Nato-Gipfel Als die Grenze in Flammen aufging

Chaos, Gewalt und brennende Häuser: Der Protest gegen den Nato-Gipfel 2009 in Straßburg und Baden-Baden blieb nicht friedlich. Andreas Heinze erlebte das Ereignis aus nächster Nähe. Als Anwohner wurde er Zeuge der Randale.

Andreas Heinze

Große weltpolitische Ereignisse sind ein Ausnahmezustand - auch für jene Menschen, die am Ort des Geschehens leben. Der Alltag verliert an Normalität, wenn - wie bei einem Gipfeltreffen - die Sicherheit im Vordergrund steht. Meine Frau und ich bekamen die Folgen der Sicherheitsvorkehrungen im Vorfeld des 60. Gipfels der Nato in Baden-Baden, Kehl und Straßburg zu spüren. Umso mehr hofften wir, dass alles friedlich bleiben würde. Doch trotz intensiver Sicherheitsbemühungen von insgesamt 25.000 deutschen und französischen Polizisten wurde das Treffen der Staats- und Regierungschefs des Nordatlantikrats von Ausschreitungen überschattet.

Eine ganze Woche lang war unser Leben auf der französischen Seite der Grenze vom Gipfel geprägt. Strenge Grenzkontrollen sollten gewaltbereite Demonstranten von der Einreise abschrecken; Straßen wurden gesperrt, und in Baden-Baden hatte sich ein riesiges Polizeiaufgebot versammelt, das aus dem ganzen Bundesgebiet zusammengeführt worden war. Noch nie hatte die Region so viele Polizisten gesehen. Als Angela Merkel Barack Obama, Nicolas Sarkozy, Gordon Brown und zwanzig weitere Staats- und Regierungschefs in Baden-Baden willkommen hieß, konnten wir die Hubschrauber der Delegationen nahezu im Tiefflug über unseren Garten fliegen sehen. Nachts um ein Uhr kam die letzte Maschine Richtung Straßburg zurück.

Im Fernsehen sahen wir, wie Sarkozy die Staatsgäste auf der Passerelle empfing, einer Fußgängerbrücke, die zwischen Kehl und Straßburg über den Rhein führt. Wie viele andere Beobachter waren auch wir empört über Berlusconis Telefonitis. Erst später hieß es, er habe mit dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan gesprochen, um den Konflikt um die Ernennung des Dänen Rasmussen zum Nato-Generalsekretär zu lösen. Alles war bis dahin friedlich verlaufen. Von den Gipfelgegnern, die trotz des Schwimmverbots versucht hatten, sich der Passerelle zu nähern, hatten die Teilnehmer und auch wir nichts mitbekommen. Die Anzahl der Demonstranten auf der deutschen Seite war zudem geringer als gedacht. Auch in Straßburg schien es ruhig zu bleiben.

Fassungslos

Am Nachmittag aber bekamen wir im Fernsehen schreckliche Bilder zu sehen. Militante Gipfelgegner lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei und zündeten Häuser an. Ich fuhr an den Ort des Geschehens, denn ich wollte mit eigenen Augen sehen, was passiert war.

Auf beiden Seiten der Grenze befand sich bei meiner Ankunft ein großes Polizei- und Feuerwehraufgebot. Vor den Brandruinen des ehemaligen Zollhauses an der Grenze, der Touristeninformation und dem Hotel standen Dutzende Menschen fassungslos und mit Tränen in den Augen. Die Grenzanlagen waren für die Straßburger ein historisches Symbol, das an die Zeit vor dem offenen Grenzverkehr in der EU erinnerte. Es sollte bald in Frieden abgerissen werden. Zum Glück waren bei den Brandanschlägen keine Menschen verletzt worden.

Fernsehteams aus aller Welt machten Bilder von den Verwüstungen. In einer benachbarten katholischen Kirche gab es anlässlich der bedauerlichen Vorfälle einen Gottesdienst. Ich war froh, gesehen zu haben, was vorgefallen war. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, welche Folgen sinnlose Gewalt haben kann.



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Andreas Heinze, 19.04.2009
1.
Mein Textbeitrag wurde von der Redaktion umformuliert und ist etwas missverständlich. Ich bin kein Anwohner in Strasbourg, sondern wohne in Frankreich auf der frz. Seite auf Höhe der deutschen Stadt Baden-Baden. Die Ausschreitungen in Strasbourg selbst habe ich nicht gesehen, wohl aber am nächsten Tag in Strasbourg die zerstörten Gebäude.
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