Studentenproteste in China 1989 Das erzwungene Vergessen

Die Volksbefreiungsarmee befreite vor 30 Jahren Chinas Kommunisten von ihrem Volk. Seitdem will die Diktatur jede Erinnerung an das Massaker vom Tiananmen-Platz tilgen. Westliche Regierungen und Unternehmen spielen mit.

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Kurz nachdem Soldaten in der Nacht zum 4. Juni 1989 das Feuer eröffnet hatten, hörte viele hundert Kilometer weiter südwestlich der Dichter Liao Yiwu mit Freunden zusammen BBC. Dann bespielten sie ein Tonband mit einem langen Gedicht Liaos, nannten es "Massaker" und widmeten es den Opfern: "Dieses beispiellose Massaker überleben nur die Hundesöhne."

Die Volksbefreiungsarmee hatte die KP von ihrem Volk befreit. Vom Balkon des SPIEGEL-Büros an der Straße des Ewigen Friedens beobachtete ich Stunden später, wie Anwohner gegenüber immer wieder Straßengitter und Mülleimer auf den Asphalt zogen. Sie wollten die herandonnernden Panzer aufhalten. Das war mutig, geradezu tollkühn - half aber nichts. Die Panzer stoppten kurz, ruckelten über die Barrikaden und rasselten weiter Richtung Verbotene Stadt.

Am Morgen darauf hielten Gelände- und Lastwagen vor den Häusern. Mit Maschinenpistolen bewaffnete Soldaten führten Dutzende Menschen ab, die ihre Arme hinter dem Kopf verschränken mussten. Ich bat meinen chinesischen Sprachlehrer, mehr in Erfahrung zu bringen. Der junge Mann vom "Dienstleistungsbüro" im Außenministerium lief über die Straße und kam schnell zurück: Kein Mensch wollte mit ihm reden.

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China '89: Das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens

Peking, die quirlige Hauptstadt Chinas, versank in diesen Tagen im Schweigen. Wie gelähmt waren die Bürger, als ihre Regierung die rebellische Jugend von der Straße geschossen hatte. Den Befehl gab, das stellte sich später heraus, Chinas mächtigster Mann: Deng Xiaoping, graue Eminenz der Kommunistischen Partei.

"Wir sind zu spät gekommen"

Im April '89 hatten Studenten der großen Pekinger Unis zu demonstrieren begonnen, zunächst gegen das nach ihrer Ansicht schäbige Begräbnis des verstorbenen Parteichefs Hu Yaobang, eines Reformers. Bald richteten die Proteste sich auch gegen die Korruption in der KP, dann forderten die Studenten demokratische Reformen. Schließlich besetzten sie das weite Areal des Tiananmen-Platzes vor dem Mao-Mausoleum und der Großen Halle des Volkes. Sie stellten Zelte auf, zerrten Matratzen heran, gründeten Arbeitsgruppen, stritten sich. Einige begannen einen Hungerstreik.

Wir Korrespondenten erlebten, wie die jungen Leute langsam die Solidarität der Pekinger eroberten, die von der Macht der Funktionäre und ebenso von steigenden Preisen genervt waren. Anwohner schleppten Wasser und Nudeln herbei, viele schlossen sich den Protesten an.

Im Mai rollten Lastwagen mit ebenfalls protestierenden Polizisten durch die Stadt. Journalisten der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua sympathisierten offen mit den Demonstranten, Diplomaten schwenkten Pro-Demokratie-Transparente, Taxifahrer streikten. Nun gingen auch Bewohner anderer Städte auf die Straße.

30 Jahre Tiananmen-Massaker: Chinas dunkle Seite

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Am 20. Mai verhängte die KP das Kriegsrecht über Peking. Kreisende Hubschrauber warfen die Nachricht ab. Kurz zuvor war der relativ aufgeschlossene KP-Chef Zhao Ziyang auf dem Platz des Himmlischen Friedens erschienen und hatte vergeblich die Studenten beschworen, den Hungerstreik abzubrechen. "Wir sind zu spät gekommen... Es tut mir leid", sagte er, den Tränen nah.

Es war sein letzter Auftritt in der Öffentlichkeit, kurz darauf verlor Zhao seinen Posten. Ab dem 4. Juni stand er in einer kleinen Gasse, nur wenige Schritte vom Platz entfernt, unter Hausarrest, bis zu seinem Tod 2005.

Von Reue keine Spur

Am 4. Juni 1989 schlug Chinas Führung die Studentenproteste brutal nieder. Die KP-Propagandabosse setzten alles daran, das Geschehen aus dem kollektiven Gedächtnis zu löschen. Auf ihre Weisung sprachen die chinesischen Journalisten erst von "konterrevolutionären Unruhen", dann allenfalls von "Zwischenfall" oder "Ereignissen" - wenn überhaupt. Keine Spur von Reue oder Selbstkritik der Machthaber. Das erzwungene Vergessen wirkt: Nur noch ältere Chinesen wissen etwas über das wahre Geschehen.

1989 landeten die Anführer der Proteste für viele Jahre im Gefängnis. Auch andere Demonstranten verloren ihre Freiheit, mussten öffentlich Abbitte und Selbstkritik leisten, ewige Treue auf die Partei schwören. Manche konnten sich ins Ausland retten.

Fliehen musste auch der chinesische Ehemann der deutschen Assistentin des SPIEGEL-Büros. Auf dem Tiananmen-Platz hatte der Kunststudent an der Statue "Göttin der Demokratie" mitgearbeitet. Flugtickets waren in diesen Tagen umkämpft, die Preise schossen in die Höhe. Wir kratzten rund 8000 Mark für einen Swissair-Flug nach Europa zusammen, zum Glück schaffte es der junge Mann durch die Straßensperren zum Flughafen und in die Maschine.

Unklar ist das Schicksal des Mannes, der sich am 5. Juni am Platz des Himmlischen Friedens vor eine Panzerkolonne gestellt hatte und sogar auf einen Panzer geklettert war. Zwei Männer, möglicherweise Polizisten in Zivil, zogen ihn weg, seither ist er verschwunden. Das Schicksal einiger anderer ist bekannt:

  • Chai Ling, Organisatorin des Hungerstreiks, lebt mittlerweile in den USA und ist Chefin einer Softwarefirma.
  • Wu'er Kaixi, der mit dem damaligen Ministerpräsidenten Li Peng in der Großen Halle des Volkes nach seinem Hungerstreik im Schlafanzug verhandelte, studierte in den USA. Inzwischen arbeitet er in Taiwan als Radiomoderator und Unternehmer.
  • Fang Zheng wurde von einem Panzer überrollt und verlor beide Beine. Er lebt in den USA, machte sich einen Namen als Behindertensportler und ist Präsident der chinesischen "Bildungsstiftung für Demokratie". Als er jüngst zur Beerdigung seines Vaters reisen wollte, verweigerte ihm das chinesische Konsulat in San Francisco das Visum.

Heute scheinen die meisten chinesischen Studenten weit davon entfernt, die Macht der Partei infrage zu stellen. Sie akzeptieren den Befehl von KP-Chef Xi Jinping: "Die chinesische Jugend in der neuen Ära muss der Partei gehorchen und ihr folgen." Viele glauben Xis Versprechen, er werde dafür sorgen, dass niemand in der Welt ihr Land mehr - wie es im 19. und 20. Jahrhundert geschehen sei - beleidigen und unterdrücken könne.

Wenn Milliardengeschäfte locken...

Kritik an der absolut herrschenden KP setzen viele junge Chinesen inzwischen mit Kritik an ihrer Nation gleich. Aber selbst wer wollte, könnte schwer aufbegehren. Die KP-Führung hat eine Lehre aus 1989 gezogen: Nie wieder dürfe es so weit kommen, dass sich Oppositionelle vernetzen und gemeinsam mobilisieren können. Dafür schafft sie ein gigantisches, hochmodernes Überwachungssystem.

Dennoch wagten ehemalige hohe Parteileute, Beamte und sogar Ex-Militärs immer wieder, an das Massaker zu erinnern. So verurteilte es der pensionierte Militärarzt Jiang Yanyong, 87, jüngst in einem Brief an seine Genossen als "Verbrechen" - und wird seitdem von der Außenwelt isoliert. Die alten "Mütter des Tiananmen" versuchen bis heute unermüdlich, an ihre getöteten Kinder zu erinnern.

Entsetzt beobachteten wir Journalisten, wie ausländische Regierungen, auch die deutsche, schon bald nach dem 4. Juni das Verhältnis zur chinesischen Führung normalisieren wollten. So flog Ex-Kanzler Helmut Schmidt 1990 nach China, 1993 folgte eine große Politiker-Delegation, darunter Henry Kissinger aus den USA und Valéry Giscard d'Estaing aus Frankreich. Sie wollten in Peking Gutwetter machen - weil milliardenschwere Geschäfte lockten. Denn nach 1989 hatte die KP zumindest in der Wirtschaft die Zügel gelockert.

Regierungen und Unternehmen hofften auf Handelsvorteile sowie den Eintritt in Chinas enormen Arbeits- und Konsumentenmarkt, sagt Sharon Hom von der Menschenrechtsorganisation Human Rights in China. Sie hätten "bequemerweise geglaubt, dass Chinas wachsende Integration in die internationale Gemeinschaft dazu beitragen würde, es zu demokratisieren und nach internationalen Regeln zu handeln". Ein großer Irrtum, Chinas KP unterdrücke immer frecher die Menschenrechte. "Der chinesische Partei-Staat hat die Lektion von 1989 gelernt: Er kommt mit Mord davon", sagt Hom.

...werfen sich Wirtschaftskapitäne in den Staub

Unvergessen: Nur Wochen nach dem Massaker redeten deutsche Manager bei einem Empfang im Jianguo-Hotel auf uns Journalisten ein, wir sollten bitte nicht durch allzu kritische Berichte das Geschäftsklima vermiesen. So schlimm sei die Lage doch gar nicht, der von Deng Xiaoping gerade eingesetzte neue Parteichef Jiang Zemin sei ganz gewiss ein Reformer. Helmut Schmidt kritisierte später angeblich "übertreibende westliche Medien-Berichterstattung".

Ausnahmen gab es. So hielt die Demokratin Nancy Pelosi, heute Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, 1991 auf dem Tiananmen-Platz ein Banner hoch: "Für jene, die für die Demokratie in China starben".

Bis heute sind deutsche Wirtschaftsführer bereit, sich vor den chinesischen Diktatoren in den Staub zu werfen. Der Autokonzern Daimler etwa veröffentlichte im Februar 2018 den Werbespruch "Schau dir eine Situation von allen Blickwinkeln aus an, und du wirst offener werden" - offenbar hatten die PR-Leute verschlafen, dass die Devise ausgerechnet vom Dalai Lama stammte, den die KP abgrundtief hasst. Die Stuttgarter entschuldigten sich flugs für diesen "extremen" Fehler, der die "Gefühle des chinesischen Volkes" verletzt habe.

Auch VW-Chef Herbert Diess war sehr brav, als er jüngst in einem BBC-Interview auf die Umerziehungslager für muslimische Uiguren in der Region Xinjiang angesprochen wurde, wo VW 2013 ein Werk eröffnet hatte. Von diesen Camps wisse er nichts, sagte er. Später ruderten die Wolfsburger zurück und beteuerten: Doch, doch, Diess sei sich der Lage bewusst.

Nach 30 Jahren ist noch immer nicht klar, wie viele Menschen 1989 ums Leben kamen. Experten nannten die Zahl 2600. Liao Yiwu, der Dichter aus Sichuan, musste wegen seines Gedichts für vier Jahre ins Gefängnis, er lebt inzwischen in Berlin. Meinen Sprachlehrer, der damals mehr über die Verhaftungen auf der anderen Straßenseite zu erfahren versuchte, hat es ebenfalls nach Deutschland verschlagen. Er ist heute chinesischer Generalkonsul in Frankfurt.

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Gerald Günther, 04.06.2019
1.
Ja, leider kuschen alle vor einem immer stärker werdenden China, welches nunmehr auch globale Führung will. Trotz seines kapitalistischen Motors, welcher erst die Kraft des Landes freigesetzt hat, handelt es sich politisch um eine kommunistische Parteidiktatur. Und diese Ideologie ist auf die Weltherrschaft aus. Aber dennoch ein Kartenhaus was sich auch daran zeigt, dass Xi lebenslang als Führer auserkoren wurde was nichts anderes bedeutet als dass die KP China es keinem anderen der 1,500,000,000 Chinesen zutraut Partei und Land zusammenzuhalten. Das Beispiel Taiwan zeigt jedoch wie Demokratie und Rechtsstaatlichkeit auch in China funktionieren kann.
Oliver Völckers, 04.06.2019
2. Frage
In der Fotostrecke sind einige Bilder von zerstörten Armeefahrzeugen zu sehen, aber es gibt keine Bilder von offensichtlicher Gewalt der Staatsmacht gegen Demonstranten. Wie kommt das?
Wulf Dinter, 04.06.2019
3. Der Zwischenfall wird im Westen überbewertet
Ich reiste bereits im Juli 1989 durch China und sprach u.a. mit Pekinger Studenten die direkt betroffen waren. Ich war überrascht: "Wir haben gegen 3 der konfuzianischen Grundregeln verstossen" (Kaiser vs Untertan, Vater (alter) vs Sohn (jung) und die ungeschrieben Regel Lehrer vs Schüler). In den USA sagte ein geflüchteter Studentenführer: "Wir wissen nicht genau was Demokratie bedeutet, aber wenn es zu westlichem Wohlstand verhilft brauchen wir das auch". Was ist in den letzten 30 Jahren passiert: Wirtschaft und Politik wurde getrennt. Der private Wirtschaftssektor liberalisiert und China steht besser da wie nie zuvor. Es ist, entgegen westlicher Berichterstattung, nämlich eine imense Liberalisierung erfolgt. Das erkennen die Chinesen an. Das Grundanliegen privater wirtschaftlicher Freiheit wurde nämlich durchgesetzt ! Nur die staatlichen Stellen unterdrücken den Auslöser, da er nicht innerhalb der Partei erfolgte. Niemand im China 1989 (ohne Internet !, Das gab es damals noch nicht) konnte wissen was "Demokratie" ist. Daher sind wir im Westen verblendet diesen "Aufstand" als so etwas wie die französische Revolution zu sehen. Aber eine Anmerkung am Rande: Hong Kong ist ein anderer Schuh. Dort hatten die Briten bis kurz vor der Rückgabe an China ebenfalls mit diktatorischen Governmentsbefugnissen regiert. Erst kurz vor 1997 gab es freie Wahlen. Damit hat man China einen Streich spielen wollen der auf dem Rücken der Hong Konger noch einige schmutzige Geschehnisse zur Folge haben wird.
Klemens Winkler, 04.06.2019
4.
Man lese von Liao Yiwu "Die Kugel und das Opium" für mich der erschütterndste Bericht über das Massaker. Auf 432 Seiten findet man eine Sammlung von Augenzeugenberichten und am Ende des Buches eine umfangreiche Liste von Opfern und ihrem Schicksal!
L. M., 04.06.2019
5. @3 Wie man 2600 Opfer und Verschleppungen überbewerten kann,
ist mir schleierhaft. Dass Demokratie nicht die Generallösung für jedes Land darstellt, sollten wir verstanden haben. Wenn man hunderte Jahre Unterdrückung erfährt und bildungsmäßig indoktriniert wird, was soll da an Freiheitsdenke übrig sein? Ich war genau zum 20-jährigen "Jubiläum" auf dem Platz, die eine junge chinesische Reiseführerin wusste gar nicht, wovon ich rede. Unser ständiger Reiseführer, der in Deutschland studiert hatte, wurde extrem nervös und schaute sich sogleich um, wusste aber auch nichts.
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