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28. Oktober 2015, 10:53 Uhr

Meisteragentin Vera Atkins

Die wahre Miss Moneypenny

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Brücken sprengen und Fabriken sabotieren: 39 Spioninnen schickte Vera Atkins im Zweiten Weltkrieg für den britischen Geheimdienst ins deutsch besetzte Europa. Offenbar diente sie Ian Fleming als Vorbild für Miss Moneypenny.

Es war der Nachmittag des 16. Juni 1943, als sich zwei dunkle Cabriolets auf den Weg von London zum Flugfeld Tangmere machten. In den Autos saßen Vera Atkins und drei ihrer Agentinnen: Cécily Lefort, Diana Rowden und eine indische Prinzessin namens Noor Inayat Khan. Im Geheimdienst-Jargon trugen die Autos, die für den Transport der Agenten zu den Flugplätzen benutzt wurden, eine eindeutige Bezeichnung: "Leichenwagen". Der Grund: Viele Agenten kehrten von ihren Einsätzen nicht zurück.

Nachdem sie den Flugplatz erreicht hatten, bekamen die Frauen in einem kleinen Cottage ein Abendessen serviert. Die Flugzeuge standen unterdessen schon bereit. Sie sollten die Frauen in das von den Deutschen besetzte Frankreich bringen. Die Piloten gaben ihnen noch einen Hinweis: Unter ihren Sitzen war jeweils ein Flachmann mit Whisky verstaut. Zur Beruhigung der Nerven. Denn es war nicht nur eine der geheimsten, sondern auch eine der gefährlichsten Operationen des Zweiten Weltkriegs, die jetzt begann.

"Steckt Europa in Brand"

Vera Atkins war Mitglied einer neuen Geheimdienstorganisation namens Special Operations Executive (SOE), die nach den Worten des damaligen britischen Premiers Winston Churchill durch ihre Aktionen hinter den feindlichen Linien zum "Ministerium für unfeine Kriegsführung" werden sollte. Der Auftrag, den Churchill der SOE angeblich in einer Rede erteilt hatte, war so einfach wie unmissverständlich: "Steckt Europa in Brand!" Die Agenten sollten Brücken sprengen, Fabriken sabotieren, Züge entgleisen lassen und den Deutschen auf jede erdenkliche Art das Leben schwermachen.

Frauen spielten im Konzept der SOE eine wichtige Rolle. Denn sie konnten sich unauffälliger als Männer hinter den feindlichen Linien bewegen. Wichtigste Voraussetzung war, dass diese Frauen, die in das deutsch besetzte Frankreich entsandt wurden, akzentfrei französisch sprachen. Zudem mussten sie fünf Fallschirmsprünge ohne größere Verletzungen hinter sich gebracht haben. Zur Selbstverteidigung waren sie im lautlosen Töten ausgebildet worden.

Die Agentinnen, die hinter den feindlichen Linien operierten, riskierten aus unterschiedlichen Gründen ihr Leben im Krieg. Unter ihnen war Violette Szabo, die einst in der Parfümerieabteilung von Woolworth's in London gearbeitet hatte. Ihr Mann war in Nordafrika gefallen. Um seinen Tod zu rächen, zog sie nun in den Spionageeinsatz. Zurück blieb ihre knapp zwei Jahre alte Tochter Tania. Andere, wie die polnische Gräfin Krystyna Skarbek oder die indische Prinzessin Noor Inayat Khan wollten nicht untätig zusehen, wie die Deutschen Europa unterwarfen.

Schokolade mit Knoblauchgeschmack

Vieles spricht dafür, dass ihre Anführerin Vera Atkins dem James-Bond-Erfinder Ian Fleming als ein Vorbild für die Figur der Miss Moneypenny diente: Atkins war eine der ersten Frauen, die innerhalb des britischen Geheimdienstes eine Position im Umfeld des Führungszirkels bekleideten. Sie hatte Zugang zu Geheimakten und begann ihre Karriere als persönliche Assistentin eines Geheimdienstführers.

Noch eine Parallele zwischen Ian Flemings James-Bond-Romanen und der SOE fällt auf. Fleming war während des Zweiten Weltkriegs Mitarbeiter des Marinegeheimdienstes - und hatte daher Kenntnis über die von den echten SOE-Agenten eingesetzten technischen Mittel und Instrumente. Die waren oft eines James Bond würdig: Die Palette reicht von Ein-Mann-U-Booten über sprengstoffgefüllte tote Ratten bis hin zur Schokolade mit Knoblauchgeschmack, damit die in Frankreich eingesetzten Agenten die nach Ansicht der britischen Geheimdienstler "landestypische" Knoblauchfahne besaßen. Entwickelt wurde auch eine als Füllfederhalter verkleidete Minipistole.

39 Frauen hatte Atkins während des Krieges in den Einsatz geschickt. Teils auf abenteuerlichen Wegen. Krystyna Skarbek etwa überquerte im schlimmsten Winter auf Skiern von der Slowakei aus die Hohe Tatra, um unbemerkt nach Polen zu gelangen.

Brutale Folter

Nicht alle schafften es nach Kriegsende unversehrt zurück nach Großbritannien. Wie Odette Sansom, die drei kleine Töchter in Großbritannien zurückgelassen hatte. Die Deutschen hatten ihr in der Haft den Rücken mit glühenden Eisenstangen versengt und alle Zehennägel gezogen. Noch ein Jahr später konnte sie keine Schuhe tragen und lief stets auf den Fersen, bis mehrere Operationen schließlich Linderung brachten.

Einige Spioninnen wurden von den Deutschen rasch gefangengenommen. Ein Doppelagent hatte innerhalb der SOE auch für die Gegenseite gearbeitet. Noor Inayat Khan schaffte es dennoch wochenlang, Funkmeldungen aus Paris nach London abzusetzen, ohne in die Fänge der Gestapo zu geraten. Sie war dabei völlig auf sich gestellt. Der Agentenring, den sie hätte unterstützen sollen, war aufgeflogen. Schließlich wurde auch sie verraten und im Konzentrationslager Dachau ermordet. Eine unscheinbare Gedenktafel erinnert dort heute an ihr Schicksal.

13 Agentinnen wurden bei Kriegsende vermisst. Es wurde zu Atkins' Lebensaufgabe, die Spuren dieser Frauen zu rekonstruieren. Was ihr schließlich auch gelang.

Verzweifelte Suche

Durch ihre Recherchen in Deutschland wurde Atkins mit dem Grauen der Konzentrationslager aus nächster Nähe konfrontiert. So war sie diejenige, die den ehemaligen Kommandanten des Konzentrationslagers Auschwitz, Rudolf Höß, verhörte, bis sie die Fakten erhielt, die sie für ihre Suche nach ihren vermissten Agentinnen brauchte. "Diese Frau wusste, dass sie mit jedem, der Hosen trug, fertig werden würde", brachte ein Geheimdienstkollege ihr Wesen auf den Punkt.

Schließlich erlangte sie traurige Gewissheit: Alle Frauen, nach denen Atkins gesucht hatte, waren in deutschen Konzentrationslagern ermordet worden.

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