Juden und Antisemiten Wie München zu Hitlers Testgelände wurde

Von der Räterepublik bis zum Putschversuch - Bayerns Rechtsextreme fanden nach dem Ersten Weltkrieg jüdische Sozialisten als ideale Sündenböcke. Früh machte Hitler München zur Bühne für seine neue Nazipartei.

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Im April 1919 feierten die Juden auf der ganzen Welt das Pessachfest des Jahres 5679. Auch in München aßen sie Mazze (ungesäuertes Brot), tranken Wein und erzählten von der Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft. Den Münchner Juden fiel die Entsagung vom beliebten Bier und den bayerischen Brezen wohl mindestens so schwer wie vom Brot. Gerade erlebten sie eine weitere Revolution in ihrer Heimatstadt: Im November 1918 war mit Kurt Eisner erstmals ein Jude Ministerpräsident eines deutschen Staates geworden - drei Monate später ermordete ihn ein Rechtsextremer. Und nun stand auch bei der Errichtung der beiden Räterepubliken im April eine Reihe jüdischer Akteure im Mittelpunkt.

Grund zum Feiern bot dies für die Münchner Juden nicht. Zumeist waren sie bürgerlich und distanzierten sich von den Revolutionären, denn aus Russland wussten sie nur allzu gut: Die Trotzkis machen die Revolution, die Bronsteins zahlen den Preis. Mit anderen Worten: Die gesamte jüdische Gemeinschaft wird am Ende für die Taten einzelner Revolutionäre aus ihren Reihen haftbar gemacht.

Genau so sah es der Kommerzienrat Siegmund Fraenkel. Seine Familie gehörte zu der Minderheit der Münchner Juden, die auch im 20. Jahrhundert der jüdischen Orthodoxie treu geblieben war. Mit anderen bayerisch-jüdischen Patrioten suchte er nach dem Gottesdienst in der Synagoge den Stammtisch im Hofbräuhaus auf. Bezahlen mussten sie ihre Getränke erst tags darauf, denn Geld mitzunehmen war am Sabbat verboten. Fraenkel war ein angesehener Münchner Kaufmann, Mitglied des Reichseisenbahnrats und Vize-Vorsitzender der lokalen Handelskammer. Sein Sohn Adolf war eben aus dem Krieg zurückgekehrt.

Orthodoxer Jude gegen Revolutionäre

Am 6. April 1919, "dem Vorabend des Pessachfestes 5679", verfasste er einen offenen Brief "an die Herren Erich Mühsam, Dr. Wadler, Dr. Otto Neurath, Ernst Toller und Gustav Landauer". Er wandte sich an diese Revolutionäre...

"...nicht als verängstigter, um Eigentum und Besitz besorgter Kapitalist, sondern weil ich mich mit Stolz und aus innerster religiöser Überzeugung zu jener Glaubensgemeinschaft bekenne, der einstens Sie selber oder doch Ihre Eltern angehört haben. Wir Münchner Juden haben in all den schweren, leiderfüllten Wochen der Vergangenheit geschwiegen, da Sie und andere landfremde, des bayerischen Volkscharakters unkundige Phantasten und Träumer die bittere Not und die seelische Depression unseres Volkes ausnützten, um Gläubige für Ihre vielleicht wohlgemeinten, aber verhängnisvollen und der menschlichen Natur zuwiderlaufenden Pläne einer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zu werben".

Nun aber, da Tausende antisemitische Flugblätter verteilt wurden, werde die Gefahr deutlich, "die das Judentum selbst bedroht, wenn die große Masse von Münchens werktätiger Bevölkerung die erhabenen Lehren und Dogmen der jüdischen Religion in ideellen Zusammenhang mit den bolschewistischen und kommunistischen Irrlehren bringt, die Sie seit Wochen den durch die viereinhalbjährige Kriegsdauer zermürbten und verwirrten Volksmassen predigen".

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Revolution und Gegenputsch: München war nun "die Stadt Hitlers"

Der dem Judentum eigentümliche, auf biblischen Prinzipien basierende Sozialismus habe, so der orthodoxe Jude Fraenkel, nichts mit den Idealen der Münchner Revolutionäre gemein. Deren Auftreten erzeuge nur neuen Antisemitismus, daher "ruft das bodenständige bayerische Judentum durch mich heute Bayerns Bevölkerung zu: Unsere Hände sind rein von den Greueln des Chaos und von dem Jammer und Leid, das Ihre Politik über Bayerns zukünftige Entwicklung heraufbeschwören muss. Sie allein, und nur Sie tragen hierfür die volle Verantwortung".

"Daß ich Jude bin, betrachte ich weder als Vorzug noch als Mangel"

Sigmund Fraenkel wollte einer breiten Öffentlichkeit zeigen, dass die Münchner Juden Distanz hielten zu den Revolutionären, die in den Monaten zuvor die politische Landschaft des Freistaats und vor allem seiner Hauptstadt geprägt hatten. Als der Brief eineinhalb Jahre später tatsächlich in den "Münchner Neuesten Nachrichten" gedruckt wurde, antwortete der Schriftsteller Erich Mühsam aus der Festungshaft in Ansbach:

"Ich bin Jude und werde Jude bleiben, solange ich lebe, habe mein Judentum nie verleugnet und bin nicht einmal aus der jüdischen Religionsgemeinschaft ausgetreten (weil ich dadurch doch nicht aufhören würde, Jude zu sein, und es mir völlig gleichgültig ist, unter welcher Rubrik ich in den Standesregistern des derzeitigen Staats eingetragen bin). Dass ich Jude bin, betrachte ich weder als Vorzug noch als einen Mangel; es gehört einfach zu meiner Wesenheit wie mein roter Bart, mein Körpergewicht oder meine Interessen-Veranlagung."

Mühsam war erstaunt, das dem rechtsradikalen Wortschatz entlehnte Wort "landfremd" als Vorwurf auch gegen sich selbst gerichtet vorzufinden. Schließlich komme er, wie die meisten Angesprochenen, aus Deutschland. Fraenkels konservative Interpretation des Judentums stellte er die vermeintlich sozialistischen Grundprinzipien der hebräischen Bibel gegenüber.

Der Antisemitismus, so betonte Mühsam, habe für seine Existenz gewiss keine jüdischen Revolutionäre nötig. Hätte die Revolution gesiegt, so wäre auch der Antisemitismus verschwunden, so aber "ist das Hakenkreuz schon nahezu zur Kokarde der Wohlanständigkeit avanciert. Sie sehen, dass der Antisemitismus auch ohne uns fünf Juden, die Sie aus Zehntausenden herausangeln, Material genug findet, um seine trüben Geschäftchen zu treiben".

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In der Tat: Weder der Gefreite Adolf Hitler, der in den Revolutionswirren nach München zurückkehrte, noch seine Gesinnungsgenossen, mit denen er aus der Deutschen Arbeiterpartei 1920 die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei bildete, benötigten für ihre Ideologie die jüdischen Revolutionäre. Sie hätten ihr antisemitisches Gedankengut auch ohne einen Eisner und Mühsam, einen Toller und Landauer formen können. Doch auf ihrer Suche nach einem Sündenbock für den verlorenen Krieg und die Wirtschaftsnot kamen ihnen die jüdischen Revolutionäre durchaus gelegen.

Vor allem aber fanden sie in München das ideale Testgelände für ihre neue Bewegung. Bereits Mitte 1919 hatte sich ein Kreis an die Spitze der Münchner Polizei setzen können, der einen entscheidenden Beitrag zum Aufstieg Hitlers leistete. Polizeichef war ab Anfang Mai 1919 Ernst Pöhner. Er versteckte seine Abneigung gegen Juden wie auch gegen Sozialisten und gegen die Republik so wenig wie Wilhelm Frick, den er zum Leiter der Politischen Abteilung berief.

Thomas Mann nannte München schon 1923 "die Stadt Hitlers"

Wie Pöhner zählte Frick zu den frühen Anhängern Hitlers und wurde 1933 Reichsinnenminister. In Bayerns Justizwesen amtierten Richter und Staatsanwälte, für die der Eisner-Mörder Graf Arco und später der Putschist Adolf Hitler politische Helden waren. In der Politik war der mächtigste Mann Gustav von Kahr, zunächst 1920 als Ministerpräsident und dann 1923 als Generalstaatskommissar. Beide Male initiierte der Antisemit sofort nach seinem Amtsantritt Ausweisungen osteuropäischer Juden.

Auch Justizminister Franz Gürtner zählte bald zu den treuesten Anhängern Hitlers. Der Volksschriftsteller Ludwig Thoma feuerte aus dem "Miesbacher Anzeiger" widerlichste antisemitische Munition ab. So wurde die "Judenfrage" in den Jahren nach der Revolution in München zu einem Topos, das den täglichen Diskurs mitbestimmte.

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Für Thomas Mann war bereits im Juni 1923 klar, München sei nun "die Stadt Hitlers". Der Schriftsteller Lion Feuchtwanger, der wie andere liberale Geister in den Zwanzigerjahren nach Berlin flüchtete, schrieb einige Jahre später in seinem Roman "Erfolg": "Früher hatte die schöne, behagliche Stadt die besten Köpfe des Reichs angezogen. Wie kam es, dass die jetzt fort waren, dass an ihrer Stelle alles, was faul und schlecht war im Reich und sich anderswo nicht halten konnte, magisch angezogen nach München flüchtete?"

Siegmund Fraenkel blieb und schrieb im "Berliner Tageblatt" frustriert: "Deutschvölkische Ausschreitungen sind zur Zeit in Bayern und insbesondere in München an der Tagesordnung." Das bekam er bald am eigenen Leib zu spüren: Als Fraenkel am 22. Juni 1923 von einer Reise zurückkehrte, wurde er beim Aussteigen aus der Straßenbahn angepöbelt und mit einem stumpfen Gegenstand am Kopf blutig geschlagen, auch sein Sohn wurde verletzt. Als sie, nachdem sie den Vorfall bei der Polizei gemeldet hatten, zu ihrem Haus kamen, gingen die Angriffe weiter. Nun wurde Frau Fraenkel vor der eigenen Haustüre "von einem der Polizei bekannten hiesigen Kaufmann" geschlagen, begleitet von antisemitischen Tiraden.

Im November 1923 kulminierten die antisemitischen Aktionen der Nationalsozialisten am Rande des Hitler-Putsches, bei dem zahlreiche jüdische Bürger der Stadt nachts aus ihren Häusern geschleppt wurden, so wie 15 Jahre später im ganzen Reich. Der Putsch war gescheitert - doch München hatte sich als Testgelände Hitlers bewährt.

insgesamt 8 Beiträge
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erwin fortelka, 18.04.2019
1. Und bereits hier beginnt die Legende,
...die nach Ende des II. Weltkrieges von vielen, allzuvielen Deutschen, gern verbreitet wurde. Wer wollte, hätte schon damals in München gewarnt sein können. Hier in München testete Hitler, und er wusste genau, was er wollte, die Stimmung großer Teile der Bevölkerung bei Angriffen gegen die Juden. Und in dem unsäglichen Buch "Mein Kampf", das später massenhaft verbreitet wurde, und da gab es ja auch finanzkräftige Helfer, formuliert er bedrückend präzise, was mit den Juden geschehen sollte. In München war das klassische politische Testfeld, und mit Unterstützung der konservativen und finanzkräftigen Kreise (Hugenberg) konnte seine Saat aufgehen. Komme mir bitte niemand mehr mit dem Spruch:"Das haben wir doch nicht gewusst." Und komme mir bitte niemand mehr mit der Gnade der späten Geburt. Die politische Saat von damals scheint heute offenbar nicht vernichtet zu sein, sie geht wieder auf. Schauen wir uns doch im politischen Alltag um: Die Protagonisten des verdeckten unterschwelligen Antisemitismus und auch die des offenen aggressiven Antisemitismus stehen doch schon wieder auf der politischen Bühne. Und sie bekommen satte Abgeordnetenzahlen in den Parlamenten Deutschlands. Es ist schrecklich und bedrückend. Erwin Fortelkja (Klarname)
Gerhard Della, 18.04.2019
2.
wie bedrückend wahr Sie schreiben! Das richtige Geschmeiß war nie tot, es übte sich in Akinese.
Dietrich Westphal, 18.04.2019
3. Warum kann ich die Situation und das was folgte nachempfinden ?
Ich weiss es nicht und suche nach einer vernuenftigen Antwort. Warum ist das nationalsozialistische Gedankengut anziehender als das sozialistische ? Ich bin in der DDR aufgewachsen und erlebte, dass die Sozialisten dort ein dem nationalsozialistischen nachempfundenen System einfuehrten. Junge Pioniere = Pimpfe, FDJ = Hitlerjugend. Die Volksarmee wurde mit deutschen Uniformen ausgestattet, der Offizier marschierte seiner Einheit mit gezuecktem Saebel im Stechschritt voraus. Nicht von dem hat bei mir verfangen, es war nur eine Kopie und ohne Wirkung. Ich bin 1940 geboren, war also noch zu klein, um zu verstehen, was Nationalsozialismus bedeutet. Warum kann ich die Begeisterung, die Hitler entgegengebracht wurde verstehen und auch verstehen, dass Ulbricht dieselbe Begeisterung versagt blieb ?
erwin fortelka, 19.04.2019
4. Ach, ach Herr Westphal,
Sie können also verstehen, dass dem Nationalsozialismus und Hitler damals so viel Begeisterung entgegengebracht wurde! Das kann ich eben nicht verstehen, nach allem, was damals nicht nur in München geschehen ist. Aber da kann man eben auch sehen, wie verschieden die historisch-politischen Empfindungen sind. Ein Satz noch zur ehemaligen DDR, obwohl das nun gar nicht zum Thema dieses Artikels gehört: Die ehemalige DDR hatte nichts aber auch gar nichts mit dem untergegangenen verbrecherischen NS-Staat zu tun, und Walter Ulbricht war nicht Hitler. Erwin Fortelka (Klarname)
Ricarda Nowa, 19.04.2019
5. Nie wieder Nazis
In ihrem Artikel über Konrad Heiden und dem Thema dort schreiben Sie dass j e d e r Deutsche hätte wissen können was Hitler und die Nazis mit Juden, Minderheiten, Schwerbehinderten, politischen Oppositionellen vorhatten. Dazu passt ihr Artikel dass kein Parlamentarier und Deutscher sich damit rausreden kann, von dem aktuellem Tun dieser Antisemiten in Berlin und in Deutschland nichts gewusst zu haben . Wie wäre es wenn man , sagen wir in England , Israel, Polen oder den USA , Deutsche als Freiwild jagt ?
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