Pkw-Anekdoten Auto-Biografisches

Gasflaschen statt Benzin, Notbetankung mit Wurstbrühe und Trabbi-Diebstahl wider Willen: Ernst Woll hat im Laufe seines Lebens Skurriles rund um Pkw erlebt. Und dabei entdeckt, wie eng Vierräder und Zeitgeschichte zusammenhängen. Auf einestages erzählt er die denkwürdigsten Begebenheiten.

Ernst Dr. Woll

Während meiner Kindheit in den dreißiger Jahren gab es in meinem Heimatort mit seinen 2000 Einwohnern nur ganz wenige Pkw, und selbst Arzt und Tierarzt fuhren Motorräder oder auch noch mit dem Pferdegespann. Ich kann mich eigentlich nur an die Kraftfahrzeuge eines Fabrikanten, eines Architekten, des Kohlenhändlers, eines Bäckermeisters, eines Tanzkapellmeisters, des Altwarenhändlers und einer Autowerkstatt erinnern. Im Krieg wurden fast alle diese Fahrzeuge von der Wehrmacht beschlagnahmt. Der Bäckermeister wollte dem entgehen und zerlegte sein Fahrzeug in Einzelteile, die er in einem Schuppen aufbewahrte und nach dem Krieg wieder hervorholte.

Nicht "wehrmachtstauglich" war das Auto des Altwarenhändlers. Es war ein größerer Pkw, der durch das Entfernen der Sitze für den Lastentransport hergerichtet war. Die Marke weiß ich nicht mehr; ich erinnere mich nur noch an die grüne Farbe, eine große Hupe, die an der Außenseite angebrachte Gangschaltung und die sehr lauten Motorengeräusche. Der Motor sprang trotz eifrigen Kurbelns nur selten an. Der Besitzer ließ deshalb das Auto eine lange Straße mit starkem Gefälle hinabrollen, um es zum Anspringen zu bringen. Wir Kinder - meist sechs bis acht Jungen und Mädchen - durften mitfahren, weil er uns brauchte, um das Gefährt wieder nach oben zu schieben. Zu unserer Freude sprang der Motor oft erst nach mehreren Versuchen an.

Für Familien mit durchschnittlichem Einkommen, und dazu gehörten wir, überstieg die Anschaffung und Unterhaltung eines Pkw während meiner Kindheit die finanziellen Möglichkeiten. Selbst das Motorrad, das mein Vater hatte, konnte er nur unterhalten, weil er viel selbst reparierte. Sehr verlockend war deshalb die Aktion des Hitlerregimes: Alle Volksgenossen sollten mit der Ansparung für einen Volkswagen beginnen können. Diese Pkw sollten etwa 2000 Mark kosten und wären mit den vorgeschlagenen Sparmodellen für viele erschwinglich gewesen.

Ich wollte damals meinen Vater absolut nicht verstehen, der es kategorisch ablehnte, dabei mitzumachen. Ich habe noch seine Worte im Gedächtnis, er sagte: "Der Staat will das Geld nur zur Finanzierung von Waffen und Krieg, und dabei beteilige ich mich nicht." Dieses durfte er nur im vertrauten Familienkreis äußern, und auch ich als Kind wurde angehalten, über solche Sachen mit niemandem zu reden, was ich auch befolgte. Und mein Vater behielt Recht.

Gasflasche auf dem Autodach

Nur wir Älteren erinnern uns noch sehr deutlich an die Verdunkelung, die während des Krieges streng einzuhalten war. An den Scheinwerfern der Autos, Motor- und Fahrräder ließ nur ein schmaler Schlitz einen ganz schwachen Lichtschein frei. Hindernisse oder auch Fußgänger wurden durch diese Beleuchtung fast nicht gesehen. Es war lediglich eine notdürftige Hilfe, um nicht vom Weg abzukommen. An Straßen und Häusern aufgebrachte Leuchtfarben boten eine geringe Orientierungshilfe.

Außerdem war der Treibstoff im Krieg und in der Nachkriegszeit rationiert - Benzin und Diesel gab es nur auf Marken. Es blühte damit auch der Schwarzhandel. Viele Pkw wurden auf Gasbetrieb umgerüstet und Lkw mit Holzvergasern betrieben. Die Gasflasche war oft auf dem Dach der Pkw montiert. 1952 fuhren wir zu unserer Hochzeit mit einem solchen Fahrzeug; Benzin- oder Dieselzuteilungen für Fahrten zu diesen Anlässen gab es nicht. Autos mit Gasantrieb erleben gegenwärtig eine Renaissance.

Ein außergewöhnliches Erlebnis hatte ich 1960. Mit Berufskollegen nahm ich an einem regelmäßig alle vier Wochen am Freitagnachmittag stattfindenden wissenschaftlichen Kolloquium in Jena teil. Ein Kollege war mit seinem nagelneuen Pkw Wartburg (Tachostand: 2500 Kilometer) angereist, weil er nach der Veranstaltung am Wochenende zu seinen Eltern nach Halle fahren wollte. Mehrere Jahre Wartezeit hatten dem Auto einen zusätzlichen persönlichen Wert verliehen. Gut gelaunt schlenderten wir zum Parkplatz. Die entsetzte Bemerkung des Kollegen - "Mein Auto ist weg" - veranlasste uns zu Spötteleien, dass er wohl nicht mehr wisse, wo er es abgestellt habe. Leider sollte er recht behalten. Das Auto war gestohlen worden, weit und breit keine Spur.

Fleischbrühe im Tank

Die Erstattung einer Anzeige bei der Polizei gestaltete sich sehr zeitraubend und umständlich. Mein bestohlener Kollege geriet mächtig ins Schwitzen, als er die Frage nach dem Gepäck im Auto beantworten sollte. Er hatte nämlich zusammen mit einem Berufskollegen bei einem befreundeten Bauern in einem Dorf ein Schwein geschlachtet und die Produkte - Fleisch, frische Würste und auch einen großen Behälter mit Wurstbrühe - in seinem Kofferraum verstaut. Diese Schlachtungen auf Eigeninitiative waren nicht legal, weil man zu dieser Zeit nur dann privat schlachten durfte, wenn man das Tier selbst aufgezogen und gemästet hatte. Er kam deshalb in akute Erklärungsnot, aber irgendwie hangelte er sich durch diese heikle Situation.

Schon am folgenden Montag erhielt er vom Polizeirevier die Benachrichtigung, dass das Auto in der Nähe von Apolda gefunden und zum Revier in Jena geschleppt worden sei; es stehe dort zur Abholung bereit. Mit sehr gemischten Gefühlen machte sich der geplagte Kollege am Montagmorgen auf den Weg nach Jena, sich innerlich wappnend, ein Wrack vorzufinden. Erleichtert stellte er fest, dass sich - zumindest äußerlich - die Beschädigungen in Grenzen hielten. Allerdings: Trotz wieder aufgefülltem Tank sprang der Motor nur kurz an, um im nächsten Moment wieder auszugehen.

Es stellte sich heraus, dass zwei Jugendliche das Auto aufgebrochen und kurzgeschlossen hatten, um eine Spritztour durchs Thüringer Land zu unternehmen. Als in der Nähe von Apolda das Benzin alle war, gossen sie kurzerhand die Flüssigkeit aus der Kanne im Kofferraum in den Tank. Doch damit ließ sich das Auto nicht zur Weiterfahrt bewegen - es fuhr schließlich nicht mit Wurstbrühe! Die Reparatur erwies sich als eine aufwendige und daher kostenintensive Angelegenheit, die letztendlich am Wagenbesitzer hängen blieb, da bei den Jugendlichen nichts zu holen war.

Aus Versehen Autodieb

In den siebziger Jahren sah man auf den Straßen der DDR überwiegend Trabbis der Farbe grau. Unterschiede waren oft nur zwischen Limousine und Kombi auszumachen. Einförmiger Autotyp und einheitliche Farbe brachten mich in einem Falle in starke Bedrängnis. Ich besuchte im Winter in einem Neubaublock gegen Abend Bekannte. Vorschriftsmäßig stellte ich meine graue Trabbilimousine auf einem Parkplatz vor den Häusern, neben vielen gleich aussehenden Autos ab. Als ich gegen 20.00 Uhr zum Fahrzeug kam - die Lufttemperatur war inzwischen auf unter minus 10 Grad Celsius gesunken - ließ sich der Schlüssel nicht ins Schloss stecken. Es musste eingefroren sein. Ich versuchte zunächst mit einer Streichholzflamme, den Schlüssel anzuwärmen, jedoch ohne Erfolg.

Hilfsbereit, die Kälte nicht scheuend, reichte eine Frau aus einer Parterrewohnung einen Fön an einem langen Kabel aus dem Fenster. Selbst die heiße Luft brachte das vermutete Eis im Schloss nicht zum Schmelzen. Der ABV (Abschnittsbevollmächtigte der Volkspolizei), der trotz Kälte auf Streifentour war, bot ebenfalls seine Hilfe an. Alle Bemühungen nützten nichts. Nach geraumer Zeit ging ich nochmals ums Auto herum und stellte mit Erschrecken fest, dass wir gar nicht an meinem, sondern an einem benachbarten fremden Fahrzeug hantierten!

Alle Entschuldigungen halfen nichts - der Ordnungshüter fühlte sich gefoppt - ich musste sofort 10,- Mark Ordnungsgeld bezahlen. Eine Strafanzeige wegen versuchten Diebstahls konnte ich abwenden. Auf dem Nachbarplatz stand mein eigenes Fahrzeug. Der Autoschlüssel passte in das Schloss, das noch nicht eingefroren war! Die vorgezeigten Papiere wiesen mich eindeutig als Besitzer aus.



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