Luxusliner "Normandie" Das teuerste Wrack der Welt

Sie stellte selbst die "Titanic" in den Schatten: 1932 lief die "Normandie" vom Stapel, das damals größte, modernste und eleganteste Passagierschiff der Welt. Nur zehn Jahre später fiel sie einem Brand zum Opfer, der die USA vor Nazi-Attentätern schaudern ließ - und Hitchcock inspirierte.

Corbis

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Die letzten Stunden des Ozeanriesen begannen am 9. Februar 1942, einem kalten Montag, um halb drei Uhr am Nachmittag. Mit seinem Schneidbrenner durchtrennte der New Yorker Dockarbeiter Clement Derrick die letzte der vier wunderschönen metallenen Säulenleuchter in der "Grand Lounge" der "Normandie", jenes berühmten französischen Luxusliners, der nun, nach dem Eintritt der Amerikaner in den Zweiten Weltkrieg, zu einem US-Truppentransporter umgebaut werden sollte.

Als Derrick schon fast fertig war, traf ein Funkenstrahl auf die im "Grand Salon" aufbewahrten, mit stark entzündbarem Kapok gefüllten Schwimmwesten, die sofort Feuer fingen. Ein halbe Stunde später brannte die "Normandie", starker Nordwestwind ließ die Flammen bis zu den drei oberen Decks hinauf züngeln. Genau 24 Stunden später kenterte der Luxusliner: Mit einem gewaltigen Ächzen kippte die "Normandie" auf die Seite. Zwar hatten die Feuerwehrleute den Brand mittlerweile unter Kontrolle, doch war der Rumpf infolge der Löschaktion voll Wasser gelaufen und hatte Schlagseite bekommen.

Tausende von New Yorkern öffneten die Fenster, um das Spektakel live zu verfolgen: Zu ihren Füßen, an Pier 88, lagen die verkohlten Überreste der "Normandie" im Hafenbecken. Das rauchende Wrack glich einem verendenden Wal, der seinen Bauch in den Himmel streckt, hilflos und grotesk.

So endete an jenem Februartag im Hafen von New York die grandiose Ära der "Normandie" - des damals nicht nur größten und modernsten, sondern zeitweise sogar schnellsten Passagierschiffes der Welt. Ein Luxusliner von unerhörter Eleganz, auf dem sich kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs die internationale Crème de la Crème tummelte. Und auf dem von Anfang ein böser Fluch zu lasten schien.

1928 hatte die französische Reederei Compagnie Générale Transatlantique den Entschluss gefasst, das Schiff der Superlative zu bauen, im Oktober 1929 brachen in New York die Aktienmärkte zusammen. Trotz der Weltwirtschaftskrise hielt Frankreich unbeirrt an seinem teuren Prestigeprojekt fest: Auf der Werft von Saint Nazaire entstand ein Ozeanriese, der alles in den Schatten stellte, was es bisher an Luxusdampfern gab.

35 Meter länger als die "Titanic" und siebeneinhalb Mal schwerer als der Pariser Eiffelturm, verfügte die im Art-déco-Stil gehaltene "Normandie" nicht nur über 160.000 Pferdestärken, sondern besaß auch einen Speisesalon, der die Ausmaße des gigantischen Spiegelsaals von Versailles sprengte. Als der stählerne Koloss mit der Baunummer T 6 am 29. Oktober 1932 mit großem Pomp vom Stapel lief, entstand eine so gewaltige Welle, dass rund hundert Schaulustige in Ufernähe um ein Haar fortgeschwemmt wurden und bis zur Hüfte im Wasser standen.

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Brand auf der "Normandie": Luxus, Nazis und die Mafia

Zwar kam damals niemand zu Schaden - dafür verzögerte die Weltwirtschaftskrise die Indienststellung um Jahre. Erst zur Sommersaison 1935 startete die "Normandie" zu ihrer Jungfernfahrt über den Atlantik. Für das lange Warten wurden die Passagiere mit geradezu verschwenderischem Komfort entschädigt: ein Wintergarten mit exotischen Vögeln sowie mehreren Wasserfällen, die in reich verzierte Marmorbassins plätscherten, ein gigantisches Schwimmbad inklusive Bar, eine prachtvolle Kapelle mit Platz für über hundert Gläubige, ein Theater und sogar ein Hundesalon: Die Gäste an Bord der 1.972 Betten beherbergenden "Normandie" mussten auf nichts verzichten.

Tontaubenschießen, Squashen, Shoppen

Wer wollte, konnte sich beim Tontaubenschießen, Squash oder Shoppen verlustieren, für die Kinder gab es diverse Spielräume sowie ein eigenes Kasperletheater. Und das Sonnendeck der ersten Klasse war so geräumig, dass ein kleines Flugzeug darauf hätte landen können.

"An nichts wurde gespart im Dienste dieser großartigen Idee", staunte die französische Zeitung "L'Illustration" und charakterisierte die "Normandie" als "Projekt, das in der Tat an das Irrationale stößt". Weltstars wie Marlene Dietrich und Cary Grant, Salvador Dalí mit Muse Gala, der Boxer Max Schmeling und die Tänzerin Josephine Baker überquerten auf der "Normandie" den Atlantik - bis der Zweite Weltkrieg ausbrach.

Nach nur vier Jahren Dienstzeit wurde das Passagierschiff in New York eingemottet. Mit dem Eintritt der USA in den Krieg beschlagnahmte die Marine die "Normandie", benannte sie in "USS Lafayette" um und plante, den Luxusliner als Truppentransporter einzusetzen.

Gekentertes Wrack im Hitchcock-Thriller

Der verheerende Brand jedoch vereitelte den Umbau. Eineinhalb Jahre lang dümpelte das verkohlte Wrack an Pier 88 im Hafen von New York herum - und kurbelte die Phantasien an: Wer hatte das Feuer gelegt? Hatten französische Offiziere im Auftrag des Vichy-Regimes eine Bombe detonieren lassen? Waren Nazis am Werk gewesen?

Zwar ergaben Untersuchungen, dass der Brand auf der "Normandie" ein Unfall war und keineswegs Sabotage. Dennoch hielt sich das Gerücht hartnäckig und schürte unter den Amerikanern die Phobie vor Spionage und feindlichen Anschlägen. Seit die USA am 8. Dezember 1941 in den Zweiten Weltkrieg eingetreten waren, wurden ihre Handelsschiffe und Versorgungsschiffe der Armee regelmäßig von Nazi-U-Booten versenkt - allein in den ersten sechs Monaten des Jahres 1942 torpedierten die Deutschen 397 Schiffe mit über zwei Millionen Bruttoregistertonnen und rund 5000 Mann Besatzung.

Deutsche Sabotage bei der "Normandie" schien daher so plausibel, dass die Hypothese sogar Eingang in Alfred Hitchcocks Spionage-Thriller "Saboteure" fand: Zwar waren die Dreharbeiten im Februar 1942 schon beendet. Doch besorgte sich Hitchcock Filmdokumente der gekenterten "Normandie" und flickte die Tragödie des Luxusliners nachträglich ein: als Ergebnis deutscher Sabotage durch einen schmallippigen, blonden Nazi-Bösewicht namens "Frank Fry".

"Operation Unterwelt"

Der US-Marine-Nachrichtendienst wiederum war nach dem Brand der "Normandie" so besorgt um die Sicherheit seiner Streitkräfte, dass er - so legen es etwa Studien des US-Wissenschaftlers Robert J. Kelly und des Historikers Tim Newark nahe - Kontakt mit der New Yorker Mafia aufnahm.

Denn die "Cosa Nostra" kontrollierte zu jener Zeit die Hafenarbeiter sowie Docks und war daher, so das Kalkül des Nachrichtendienstes, auch in der Lage, feindliche Spionage und Sabotage einzudämmen. Der damals wegen Mädchenhandels inhaftierte Mafia-Boss Charles "Lucky" Luciano willigte in eine Zusammenarbeit mit dem Marine-Nachrichtendienst ein - die sogenannte Operation Underworld begann.

Inwieweit die Cosa Nostra tatsächlich Spionage-Akte vereiteln konnte, ist nicht zweifelsfrei erwiesen. Zwar konnten bald nach Lucianos Intervention acht Nazi-Saboteure gefasst werden. Der für die "Operation Underworld" verantwortliche Marineoffizier Charles R. Haffenden indes spielte die Bedeutung der Zusammenarbeit mit dem Mafia-Gangster 1947 öffentlich herunter.

Endstation Schrottplatz

Dem pockennarbigen Luciano selbst allerdings half der Deal zweifelsohne aus der Patsche: Zum Dank für seine Dienste für die USA wurde der Mobster in ein komfortableres Gefängnis verlegt und im Januar 1946 sogar vorzeitig freigelassen - nachdem er gerade einmal neuneinhalb seiner usprünglich auf 30 bis 50 Jahre angesetzten Haft abgesessen hatte.

Luciano wurde nach Sizilien abgeschoben, erst 1962 durfte er in seine Wahlheimat USA zurückkehren - als toter Mann: Sein Leichnam fand auf dem St. John's Friedhof im New Yorker Stadtteil Queens seine letzte Ruhe. Die "Normandie" hingegen sollte nie mehr in ihre Heimat reisen.

Auch der Vorschlag ihres Konstrukteurs, des Russen Wladimir Yourkewitsch, den gekenterten Ozeanriesen in ein einfaches Passagierschiff umzuwandeln, fand keine Gnade. Stattdessen verhökerte die US-Marine den einstigen Stolz der Franzosen für 161.680 Dollar - an den New Yorker Schrotthändler Julius Lipsett.



insgesamt 12 Beiträge
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Frank Scharfeld, 31.10.2012
1.
Interessanter Artikel über ein wunderschönes Schiff und seine Geschichte, allerdings stört mich der Aufmacher (...stellte sogar die Titanic in den Schatten) ein bisschen. Die Titanic ist natürlich das mit Abstand berühmteste Schiff des 20. Jahrhunderts, von der Größe her war sie aber nicht so einmalig. Zum einen gab es die beiden Schwesterschiffe (die etwas kleinere Olympic, die etwas größerer Britannic), zum anderen die 1912-1914 für Hapag Lloyd gebauten Schiffe Imperator, Vaterland und Bismarck. Diese fuhren nach dem Ersten Weltkrieg unter britischer bzw. amerikanischer Flagge (als Berengaria, Leviathan und Majestic) und waren schon ein gutes Stück größer. Die Normandie war dann, wie schon im Artikel beschrieben, ein deutlicher Sprung nach vorne. Ein Brite könnte sich allerdings daran stören, dass die beiden kurz danach gebauten und ähnlich großen Queen Mary und Queen Elisabeth nicht erwähnt werden ;-) Vor allem die Queen Elisabeth hatte ja ein ähnliches Schicksal wie die Normandie (Brand, Kentern durch Löschwasser, Abwrackung). Allerdings tauchte das Wrack nicht bei Hitchcock, sondern bei James Bond (Der Mann mit dem goldenen Colt) auf.
Daniel Bürckner, 01.11.2012
2.
Der Schauspieler Norman Lloyd hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem früheren KGB-Agenten Putin. Zufälle gibt's...
Bernhard Aufleger, 09.12.2013
3.
Dass ein Passagierschiff durch ein Feuer im Hafen zerstört wird ist leider gar nicht so selten: Genauso ergind es zum Beispiel den deutschen Schiffen Bremen (1941) oder Hanseatic (1966) oder der britischen Queen Elizabeth (1972)
Uwe Wabbels, 08.07.2014
4. Wann und warum hat es die Menschheit verlernt...
...so schöne Dinge zu bauen? Heute behauptet man, daß könne niemand bezahlen. Als ob die Reedereien damals kein Geld mit den Schiffen verdient hätten. Oder die Autohersteller mit den Autos. Heute gilt nur noch billig billig! Eleganz und guter Geschmack sind passé.
Bernd Brechtel, 19.09.2014
5. ? wie bitte
Haben Sie schon einmal eine Blick auf die aktuellen Kreuzfahrt Giganten geworfen ?
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