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20. Februar 2008, 13:50 Uhr

Picture-Discs

Wenn Vinyl im Dunkeln glüht

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Abspielbare Stoffservietten, singende Postkarten, eine Country-Single in der Form von Texas: Wenn Peter Bastine seine Schallplatten-Schatzkammer öffnet, staunen selbst Phono-Fanatiker. Denn er sammelt kunterbunte Bildplatten statt schnöder schwarzer Scheiben - einestages zeigt die schönsten, witzigsten, skurrilsten Stücke seiner Vinyl-Kollektion.

Routiniert tanzen die Finger des 56-Jährigen Peter Bastine durch die Reihen seiner Sammlung. Eine Scheibe nach der anderen flappt nach vorne und gibt den Blick auf immer kuriosere Schallplatten frei. Manchmal hält er kurz inne, zieht ein Exemplar heraus, hält es vor sich hin und lächelt zufrieden. Das ist der Moment, in dem die Scheibe dem begeisterten Spezialisten ihre Geschichte preisgibt.

Bastines Leidenschaft sind Schallplatten der etwas anderen Art: knallbunte Scheiben, oft in bizarren Formen - Bildplatten, bei denen das Cover unter das Vinyl gedruckt ist wie ein übergroßes Tattoo. Und Bastine kann zu ihnen Storys erzählen von jahrelangen Nachforschungen, endlosen Briefwechseln und Reisen um die ganze Welt. Geschichten über längst vergessene Plattenlabels oder Chemiker, die an der Erfindung des Vinyls beteiligt waren. Und Geschichten, bei denen er in immer abgefahrenere Details abdriftet - und dabei gar nicht merkt, dass sein Gegenüber schon lange nicht mehr mitkommt. Dann lacht er kurz in sich hinein und sagt: "Naja, das sind dann so die Geschichten, die man sich eher unter Sammlern erzählt."

Kinderbuch auf dem Plattenteller

Und es gibt viele feine Unterschiede. Der wichtigste ist der zwischen "Picture-Discs" und "Picture-Records": Discs sind aus Vinyl und drehen mit 33 oder 45 Umdrehungen ihre Runden auf dem Plattenspieler. Picture-Records sind aus Pappe, seltener aus Schellack und kreiseln 78 Mal in der Minute auf dem Teller eines Grammophons. Die "78er-Ära", wie Bastine sie nennt, beginnt schon 1904 mit abspielbaren Postkarten und endet in den späten fünfziger Jahren mit der Erfindung der Schallplatte aus Vinyl.

Mit seinen eigenen Picture-Discs - "Kill 'em All" von Metallica oder einer "Iron Maiden"-Scheibe mit Zombie Eddy, dem Band-Maskottchen - kann man Bastine nicht beeindrucken. Zu der Zeit sei es nur noch darum gegangen, PR für Künstler zu machen. "Richtig interessant wird es erst bei den früheren Sachen, wo es noch um Erfindungsgeist ging, wo die Platten einem noch Geschichten erzählt haben", sagt Bastine.

Dann durchforstet er seine Kisten mit noch mehr Elan nach noch spektakuläreren Raritäten: Kinderbücher von 1948, die man lesen oder einfach gleich komplett auf das Grammophon legen und abspielen konnte - ein Audiobook des Analogzeitalters. Oder die "Magic Mirror Movies" aus den Fünfzigern: ein kleines Spiegelkarussell, das man auf die Platte stellte und welches eine auf den Tonträger gedruckte Bildfolge in einen Ultrakurzfilm verwandelte.

Die Herstellung des in Sammlerkreisen legendären "Medusa"-Samplers - einer Punk-Compilation von 1978, die im Dunklen leuchtete und einen Discokugel-Effekt erzeugte - war so kompliziert, dass sich das Album kein Punk-Fan leisten wollte. Dann hält Bastine die einzige Schellack-Picture-Record, die jemals in Deutschland hergestellt wurde, in den Händen: Eine schlichte Scheibe mit einer Ansicht der alten Salzstadt Lüneburg darauf - unscheinbar, aber eben mit einer tollen Geschichte. "Das ist doch besser als fünf Iron-Maiden-Platten!", sagt er dann, oder: "Die würde man doch niemals gegen ein Dutzend von Metallica eintauschen wollen!" Er hat natürlich Recht.

Pilgerstätte Bambus-Bar

Was Bastine angefixt hat? Eine Scheibe, die strenggenommen gar keine Picture-Disc war - eine Single der französischen Rockgruppe "Telephone", rot und in der Form eines Fernsprechers. Solche Platten nennen Kenner "unrund" oder "shaped". "Das war '79, als gerade die große Picture-Disc-Welle aus Großbritannien nach Deutschland rüberschwappte", erinnert sich der Rekordsammler. "Von da an habe ich mein ganzes Geld für Picture-Discs ausgegeben. Und eigentlich ist das bis heute so."

Das Kapital dafür verdiente er früher als Promoter und Konzert-Veranstalter, er hat für Uriah Heep, Frank Zappa oder AC/DC gearbeitet. Heute betreibt er in einer Seitenstraße in der Hamburger Neustadt eine Bar namens "Bambus" - zu der Sammler aus den USA, Brasilien, Italien, Kanada oder Japan pilgern, um sich seine Sammlung anzusehen, Stücke zu tauschen und zu kaufen. Oder sich einfach nur Bastines Geschichten anzuhören. Denn weder im Internet noch in Bibliotheken findet man viel zur Historie der kunterbunten Tonträger - wer etwas darüber wissen will, muss Aficionados wie Bastine fragen.

Das würde der Sammler gerne ändern. Seit zehn Jahren schon arbeitet er an einem Buch über die Geschichte der Bildplatte, von den ersten abspielbaren Postkarten bis zur Iron Maiden mit dem Zombie Eddy drauf. "Das werden wahrscheinlich so 400 bis 500 Seiten. Aber ich weiß wirklich nicht, ob das jemals fertig wird. Und selbst wenn, weiß ich ehrlich gesagt nicht genau, wer das lesen soll. Vieles davon sind ja eher so Geschichten, die man sich unter Sammlern erzählt", sagt er, schüttelt den Kopf und zieht eine weitere Platte aus einer Kiste.

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