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17. Dezember 2008, 10:08 Uhr

Mythos Rommel

Der Tod des "Wüstenfuchses"

Überzeugter Nazi? Widerständler? Unpolitischer Soldat? Erst machte Hitler Afrikakorps-Kommandant Erwin Rommel zum NS-Vorzeigehelden - dann zwang er ihn Gift zu nehmen. Jetzt widmet sich eine Ausstellung in Stuttgart dem Leben, Sterben und Mythos des legendären Generalfeldmarschalls.

Erwin Rommel verbrachte nach seiner Verwundung durch den Tieffliegerangriff in Frankreich einen Genesungsurlaub in Herrlingen. Der damalige 1500-Seelen-Ort zwischen Ulm und Blaubeuren ist heute Ortsteil von Blaustein und beherbergt mit dem "Rommelarchiv" ein viel besuchtes Museum. Rommels Wohnhaus an der damaligen Wippinger Steige Nr. 13 (heute: "Erwin-Rommel-Steige") ist bis heute als "Rommel- Villa" bekannt, obwohl er nur 1943/44 während seiner Urlaube von der Front hier wohnte.

Dort nahm am 14. Oktober 1944 eine makabre Inszenierung ihren Anfang, die in der Nachkriegszeit in den Mythos Rommel eingehen sollte.

Gegen 11 Uhr hatten Gestapobeamte das Herrlinger Haus auffällig-unauffällig umstellt. Anwohnern des kleinen Ortes zwischen Ulm und Blaubeuren waren schon länger zahlreiche Fremde und mehrere Autos aufgefallen. An diesem Morgen stand in einer Einfahrt sogar ein Fuhrwerk, das - quergestellt - die Straße blockieren konnte. Um 12 Uhr schließlich fuhr ein schwarzer Mercedes vor Haus Nr. 13 vor, am Steuer ein SS-Mann, als Passagiere die Wehrmachtsgenerale Wilhelm Burgdorf und Ernst Maisel, die die Villa betraten.

"Ich habe den Führer geliebt und liebe ihn immer noch"

Rund eine Stunde später kam der Feldmarschall in voller Uniform aus dem Haus, den Marschallstab in der Hand. Neben ihm sein Adjutant Hermann Aldinger, ein Kamerad aus den Zeiten des Königlich Württembergischen Gebirgsbataillons und Rommels 15-jähriger Sohn Manfred, damals Luftwaffenhelfer in Ulm. Er hatte an diesem Tag Urlaub von seiner Heimatflak- Batterie, um seinem Vater zur Hand zu gehen und ihm vorzulesen. Seit seiner schweren Verwundung am 17. Juli 1944 konnte der Feldmarschall Schriftstücke nur noch mühsam selbst entziffern, da sein linkes Auge zugeschwollen war.

Bei der vorangegangenen Unterredung hatte General Burgdorf Erwin Rommel vorgeworfen, an der Verschwörung gegen Hitler beteiligt gewesen zu sein und vom Attentat am 20. Juli 1944 gewusst zu haben. Er konfrontierte Rommel unter anderem mit der angeblichen Aussagen von Verschwörern, wonach Rommel in seinem letzten Hauptquartier in Frankreich für den Widerstand gegen Hitler gewonnen worden sei. Ernst Maisel bestätigte 1949, dass Rommel mit Verhörprotokollen unter Druck gesetzt wurde "aus denen hervorging, dass Rommel sich bereit erklärt hatte, nach Hitlers Beseitigung den Posten eines Oberbefehlshabers der Wehrmacht zu übernehmen". Rommel habe geantwortet: "Ich habe mich vergessen und ich werde die Konsequenzen ziehen. Ich habe den Führer geliebt und liebe ihn noch".

Eine Beteiligung am Attentat vom 20. Juli bestritt Rommel allerdings bis zuletzt: "Ich fühle mich unschuldig. Ich bin nicht beteiligt am Attentat. Ich habe in meinem ganzen Leben dem Vaterland gedient und das Beste getan." Als Burgdorf Maisel aus dem Zimmer schickte, um mit Rommel unter vier Augen zu sprechen, will dieser beim Hinausgehen noch gehört haben, wie Rommel sagte: "Für die Pistole fühle ich mich noch zu schwach."

Gift oder Volksgerichtshof

Der Feldmarschall hatte eigentlich erwartet, dass die Generale bei ihrem Besuch in Herrlingen mit ihm über seine künftige Verwendung zu sprechen wünschten - Burgdorf war als Nachfolger von Rommels Vertrautem Rudolf Schmundt Chef des Heerespersonalamtes geworden und hatte dieses Thema telefonisch auch angekündigt. Rommel hatte sich auf die Besprechung vorbereitet und seinen Adjutanten gebeten, Unterlagen und Karten über die Invasionsfront in Frankreich bereit zu legen.

Er rechnete damit, sich dafür rechtfertigen zu müssen, dass die alliierte Invasion in der Normandie von seiner Heeresgruppe nicht gestoppt werden konnte. Dass Rommel durchaus damit gerechnet hatte, den 14. Oktober 1944 zu überleben, zeigt seine letzte handschriftliche Notiz vom Morgen seines Todestages: "Kraftwagen für Fahrt zur Behandlung nach Tübingen, Krad für Ordonanzoffizier, Schreibkraft, Ordonanzoffizier".

Sein Vater habe ihm in einer letzten Unterredung noch mitgeteilt, dass er beschuldigt werde, "führend am 20. Juli beteiligt gewesen" zu sein, gab Rommels Sohn Manfred 1945 zu Protokoll. Er werde von Hitler vor die Wahl gestellt, "sich entweder zu vergiften oder vor das Volksgericht gestellt zu werden". Hitler habe ihm auch mitteilen lassen, dass im Falle eines Selbstmordes der Familie nichts geschähe, sondern für sie gesorgt werde.

Scharfe Munition für die Ulmer Garnison

An der Augenklinik der Universität Tübingen hatten die Professoren Walther Albrecht und Wolfgang Stock Rommels verletztes Auge behandelt. Stock ist auch auf dem letzten Foto zu sehen, das den Feldmarschall lebend zeigt: Rommel verlässt die Klinik in Begleitung des langjährigen Klinikchefs und Ordinarius für Ophthalmologie und geht mit Aldinger die Stufen hinab zu seinem Dienstwagen. Die Mediziner hatten Rommel auch für nicht reisefähig erklärt, als OKW-Chef Wilhelm Keitel ihn am 7. Oktober nach Berlin befohlen hatte.

Schon damals hatte Rommel eine böse Vorahnung gehabt und vor seinem Haus eine militärische Wache aufziehen lassen. Gestapo-Leute observierten ihn rund um die Uhr und Rommel gewöhnte sich an, nur noch mit einer Waffe aus dem Haus zu gehen. Sohn Manfred Rommel erinnert sich, dass die Gestapobeamten den Wachsoldaten, die ihre Ausweise kontrollierten, provozierend antworteten, sie würden doch nur die Gegend bewundern.

Vergeblich hatte Rommels Adjutant noch versucht, ihn zur Flucht aus Herrlingen zu bewegen und vorsorglich sogar die Ulmer Garnison alarmiert. Rommel behielt bis zuletzt die Nerven und machte Aldinger klar, dass das Haus umstellt sei und keine Chance bestünde, dass er auch nur den nächsten Truppenteil erreichen könne. Alfred Grieger, am 14. Oktober 1944 im Bataillonsstab einer Flakeinheit in der Ulmer Hindenburgkaserne, erinnert sich, dass seine Einheit an diesem Tag scharfe Munition empfing. Der Einsatz sei nicht zustande gekommen, weil Rommel selbst unter allen Umständen verhindern wollte, "dass es wegen seiner Person zu einem Kampf zwischen deutschen Truppen kam, denn dem Vernehmen nach war auch SS aufgeboten, um unter allen Umständen Hitlers Befehl durchzusetzen".

Der Sterbende schluchzte

Burgdorf gestand Rommel eine Viertelstunde zu, um sich von seiner Familie zu verabschieden. Seiner Frau erklärte er so gut es ging die Hintergründe, wirkte dabei aber wie abwesend und schloss mit den Worten: "In einer Viertelstunde bin ich tot". Lucie-Maria Rommel sagte später, es sei ihr nicht möglich, auszudrücken, was in seinem Gesicht zu lesen war.

Maisel hatte im Garten gewartet, bis der Feldmarschall mit Burgdorf aus der Türe trat. Manfred Rommel erinnert sich, dass sein Vater das Haus in voller Uniform verließ, den Marschallstab in der Hand. Vorher drückte er seinem Sohn noch den Hausschlüssel in die Hand. Die Generale grüßten mit "Heil Hitler". Maisel wollte von Manfred, der die Uniform eines Luftwaffenhelfers trug, noch seine Einheit wissen. Dann stiegen sie mit seinem Vater ins Auto und fuhren in Richtung des Dorfes Wippingen davon.

Schon wenige hundert Meter vom Haus entfernt hielt der Wagen bei einem Steinbruch. General Maisel und der Fahrer entfernten sich auf einen Wink Burgdorfs, der wenige Schritte neben dem Wagen blieb und ihn im Auge behielt. Was sich im Auto abspielte, schilderte später der Fahrer Heinrich Doose: "Ich sah Rommel hinten ihm Wagen sitzend, offenbar im Sterben, besinnungslos in sich zusammengesunken, schluchzend - nicht röchelnd oder stöhnend - sondern schluchzend." Mütze und Marschallstab waren heruntergefallen.

In grausamer Deutlichkeit

In rasender Fahrt preschte der Mercedes anschließend nach Ulm ins Reservelazarett Wagnerschule. Man inszenierte einen Notfall: Rommel habe im Auto einen Herzanfall erlitten, hieß es gegenüber dem diensthabenden Stabsarzt, dessen sofortige Injektion wirkungslos blieb. Kategorisch untersagte Burgdorf dem Chefarzt des Reservelazaretts Dr. Mayer eine Autopsie. Kurz darauf erhielt die Familie Rommels in Herrlingen die Todesnachricht per Telefon. Sie hatte den Anruf bereits erwartet. Als offizielle Todesursache wurde in der Sterbeurkunde des Standesamtes Ulm vom 18. Oktober 1944 "Herzschlag" angegeben, nachdem das vorher an dieser Stelle eingetragen Wort "Herzlähmung" gestrichen war.

Kurz darauf habe Burgdorf bei OKW-Chef Feldmarschall Keitel telefonisch "die gelungene Bereinigung der Affäre Rommel" gemeldet, der daraufhin ein Staatsbegräbnis angeordnet habe, berichtete Maisel nach dem Krieg. Tatsächlich war das Staatsbegräbnis Teil des "Angebotes", das Burgdorf und Maisel Rommel als Hitlers "Gegenleistung" für seinen Selbstmord gemacht hatten.

Erst einen Tag später meldet der Rundfunk den Tod Rommels. Dass ein wagenradgroßer Trauerkranz mit einer Schleife des "Führers" noch vor Rommels Tod per Bahn in Ulm eintraf, lässt sich nicht belegen, auch wenn es in einer Fernsehsendung so dargestellt wurde. Hitlers überdimensionaler Kranz, der im Trauerkondukt in einem offenen Wagen auf dem Rücksitz transportiert werden musste, ist dagegen auf Fotos festgehalten.

Sterbender Löwe, brüllender Löwe?

Der Staatsakt am 18. Oktober 1944 war eine minutiös geplante Inszenierung. Nichts wurde dem Zufall überlassen, die Regie übernahm ein eigens aus Berlin angereister Stab des Oberkommandos des Heeres. Das gesamte Programm war Rommel samt allen Einzelheiten der Beisetzung bereits in der Besprechung am 14. Oktober von Burgdorf und Maisel "in grausamer Deutlichkeit" erläutert worden, schilderte seine Witwe Lucie- Maria später: "Es war alles bis ins Kleinste vorbereitet."

Der Sarg ist mit der Reichskriegsflagge bedeckt im Ulmer Rathaussaal aufgebahrt. Dessen Stirnseite ist mit einer riesigen Hakenkreuzfahne und den Emblemen des Regimes geschmückt. Marschallstab, Helm und Degen liegen auf dem Sarg, auf separaten Ordenskissen Rommels Auszeichnungen. Sechs Ritterkreuzträger halten die Totenwache. Vor dem Rathaus haben sich mehrere tausend Menschen versammelt, sie stehen schweigend. Im März 1945 erhielt Rommels Witwe Post vom Beauftragen Hitlers für die Gestaltung der deutschen Kriegerfriedhöfe. Beigefügt waren Entwürfe für Grabmale von den Bildhauern Josef Thorak (sterbender Löwe), Arno Breker (brüllender Löwe) und Rudolf Löhner (stehender Löwe).

Frau Rommel lehnte dankend ab.

Die Ausstellung "Mythos Rommel" läuft vom 18. Dezember 2008 bis zum 30. August 2009 im Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Konrad-Adenauer-Str. 16, 70173 Stuttgart zu sehen. Die Öffnungszeiten sind Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr und Donnerstags 10 bis 21 Uhr. Der Text die gekürzte Fassung eines Kapitels aus dem Katalog zur Ausstellung.

Johannes Häußler

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