Olympia 1972 Der Duft von Blacky Fuchsberger

Die Olympischen Spiele 1972 sind für Stadionsprecher Detlev Mahnert mehr als die Geiselnahme von München. Er foppte Professor Napoleon, sah das legendäre Basketball-Endspiel Russland gegen die USA und wurde von Jupp Derwall aus der Kabine geschmissen.

Detlev Mahnert

Die Olympischen Spiele von 1972 sind im kollektiven Bewusstsein der Menschen nicht als die heiteren Spiele, als die sie ausgerufen worden waren, sondern als die blutigen Spiele gespeichert. Bei mir schieben sich immer mehr auch andere Bilder davor: Erinnerungen an die Monate zuvor, an die Tage der Auswahl für das Sprecherteam, an unsere "Fachprüfung" mit Fragen wie "Was ist Abseits?" und an meine Probeaufnahmen bei einem Spiel zwischen Rot-Weiß Essen und Alemannia Aachen. Ich durfte die Halbzeitstände von den anderen Plätzen durchsagen - alle Spiele standen 0:0, da konnte ich schon ein bisschen mit der Stimme spielen und die Zuschauer in Spannung halten.

Ich denke noch gerne an den Tag, als wir in die Stadiontechnik des Olympiastadions eingeführt wurden. Bei der Mikrofonprobe gab Joachim "Blacky" Fuchsberger, der die Eröffnungsfeier kommentieren sollte, erst einmal eine Runde "4711" aus. Er hat damals Fernsehwerbung dafür gemacht, das brachte ihm ein Jahr frei duften ein. Danach stank die Sprecherkabine wie ein orientalisches Bordell, jedenfalls so, wie ich mir ein solches Institut damals vorstellte.

Die Generalprobe fand im prallgefüllten Stadion beim Münchner Derby 1860 gegen Bayern statt. Das muss man sich vorstellen: Diese urbayerische Herzensangelegenheit wurde von einem Menschen mit preußischem Zungenschlag kommentiert. Ich weiß nicht, wie verstört die Zuschauer waren, aber so schlecht bin ich wohl nicht gewesen. Vielleicht hat mir auch mein österreichisch scharf anlautendes "s" geholfen, die Sprache nicht zu fremd klingen zu lassen - jedenfalls bin ich zusammen mit dem Bayern-Sprecher Manfred Kreiler für alle Spiele in München eingeteilt worden. Das hat natürlich den Ärger der Kollegen hervorgerufen, die nicht immer in den Stadien in Ingolstadt, Passau oder Regensburg versauern wollten. Wir haben uns dann auf eine ausgewogenere Besetzung geeinigt, die mir ermöglicht hat, die genannten Perlen bayrischer Fußballprovinz kennen zu lernen.

Im Hubschrauber mit Sir Stanley Rous

Zusammen mit Sir Stanley Rous, dem FIFA-Präsidenten, bin ich dann zum ersten Mal Hubschrauber geflogen, zur Inspektion der Außenstellen des Olympischen Fußballturniers. Auf dem Flug wurde mir immer mal wieder schlecht, aber das konnte ich natürlich nicht zugeben, wenn ich den alten Herrn neben mir ansah, der alles mit stoischer Ruhe über sich ergehen ließ. Ein Gentleman, wie er britischer kaum sein konnte.

Ich erinnere mich auch, wie das ganze Sprecher-Team revoltierte und wie ich auserkoren wurde, dem Präsidenten Daume zu schreiben und einen nicht ganz ernst gemeinten Boykott anzudrohen. Entgegen ursprünglichen Zusagen sollten wir keinen freien Zugang zu den Sportstätten bekommen. Es war ja durchaus nicht so, dass immer alles hundertprozentig geklappt hätte. Auch deutsches Organisationstalent vermag nicht alle Wechselfälle des Lebens und alle Begehrlichkeit von Menschen vorausschauend zu erfassen.

Einige Stadionsprecher dieser Olympischen Spiele waren ziemlich sauer, denn wenn schon dabei sein alles ist, dann möchte man das auch. Das war für all diejenigen nicht möglich, die keinen Ausweis für die besonders attraktiven Sportstätten bekamen - für das Schwimmstadion etwa, für die Olympia-Sporthalle beim Turnen und den Basketball-Finalspielen oder für die Boxhalle.

Die Sprecher drohen mit Rücktritt

Ich schrieb also einen Protestbrief an den Präsidenten des Olympischen Komitees (OK): "Bei der ersten allgemeinen Zusammenkunft der Sprecher für die Olympischen Spiele haben Sie im Zusammenhang mit der Frage nach einer Vergütung für die vorgesehene Tätigkeit erklärt, dass das OK zwar nur zwei Dollar pro Tag bezahlen könne - was auch von allen sofort akzeptiert wurde. Dafür sollte aber jeder die Möglichkeit bekommen, an freien Tagen Veranstaltungen der Olympischen Spiele nach seiner Wahl zu besuchen. Sie schlossen dabei verständlicherweise die Endkämpfe im Schwimmen und Boxen aus, weil die Plätze in den Hallen restlos besetzt sein würden. Diese Erklärung des sicher kompetentesten Mannes dieser Olympischen Spiele war für viele von uns mit der wichtigste Grund, die vorgesehenen Aufgaben wahrzunehmen. Auf Ihre obige Zusage hin haben wir uns natürlich auch nicht mehr um Eintrittskarten bemüht, die damals noch in ausreichender Anzahl vorhanden waren."

Nachdem uns erklärt worden war, dass wir in Bezug auf den Zugang zu den Kampfstätten wohl einem Missverständnis erlegen seien, erklärten, wie ich Herrn Daume schrieb, "in der ersten Erregung eine Anzahl Kollegen spontan, dass sie unter diesen Umständen von ihrer Tätigkeit zurücktreten wollten".

Wie das Ganze ausgegangen ist, weiß ich gar nicht mehr - einen Boykott gab es jedenfalls nicht, und ich konnte mir bis auf die Schwimmwettkämpfe (leider, denn den Mark Spitz hätte ich schon gerne mal live erlebt) all das ansehen, wozu ich Lust hatte. Sogar das legendäre Basketball-Endspiel, in dem die Sowjetunion 51:50 gegen die USA gewann. Die USA warfen den Korb zum 50:49 und es waren vielleicht noch drei Sekunden zu spielen, aber ganz vorne stand der russische Riese, zwei Meter fünfunddreißig oder so, der nichts konnte, außer den Ball in den Korb zu legen. Den sah der russische Abwehrspieler und riskierte den Pass über das ganze Spielfeld, und überraschender Weise gelang es dem Riesen, das Spielgerät zu fangen und im Korb zu versenken - klack! Die UdSSR war Olympiasieger, und das war ganz sicher eine der bittersten Niederlagen, die amerikanische Sportler je erlitten haben.

Farbenblinder Kontrolleur

Obwohl es keine freien Plätze mehr gab, habe ich es dennoch geschafft, zu den Endkämpfen des Olympischen Boxturniers zu kommen. Nach dem ausgetüftelten Farbkonzept der Spiele war der Ausweis fürs Olympiastadion olivgrün und der für die Boxhalle dunkelgrün. Der Kollege, der da Aufsicht führte, war anscheinend farbenblind und hat wohl auch die Piktogramme nicht so genau angesehen.

Mit Kollege Jürgen Schröder habe ich mich auch durch alle Kontrollen hindurch ins Olympische Dorf geschmuggelt. Wir waren beide leicht angetrunken und deshalb unglaublich albern und sangen ständig in einem nachgemachten Schwyzerdütsch "Ich han der Foti in der Tasch". Im Dorf konnte ich meinen Jugendschwarm Wilma Rudolph, die Gazelle der Olympischen Spiele von Rom 1960 (Gold über 100 und 200 Meter) kennenlernen. Sie war immer noch wunderschön, auch wenn sie inzwischen ein paar Pickel im Gesicht hatte.

Außerdem erinnere ich mich noch gerne daran, wie ich mit dem Fußball-Linksaußen Oleg Blochin, dem einzigen russischen Weltklassespieler jener Tage, auf der Rückfahrt von Regensburg im Speisewagen saß. Die UdSSR hatte sich dort mit Burma auseinandergesetzt. Wir unterhielten uns in einem abenteuerlichen Gemisch aus Russisch, Englisch und Deutsch, unterstützt durch anschauliche Zeichnungen auf einer Serviette.

Wir Stadionsprecher haben einmal den Kollegen Manfred Kreiler, damals auch Stadionsprecher bei Bayern München ("Du, der Beckenbauer, des is so a netter!"), besucht, irgendwo in einem Münchener Vorort. Danach waren alle volltrunken, bis auf mich, weil ich fahren musste. Das hat beim Einfädeln auf die Autobahn enorm geholfen: "Links", lallte Jürgen Schröder, "links is frei ... bis auf den Lkw". Den Zusammenprall mit einem heranrasenden Laster konnte ich gerade um fünf Zentimeter vermeiden.

Imponiergespräch

Von einem Auswärtsspiel, ich glaube, es war Ingolstadt, bin ich mit dem legendären Fußball-Professor Dettmar Cramer nach München gefahren. Die Kollegen nannten ihn "Napoleon" ob seiner kleinen Statur und seines großen Gehabes. Das war an dem Tag, an dem Klaus Wolfermann mit dem eigentlich nicht messbaren Heimvorteils-Vorsprung von zwei Zentimetern das Speerwerfen gewinnen sollte und Hildegard Falck sensationell die 800 Meter. Der Herr Cramer unterhielt sich mit seiner damaligen Lebensabschnittsgefährtin darüber, wo er war, als sie war - so laut, dass ich es einfach hören musste, denn natürlich war das gesamte Imponiergespräch für mich bestimmt. "Das war doch, als ich in Hongkong war und du in Brasilien? Oder warst du damals in Indonesien und ich in Ägypten? Oder waren wir damals nicht beide in Dubai?" Dafür habe ich mich wiederum mit intimsten, wenn auch frei erfundenen Informationen über den Alkoholkonsum in der Sportredaktion des Bayerischen Rundfunks bedankt, weil der Herr Cramer mich versehentlich für einen Rundfunkreporter eben dieses Senders hielt.

Eines Tages war ich mit dem Schiedsrichter Rudi Glöckner aus der DDR im BMW-Casino zum Mittagessen - und habe mich nicht getraut, ihn zu fragen, wie er das Leben "da drüben im Osten" so fand.

Mit großen Augen sahen wir seinem brasilianischen Kollegen Marques (vor dem Namen stehen noch einige "dos" oder "del" oder "os" - auf jeden Fall war er steinreich und betrieb die Schiedsrichterei als Hobby) staunend zu, als er vor dem Spiel in der Kabine seinen Altar aufbaute. Dann schmiss er uns raus, weil er erst einmal beten wollte.

Glückwünsche an die Falsche

Ich weiß auch noch, wie ich eine russische Trainerin überschwänglich beglückwünschte, weil sie einfach so aussah, als sei sie die Trainerin der unglaublichen Olga Korbut, des Turnwunders dieser Spiele. Nachdem sie mir ihr Autogramm gegeben und ich den Namen entziffert hatte, musste ich feststellen, dass sie die Trainerin irgendeiner eher unbedeutenden Staffel war, die schon im Zwischenlauf ausgeschieden war. Wahrscheinlich weiß sie bis heute nicht, wozu ich ihr damals gratulierte.

Beim Eröffnungsspiel Deutschland gegen Malaysia machte ich meine erste Ansage und ging vorher in die Umkleidekabine der Malaysier. Angeblich, um mich zu vergewissern, wie die Namen ausgesprochen werden mussten. Aber in Wirklichkeit, weil ich einfach sehen wollte, wie es in so einer Kabine zugeht kurz vor einem Spiel, das ja immerhin in die ganze Welt übertragen werden sollte. Ich war verwundert, dass diese malaysischen Spieler, die ich mir irgendwie ungeheuer exotisch vorgestellt hatte, auch weil sie ja alle beinahe den gleichen Namen hatten, eigentlich so aussahen wie andere Fußballer auch.

Nach der Übertragung dieses Eröffnungsspiels rief Annette ganz aufgeregt an und sagte geradezu ehrfürchtig: "Detlev, ich habe genau deine Stimme gehört!" Dabei konnte sie das zu Hause doch jeden Tag haben. Aber die Stimme des Ehegatten aus dem Fernseher zu hören, das hatte halt schon etwas.

Für Journalist gehalten: Rausschmiss

Jupp Derwall wollte mich ein Mal aus der deutschen Kabine schmeißen, weil er mich für einen Journalisten hielt. Er wurde ganz freundlich, als ich ihm dann sagte, ich sei der Stadionsprecher und müsste die Aufstellung wissen. Dabei haben wir die natürlich immer ganz offiziell von irgendeinem Funktionär bekommen, aber ich wollte eben in die deutsche Kabine. Hätte ich damals gewusst, wie berühmt der Uli Hoeneß und der Ottmar Hitzfeld einmal werden würden, hätte ich mich wohl noch etwas länger in der Kabine aufgehalten.

Einmal habe ich es gewagt, mich über die Regeln des Nationalen Olympischen Komitees hinwegzusetzen, und den 70.000 Menschen im Olympiastadion verkündet, dass der deutsche Boxer Dieter Kottysch eine Goldmedaille gewonnen habe - mit Ansätzen jenes nationalen Tremolos in der Stimme, für das im legendären Weltmeisterjahr 1954 Herbert Zimmermann ("Toni, Toni, du bist unser Gott, unser Fußballgott!") unsterblich geworden war.

Als ein Techniker über die Fußballer aus Kamerun spottete: "De san ja noch müad vom Bananenbiagn", hielt ich das für eine echt witzige bayerisch-folkloristische Bemerkung. Den urgemütlichen Alltagsfaschismus, der in diesen Worten steckte, erfasste ich überhaupt nicht.

Und natürlich kommt immer wieder die Erinnerung an jenen Tag, an dem ich in der Sprecherkabine saß und mir das englische Wort für "Geiseln" einfach nicht einfallen wollte. Aber wahrscheinlich hat das eh keiner gemerkt, denn zu heftig war der Schock, zu tief saß der Schmerz darüber, dass uns die Terroristen nun "unsere" Spiele kaputt gemacht hatten.



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