Politische Verfolgung Aus dem Gulag ins Gelbe Elend

Ein endloser Alptraum: Als 19-Jähriger wurde der DDR-Bürger Günter Rehbein 1952 zu 25 Jahren Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt. Nach einer Amnestie stellte man ihn vor die Wahl: DDR oder BRD? Rehbein entschied sich für die alte Heimat - und das Leiden ging weiter.

DPA

Sie führten ihn ab wie einen Staatsfeind. Der Männer vom Betriebsschutz des Modedruckwerks Gera packten ihn, zogen ihn fort von seinem Arbeitsplatz und verfrachteten ihn in ein bereitstehendes Auto der Staatssicherheit. Er wusste nicht, dass man ihn der sowjetischen Kommandantur übergeben würde. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, was ihm widerfuhr. Damals, im Jahre 1952, war Günther Rehbein erst 19 Jahre alt.

Während der Verhöre wurde er geschlagen, erniedrigt und gequält. Wärmeentzug und Isolierhaft erschöpften den jungen Mann bis zur totalen Entkräftung. Niemand sagte ihm, was er sich zu Schulden hatte kommen lassen. Als er wagte zu fragen, was man ihm vorwarf, lautete die ungeheuerliche Behauptung, er solle geplant haben, die sowjetische Kommandantur in Gera in die Luft zu sprengen.

Nie und nimmer wäre ihm etwas Derartiges in den Sinn gekommen. Der Vorwurf war absurd. Günther Rehbein hatte Frau und Kind. Wenige Tage zuvor hatte er einem Bekannten gegenüber lediglich seinen Unmut über die Demontierung von Gleisanlagen und Industriebetrieben in der DDR durch die Sowjets zum Ausdruck gebracht. Die Güter wurden damals als Reparationsleistung betrachtet und in die Sowjetunion abtransportiert. Sie fehlten in jenen Jahren des Wiederaufbaus. Sein Bekannter schwärzte ihn an.

Verbannung auf Lebenszeit

Unter Folter versuchten die Sowjets, Günther Rehbein ein Geständnis abzupressen. Doch er weigerte sich, ein mehrseitiges, in russischer Sprache verfasstes Protokoll zu unterschreiben. "Ich unterschreibe nicht, was ich nicht lesen kann", sagte er. Sein Widerstand brachte ihm verschärfte Haftbedingungen und Foltermethoden ein. Trotzdem blieb er standhaft und nahm seine letzten Kräfte zusammen. Er wollte durchhalten. Nicht zuletzt für Frau und Kind. Er musste befürchten, dass auch seine Frau unter Druck gesetzt wurde. Die Ungewissheit war schlimmer als die nicht enden wollende Pein im Keller der russischen Kommandantur. Am Ende unterschrieb Günther Rehbein dann doch das für ihn unverständliche russische Protokoll.

Vor einem sowjetischen Militärtribunal wurde ihm unter Ausschluss der Öffentlichkeit der Prozess gemacht. Staatsanwalt, Richter und die beiden Beisitzer waren allesamt hochrangige Offiziere. Die Strafe für das angebliche Verbrechen war drakonisch, es überschritt jegliche menschliche Vorstellungskraft: 25 Jahre sollte er in dem berüchtigten, sibirischen Gulag Workuta nördlich des Polarkreises interniert werden und in einem Bergwerk Zwangsarbeit leisten. Unmittelbar nach dem Prozess, der eine Farce war, wurde Günter Rehberg nach Sibirien verschleppt. Noch immer wusste er nicht, wie es seiner Familie erging, ob man ihnen mitgeteilt hatte, was ihm widerfuhr.

Während Günther Rehbergs Haftzeit im fernen Workuta am nördlichen Ende des Ural-Gebirges gab es keinerlei Kontakt zu seiner Familie. Nachdem Bundeskanzler Konrad Adenauer 1955 nach Moskau gereist war und die Zusage von Chruschtschow erwirkte hatte, dass alle deutschen Kriegsgefangenen die Sowjetunion verlassen dürfen, wurde auch Günther Rehbein als politischer Gefangener noch im selben Jahr freigelassen. Ohne Adenauer, sagt Rehbein heute, wäre er in Workuta zu Grunde gegangen und hätte seine Heimat nie wieder gesehen.

Erneutes Leid, erneutes Elend

Obschon die Möglichkeit bestand, in die Bundesrepublik überführt zu werden, entschied sich Günther Rehbein dafür, in seine alte Heimatstadt Gera in der DDR zurückzukehren, zurück zu seiner Frau und seinem Kind. In Gera musste er erfahren, dass seine Frau sich unterdessen mit einem anderen Mann liiert hatte, einem Mann, der in Verbindung mit der Stasi stand. Aber das war noch nicht alles: Das Stigma des ehemaligen politischen Gefangenen haftete an dem jungen Mann wie Pech und Schwefel. Im Staat der Arbeiter und Bauern galt er als Klassenfeind. Dass er unschuldig verurteilt worden war, spielte dabei keine Rolle.

Jahrelang hatte Günther Rehbein große Schwierigkeiten, einen Anstellung zu bekommen. Alles, was man ihm anbot, waren die unqualifizierten, die schmutzigen Hilfsarbeiten. Es war ihm unmöglich, wieder richtig Fuß zu fassen. Überall legte man ihm Steine in den Weg. Die Staatssicherheit heftete sich an Rehbeins Fersen. Man wollte den Ex-Häftling, der für all das Leid, das er erlitten hatte, auch noch bestraft wurde, zur Zusammenarbeit bewegen. Ehemalige Freunde wurden auf ihn angesetzt. Immer wieder gaben sie ihm zu verstehen, dass es gewisse Möglichkeiten für ihn gab. So nannten sie es. "Wir helfen dir", sagten sie. "Du kannst alles erreichen, wenn du nur willst." Aber Günther Rehbein wollte nicht mit denen kollaborieren, die ihn ausgeliefert hatten.

Als Günther Rehbein einige Jahre nach seiner Rückkehr einen der Spitzel, die ihm nachstellten, niederschlug - es handelte sich um seinen alten Bekannten, der ihn 1952 verraten hatte - konnte sich die Staatssicherheit für seine Weigerung zu kooperieren an ihm rächen. Vier Jahre lang, von 1967 bis 1971, musste er im "Gelben Elend" in Bautzen einsitzen. Erneut wurde er daran gehindert, sein Leben zu leben, erneut wurde er zum Opfer totalitärer Willkür.

Auszug (leicht überarbeitet) aus Neumann, Just: "Marionettentanz - Ein DDR-Bild", ISBN: 978-3-8370-6144-4



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Grit Werner, 03.04.2009
1.
Durch Zufall stieß ich auf Just Neumanns Bericht über Günther Rehbein. Ich danke Herrn Neumann für diesen wertvollen, wichtigen Beitrag! Als Günther Rehbeins Lektorin bin ich mit diesem Einzelschicksal auf ganz besondere Weise verbunden. Bei der Arbeit an Rehbeins Aufzeichnungen "Gulag und Genossen", die vor zwei Jahren erschienen sind, habe ich ihn kennengelernt und war fasziniert von seiner unglaublich positiven Ausstrahlung. Das hatte ich angesichts dessen, was dieser Mensch durchmachen musste, nicht erwartet ... Günther Rehbein ist nicht verbittert. Sie haben ihn nicht kleingekriegt. Obwohl das, was er aushalten musste, genug ist, um einen Menschen zu zerstören. Heute ist Rehbein ein wacher, alter Herr, der sich mit ganzer Kraft dafür einsetzt, dass dieser dunkle Abschnitt deutscher Geschichte ins Bewusstsein der Jüngeren dringt. Deshalb hat er seine Lebensgeschichte in einem Buch niedergelegt. Die Arbeit an dem Manuskript hat mich immer wieder bis ins Innerste berührt. Rehbeins nüchterne, teilweise nur bruchstückhafte Sprache, die nur ganz selten Emotionalität zulässt, hat mich immer wieder niedergeschmettert. Ich habe auch geweint. Für Günther Rehbein war das Schreiben ein Akt der Befreiung. Nicht seine offizielle Rehabilitierung 1995 hat ihm seinen inneren Frieden wiedergegeben, sondern die Aufzeichnung seiner Geschichte, während der er alles noch einmal durchlebt hat und endlich verarbeiten konnte. Seit zwei Jahren ist Günther Rehbein mit seinem Buch unterwegs - auch vor Schulklassen liest er. Das ist ihm wichtig - und es ist schön zu sehen, dass er nicht müde wird, sich für seine Sache einzusetzen.
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