." Er verschwand in dem Glaskasten, der ihm als Büro diente. Durch die Scheiben konnte man die unglaubliche Unordnung sehen, die ihn durch sein musikalisches Lehrerdasein begleitete. "I got it", rief er, als er wieder herauskam und die Kassette zum Beweis hochhielt wie der Pfarrer die Hostie in der Kirche. Nervös steckte er das Video in den Schacht und drückte erneut "Play".

Tanzende Zombies und offene Münder

Die Schauspieler waren mir unbekannt, und in den ersten Sekunden war ich enttäuscht. Wie? Das soll nun ein so tolles Musikvideo sein? Wieso überhaupt Musikvideo? Das ist doch ein Spielfilm und so wie es aussieht, ein langweiliger obendrein. Doch die Enttäuschung währte nicht lange. Noch bevor ich mich zu Le hinüberbeugen konnte, um meinem Unmut Ausdruck zu verleihen, ging es los.

Eine Verwandlung des jungen, schwarzen Schauspielers, von dem ich nun annahm, dass er wohl Michael Jackson ist, in ein gelbäugiges, zombieartiges Katzenwesen, um das sich rhythmisch immer mehr Zombies scharten. Die Masken waren perfekt, aber die Tanzeinlagen zeigten eine Dynamik und Choreographie, die ich noch nie vorher gesehen hatte.

Wir müssen alle mit offenem Mund auf unseren Stühlen geklebt und die Mattscheibe angestarrt haben. Über zehn Minuten lang absolute Konzentration. Dann war das Video vorbei. Wie erschöpft schwiegen alle zuerst ein paar Sekunden, bis erst einige, dann immer mehr von Bjornson forderten: "One more time!" - "Noch einmal!" Er versuchte sich erst gar nicht dagegen zu wehren, sondern spulte das Video zurück und drückte noch einmal auf "Play". Beim zweiten Mal sahen wir mehr Details, nahmen das Video anders wahr als vorher und hörten uns auch die Musik genauer an. Eine Offenbarung, ohne Zweifel. Das stellte alles bisher Dagewesene in den Schatten, nicht nur musikalisch!

Ein Tanzlehrer für den "Moonwalk"

Nach dem zweiten Mal wurde wild durcheinandergerufen, jeder hatte was zu sagen, viele berichteten davon, wie ihnen ein kalter Schauer über den Rücken gelaufen war. "Awesome!", das war der am häufigsten gebrauchte Ausdruck, um dieses Ereignis zu beschreiben. Es war furchteinflößend, großartig, stark, toll. Ein Ereignis der Superlative.

Das Video und die Musik waren in den nächsten Musikstunden immer wieder Thema. Le fing nach einiger Zeit, und nach dem Konsum weiterer aus dem "Thriller"-Album stammender Videos auf MTV an, Michael Jacksons berühmten "Moonwalk" nachzuahmen. Er wollte so tanzen können wie Michael Jackson - und er war nicht der einzige.

Irgendwann Anfang der neunziger Jahre, wir hatten uns nach meinem einjährigen Aufenthalt nicht aus den Augen verloren, schrieb mir Le, er habe mehrere Wochen lang Tanzstunden genommen bei einem Tanzlehrer in Minneapolis, der schon für Michael Jackson und Prince choreographiert habe. Als wir uns das nächste Mal wiedersahen, führte er mir sein Können vor. Ganz ehrlich? Michael Jackson hätte sich wahrscheinlich totgelacht ...



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