Theaterstück zum Auschwitz-Prozess "Wer den Stock berührte, kam ins Gas"

Aus dem Gerichtssaal auf die Bühne: 1963 begann der Auschwitz-Prozess. Aus den 183 Verhandlungstagen destillierte der Dramatiker Peter Weiss ein erschütterndes Theaterstück. einestages erzählt die Entstehungsgeschichte und präsentiert bedrückende Passagen aus "Die Ermittlung".

DPA

Am 20. Dezember 1963 begann im Frankfurter Römer der erste Auschwitz-Prozess. 183 Verhandlungstage lang würde er dauern. Drei Richter und sechs Geschworene sollten in dieser Zeit vier Staatsanwälte, drei Nebenklagevertreter, 19 Verteidiger, 22 Angeklagte und 357 Zeugen anhören.

An einigen Tagen wohnte der Verhandlung auch ein stiller Beobachter auf der Zuschauertribüne bei. Ein unscheinbarer Mann von 47 Jahren, kurze braune Haare, auf der Nase eine große Brille, dahinter ein geduldiger Blick. Es war der Schriftsteller Peter Weiss.

Weiss selbst war als Jugendlicher nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten mit seiner Familie von Berlin - über Exilstationen in England, Prag und der Schweiz - nach Schweden ausgewandert. Sein Vater war ein zum Christentum übergetretener jüdischer Textilfabrikant, seine Mutter Schauspielerin.

Bis in Frankfurt der Auschwitz-Prozess begann, hatte es Peter Weiss mit ein paar autobiografischen Werken zu einigem Erfolg gebracht. Außerhalb von Literaturkreisen war sein Name in Deutschland allerdings nur wenigen bekannt. Das sollte sich bald ändern.

Es war das Jahr 1963, und eigentlich wollte sich Weiss - in Anlehnung an Dante - mit einer Art zweiten "Göttlichen Komödie" als Sprachkünstler verewigen, so steht es in einer der Biografien über den Schriftsteller. Doch dann wandelte sich das Projekt unter dem Eindruck des Prozesses.

An einem Tag im Jahr 1964, Weiss war gerade von Stockholm zur Verhandlung nach Frankfurt gereist, da notierte der Autor, er sah "Gepeinigte vor ihren Peinigern stehen, letzte Überlebende von denen, die sie zur Tötung bestimmt hatten".

Auschwitz in elf Gesängen

Es muss irgendwann in dieser Zeit gewesen sein, als Weiss eine Entscheidung traf: Er würde kein Sprachkunstwerk in der Nachfolge der "Göttlichen Komödie" verfassen, sondern den Auschwitz-Prozess zum Theaterstück machen. "Die Ermittlung" sollte eine Dokumentation des Schreckens werden.

Die Personen, die in dem Stück auftreten, heißen "Zeugin 4", "Angeklagter 17" oder "Richter". Ihre Dialoge sind nackte Fakten - genau so, wie sie bei der Gerichtsverhandlung zur Sprache kamen. Dennoch ist "Die Ermittlung" keine bloße Wiedergabe, das Stück bricht mit der Reihenfolge des Prozesses, verdichtet die zahllosen Zeugenaussagen zu elf "Gesängen" - "von der Rampe", "von der schwarzen Wand", "vom Zyklon B". Es ist ein Destillat des Konzentrationslager-Prozesses.

Zu dem Theatertext kam Weiss, indem er vor allem zuhörte. Stundenlang harrte der Schriftsteller im März und April 1964 auf dem Zuhörerrang in Frankfurt aus und notierte Aussagen des Prozesses.

Später, im Dezember 1964, nutzte Weiss außerdem einen Ortstermin des Frankfurter Gerichts, um das Vernichtungslager mit eigenen Augen zu sehen. Als Ergänzung zu seinen eigenen Aufzeichnungen sollen Weiss außerdem Gerichtsmitschriften und Artikel des Journalisten Bernd Naumann geholfen haben, der für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" viele Abschnitte der Verhandlung detailliert wiedergab.

Dass es eine Gratwanderung werden würde, aus den Tatsachenberichten der Auschwitz-Überlebenden ein literarisches Kunstwerk zu machen, war auch Weiss klar. Noch immer kursierte in Intellektuellenkreisen der Satz des Philosophen Theodor Adorno: "Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch" - und Weiss war gerade dabei, ein Theaterstück über das Vernichtungslager zu verfassen. Er versuchte sich deshalb als Dokumentar und Dramatiker zugleich, die Aussagen sollten so weit wie möglich in ihrer Rohform belassen werden.

Dem Text ist daher eine längere Regieanweisung von Weiss vorangestellt. Dort steht, dass es vermieden werden sollte, "den Gerichtshof, vor dem die Verhandlungen über das Lager geführt wurden, zu rekonstruieren". Denn das sei "ebenso unmöglich wie (...) die Darstellung des Lagers auf der Bühne".

Am 19. Oktober 1965 schließlich wurde das Stück parallel auf 15 Bühnen in der Bundesrepublik und der DDR uraufgeführt. Der SPIEGEL schrieb damals: "In dieser Woche wird das zweigeteilte Deutschland zu einer einzigen moralischen Anstalt."

Ästhetisierung des Holocausts

Weiss' Stück war dabei keineswegs unumstritten: Einige Feuilletonisten warnten vor der "Ästhetisierung" des Holocausts. Die "Frankfurter Rundschau" gab zu bedenken: "Was ausgelöst wird, ist eine Mischung von Schock und Ermüdung, also alles andere als eine nützliche Voraussetzung für richtiges Denken und Handeln."

Auch wenn Peter Weiss darauf bestand, das Stück ungekürzt aufzuführen, wurde in Ost-Berlin das Plädoyer eines Angeklagten für die Prügelstrafe gestrichen, in West-Berlin der Bericht, wie ein Häftling gezwungen wurde, sein eigenes Erbrochenes zu essen. Und die Bühne in Essen verzichtete bei der Aufzählung deutscher Industriefirmen, die Auschwitz-Häftlinge als billige Arbeitskräfte beschäftigt haben, auf den Namen Krupp.

Fertiggestellt wurde das Stück noch vor dem Frankfurter Richterspruch - und endet daher ohne Urteilsverkündung, sondern mit einem verstörenden Schlusswort von Robert Mulka, ehemaliger SS-Hauptstürmführer, Adjutant des Lagerkommandanten Rudolf Höß und "Angeklagter 1" in Weiss' Stück:

"Wir alle / das möchte ich nochmals betonen / haben nichts als unsere Schuldigkeit getan / selbst wenn es uns oft schwer fiel / und wenn wir daran verzweifeln wollten / Heute / da unsere Nation sich wieder / zu einer führenden Stellung / emporgearbeitet hat / sollten wir uns mit anderen Dingen befassen / als mit Vorwürfen / die längst als verjährt / angesehen werden müßten".

Doch das Stück braucht kein Urteil am Ende. In seiner Kargheit ist "Die Ermittlung" selbst Anklage und Richterspruch in einem. Lesen Sie auf den folgenden Seiten Auszüge aus dem Theatertext von Peter Weiss.



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Seite 1
Steffen Rau, 20.12.2013
1.
Erschütternd... Ich finde, dieses Theaterstück sollte zum Pflichtprogramm an allen deutschen Schulen werden. AlsWarnung und ständiges lebendiges Mahnmal.
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