NS-Verbrechen Geheime Geständnisse

Massenerschießungen, Gaskammern: Deutsche Kriegsgefangene sprachen nach 1945 offen über Nazi-Verbrechen - und wurden dabei vom britischen Geheimdienst abgehört. Doch dann verschwanden die Protokolle jahrelang in Archiven. Jetzt hat ein Forscher das geheime Material aufgespürt.

AP/U.S. Holocaust Memorial Museum

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Sie begingen unvorstellbare Verbrechen - manche kamen durch die Hilfe der Besatzer ungeschoren davon. Einigen Kriegsverbrechern des Zweiten Weltkriegs gelang es so Jahrzehnte lang, ihrer Strafe zu entgehen. Wie dem Kriegsverbrecher Klaus Barbie, der als Chef der Gestapo in Lyon auf grausamste Weise folterte und tötete. Nach dem Krieg diente er sich dem Counter Intelligence Corps, der Abwehrpolizei der US-Armee, an.

Anstatt für seine Verbrechen zur Rechenschaft gezogen zu werden, baute er unbehelligt in Bayern ein Spitzelnetz auf, um kommunistische Organisationen, Gewerkschaften und Parteien zu unterwandern. Selbst nachdem die Schreckenstaten des Nazi-Handlangers 1949 öffentlich wurden, halfen die Amerikaner noch ihren Geheimnisträger außer Landes zu bringen. So konnte einem der grausamsten Verbrecher des Zweiten Weltkriegs erst 1987 der Prozess gemacht werden. Dieses Vorgehen der Amerikaner ist kein Einzelfall. Nach SPIEGEL-Informationen wurde nun bekannt, dass auch die britischen Geheimdienste nach 1945 die Strafverfolgung von NS-Verbrechern erschwerten, weil sie ihre Arbeitsmethoden nicht preisgeben wollten.

Das geht aus einer Untersuchung des englischen Historikers Stephen Tyas hervor. Die Dienste hatten flächendeckend deutsche Kriegsgefangene befragt und in deren Unterkünften abgehört. In den daraus resultierenden, gut 20.000 Berichten finden sich zahlreiche Hinweise auf Verbrechen, denn viele Gefangene sprachen offen über Massenerschießungen, den Einsatz von Gaswagen und selbst die Gaskammern in Auschwitz. Teils hatten die Landser die Morde beobachtet, teils durch Kameraden davon gehört.

Ermittlungen hatten die Berichte nicht zur Folge, da die britischen Geheimdienstler sich am 11. Juni 1945 darauf verständigten, die Abhörprotokolle als "top secret" einzustufen. Grund: Wäre das Verwanzen in einem Gerichtsverfahren öffentlich geworden, hätte das die "zukünftige Nutzung" des Abhörens in Frage gestellt. Die Dokumente verschwanden im Archiv. Der "Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen" in Ludwigsburg liegt zwar ein Teil der Papiere vor. Doch bislang fehlt es an Personal, um diese systematisch auszuwerten.

Landesarchiv Baden-Würtemberg



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Fred Kissler, 11.08.2008
1.
Wie geheim kann das sein, wenn es darüber bereits ein Buch gibt ? ISBN-10: 3549072619
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