Olympia 2000 Die Frau mit den zwei Fahnen

Es war der Höhepunkt der Olympischen Sommerspiele 2000 in Sydney: Die Leichtathletin Cathy Freeman startete unter enormem Druck in ihrer Paradedisziplin 400 Meter - und gewann als erste Aboriginee eine Einzel-Goldmedaille. Elisabeth Toedt war beim Lauf, der Australien veränderte, dabei.

DPA

Das 400-Meter-Finale der Damen wurden mit riesiger Spannung erwartet. Hier musste Cathy Freeman beweisen, ob sie der frühen Ehre, die olympische Fackel entzünden zu dürfen, gerecht werden würde. Bis zuletzt war unklar gewesen, wem diese zuteil werden würde: Dawn Fraser oder Cathy Freeman.

Der Druck war immens, denn viele Australier fanden, dass Dawn, Australiens Schwimmstar bei den Frauen, diese Ehre mehr verdient hätte. Dreimal hatte sie in den Jahren 1956 bis 1964 olympisches Gold gewonnen und 1956 den damals seit 20 Jahren geltenden Weltrekord der Niederländerin Willie den Ouden gebrochen.

Dann ging das Tor auf - und Cathy Freeman trat in einem silbernen Anzug heraus, um die Fackel zu entzünden. Nun musste sie beweisen, dass sie auch das Herz ihrer sportbegeisterten Landsleute in Flammen setzen konnte.

Rätselhafte Abreise

Ihre größte Konkurrentin, die Französin Marie-José Perec hatte in den vorherigen beiden olympischen Sommerspielen Gold geholt und wollte diesen Erfolg in Sydney mit ihrer dritten Goldmedaille krönen. Doch vor dem Lauf reiste Perec kommentarlos ab. Später hörte man, sie habe sich bedroht gefühlt.

Das alles wurde aber unwichtig, als sich der Höhepunkt der Olympischen Spiele näherte. Der Startschuss fiel. Zuerst war es einen Moment lang ganz leise, bevor dann die Anfeuerungsrufe einsetzten. Als Cathy vor dem restlichen Feld der Läuferinnen das Siegerband durchlief, begann das ganze Stadion so zu schreien, dass man meinte, ganz Australien, die ganze Nation würden mitbrüllen.

Ich war fassunglos. Ich stand in dem vollgepackten Stadion, in dem gerade eine junge Läuferin das Herz jedes einzelnen Anwesenden berührt hatte. Cathy stand da unten, vornüber gebeugt, nach Luft schnappend und scheinbar nicht wissend, ob das gerade geschehene wirklich wahr war. Die Kameras, die ihr Gesicht auf die große Stadionleinwand projizierten, zeigte jemanden, der hin- und hergerissen war zwischen Glauben und Zweifel.

Wirbel an Emotionen

Was danach folgte war ein Wirbel an Emotionen. Ihre Ehrenrunde lief Cathy mit zwei Fahnen: Der von Australien und der der Aborigines - nach den olympischen Statuten verboten, aber wenn man in die Gesichter der Australier um einen herum blickte, dann sah man reinen Stolz: auf eine echte Australierin, die diesen großartigen Sieg errungen hatte. Als Cathy bei der Siegerehrung vom Podium stieg um ihrer im Publikum sitzenden Mutter ihren Blumenstrauß zu schenken, war jeder zu Tränen gerührt.

Dabei gewesen zu sein erfüllt mich immer noch mit Stolz, und wenn ich daran denke, bekomme sich noch heute eine Gänsehaut. Ich habe nie wieder solche Freude und solche Emotionen verspürt, die von einer ganzen Nation geteilt wurden, wie hier. Der Heimweg wurde noch weithin von dem Schlachtruf "Aussie, Aussie, Aussie!" und als Antwort einem nicht minder lauten "Oi, oi, oi!" der glückstrunkenen Australier begleitet.

Anmerkung: In einer älteren Fassung dieses Artikels stand, Cathy Freeman habe als erste Aboriginee Olympisches Gold gewonnen. Tatsächlich war sie die erste Aboriginee, die eine Einzel-Goldmedaille gewann. Die Redaktion bittet diesen Fehler zu entschuldigen.



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