Angriff auf Pearl Harbor "Wir brannten bei lebendigem Leibe"

Am 7. Dezember 1941 attackierten japanische Bomber Pearl Harbor, Hauptquartier der US-Pazifikflotte auf Hawaii. Schwer verbrannt überlebte Don Stratton das Inferno - verzeihen kann er bis heute nicht.

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Von Michael Kloft


Jahr für Jahr besuchen zwei Millionen Besucher das Wrack der "USS Arizona" in Pearl Harbor auf Hawaii. Dort starben 2403 Menschen, als die Japaner den US-Flottenstützpunkt bombardierten. Der Luftangriff überraschte die USA und erschütterte das Selbstbewusstsein der Weltmacht. Tags darauf, am 8. Dezember 1941, erklärte sie den Krieg gegen Japan und trat in den Zweiten Weltkrieg ein.

Die Überlebenden von Pearl Harbor gelten in den USA bis heute als Helden. Don Stratton, 94, ist einer der wenigen, die noch Auskunft geben können über die Ereignisse von damals. Für die Dokumentation "Pearl Harbor" kehrte er zum ersten Mal seit 1941 an den Ort des Schreckens zurück. Die Erinnerungen an das traumatische Erlebnis plagen Stratton noch immer: "Du denkst jeden Tag daran, wie viele Menschen diesen Tag nicht überlebt haben", sagt er, "wer weiß, warum Gott uns verschont hat."

Exklusiv für diesen Film durften Unterwasserdrohnen das Innere des Wracks erkunden (siehe Fotostrecke. Als Stratton die Aufnahmen zu Gesicht bekam, reagierte er sehr bewegt. Es war die Rückkehr an den Ort, an dem sich sein Leben so dramatisch verändert hat. SPIEGEL TV hatte ihn bereits 2001 in Arizona besucht und ausführlich befragt.

Anfang Dezember 1941 herrschte auf Hawaii trügerische Ruhe. Noch befanden sich die USA im Frieden, der Krieg in Europa schien weit weg. Doch in den Monaten zuvor hatten sich die Beziehungen der USA zum kaiserlichen Japan stetig verschlechtert. 100.000 US-Soldaten waren auf Hawaii stationiert - und eine kriegerische Auseinandersetzung schien unmittelbar bevorzustehen. Die amerikanische Militärpräsenz galt den kriegslüsternen Militärs in Tokio als "Dolch an der Kehle" Japans, verhinderte sie doch die uneingeschränkte japanische Herrschaft über den Pazifik.

Pearl Harbor war zu dieser Zeit der Heimathafen der US-Pazifikflotte. 140 Schiffe, darunter 8 Schlachtschiffe und 29 Zerstörer, lagen dort vor Anker. Einige waren schon im Ersten Weltkrieg im Einsatz und galten als veraltet. Am 7. Dezember 1941 befand sich Don Stratton auf der "USS Arizona". Der damals 19-jährige Farmersohn aus Nebraska erzählt:

"Wecken war jeden Morgen um 5.30 Uhr. Alle Matrosen, die keinen Nachtdienst gehabt hatten, mussten um 1 Uhr morgens wieder an Bord sein. Nur die Mannschaftsoffiziere, einige andere Offiziere und all jene, deren Frauen auf Hawaii lebten, blieben über Nacht draußen."

Seit die USA alle Öllieferungen an Japan eingestellt hatten, war die Regierung in Tokio zum Krieg entschlossen. Um 5.50 Uhr brachten sich sechs japanische Flugzeugträger in Position; bei stürmischer See waren sie unentdeckt bis auf 230 Meilen an ihr geheimes Ziel herangekommen. Die japanische Luftwaffe, so der Plan, sollte in Pearl Harbor überraschend zuschlagen. Eine halbe Stunde später starteten 185 Flugzeuge, um die erste Angriffswelle zu fliegen. Don Stratton hatte gerade zu Ende gefrühstückt:

"Ein Freund, der mit mir zusammen im Maschinenraum arbeitete, lag gerade im Schiffslazarett. Ich wollte ihm ein paar Orangen bringen, steckte sie in meine Mütze und machte mich auf den Weg ins Lazarett."

Um 7.48 Uhr setzten die ersten japanischen Jagdflugzeuge zum Angriff an, es folgten Verbände mit Sturzkampfbombern und Torpedo-Flugzeugen. Fünf Minuten später erging die Meldung an die Einsatzleitung: "Tora, Tora, Tora - Tiger, Tiger, Tiger". Stratton schaute aus seiner Luke:

"Ich sah einige Matrosen schreiend auf dem Vorderdeck. Sie zeigten nach Ford Island und brüllten: 'Flugzeuge, Bomben'. Es sah aus, als ob sowohl die Flugzeuge auf der Startbahn als auch die Hangars bombardiert wurden. Ich glaube, ich sah auch den Wasserturm dort umfallen. Alle schienen sofort zu wissen, wer die Angreifer waren."

Um 7.57 griffen 40 japanische Torpedo-Flugzeuge von zwei Seiten ihr wichtigstes strategisches Ziel an, die Schlachtschiffe und Zerstörer in der "Battleship Row". Bald schlugen auch hier die ersten Bomben ein. Nach dem Alarm rannten die Matrosen zu ihren Gefechtsstationen, doch für solche Verteidigungsmaßnahmen war es längst zu spät.


SPIEGEL Geschichte: Tauchgang zum Wrack der "USS Arizona"

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Don Stratton sah, wie die "West Virginia" getroffen wurde, die "Oklahoma" kenterte, im Trockendock die "Cassin" und die "Downes" explodierten. Er beschreibt ein "furchtbares Durcheinander", überall brannte es, einige Matrosen rannten noch mit brennender Kleidung und sprangen ins Wasser.

Dann wurde auch die fast 35.000 Tonnen schwere "USS Arizona" getroffen. Eine Bombe von etwa einer Tonne Gewicht ließ das Schiff erzittern wie bei einem Erdbeben:

"Sie schlug neben dem Geschützturm auf der Steuerbordseite ein, direkt in die Munitions- und Benzindepots. Wir sahen einen Feuerball, der ungefähr 150 Meter in den Himmel schoss. Das Feuer verschlang den gesamten Vordermast, in dessen Nähe wir standen. Wir waren im Befehlsstand, da gab es etwas Schutz. Man wusste gleich, dass man schrecklich verstümmelt war und überhaupt nichts mehr ausrichten konnte. Wir brannten bei lebendigem Leibe, es gab keinen Ausweg. Einige der Männer sprangen raus und versuchten die Leiter herunterzuklettern. Von denen habe ich keinen wiedergesehen."

1177 Männer gingen mit der brennenden "Arizona" unter. Kaum mehr als 300 gelang die Rettung aus dem Inferno. Als sich die Situation etwas beruhigte, verließen Stratton und andere Matrosen ihren Standort:

"Wir waren alle völlig verbrannt, unsere Haut pellte sich, es war furchtbar. Meine Haare waren weg. Wir zogen uns die Haut von den Armen ab wie große, lange Handschuhe und warfen sie fort, weil sie uns störte. Wir liefen herum und lasen einige Kameraden auf Deck auf und brachten sie zum Geschützturm. Es waren ungefähr 50 bis 60 Mann. Doch nur sechs unserer Leute gelangten über ein Seil auf die 'Vestal', wo die anderen blieben, weiß ich nicht. Ein Matrose von der 'Vestal' hatte eine Leine herübergeworfen, damit zogen wir ein kräftigeres Seil rüber und befestigten es an der 'Arizona'. Wir krochen langsam zur 'Vestal' rüber - 25 Meter weit, in 15 Meter Höhe. So gelang es uns, die 'Arizona' zu verlassen."

Um 9.45 Uhr drehten die letzten japanischen Flugzeuge ab. Überall fischte man Überlebende aus dem Wasser. Die Krankenhäuser waren bald überfüllt, immer mehr Schwerverwundete wurden dort eingeliefert. Stratton schildert, wie die Krankenschwestern die Kontrolle über die Morphiumspritzen behielten:

"Offenbar hatte eine die Idee, die bereits Behandelten mit ihrem Lippenstift zu markieren, auf der Stirn oder Brust oder so. Auf diese Weise wurde vermieden, dass jemand eine Überdosis bekam. Mein Körper war zu 60 bis 70 Prozent verbrannt. Meine Arme, beide Beine von den Oberschenkeln bis runter zu den Knöcheln, auch mein Rücken, und natürlich war mein Gesicht verbrannt. Ich hatte eine Narbe im Gesicht, quer über das Gesicht. Meine Nase und Teile meiner Ohren waren weg. Es war schrecklich."

Am nächsten Tag bezeichnete US-Präsident Franklin D. Roosevelt im Kongress den Angriff der Japaner als einen "Tag der Schande, den wir nie vergessen werden". Von nun an befand sich die ganze Nation im Krieg - und schrie nach Rache. Manche Experten glaubten, Roosevelt habe die Katastrophe von Pearl Harbor gewollt.

Eine Theorie besagt sogar, er habe vom bevorstehenden Angriff gewusst und verhindert, dass die Einheiten vor Ort rechtzeitig gewarnt wurden. So habe der Präsident den Verlust von über 2000 Menschenleben zynisch in Kauf genommen, um den Kriegseintritt der USA zu erreichen. Eines der belastenden Details: Die modernen amerikanischen Flugzeugträger waren zum Zeitpunkt des Angriffs nicht im Hafen, sollten möglicherweise bewusst den japanischen Bomben entzogen werden. Bewiesen wurde das jedoch nie.

Der Krieg gegen Japan dauerte fast vier Jahre. Don Stratton kehrte nie wieder zu seiner Einheit zurück. Über seine Zeit im Krankenhaus erzählt er:

"Sie legten uns in zwei Bettlaken und brachten uns zu einer Wanne mit Salzwasser, nahmen uns dann an den Ecken der Laken hoch und legten uns in das Salzwasser. So sollten die Brandwunden geheilt werden. Es gab viele Operationen, vor allem am Kopf, es war ein sehr langsamer Heilungsprozess. Als ich in der Lage war, mich aus meinem Bett herauszurollen, und mich nach langer Zeit auf die Waage stellte, wog ich etwa 40 Kilo und konnte kaum aufrecht stehen. Als ich mich zum ersten Mal wieder selbst im Spiegel betrachtete, dachte ich: Meine Güte - was ist nur passiert?"

  • Die Dokumentation "Pearl Harbor" läuft am Sonntag, 11. Dezember 2016, um 20:15 Uhr auf dem Pay-TV Sender SPIEGEL Geschichte, der über Sky zu empfangen ist.

Der Krieg ist längst Vergangenheit, doch die Überlebenden tragen die Last von Pearl Harbor bis heute. Die Erinnerung an diese Niederlage bleibt für die Amerikaner traumatisch - nicht nur für die, die dabei waren. Zur Versöhnung mit jenen, die vor genau 75 Jahren sein Schicksal prägten, ist Don Stratton nicht bereit:

"Wenn man sich so hinterlistig verhält, dann ist das wie ein Dolchstoß in den Rücken. Und ich habe ihnen bis heute nicht vergeben. Ich selbst habe ein langes Leben gehabt und mich etwas beruhigt. Aber ich kann nicht im Namen der elfhundert, die noch da unten liegen, verzeihen, denn ich bin sicher, dass die auch nicht verzeihen könnten."



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Seite 1
Wolfgang Juris, 07.12.2016
1. Schade
"...Und ich habe ihnen bis heute nicht vergeben. Ich selbst habe ein langes Leben gehabt und mich etwas beruhigt. Aber ich kann nicht im Namen der elfhundert, die noch da unten liegen, verzeihen, denn ich bin sicher, dass die auch nicht verzeihen könnten." Und genau dieses Denken verhindert, dass auf Dauer Frieden erreicht werden kann. Es gibt überall auf Welt irgendjemanden, dem fürchterliches Unrecht zuteil wurde. Und sei es vor einigen Generationen. Wollen wir wirklich zulassen, dass uns die Geister der Vergangenheit immer und immer wieder einholen und neues Leid verursachen? Und die Veröffentlichung dieser Worte sorgt in irgendeinem Kopf wieder dafür, dass neuer Hass entsteht oder alter Hass wieder auflebt...
Frederic Lilienthal, 07.12.2016
2. Tora, Tora=To Ra, To Ra
Dies ist ein häufiges Missverständnis, der kommandierende Offizier der Attacke gab nicht den Befehl Tora=Tiger sondern To Ra ist vielmehr eine Abkürzung für Torpedobomber und Angriff, da die Torpedobomber als erstes angreifen sollten.
Martin Mayer, 07.12.2016
3. Ursachen und Schuld...
Die Rolle Roosevelts muss noch historisch aufgearbeitet werden. Die USA schnitt Japan die komplette Ölversorgung ab. Wenn sich dann ein Industriestaat wehrt, muss über Wirkung von Ursache und Schuld diskutiert werden. Interessant dazu auch ein von den Russen freigergebener Film (in SPON) über eine Rede von Adolf Hitler, u.a. auch über Roosevelt. Das "Gutmenschentum" Amerikas kommt eindeutig nach wirtschaftlichen Interessen, Beispiele dazu gab es in den letzten Jahren genug.
Reinhard Groß, 07.12.2016
4. Zu denken gibt...
...dass ausgerechnet an diesem Tag nur die Oldtimer (USS Arizona wie von Ihnen dargelegt Baujahr 1915) im Hafen waren, aber alle moderneren Schiffe und vor allem die Flugzeugträger sich auswärts im Manöver befanden, was für ein Zufall! Hinzu kam, dass die Radarstationen rechtzeitig Alarm schlugen, aber mit Hinweis auf atmosphärische Störungen vom Hauptquartier abgefertigt wurden. So wurde sichergestellt, dass die amerikanische Öffentlichkeit, die gegen einen Kriegseintritt war, endlich dem Wunsch Roosevelts und Churchills zustimmten. Honni soit qui mal y pense...
Petra Kampka, 07.12.2016
5. Roosevelts innigster Wunsch ging in Erfüllung
Bis Pearl Harbour hatte er seine ständigen Provokationen 'hart am Rande des Krieges' halten und mit allerlei Tricks und Verdrehungen die bereits stattfindenede Teilnahme amerikanischer Soldaten am Krieg vor der US-amerikanischen Öffentlichkeit verheimlichen müssen. Nun konnte er endlich zuschlagen. Nach dem V-E-day hat er seinem Freund Stalin auch noch die Mandschurei zum Ausplündern überlassen.
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