Motorradrennen Geknatter für die Versöhnung

Brot und Spiele: Um die Beziehungen zwischen Besatzern und Besiegten zu verbessern, organisierten die Siegermächte nach dem Zweiten Weltkrieg Feten für die deutsche Bevölkerung. Ferdi Keuter hat als Junge ein Dorffest der Belgier miterlebt - und sich über Getränke in Dosen und rasante Motorradralleys gewundert.

Ferdi Keuter

Im Raum Arnsberg/Wennigloh war nach Kriegsende das belgische Militär stationiert. Die Soldaten bemühten sich, die Beziehungen zur Bevölkerung zu normalisieren. Aus Feinden sollten Freunde werden. Aus diesem Grund wurde ein Sommerfest für Armee und Zivilisten der umliegenden Orte organisiert. Es fand auf der Wiese zwischen Wennigloh und Arnsberg statt. Diese Fläche begann etwa am Ortsende von Wennigloh ging über in das sogenannte "Seuzertal". Sie dienten Bauern aus Arnsberg als Weide für ihre Kühe. Viele hatten keine eigenen Grasflächen.

An manchen Tischen gab es Getränke und Speisen zu kaufen. Ich brauchte vor diesen nicht stehen zu bleiben, da ich keinen Pfennig hatte. Mich interessierten nur die irren Fahrten der Soldaten auf Motorrädern durch den alten Steinbruch am linken Straßenrand. Weiter ging der Parcours den Abhang zu den Wiesen hinunter. Das Knattern der Räder war betäubend laut - einfach toll. Wir hatten Tage vorher bei den Probeläufen schon einen ersten Eindruck gewonnen. Ich glaube, die Soldaten gehörten zur belgischen Armee. An diesem Sonntag sollte nun die ganze Vorführung stattfinden.

Kleiner Junge mit schnellem Fuß

Viele der Soldaten hatten ihre Familien dabei. Der Tag war sehr schön, die Wiese von der Sonne warm. Die Menschen saßen im Gras und aßen und tranken. An eine Familie kann ich mich noch gut erinnern. Der Mann war ein hübsch dekorierter Soldat in Uniform in Begleitung seiner Frau und zwei Kinder. Vor dieser Gruppe stand eine Dose. Ich kannte Getränke in Dosen nicht und ging daher davon aus, dass diese leer sei. So konnte ich sie als Fußball benutzen. Ich lief auf die Familie zu und fegte die Dose mit den linken Fuß weg. Bei der Berührung merkte ich, dass die Dose noch gefüllt war.

Gerne hätte ich den Vorgang gestoppt, doch das war nicht mehr möglich. Ich fühlte mich sehr schlecht, im Unterbewusstsein war mir klar, dass ich da etwas falsch gemacht hatte. Von meiner Großmutter hatte ich gehört, dass diese Feste besonders für die deutsche Bevölkerung veranstaltet wurden. Hoffentlich hat diese Familie mich nicht für einen Rüpel gehalten. Aber da bin ich mir auch heute noch nicht sicher. Die Nähe zu dieser Familie habe ich jedenfalls an diesem Nachmittag gemieden. Ich habe mich sehr geschämt. Alleine bin ich weitergegangen und kann mich, bis auf diesen Vorfall, an nicht mehr viel erinnern. Meiner Großmutter habe ich nichts davon erzählt.

Jahre später bin ich noch oft an diesem Steinbruch vorbei gefahren. Er ist mit den Jahren wieder ganz zugewachsen. Halten kann man dort nicht, weil die viel befahrene Kreisstraße ohne Parkmöglichkeit sehr nahe daran vorbei führt. Bei jeder Fahrt denke ich an diese belgische Familie und an einen kleinen Jungen mit einem zu schnellen Fuß. Alles hat sich verändert. Auch die Kühe, die in meiner Kindheit dort weideten, sind Vergangenheit. Einige Male habe ich mich gefragt, ob es richtig ist, wieder an die Orte der Jugend zurück zu kehren. Anschließend liegt immer etwas Wehmut in der Luft. Wäre ich aber nicht mehr dort hin gefahren, hätte ich das Gefühl gehabt, etwas zu verpassen.



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Ferdi Keuter, 06.05.2010
1.
Das Leben im Dorf Wennigloh hat sich so weit normalisiert, dass die Dorfkneipe wieder eröffnet wurde. Von der Wirtin, die nur sitzend hinter der Theke ihren Dienst erledigen konnte, wird hier berichtet: Ein Besuch des Dorffriedhofes ist geplant. So geht der 8 jährige Ferdinand mit seiner Tante in Richtung Dorfmitte, an der Kapelle vorbei zum Friedhof. Dabei kommen sie auch an der Gaststube von ?Rika? vorbei. Sie hat ihre Wohnung auf der ersten Etage mit Schlafzimmer zur Straße. ?Rika? ist besonders korpulent und teilweise bewegungsunfähig. Alleine ankleiden kann sie sich schon lange nicht mehr. Bei schönem Wetter öffnet sie die Fenster und wartet auf Schritte vor ihrem Haus. In einem Ort, der gerade Mal 70 Häuser zählt, können das nur Bekannte sein. Wenn sie deren Stimmen hört, kennt sie meist auch die Personen. An diesem Morgen sollen wir die Opfer sein, die Hilfestellung leisten sollen bei der Morgentoilette. ?Rika? ruft also: Mariechen bist du das? Meine Tante legt einen Finger auf ihren Mund, das heißt, sich möglichst ohne Laute am Fenster vorbei zu schleichen. Tante Mariechen hatte keine Lust, der ?Rika? die Korsage zu schließen. So sind wir, wie Diebe in der Nacht, vorbei geschlichen. Noch von weitem hörten wir ?Rika? rufen. Auch ich war froh darüber, auf der Straße nicht warten zu müssen. Wenn wir in den folgenden Wochen ins Dorf mussten, gingen wir immer schweigend auf der anderen Straßenseite am Gasthaus vorbei. Anmerkung des Autors: Er hat ?Rika? nie in der Gaststube gesehen, da gingen ja nur Männer
Ferdi Keuter, 06.05.2010
2.
Die Eindrücke sind aufgeschrieben von ?Fernand, Neffe von ?Schusters Mariechen?. 1946 Die Kreisstraße nach dem Kriege, mit einigen Bewohnern bis zur *?Drehe?. Die alte Kreisstraße in Wennigloh heißt heute schon lange Müssenbergstraße. In meiner Kindheit war das die einzig geteerte Straße des Ortes und die Durchgangsstraße von Arnsberg nach Neheim-Hüsten. Am Ortseingang war im ersten Haus die Bäckerei Bitter. Gleichzeitig unterhielten die ?Bitter´s? noch eine Gaststube. Nach dem Krieg fanden auf der Terrasse Tanzveranstaltungen statt. Soweit ich mich erinnere, waren die Veranstaltungen gut besucht. Wir Kinder klemmten unsere Nasen solange durch das Eisengitter, bis wir von der Bedienung vertrieben wurden. Die Sommerfrischler aus Arnsberg fanden hier am Sonntag eine schöne Abwechslung, die zu Fuß erreichbar war. Irgendwann ist diese Veranstaltung eingeschlafen. Dieser Standort hätte eine Goldgrube werden können. Einige Häuser weiter befand sich das Sägewerk von ?Max?. Tagsüber ging er als Tagelöhner und am Abend warf er das Gatter an. Sobald die Säge lief, wurde im Dorf das Licht dunkler. Von der zur Verfügung stehenden Strommenge brauchte der Motor zu viel. Wichtig ist zu wissen, dass bis 1948 in Wennigloh noch Niederspannung war. Diese Spannung war viel schneller zu überfordern als unsere heute gewohnte 220 Volt Leitung. Die Leute schimpften auf ?Max?. Der aber hatte kein schlechtes Gewissen, tat er doch nur seine Arbeit. Dem Sägewerk gegenüber gibt es den Weg ?Hinter der Haar?. Auf ihm kam man direkt zur ?Blumenwiese? meiner Großmutter Caroline Blume an. Für mich als Knirps war damals die Wiese endlos groß. Heute steht auf dem Grundstück ein Haus mit grandiosem Ausblick auf den Staatsforst und das Tal der Wünne. Wir sind jetzt am Hause meiner Großeltern, einem alten Fachwerkhaus mit Naturkeller im Schiefer. Es war gedeckt mit ganz alten, handgebrannten Ziegeln. Als das Haus im Jahre 1970, nach dem Tode der letzten ?Blume?, verkauft wurde, geschah folgendes. Der neue Besitzer ?Werner? steht vor dem Haus und schaut argwöhnisch auf das Dach. Ein Auto hält an, der Fahrer steigt aus und beginnt ein Gespräch mit ihm. Er schlägt ?Werner? vor, jede einzelne Dachpfanne einzupacken und sie ihm dann zur Verfügung zu stellen. Dafür würde er gerne das Haus neu eindecken lassen. Gesagt, getan, der Kenner war Architekt und wusste um den Wert der Ziegel aus dem 17. Jahrhundert. Sie kamen dann auf ein Haus, das im alten Stil erbaut wurde. Das Haus der Großeltern war einmal eine alte Schule und wurde vom ?Schuster Blume? aus der Kreisstraße neu errichtet, eben mit den ?alten Ziegeln?. Wenn die Postbotin von der ?Haar? in Richtung der ?Schusters? kam, rief sie schon von weitem: Ihr habt Post bekommen,**?Lisebeth? hat geschrieben, es ist alles in Ordnung. Sie hatte schon Mal die Post sortiert und gelesen. So wusste sie über vieles Bescheid Daran anschließend wohnte der Straßenmeister, Herr Becker. Er war für ein Stück der Kreisstraße verantwortlich. Oft haben wir ihn auf dem Weg in die nahe Stadt Arnsberg getroffen und ein Schwätzchen gehalten. Er vermittelte auch das Gefühl der Sicherheit in der doch nicht ganz sicheren Zeit. Auf Beckers Hof befand sich an einem Lindenast eine große Schaukel, auf gehangen an Ketten. Ich bin nie gerne auf diese Schaukel gegangen, wenn ?Richard? in der Nähe war. Er hat mich immer höher angeschoben als mir lieb war. Auf halber Höhe habe ich die tolle Aussicht auf angrenzende Wiesen und Felde genossen. Es war für mich eine glückliche Zeit! * Kurve ** die Mutter von Ferdinand
Ferdi Keuter, 14.05.2010
3.
1948 Neubauten im Dorf Am Orteingang des Ortes werden einige Neubauten hochgezogen. Diese Baustelle wird zum Treffpunkt von ?Jüpchen, Lollo, Richard und Pferdephilipp?. Da die Fichtenschonung direkt hinter den Rohbauten beginnt, denken wir an eine Hütte im Wald. Material ist genügend vorhanden, denken wir. Wahre Schätze sind fast ungesichert, bis auf einige Schlösser, vorhanden. Ohne geschärftes Gefühl für Eigentum und Ehrlichkeit gehen wir ans Werk, nehmen uns was wir brauchen. Außer dem Waldhaus werden noch andere Projekte geplant. Jüpchen hat ein kleines Haus an der Straßenseite mit neuen Dachziegeln versehen. Darauf war er ganz stolz. Ich, der Pferdephilipp, (aus Ferdi Philipp) bin da etwas ängstlicher mit dem Mitnehmen. Die Großmutter hat ein Auge für Unrecht, daher meine Zurückhaltung. Nach heutiger Sicht: Aufgezwungene Ehrlichkeit ist wahrlich auch keine. Es kommt wie es kommen musste, Männer vom Bau kommen an den Haustüren vorbei. Sie drohen mit Anzeige, wenn nicht am nächsten Tag alles Material wieder vor der Baustelle liegen würde. Schnell werden alle Dinge wieder abgebaut, gesammelt und auf Karren zum Bau gebracht. Mit gefangen mit gehangen, der Spruch galt auch für mich. An das Donnerwetter meiner Oma erinnere ich mich auch heute noch ungern. Bis auf eine Messlatte, die über eine Mulde gelegt, unserem Hüpfen nicht stand hielt, war alles wieder da. Erwachsene hätten unser Verhalten sehen müssen, ich weiß nicht wo sie waren. Vielleicht war nach dem Kriege jeder mit Aufbau beschäftigt, so dass keine Zeit für die Erziehung der Kinder übrig blieb.
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