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14. September 2010, 10:03 Uhr

Palast der Republik

Ein Bild von einem Klotz

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Im Januar 1993 ging Thorsten Klapsch in Berlin durch einen Tunnel - und stand plötzlich in einer anderen Welt. Menschenleer dämmerte der Palast der Republik vor sich hin, aber alles war noch da: die senfgelben Sessel, das Casino, die Uralt-Computer. So konnte Klapsch einmalige Fotos machen.

Die Mauer musste erst fallen, der Mammutbau dichtmachen und das Staatswappen abmontiert werden, bevor sich Thorsten Klapsch ein Herz fasste und in den Palast der Republik vordrang. Zwar war der gebürtige Darmstädter, dessen Großmutter im Westteil der Stadt lebte, in seiner Jugend schon oft in Ost-Berlin gewesen, war im Centrum-Warenhaus am Alex umhergebummelt. Nur über die Schwelle des größten Vergnügungsparadieses der DDR trat er nie - der monströse Ährenkranz nebst Hammer und Zirkel über dem Haupteingang schreckte den Jugendlichen aus dem Hessischen ab.

Im Januar 1993 erhielt Klapsch, inzwischen Fotograf, die Genehmigung, den wegen Asbestverseuchung geschlossenen Palast der Republik zu betreten - eine große Ausnahme, die sich die Oberfinanzdirektion Berlin gut bezahlen ließ: 40,26 D-Mark musste Klapsch für jede Stunde entrichten, die er sich im Bauch des gigantischen Mehrzweckkastens aufhielt. Zudem bekam der junge westdeutsche Fotograf einen Führer aus dem Osten an die Seite gestellt: einen älteren Herrn, der bereits in die Planungen des Prunkbaus involviert war und jeden Winkel wie seine Westentasche kannte.

Mit ihm traf sich Klapsch an jenem Januarmorgen am Marstall, um von dort aus, wie Klapsch sagt, "auf konspirativem Weg" über einen unterirdischen Gang in den Palast der Republik zu gelangen. Was nun begann, war eine Zeitreise in die ostdeutsche Vergangenheit - deren Vorzeigebau Klapsch auf einzigartige Weise porträtiert hat: wertfrei, auf Ästhetik reduziert, nüchtern. Ein stilles Dokument der trotz aller Kritik grandiosen Architektur des einstigen DDR-Symbols, das nun als Bildband vorliegt. "Der andere deutsche Staat manifestierte sich in diesem Gebäude. Ich wollte das zeigen, was einmal war, ein Stück Geschichte porträtieren", sagt Klapsch.

Totentanz in der "größten Kneipe der DDR"

Die völlige Abwesenheit von Leben war es, die den Fotografen mit aller Wucht traf, als er erstmals im Palast der Republik stand, jener vom SPIEGEL einmal als "größte Kneipe der Deutschen Demokratischen Republik" titulierten Vergnügungsstätte mit ihren 13 Restaurants, Bowlingbahnen und Cafés, Kongressräumen, Discotheken und Gemäldegalerien. Wo einst gefeiert, geschwoft und politisiert wurde, wo Ehen angebahnt und Staatsempfänge gegeben wurden, herrschte nun Totentanz.

"Das Gebäude war komplett abgeklebt, eine totale Stille lag über allem. Ein seltsames Gefühl war das", erinnert sich der heute 43-Jährige. Zur Stille gesellte sich die Dunkelheit. Dort, in "Erichs Lampenladen", wie der Palast auch genannt wurde wegen seiner an die 10.000 Glühbirnen, erhellte nun einzig fahles Wintertageslicht die Foyers und Treppenhäuser; in den fensterlosen Räumen, etwa dem Plenarsaal, wo einst die Volkskammer Politik eher beklatschte, denn selbst gestaltete, musste sein Führer Licht anknipsen, damit Klapsch nicht im Dunkeln stand.

Mit jeder Stunde, insgesamt sollten es knapp 40 werden, drang der Fotograf tiefer ins Palastinnere vor, mit jeder Einstellung brach für ihn der Gegensatz zwischen geisterhaft unbelebter Gegenwart und turbulenter Vergangenheit krasser auf. Der knapp eine Milliarde Ostmark teure Kasten, den Bauminister Wolfgang Junker in seiner Eröffnungsrede 1976 als "ein Stück gebautes Glück für unser Volk" gepriesen hatte, verkörperte nicht nur das erstarkende Selbstbewusstsein der sozialistischen Führungskader, sondern war auch ein Vergnügungstempel für die Massen.

Lob des Kommunismus, Eistorte, Luxusklos

Rund 70 Millionen Besucher strömten in den 14 Jahren zwischen Eröffnung und Schließung hinein, nahezu kein DDR-Bürger, der nicht wenigstens einmal den Fuß über die Schwelle gesetzt hätte. Die Menschen stürmten den Palast, um die legendäre Stern-Eistorte in der Milchbar zu genießen, das 15 Meter lange Bronzerelief "Lob des Kommunismus" zu bestaunen oder einfach gepflegt zu pinkeln. "Es war wie ein kulturelles Ereignis, im Palast aufs Klo zu gehen", soll die Politikerin Regine Hildebrandt die blitzblanken Luxustoiletten einmal gepriesen haben.

Sah es im Land draußen oft dürr aus, regierte hier der Überfluss - als "Palazzo di Protzo" titulierte Liedermacher Wolf Biermann den Prunkpalast, für den die SED massenhaft Materialien und Technik aus dem kapitalistischen Westen herangekarrt hatte: von der Klimaanlage aus Österreich über die honigfarbenen Fensterscheiben aus Belgien bis hin zu den Armaturen aus Dänemark. Selbst die 720 Tonnen Asbest kamen vom Klassenfeind - sie stammten aus Manchester.

Im Palast der Republik wehte ein Hauch der großen weiten Welt, der den DDR-Bürgern sonst verwehrt blieb. Stars von internationalem Format traten auf, etwa Carlos Santana oder Harry Belafonte. Und selbst Westrocker Udo Lindenberg schaffte es, im Oktober 1983 im Palast der Republik aufzutreten - vor 4000 handverlesenen FDJ-Mitgliedern.

Hier zwei Security-Leute, dort ein technischer Mitarbeiter

Mit all dem Trubel, mit den Konzerten, Parteitagen, Disco-Abenden und Bowlingpartien haben die Bilder von Thorsten Klapsch nichts gemein - was übrig blieb, war eine menschenleere Kulisse, durch die dann und wann ein Schatten geisterte. Eine Handvoll schweigender Menschen habe er bei seinem Streifzug durch den Palast getroffen, erzählt Klapsch. Leute von der Security, die dafür sorgten, dass niemand unbemerkt ins asbestverseuchte Gebäude dringt, oder der technische Mitarbeiter, der die Klimaanlage bedient.

Die wenigen Palastmitarbeiter, Überbleibsel der einst 1700 Mann starken Truppe, hielten den Palast in Schuss - denn noch war nicht klar, was mit dem Bau passiert. "Zwar wurde hinter vorgehaltener Hand bereits von 'Sanierungsstufe drei' gesprochen, so richtig glauben mochte dies aber noch keiner", sagt Klapsch.

Kurz nachdem er seinen Fotostreifzug durch den Palast beendet hatte, fiel die Entscheidung: Am 23. März 1993 beschloss der gemeinsame Ausschuss den Abriss, bald wurden die ersten Möbel aus dem Gebäude geschleppt und die für jedes Stockwerk in einer anderen Farbe der siebziger Jahre gehaltenen Teppiche herausgerissen. Damit wurde Klapsch zum letzten Fotografen, der ausführlich den Originalzustand des ehemaligen Vorzeigebaus dokumentierte.

"Vom Haus des Volkes zum Volkswagen"

Die Demontage interessierte ihn nicht mehr - obwohl es großartige Motive gegeben hätte. Die Spaßvögel etwa, die in den Jahren der kreativen Zwischennutzung zwischen 2003 und 2005 das geflutete Haus per Schlauchboot erkundeten. Oder der 44 Meter hohe Berg aus Gerüst und weißer Plastikfolie, den Künstler mitten hineingebaut hatten. Klapsch griff erst wieder zur Kamera, als die Abrissarbeiten abgeschlossen waren - und eine grüne Wiese sich dort ausbreitete, wo einst der Palast in die Luft ragte. "Nun kehrt erneut Würde an den Ort ein", so Klapsch.

Er hat das Porträt des Palasts im Wartezustand bewusst so lange zurückgehalten, bis auch die letzten Steine weggeräumt wurden. "Um nicht politisch instrumentalisiert zu werden", wie er sagt. Dass der Stahl aus dem Palast der Republik wenigstens recycelt im Megaturm von Dubai oder in so manchem Wolfsburger Motoren weiterlebt, findet Klapsch tröstlich.

"Vom Haus des Volkes zum Volkswagen - das ist wohl der Gang der Zeit", resümiert der Fotograf das Schicksal des einstigen DDR-Symbols.

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