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17. März 2008, 14:25 Uhr

Olympia 1936

Der boykottierte Boykott

Von Ernst Piper

Während die Sportler um Medaillen kämpften, errichteten Häftlinge vor den Toren Berlins ein KZ: Die Olympischen Spiele verschafften dem NS-Regime einen internationalen Triumph - dass alle Boykott-Aufrufe erfolglos blieben, verdankte Hitler ausgerechnet einem Amerikaner.

Am 5. September 1972 wurden die heiteren Olympischen Spiele in München durch eine Tragödie erschüttert. Ein Kommando der palästinensischen Terrororganisation "Schwarzer September" brachte elf israelische Sportler in seine Gewalt. Am Ende des Tages waren alle Geiseln, fünf der Terroristen und ein deutscher Polizist tot. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) trat zu einer Krisensitzung zusammen. Als Resultat verkündete der Präsident Avery Brundage die inzwischen legendäre Parole "The games must go on". Den einen galt dies als Ausdruck olympischen Selbstbehauptungswillens, andere meinten, Brundage habe damit der endgültigen Kommerzialisierung der Spiele den Weg geebnet.

1936 hatte es schon einmal Olympische Spiele in Deutschland gegeben. Eigentlich hätten die Spiele sogar schon 1916 in Berlin stattfinden sollen, doch, als die Vorbereitungen in vollem Gange waren, brach der Erste Weltkrieg aus. Nach seinem Ende war Deutschland als schuldig am Kriegsausbruch aus dem IOC ausgeschlossen, bewarb sich nach seiner Wiederaufnahme erneut und erhielt gegen den Rivalen Barcelona 1931 mit großer Mehrheit den Zuschlag für die Spiele des Jahres 1936. Damals war die deutsche Demokratie noch halbwegs intakt, doch zwei Jahre später kamen die Nazis an die Macht und das IOC forderte die neue deutsche Regierung auf, sich zur Einhaltung der olympischen Regeln zu bekennen. Insbesondere solle Deutschland allen Rassen und Konfessionen freien Zugang zu den Mannschaften zu gewähren.

Lippenbekenntnisse und Lüge

Hitler gab die geforderten Lippenbekenntnisse ab, doch die beeindruckten nicht jeden. Vielmehr gewann die internationale Boykottbewegung gegen Olympia in Nazideutschland noch an Intensität. Durch die Verabschiedung der Nürnberger Rassengesetze im September 1935 erhielt sie weiteren Auftrieb. Vor allem das "Fair Play Movement" in den USA hatte viele Unterstützer. Avery Brundage, der Präsident des amerikanischen NOK, erkannte, dass auf der entscheidenden Versammlung der "Amateur Athletic Union" (AAU) die Mehrheit für einen Boykott der Spiele in Berlin stimmen würde. Daraufhin ließ er die Abstimmung verschieben, trommelte über Nacht weitere Delegierte herbei und setzte sich am nächsten Tag mit 58 gegen 56 Stimmen durch.

Brundage (1887-1975), hatte die USA bei den Olympischen Spielen 1912 als Zehnkämpfer vertreten. Er war viele Jahre lang einer der besten amerikanischen Athleten, verdiente als Bauunternehmer ein Milliardenvermögen und war seit 1928 Präsident der AAU. Nach seinem Abstimmungssieg wurde er auch in das IOC aufgenommen und dafür der bisherige amerikanische Vertreter Ernest Lee Jahnke, Sohn von deutschen Einwanderern und Anhänger der Boykottidee, hinausgeworfen. Auch der amerikanische Botschafter in Berlin war gegen die Teilnahme seines Landes an den Spielen, doch Brundage walzte alle Widerstände nieder und berichtete nach einer Deutschlandsreise wahrheitswidrig, es gebe keine Behinderungen für jüdische Sportler. Tatsächlich kam kein einziger in die deutsche Olympiamannschaft. Die jüdischen Sportler waren in den Jahren zuvor von allen normalen Trainingsmöglichkeiten ausgeschlossen gewesen und erreichten nun die Qualifikationskriterien nicht.

Lediglich die halbjüdische Fechterin Helene Mayer, Goldmedaillengewinnerin von 1928, gehörte dem deutschen Kader an. Sie lebte damals bereits seit Jahren in den USA. Thomas Mann und andere appellierten an sie, nicht in den Dienst des "Dritten Reiches" zu treten. Doch sie erklärte, es wäre ihr eine Ehre, für Deutschland zu fechten. Sie nahm vorübergehend noch einmal die deutsche Staatsangehörigkeit an und gewann in Berlin die Silbermedaille. Als Leni Riefenstahl 1938 auf Promotiontour für ihren Olympiafilm durch die USA reiste, wurde sie von Helene Mayer begleitet.

Perfekte Idylle für einen Sommer

Am 6. Februar 1936 begannen die Olympischen Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen. Mit Teilnehmern aus 28 verschiedenen Staaten wurde ein neuer Rekord aufgestellt. Noch gigantischer waren die Sommerspiele, die vom 1. bis 16. August in Berlin stattfanden. Auch sie erreichten mit 49 Nationen einen neuen Teilnehmerrekord.

Eröffnet wurden die Spiele erstmals mit einem Fackellauf. Das war eine Idee des deutsche NOK-Vorsitzenden Carl Diem gewesen. Die Fackel wurde am 20. Juli in Olympia entzündet und dann von 3331 Läufern aus sieben Nationen nach Berlin gebracht, wo mit ihr das olympische Feuer entzündet wurde. Leni Riefenstahl begann mit dieser eindrucksvollen Inszenierung ihren Olympia-Film. Auch sonst waren die gesamten Olympischen Spiele ein perfektes Gesamtkunstwerk nationalsozialistischer Propaganda, wobei die Olympia-Offiziellen die militaristischen Züge geflissentlich übersahen. Die ganze Stadt war mit Fahnen und Girlanden geschmückt. Die damals schon an vielen öffentlichen Gebäuden angebrachten Schilder "Für Juden verboten" wurden ebenso vorübergehend entfernt wie die sonst allgegenwärtige Hetzparole "Die Juden sind unser Unglück" aus den Schaukästen des "Stürmer". Hitler untersagte den Verkauf des Hetzblattes für die Dauer der Spiele.

Damit die perfekte Idylle nicht durch "rassefremde" Elemente getrübt wurde, ließ Innenminister Wilhelm Frick alle Zigeuner in ein Sammellager in den Berliner Außenbezirk Marzahn verfrachten. Und während im Olympiastadion um Medaillen gekämpft wurde, mussten Häftlinge aus Esterwegen vor den Toren der Stadt das Konzentrationslager Sachsenhausen errichten. Mehr als 200.000 Menschen aus über 40 Nationen wurden dort in den folgenden Jahren interniert.

Gegenolympia

Adolf Hitler, der den Olympischen Spielen anfangs skeptisch gegenüber gestanden hatte, war angesichts des gewaltigen Propagandaerfolgs im Nachhinein von dem Spektakel begeistert. 1940 sollten die Spiele in Japan stattfinden - einen entsprechenden Beschluss führte Brundage herbei -, danach dann nur noch in Deutschland. Doch wie 1916 kam den deutschen Ambitionen ein Weltkrieg in die Quere. 1940 und 1944 fanden die Spiele nicht statt.

In Paris hatte sich unter reger internationaler Beteiligung 1935 ein Komitee zur Verteidigung der Olympischen Idee gebildet, das ein Gegenolympia in Barcelona propagierte, die jedoch ein Opfer des Spanischen Bürgerkrieges wurde.

Zu einem ernsthaften Boykott Olympischer Spiele kam es erstmals 1980, als die USA und 64 weitere Staaten wegen des Einmarschs der Sowjetunion in Afghanistan Ende 1979 die Spiele in Moskau boykottierten. Im Gegenzug kamen die meisten Ostblockstaaten nicht zu den Sommerspielen 1984 in Los Angeles; lediglich die Jugoslawen und die Rumänen beteiligten sich. Und noch ein kommunistisches Land war in den USA dabei: Zum ersten Mal überhaupt war eine Mannschaft der Volksrepublik China bei den Olympischen Spielen vertreten.

Fast ein Vierteljahrhundert später wollen die Chinesen 2008 selbst Gastgeber der Spiele sein. Wie Brundage 1936 die Spiele von Berlin, so verteidigten bis vor kurzem seine Nachfolger die Spiele von Peking - ungeachtet aller Defiziten in punkto Demokratie und Menschenrechten. "The games must go on" - bleibt Brundages Motto Gesetz?

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