Nordirland und der Brexit Die Metamorphosen des Terrors

Mehr als 20 Jahre Frieden in Nordirland, und jetzt soll der Brexit das alles gefährden - aber wer sollte denn wieder bomben wollen? Die Antwort ist beängstigend: die, die niemals damit aufhörten.

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Am 19. Januar 2019 explodierte vor dem Gericht der nordirischen Stadt Derry eine Autobombe. Zum Anschlag bekannte sich eine Terrortruppe, die sich "New IRA" (NIRA) nennt. Das Attentat erinnerte an eine Tatsache, die Medien und Öffentlichkeit lange ausgeblendet hatten: Auch mehr als 20 Jahre nach dem Friedensvertrag von 1998 herrscht kein echter Frieden in Nordirland.

Am Karfreitag 1998 hatten sich Vertreter der irisch-katholischen und britisch-protestantischen Bevölkerungsgruppen Nordirlands nach jahrelangen Verhandlungen vertraglich verpflichtet, die Macht im teilautonomen Kleinstaat zu teilen. Bis zum Bruch der Regierung 2017 regierten daraufhin Vertreter beider Gruppen gleichberechtigt miteinander. Und ab 2007 stellten ausgerechnet die beiden Parteien, die als radikalste Pole im politischen Spektrum gelten, die gemeinsame Regierung:

  • Die protestantische Democratic Unionist Party (DUP) ist eine Gründung des verstorbenen Sektenführers Ian Paisley - eines Mannes, der aufs engste mit dem Ausbruch des 30-jährigen Nordirlandskonflikts verbunden wird und selbst mehrfach versuchte, paramilitärische Gruppen zu etablieren. Paisley wurden enge Kontakte zur Terrortruppe Ulster Defence Association (UDA) nachgesagt.
  • Er regierte bald an der Seite des Sinn-Fein-Funktionärs Martin McGuiness, der einst Chef der Provisional Irish Republican Army (PIRA) gewesen sein soll.

Die Radikalen beider Seiten schworen der Gewalt ab - und ihre paramilitärischen Flügel trugen den brüchigen Frieden mit. Die PIRA ging in Vorleistung: Ab Mitte der Achtzigerjahre bestimmte Sinn Fein, bis dahin vor allem als politischer Flügel der PIRA gesehen, zunehmend den Kurs der republikanischen Bewegung, die für ein Ende der Teilung Irlands eintritt, während die Unionisten eine bleibende Zugehörigkeit zu Großbritannien fordern.

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Nordirlands protestantischer Terror: Anders, aber kaum weniger tödlich

Statt auf Gewalt setzte Sinn Fein auf einen politischen Prozess. Bereits 1997 erklärte die PIRA ihren Waffenstillstand und begann mit der Entwaffnung. 2010 folgte endlich auch die UDA diesem Beispiel, nachdem andere britisch-protestantische Paramilitärs wie die einst besonders brutale Ulster Volunteer Force (UVF) ihre Waffen niedergelegt hatten.

Wer aber mordet und bombt dann aktuell in Nordirland - auf niedrigerem, aber wieder merklich ansteigendem Niveau?

Die schlichte und beunruhigende Antwort: die, die nie damit aufgehört haben. Neben ehemaligen Terrortruppen wie der Loyalist Volunteer Force (LVF) oder der Irish National Liberation Army (INLA), die heute eher für eine Form des Organisierten Verbrechens stehen, gibt es weiterhin zahlreiche Gruppierungen von Überzeugungstätern mit mörderischen, aber - aus ihrer Sicht - "politischen" Zielen.

Mehr noch: Ihre Zahl steigt wieder, in einem Maße wie zuletzt Anfang der Siebzigerjahre zu Beginn des Nordirland-Konfliktes. Auch das hat eine lange Tradition in Irland, wo Briten und Iren seit mehr als 800 Jahren um die Kontrolle ringen.

Die Spaltungen der IRA: ein Muster mit Tradition

Zeigen lässt sich das vor allem an der Entwicklung der republikanischen Organisationen. Spaltungen kennzeichnen die Abfolge der vielen Inkarnationen der IRA: Immer dann, wenn eine Organisation die Waffen niederlegte, fanden sich einige, um den Kampf unter neuen (oder uralten) Namen wieder aufzunehmen. Die Geschichte der IRA lässt sich so bis zur irischen Rebellion von 1798 zurückverfolgen.

SPIEGEL ONLINE hat ihren spaltungsreichen Stammbaum mit den wichtigsten Einschnitten bis zurück ins Jahr 1913 zusammengefasst. Auf dem folgenden Schaubild repräsentieren die Provisional IRA (PIRA) und ihr politischer Arm Sinn Fein den Mainstream der republikanischen Bewegung. Ausgründungen und Abspaltungen sind als Abzweige dargestellt. Man erkennt das Muster auf einen Blick: Ereignisse und Entscheidungen induzieren Ausgründungen; per Mausklick auf die Namen der Organisationen erfährt man in Kurzform ihre Geschichten.

Der Stammbaum der IRA

Für weitere Informationen auf die Bezeichnungen klicken

1910

1913

Irish Volunteers

imago/ United Archives International

IRISH VOLUNTEERS

Gälisch "Óglaigh na hÉireann" (Krieger/Soldaten Irlands). Als Reaktion auf die Gründung der protestantischen Miliz "Ulster Volunteers" gegründet. Nannte sich ab dem gescheiterten Osteraufstand 1916 Irish Republican Army (IRA). Im Bild: Die ersten bewaffneten Volunteers 1914 im Hafen von Howth. Die 1500 Gewehre wurden aus Hamburg eingeschmuggelt.

1914

Cumann na MBann

Dublin City Library & Archive

Cumann na mBan

Der "Rat der Frauen" wird als eigenständige Organisation gegründet. Er trägt die Politik und Kampagnen der Irish Volunteers und später der Official IRA mit. 1969 wechselt er ins Lager der Provisional IRA (PIRA). Im Bild: Freiwillige 1914, ganz rechts Mitbegründerin Constance Markievicz.

1922

Irische

Armee

Getty Images

Irische Armee

Die IRA zerfällt in die Irish oder National Army (offizielle Armee des Staates Irland) und die Official IRA (OIRA) genannte Truppe, die die Abspaltung Nordirlands nicht akzeptieren will. Der Dissens eskaliert zum Bürgerkrieg, der bis 1923 tobt. Er endet mit einem Sieg der staatlichen Truppen, die den Friedensvertrag unterstützen, auch wenn er die Spaltung Irlands bedeutet. Im Bild: Der Politiker und Freiheitskämpfer Michael Collins akzeptierte die Abspaltung Nordirlands. Für seine ehemaligen Kameraden in der Untergrund-IRA war er damit ein Verräter - Collins wurde ermordet.

1922

OIRA

OIRA

Die Niederlage im Bürgerkrieg zwingt die Official IRA in den Untergrund. Zu ihrem Hauptziel wird die "Befreiung" Nordirlands und die Einsetzung einer die gesamte Insel umfassenden Republik. Im Verlauf der Fünfziger- und Sechzigerjahre rückte die OIRA immer weiter nach links: Sie galt bald als marxistische Organisation, die für ein kommunistisches Irland kämpfte. Das bleibt prägend für alle IRA-Ableger: Ziel war nie eine "Wiedervereinigung", sondern ein anderes und dann einiges Irland - ein Systemwechsel beiderseits der Grenze.

1920

1969

PIRA

Getty Images

PIRA

Die Provisional IRA (PIRA oder "Provos") spaltet sich ab, Cumann na mBan stößt hinzu. Anders als die OIRA, die sich als Verteidigungstruppe der katholischen Bevölkerung stilisiert, führt die PIRA einen offensiven Feldzug: Sie will einen britischen Rückzug und die Gründung eines irischen Föderalstaats mit vier Bundesländern herbeibomben ("Éire Nua", Neu-Irland). Im Bild: Der "Battle of the Bogside", Derry, 12.8.1969.

1970

1974

INLA

picture-alliance / dpa/ epa

INLA

Eine der ältesten und lange gefährlichsten OIRA-Abspaltungen ist die 1974 gegründete Irish National Liberation Army (INLA). Sie wird zur größten und schlagkräftigsten Abspaltung der OIRA, gilt bald als radikalste aller paramilitärischen Organisationen. Obwohl politisch noch einmal deutlich links der PIRA positioniert, kooperiert die INLA häufig mit den "Provos".

1972

OIRA

Waffenstillstand

ullstein bild/ mirrorpix

OIRA - Waffenstillstand

Nach zwei katastrophal schiefgelaufenen Attentaten verkündet die OIRA einen Waffenstillstand. Sie besteht noch bis Ende der Siebziger fort, verliert aber kontinuierlich an Bedeutung. Radikale Kräfte innerhalb der OIRA ignorieren den Waffenstillstand und bilden bald eigene Truppen. Der "Bloody Sunday" von Derry, bei dem britische Fallschirmjäger das Feuer auf friedliche Demonstranten eröffnen und 13 Menschen töten, lässt den Konflikt zum Bürgerkrieg eskalieren. Im Bild: Die Bilder des späteren Bischofs Edward Daly, der Leichen und Verletzte von der Straße birgt, gehen um die Welt.

1980

1984

IPLO

IPLO

Radikale aus der INLA gründen die kleine, aber äußerst brutale Irish People's Liberation Organisation (IPLO). Die ist im Krieg mit jedermann: Ihre Anschläge treffen Briten und Iren, Protestanten und Katholiken, und dort auch die INLA und PIRA. Die macht dem Albtraum 1992 ein Ende, indem sie die Anführer ermordet und die Überlebenden zurück "auf Linie" zwingt.

1986

CIRA

REUTERS

CIRA

Radikale aus der PIRA gründen die Continuity IRA (CIRA). Cumann na mBan schließt sich ihnen an. Beide Organisationen verfolgen weiter das Ziel des "Éira Nua", von dem sich die PIRA 1979 verabschiedete. Politisch sehen sie sich als Sozialisten - so wie nun auch die PIRA und ihr zunehmend erstarkender politischer Flügel Sinn Féin.

1990

1994

Waffenstillstand

Getty Images/ Independent News And Media

Waffenstillstand

Die PIRA verkündet einseitig ihren Waffenstillstand. Seit Beginn der 80er war der Einfluss des politischen Flügels Sinn Féin kontinuierlich gewachsen, der die größeren Chancen, politische Ziele durchzusetzen, im politischen Prozess sah. Mitte des Jahrzehnts ebnete das Führungsduo Gerry Adams (Sinn Féin, hier rechts) und Martin McGuiness (IRA) mit der Aussetzung des "bewaffneten Kampfes" den Weg zum nordirischen Friedensprozess (im Bild hier: auf dem richtungsweisenden, "Ard Fheis" genannten Sinn-Féin-Parteitag 1985.

1997

RIRA

RIRA

Radikale aus der PIRA gründen im Protest gegen diesen Friedenskurs die Real IRA (RIRA). Die Organisation wird zu einem Sammelbecken für IRA-Mitglieder, die dem Friedensprozess grundsätzlich ablehnend gegenüberstehen.

1998

Friedensabkommen

AP/ Paul McErlane

Friedensschluss

Sinn Féin und die PIRA tragen den Vertrag mit, auch die INLA verkündet einen Waffenstillstand. Die sogenannten Dissidents (RIRA, CIRA, Cumann na mBan u.a.) intensivieren ihren Bombenkrieg und Anschläge. Am 15. August 1998 tötet eine RIRA-Bombe in Omagh 29 Menschen und verletzt mehr als 300 weitere -der blutigste Anschlag im gesamten Nordirlandkonflikt.

2002

Entwaffnung

REUTERS

Entwaffnung

Internationale Kommission stellt weitgehende Entwaffnung der PIRA fest

2000

2006

RDA

DPA

RDA

Radikale aus der PIRA gründen die Republican Defence Army (RDA, aktiv bis 2011/2012). PIRA-nahe Aktivisten aus Derry gründen Republican Action Against Drugs (RAAD). Im Bild: An einer Mauer in Belfast prangt Graffiti, das gegen die IRA-Entwaffnung protestiert

2006

RAAD

DPA

RAAD

Radikale aus der PIRA gründen die Republican Defence Army (RDA, aktiv bis 2011/2012). PIRA-nahe Aktivisten aus Derry gründen Republican Action Against Drugs (RAAD). Im Bild: An einer Mauer in Belfast prangt Graffiti, die gegen die IRA-Entwaffnung protestiert

2009

Óglaigh na

hÉireann

Óglaigh na hÉireann

Radikale aus der RIRA gründen eine Truppe, die sich ebenfalls Óglaigh na hÉireann nennt. 2018 verkündet sie einseitig einen Waffenstillstand und verschwindet.

2009

Entwaffnung

Entwaffnung

Entwaffnung der INLA. Die Organisation besteht fort und wird weiter als potenziell gefährlich beobachtet. Sie gilt heute als primär kriminelle Struktur.

2012 NIRA

Getty Images

NIRA

Aus RIRA und RAAD entsteht die New IRA (NIRA). Bis Frühjahr 2019 verschickt sie neun Briefbomben, verübt mindestens 15 Mordversuche, ermordet mindestens sieben Personen und begeht mindestens 16 Bombenattentate, unter anderem die Bombenattacke am 19. Januar 2019 in Derry (hier im Bild).

2010

2013

Saoirse na

hÉireann

Saoirse na hÉireann

Eine Gruppe, die sich wieder einmal Saoirse na hÉireann nennt, geht aus der RIRA hervor. Sie gibt ihre Aktivität 2014 wieder auf. 2017: Radikale aus der NIRA gründen Arm na Poblachta. Der Gruppe wird bisher ein Bombenattentat zugeschrieben, sie gilt als weiterhin aktiv.

2018

Waffenstillstand

Waffenstillstand 2018

Als die aus der RIRA hervorgegangene Óglaigh na hÉireann einen Waffenstillstand verkündet und ihre Tätigkeiten einstellt, gründen Radikale aus der Gruppe das Irish Republican Movement (IRM). Die Gruppe droht mit "Todesurteilen" gegen britische Soldaten und die nordirische Polizei sowie mit der Erschießung von Dealern und Kriminellen aus der katholischen Gemeinde.

2017

Arm na

Poblachta

Arm na Poblachta

Radikale aus der NIRA gründen Arm na Poblachta. Der Gruppe wird bisher ein Bombenattentat zugeschrieben, sie gilt als weiterhin aktiv.

2018

IRM

IRM

Als die aus der RIRA hervorgegangene Óglaigh na hÉireann einen Waffenstillstand verkündet und ihre Tätigkeiten einstellt, gründen Radikale aus der Gruppe das Irish Republican Movement (IRM). Die Gruppe droht mit "Todesurteilen" gegen britische Soldaten und die nordirische Polizei sowie mit der Erschießung von Dealern und Kriminellen aus der katholischen Gemeinde.

2000

2005

Saoirse na

hÉireann

Saoirse na hÉireann

Drei radikale Splittergruppen lösen sich von der CIRA: Die Irish Liberation Army (IRLA), Óglaigh na hÉireann (aktiv bis 2009) und Saoirse na hÉireann (aktiv bis 2009).

2005

IRLA

IRLA

Drei radikale Splittergruppen lösen sich von der CIRA: Die Irish Liberation Army (IRLA), Óglaigh na hÉireann (aktiv bis 2009) und Saoirse na hÉireann (aktiv bis 2009).

2005

Óglaigh na

hÉireann

Óglaigh na hÉireann

Drei radikale Splittergruppen lösen sich von der CIRA: Die Irish Liberation Army (IRLA), Óglaigh na hÉireann (aktiv bis 2009) und Saoirse na hÉireann (aktiv bis 2009).

2010

2010 - 2012

Real CIRA

2010 - 2012

Bis zu vier autonom agierende Truppen spalten sich von der CIRA ab, alle nennen sich Real Continuity IRA. Ob und welche davon noch aktiv sind, ist unbekannt.

Der Stammbaum der IRA

Für weitere Informationen auf die Bezeichnungen klicken

1910

1913

Irish Volunteers

imago/ United Archives International

IRISH VOLUNTEERS

Gälisch "Óglaigh na hÉireann" (Krieger/Soldaten Irlands). Als Reaktion auf die Gründung der protestantischen Miliz "Ulster Volunteers" gegründet. Nannte sich ab dem gescheiterten Osteraufstand 1916 Irish Republican Army (IRA). Im Bild: Die ersten bewaffneten Volunteers 1914 im Hafen von Howth. Die 1500 Gewehre wurden aus Hamburg eingeschmuggelt.

1914

Cumann na mBan

Dublin City Library & Archive

Cumann na mBan

Der "Rat der Frauen" wird als eigenständige Organisation gegründet. Er trägt die Politik und Kampagnen der Irish Volunteers und später der Official IRA mit. 1969 wechselt er ins Lager der Provisional IRA (PIRA). Im Bild: Freiwillige 1914, ganz rechts Mitbegründerin Constance Markievicz.

1922

Irische Armee

Getty Images

Irische Armee

Die IRA zerfällt in die Irish oder National Army (offizielle Armee des Staates Irland) und die Official IRA (OIRA) genannte Truppe, die die Abspaltung Nordirlands nicht akzeptieren will. Der Dissens eskaliert zum Bürgerkrieg, der bis 1923 tobt. Er endet mit einem Sieg der staatlichen Truppen, die den Friedensvertrag unterstützen, auch wenn er die Spaltung Irlands bedeutet. Im Bild: Der Politiker und Freiheitskämpfer Michael Collins akzeptierte die Abspaltung Nordirlands. Für seine ehemaligen Kameraden in der Untergrund-IRA war er damit ein Verräter - Collins wurde ermordet.

1922

OIRA

OIRA

Die Niederlage im Bürgerkrieg zwingt die Official IRA in den Untergrund. Zu ihrem Hauptziel wird die "Befreiung" Nordirlands und die Einsetzung einer die gesamte Insel umfassenden Republik. Im Verlauf der Fünfziger- und Sechzigerjahre rückte die OIRA immer weiter nach links: Sie galt bald als marxistische Organisation, die für ein kommunistisches Irland kämpfte. Das bleibt prägend für alle IRA-Ableger: Ziel war nie eine "Wiedervereinigung", sondern ein anderes und dann einiges Irland - ein Systemwechsel beiderseits der Grenze.

1920

1969

PIRA

Getty Images

PIRA

Die Provisional IRA (PIRA oder "Provos") spaltet sich ab, Cumann na mBan stößt hinzu. Anders als die OIRA, die sich als Verteidigungstruppe der katholischen Bevölkerung stilisiert, führt die PIRA einen offensiven Feldzug: Sie will einen britischen Rückzug und die Gründung eines irischen Föderalstaats mit vier Bundesländern herbeibomben ("Éire Nua", Neu-Irland). Im Bild: Der "Battle of the Bogside", Derry, 12.8.1969.

1970

1974

INLA

picture-alliance / dpa/ epa

INLA

Eine der ältesten und lange gefährlichsten OIRA-Abspaltungen ist die 1974 gegründete Irish National Liberation Army (INLA). Sie wird zur größten und schlagkräftigsten Abspaltung der OIRA, gilt bald als radikalste aller paramilitärischen Organisationen. Obwohl politisch noch einmal deutlich links der PIRA positioniert, kooperiert die INLA häufig mit den "Provos".

1972

OIRA

Waffenstillstand

ullstein bild/ mirrorpix

OIRA - Waffenstillstand

Nach zwei katastrophal schiefgelaufenen Attentaten verkündet die OIRA einen Waffenstillstand. Sie besteht noch bis Ende der Siebziger fort, verliert aber kontinuierlich an Bedeutung. Radikale Kräfte innerhalb der OIRA ignorieren den Waffenstillstand und bilden bald eigene Truppen. Der "Bloody Sunday" von Derry, bei dem britische Fallschirmjäger das Feuer auf friedliche Demonstranten eröffnen und 13 Menschen töten, lässt den Konflikt zum Bürgerkrieg eskalieren. Im Bild: Die Bilder des späteren Bischofs Edward Daly, der Leichen und Verletzte von der Straße birgt, gehen um die Welt.

1980

1984

IPLO

IPLO

Radikale aus der INLA gründen die kleine, aber äußerst brutale Irish People's Liberation Organisation (IPLO). Die ist im Krieg mit jedermann: Ihre Anschläge treffen Briten und Iren, Protestanten und Katholiken, und dort auch die INLA und PIRA. Die macht dem Albtraum 1992 ein Ende, indem sie die Anführer ermordet und die Überlebenden zurück "auf Linie" zwingt.

1986

CIRA

REUTERS

CIRA

Radikale aus der PIRA gründen die Continuity IRA (CIRA). Cumann na mBan schließt sich ihnen an. Beide Organisationen verfolgen weiter das Ziel des "Éira Nua", von dem sich die PIRA 1979 verabschiedete. Politisch sehen sie sich als Sozialisten - so wie nun auch die PIRA und ihr zunehmend erstarkender politischer Flügel Sinn Féin.

1990

1994

Waffenstillstand

Getty Images/ Independent News And Media

Waffenstillstand

Die PIRA verkündet einseitig ihren Waffenstillstand. Seit Beginn der Achtziger war der Einfluss des politischen Flügels Sinn Féin kontinuierlich gewachsen, der die größeren Chancen, politische Ziele durchzusetzen, im politischen Prozess sah. Mitte des Jahrzehnts ebnete das Führungsduo Gerry Adams (Sinn Féin, hier rechts) und Martin McGuiness (IRA) mit der Aussetzung des "bewaffneten Kampfes" den Weg zum nordirischen Friedensprozess (im Bild hier: auf dem richtungsweisenden, "Ard Fheis" genannten Sinn-Féin-Parteitag 1985.

1997

RIRA

RIRA

Radikale aus der PIRA gründen im Protest gegen diesen Friedenskurs die Real IRA (RIRA). Die Organisation wird zu einem Sammelbecken für IRA-Mitglieder, die dem Friedensprozess grundsätzlich ablehnend gegenüberstehen.

1998

Friedensabkommen

AP/ Paul McErlane

Friedensschluss

Sinn Féin und die PIRA tragen den Vertrag mit, auch die INLA verkündet einen Waffenstillstand. Die sogenannten Dissidents (RIRA, CIRA, Cumann na mBan und andere) intensivieren ihren Bombenkrieg und Anschläge. Am 15. August 1998 tötet eine RIRA-Bombe in Omagh 29 Menschen und verletzt mehr als 300 weitere - der blutigste Anschlag im gesamten Nordirlandkonflikt.

2002

Entwaffnung

REUTERS

Entwaffnung

Internationale Kommission stellt weitgehende Entwaffnung der PIRA fest

2000

2005

Saoirse na

hÉireann

Saoirse na hÉireann

Drei radikale Splittergruppen lösen sich von der CIRA: Die Irish Liberation Army (IRLA), Óglaigh na hÉireann (aktiv bis 2009) und Saoirse na hÉireann (aktiv bis 2009).

2005

IRLA

IRLA

Drei radikale Splittergruppen lösen sich von der CIRA: Die Irish Liberation Army (IRLA), Óglaigh na hÉireann (aktiv bis 2009) und Saoirse na hÉireann (aktiv bis 2009).

2006

RDA

DPA

RDA

Radikale aus der PIRA gründen die Republican Defence Army (RDA, aktiv bis 2011/2012). PIRA-nahe Aktivisten aus Derry gründen Republican Action Against Drugs (RAAD). Im Bild: An einer Mauer in Belfast prangt Graffiti, die gegen die IRA-Entwaffnung protestiert

2006

RAAD

DPA

RAAD

Radikale aus der PIRA gründen die Republican Defence Army (RDA, aktiv bis 2011/2012). PIRA-nahe Aktivisten aus Derry gründen Republican Action Against Drugs (RAAD). Im Bild: An einer Mauer in Belfast prangt Graffiti, das gegen die IRA-Entwaffnung protestiert.

2005

Óglaigh na

hÉireann

Óglaigh na hÉireann

Drei radikale Splittergruppen lösen sich von der CIRA: Die Irish Liberation Army (IRLA), Óglaigh na hÉireann (aktiv bis 2009) und Saoirse na hÉireann (aktiv bis 2009).

2009

Óglaigh na

hÉireann

Óglaigh na hÉireann

Radikale aus der RIRA gründen eine Truppe, die sich ebenfalls Óglaigh na hÉireann nennt. 2018 verkündet sie einseitig einen Waffenstillstand und verschwindet.

2009

Entwaffnung

Entwaffnung

Entwaffnung der INLA. Die Organisation besteht fort und wird weiter als potenziell gefährlich beobachtet. Sie gilt heute als primär kriminelle Struktur.

2012 NIRA

Getty Images

NIRA

Aus RIRA und RAAD entsteht die New IRA (NIRA). Bis Frühjahr 2019 verschickt sie neun Briefbomben, verübt mindestens 15 Mordversuche, ermordet mindestens sieben Personen und begeht mindestens 16 Bombenattentate, unter anderem die Bombenattacke am 19. Januar 2019 in Derry (hier im Bild).

2010

2013

Saoirse na

hÉireann

Saoirse na hÉireann

Eine Gruppe, die sich wieder einmal Saoirse na hÉireann nennt, geht aus der RIRA hervor. Sie gibt ihre Aktivität 2014 wieder auf. 2017: Radikale aus der NIRA gründen Arm na Poblachta. Der Gruppe wird bisher ein Bombenattentat zugeschrieben, sie gilt als weiterhin aktiv.

2010 - 2012

Real CIRA

2010 - 2012

Bis zu vier autonom agierende Truppen spalten sich von der CIRA ab, alle nennen sich Real Continuity IRA. Ob und welche davon noch aktiv sind, ist unbekannt.

2018

Waffenstillstand

Waffenstillstand 2018

Als die aus der RIRA hervorgegangene Óglaigh na hÉireann einen Waffenstillstand verkündet und ihre Tätigkeiten einstellt, gründen Radikale aus der Gruppe das Irish Republican Movement (IRM). Die Gruppe droht mit "Todesurteilen" gegen britische Soldaten und die nordirische Polizei sowie mit der Erschießung von Dealern und Kriminellen aus der katholischen Gemeinde.

2017

Arm na Poblachta

Arm na Poblachta

Radikale aus der NIRA gründen Arm na Poblachta. Der Gruppe wird bisher ein Bombenattentat zugeschrieben, sie gilt als weiterhin aktiv.

2018

IRM

IRM

Als die aus der RIRA hervorgegangene Óglaigh na hÉireann einen Waffenstillstand verkündet und ihre Tätigkeiten einstellt, gründen Radikale aus der Gruppe das Irish Republican Movement (IRM). Die Gruppe droht mit "Todesurteilen" gegen britische Soldaten und die nordirische Polizei sowie mit der Erschießung von Dealern und Kriminellen aus der katholischen Gemeinde.

Leicht zu erkennen sind drei Phasen mit Spaltungen innerhalb oder aus dem Mainstream des Republikanismus heraus:

  • Die Nach-Revolutionsjahre 1921-1923: Am Ende des Befreiungskrieges kommt es zur Spaltung der IRA in die, die mit dem südirischen Teilstaat zufrieden sind, und jene, die keine Teilung des Landes hinnehmen wollen.
  • Ausbruch des Nordirland-Konfliktes 1969-1972: Die Frustration über mangelnde Radikalität der Official IRA (OIRA) führt zu radikaleren Ausgründungen - vor allem PIRA und INLA.
  • Friedensprozess ab 1997: Die Abspaltung der Real IRA (RIRA) ist ein Protest gegen den Friedensprozess der PIRA - und beginnt mit dem blutigsten Bombenattentat der nordirischen Konfliktgeschichte. Die fortschreitende Entwaffnung motiviert auf beiden Seiten Hardliner, die sich nicht entwaffnen lassen wollen, zur Gründung eigener Gruppen.

Inaktiv waren diese Gruppen nie: Es gab seit 1998 kein einziges Jahr ohne Anschläge, mehrere Morde, interne Machtkämpfe und "Bestrafungsaktionen", die Menschen die Gesundheit oder das Leben kosteten. Die Gewalt erreichte allerdings nur noch selten das Niveau, um auch von der internationalen Presse berichtet zu werden.

OIRA-Checkpoint in Derry, Nordirland 1972: Aus dem alten Zweig der IRA entstand die INLA
Getty Images/ Watford/ Mirrorpix

OIRA-Checkpoint in Derry, Nordirland 1972: Aus dem alten Zweig der IRA entstand die INLA

Das hat sich zuletzt merklich geändert. Zurzeit gehen die Sicherheitskräfte auf beiden Seiten der irischen Grenze wieder von mehreren hundert aktiven, bewaffneten Terroristen in Nordirland aus.

Warum jetzt?

Einblick in die Gründe lieferte Anfang 2019 Marisa McGlinshey mit ihrer Studie "Unfinished Business". Der Politologin gelang es ab 2010, Interviews mit fast 100 Terroristen aus noch aktiven Terrortruppen des republikanischen Spektrums zu führen - mal in Haft, mal im Untergrund.

Es ist die bisher einzige detaillierte Beschreibung einer Szene, die den Friedensvertrag von '98 nie akzeptiert hat. Die teils miteinander konkurrierenden Gruppen nennt man "Dissidenten", weil sie dem Mainstream des Republikanismus, repräsentiert durch Sinn Fein und die Provisional IRA (PIRA), nicht in den Waffenstillstand und Friedensvertrag gefolgt sind.

Preisabfragezeitpunkt:
26.04.2019, 00:10 Uhr
Ohne Gewähr

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Marisa McGlinchey
Unfinished Business: The Politics of 'Dissident' Irish Republicanism

Verlag:
Manchester University Press
Seiten:
256
Preis:
EUR 19,49

Doch wer da "Dissident" ist, lernt man bei McGlinshey, ist durchaus eine Frage der Perspektive. Für die NIRA und ihre Mitbomber sind die, die 1998 Frieden schlossen, nichts anderes als Abweichler vom republikanischen Weg. Sie selbst sehen sich dagegen in einer historischen Kontinuität des irischen Freiheitskampfes.

Dass sie gerade jetzt zu erstarken scheinen, liege am drohenden Brexit, sagen Experten, aber auch ganz normale Bürger. "Die paramilitärischen Organisationen", analysierte etwa Gerry Moriarty, der Nordirland-Korrespondent der "Irish Times", "sehen den Brexit als Chance - je härter, desto besser."

Denn das Thema bringt ein uraltes Thema zurück auf die Agenda: die Frage der nationalen Identität. Viele Republikaner entdecken im Brexit die Chance, die Wiedervereinigung Nordirlands mit der Republik Irland zu erreichen - auch, weil sich in Sachen Brexit das protestantische Lager erstmals nicht so einig ist wie sonst. Zehntausende nordirische Protestanten haben in den letzten Jahren sogar die irische als zweite Staatsangehörigkeit angenommen, um mögliche Nachteile durch den Brexit zu umgehen - früher fast undenkbar, ein Tabu.

CIRA-Graffiti in Belfast: Immer bombt jemand weiter
REUTERS

CIRA-Graffiti in Belfast: Immer bombt jemand weiter

Radikale Kräfte auf beiden Seiten entdecken im Brexit dagegen ein Thema, an dem sich die Gegensätze wieder schärfer herausarbeiten lassen. Beobachter der Szenen befürchten hier das Schlimmste. Die Anzeichen mehren sich, dass die Nerven zunehmend blank liegen. Paramilitärische Gruppen bewaffnen sich wieder aus teils uralten Beständen, die vermeintlich vergessen im Grenzland lagerten. Das Gewehr- und Plastiksprengstoff-Arsenal der NIRA speist sich offenbar aus Depots, die von der Mitte der Siebzigerjahre verschwundenen OIRA hinterlassen wurden.

Wie zu schlechten, alten Zeiten

Zugleich brechen durch teils fragwürdige Entscheidungen alte Wunden wieder auf, wie zuletzt bei den Voruntersuchungen zur Frage, ob die Soldaten, die am "Bloody Sunday" das Feuer auf Unbewaffnete eröffneten, angeklagt werden oder nicht. Und zum Lagerdenken tragen nun selbst Vertreter der Parteien bei, die gut zwei Jahrzehnte lang kooperierten, wenn auch manchmal zähneknirschend.

So ließ sich Sinn-Fein-Parteichefin Mary Lou MacDonald am 17. März 2019 zur St.-Patricks-Day-Parade in New York lachend hinter einem Banner fotografieren, das die Unionisten auf die Palme brachte: "England, verschwinde aus Irland!" stand darauf - wie zu schlechten, alten Zeiten.

Die Replik aus dem Lager der DUP kam prompt: "Wenn Sprüche wie 'Briten raus' oder 'England raus aus Irland' genutzt werden, darf sich das unionistische Lager mit Fug und Recht angesprochen fühlen", wetterte der DUP-Abgeordnete Gregory Campbell im "Belfast Telegraph". "Die britische Präsenz in Irland ist die unionistische Bevölkerung von Nordirland."

Zumindest was das angeht, sind sich die Radikalen beider Seiten völlig einig: Sie haben deshalb 30 Jahre Bürgerkrieg geführt. Und der ist in vielen Köpfen leider nicht vorbei.

Infografik: Omar Sayami

insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Nicolaus Sommer, 28.03.2019
1. Nicht endender Krieg
Ich denke, England müsste sich vollständig aus Irland zurückziehen um einen nachhaltigen Frieden zu schaffen.
GUIDO BLATTMANN, 28.03.2019
2. Spaltung x Spaltung = Zersplitterung = Schwach
Die Frage ist berechtigt, wer soll bomben? Und die Antwort darauf ist. Es wird immer Wirrköpfe geben, so lange es Menschen auf der Erde gibt. Und ja, es gibt auch in Nordirland noch versteckte Waffen und Menschen die sich im Untergrund radikalisieren. Aber, eine solche Bewegung hat nur eine Stärke, wenn sie von einer Mehrheit stillschweigend getragen wird. Und in diesem entscheidenen Punkt sieht es schlecht aus für potentielle Terroristen. Die Situation ist anders als vor 30 Jahren, das sieht man auch an der Zersplitterung, nichts anderes als ein Zeichen für Uneinigkeit und Schwäche.
nils erlemann, 28.03.2019
3. Danke für diesen
.. schnellen und guten Überblick. Ein Link zu diesem Artikel sollte unter jedem Beitrag gesetzt werden in dem es um den back-stop geht.
Rolf Dr. Wagels, 28.03.2019
4. Nicht wirklich ausgewogen
Moin Kein Wort über die Märsche an jedem 12. Juli? Kein Wort über die täglichen Versuche der DUP und anderer protestantischer Parteien, die repubklikanisch gesonnen Menschen einzuschüchtern? Bomben sind nie eine Lösung, aber jetzt alles auf die IRA und deren Abkömmlinge zu reduzieren ist zu einfach. Das Thema ist wesentlich komplexer mit Provokationen und Vergehen auf beiden Seiten.
Peter Pagel, 28.03.2019
5. Natürlich ist es höchste Zeit ...
... dass GB Irland in die Unabhängigkeit entlässt. Es ist ein Anachronismus, dass diese Kolonisierung immer noch Bestand hat. GB hat in Irland große Schuld auf sich geladen, die es erst in unzureichender Weise anerkannt hat. Der Brexit ist die perfekte Gelegenheit, dieses unselige Kapitel endlich zu beenden.
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