Zivile Nutzung von Nuklearwaffen Fracking mit Atombombe

Umweltaktivisten machen Front gegen Fracking. In den Sechzigern erprobten US-Wissenschaftler noch viel brachialere Methoden zur Erdgasförderung: Atombomben. Mit Nuklear-Explosionen wollten sie ganze Landstriche umgestalten.

Corbis

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Aus den Lautsprechern am Rande des Leandro Canyon im Südosten der USA ertönte ein "drei, zwei, eins, null". Für einen Moment herrschte angespannte Stille. Dann erzittert der Boden unter den Füßen der Beobachter. Ein dumpfes, fernes Rumpeln war zu hören, gefolgt von einer weiteren Erschütterung mit leiserem Grollen. "Wir haben es geschafft! Wir haben es geschafft!", hörte man jemanden rufen, dann wurden rundherum Hände geschüttelt. So beschrieb ein Reporter des "Time"-Magazine, was er am 10. Dezember 1967 im amerikanischen Bundesstaat New Mexico, circa 80 Kilometer von der Ortschaft Farmington entfernt, beobachtete - ein Ereignis von nationaler Bedeutung.

Mit staatlicher Unterstützung erprobte hier die El Paso Natural Gas Company ein neues Verfahren, das nach damaligen Schätzungen die nutzbaren Erdgasreserven der USA verdoppeln sollte. Wie ihre Konkurrenten hatte die Gesellschaft den begehrten Rohstoff bis dahin auf konventionelle Weise durch Anbohren des Gesteins gewonnen, wobei der natürliche Druck im Untergrund das Gas aufsteigen ließ. Doch in verschiedenen Teilen der USA wie etwa in New Mexico waren diese Quellen wegen des Gesteins wenig ergiebig.

Das Erdgas, eine der wichtigsten Kraftquellen der amerikanischen Industrie, drohte, knapp zu werden. Von Energiekrise war die Rede. Fieberhaft wurde daher nach neuen Methoden der Förderung gesucht und dabei etwa das sogenannte Hydraulic Fracturing getestet, bei dem eine Flüssigkeit unter hohem Druck in die Lagerstätte gepumpt wurde. Die puddingartige Mixtur sorgte dafür, dass sich im Gestein Frakturen, also Risse bildeten, durch die das Gas aufsteigen konnte. Hydraulic Fracturing, umgangssprachlich Fracking, ist bis heute im Einsatz, wenn auch stark umstritten, weil Kritiker fürchten, es könnte Erdbeben auslösen und das Trinkwasser kontaminieren.

Derartige Bedenken gab es damals nicht, etwas anderes sprach gegen das Hydraulic Fracturing: Die Produktionssteigerung war nur von kurzer Dauer und lohnte die zusätzlichen Kosten nicht - verglichen mit den Ergebnissen, die der Test mit dem Projektnamen "Gasbuggy" im Nordwesten New Mexicos versprach.

Fracking mit Atombombe

Die gewaltige Explosion, so hatten Experten errechnet, würde einen Hohlraum von rund 50 Metern Breite und rund hundert Metern Höhe in den Untergrund sprengen, gefüllt mit zertrümmertem Gestein. In der Kuppe dieser Höhle sollte sich das Gas sammeln, das man einige Monate später fördern wollte. Sam Smith, der verantwortliche Ingenieur der El Paso Natural Gas Company, war zuversichtlich. Das Projekt "Gasbuggy" würde völlig neue Möglichkeiten eröffnen. "Wir hoffen", so zitierte ihn das Magazin "Popular Mechanics" im Herbst 1967 kurz vor dem Test, "dass wir daraus ein praktisches Werkzeug machen können - eines, das wir jeden Tag der Woche in jedem beliebigen Gasfeld einsetzen können".

Der Erfolg sollte sich bestätigen. Im Jahr darauf förderte das Bohrloch so viel Gas, wie in den gesamten sieben Jahren zuvor. Prognosen besagten, dass über einen Zeitraum von 20 Jahren nicht nur zehn Prozent der Gasreserven - wie beim Hydraulic Fracturing, sondern bis zu 70 Prozent des im Gestein eingeschlossenen Gases freigesetzt werden könnte. Ein Weg schien gefunden, das Versorgungsproblem für Jahre zu lösen. Doch trotz der äußerst optimistischen Aussichten und des erwartungsgemäß verlaufenden Tests blieb Projekt "Gasbuggy" nur eine kurze Episode in der Geschichte amerikanischer Erdgasförderung. Grund war die eingesetzte Technologie.

Denn das, was da am 10. Dezember 1967 in 1292 Meter Tiefe die gewaltige Erschütterung auslöste, hatte die Sprengkraft von 29 Kilotonnen TNT - eine nukleare Explosion von etwa der doppelten Stärke der Hiroshima-Bombe.

Die Erde umpflügen

Fracking mit Atomminen - für Teile der US-Wirtschaft schien sich hier ein Weg aus der drohenden Energiekrise zu eröffnen; für die US-Regierung allerdings war es zugleich der letzte Versuch, der Forschung an atomarem Sprengstoff ein positives Image zu verleihen. "Gasbuggy" war eines der wenigen verbliebenen Projekte eines weitaus umfangreicheren Programms, das eine zivile, ökonomische Nutzung von Atombomben anstrebte. Ein Programm, das in dem Glauben entstanden war, der Mensch könnte die Erde nach seinen eigenen Wünschen gestalten - und bei Bedarf auch umformen. Der bezeichnende Titel dieser 1958 von der amerikanischen Atomenergie-Behörde gegründeten Kooperation zwischen Wissenschaft und Industrie: Plowshare, Pflugschar.

Der Name leitete sich dabei ursprünglich aus der biblischen Prophezeiung "Schwerter zu Pflugscharen" ab. Das Synonym für die friedliche Nutzung war mehr als treffend: Ähnlich wie die Pflugschar den Acker sollten Atomsprengsätze die Oberfläche des Planeten umwerfen. Es waren Wissenschaftler des Lawrence Livermore Laboratory um den Physiker Edward Teller, Mitentwickler der ersten Nuklearbomben, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, "saubere nukleare Explosionen für den industriellen Gebrauch" zu entwickeln. Für Teller stand außer Frage: "Wir werden die Erdoberfläche so verändern, wie sie uns passt."

Die Wissenschaftler konnten sich vorstellen, mit Hilfe von Atomminen gewaltige Erd- und Gesteinsmassen zu bewegen, neue Wege durch unpassierbare Gebirgsmassive zu treiben und Bodenschätze zu erschließen. Bald gab es konkrete Pläne: Politiker im Bundesstaat Alaska unterstützten die Vision, in Cape Thompson ein künstliches Hafenbecken auszuheben und gleich auch den Zugang zum Ozean freizubomben. Andere Pläne befassten sich mit der Sprengung eines Hafens an der Nordwestküste Australiens oder dem Ausfurchen der Gebirgsketten Kaliforniens für eine direkte Bahn- und Straßenverbindung.

US-Präsident Lyndon B. Johnson favorisierte gar den Bau eines zweiten Panamakanals mittels Atombomben. Der bestehende war zu einem Nadelöhr geworden, vor dessen Schleusen sich der zunehmende Schiffsverkehr staute. Eine Passage, die schleusenfrei auf Meereshöhe Pazifik und Atlantik miteinander verband, würde die Situation entlasten. In Livermore tüftelte man dazu an zwei möglichen Routen - eine durch Panama, eine durch Kolumbien. Die Pläne waren weit gediehen: Für die Realisierung, so schätzen die Wissenschaftler, wären bis zu 300 Atomsprengungen nötig - und die Umsiedlung von bis zu 40.000 Menschen.

Riesenkrater in der Wüste

Es blieb bei den Plänen. Nachdem die Forscher in Alaska auf wachsenden Widerstand von Umweltschützern und Ureinwohnern gestoßen waren, verlagerten sie den Schwerpunkt ihrer Forschung auf das Atomtestgelände in der Wüste von Nevada.

Am 6. Juli 1962 ließen sie dort einen Sprengsatz von 104 Kilotonnen detonieren. Der Nukleartest "Sedan" blieb das augenfälligste Projekt des Plowshare-Programms: Die Explosion bewegte rund zwölf Millionen Tonnen Sand und Gestein und hinterließ einen rund hundert Meter tiefen Krater mit einem Durchmesser von rund 400 Metern. Weitere Tests folgten. Tellers Versprechen jedoch, eine "saubere Bombe" zu entwickeln, blieben die Livermorer Forscher schuldig.

Stück für Stück mussten die Projekte aufgegeben werden - nicht zuletzt, weil sie politisch kaum mehr durchsetzbar waren. Schon bei ihren Tests waren die USA in Konflikt mit dem 1963 vereinbarten Atomteststopp-Vertrag geraten, der Explosionen untersagte, bei denen mit radioaktivem Niederschlag außerhalb des nationalen Territoriums zu rechnen war.

Unverkäufliches Gas

Denkbar waren demnach nur noch unterirdische Detonationen, bei denen man davon ausging, dass die meisten Radionuklide vom geschmolzenen Gestein eingeschlossen würden. Die sogenannte Stimulation von Erdgasbohrungen war somit die einzig verbliebene Möglichkeit, atomare Sprengkraft wirtschaftlich zu nutzen. Doch obwohl das Experiment "Gasbuggy" zum großen Teil wie geplant verlaufen war, sollte es in den USA nur noch zwei weitere Tests dieser Art geben.

Für das Gas aus New Mexico nämlich fanden sich keine Abnehmer. Wie sich herausgestellt hatte, war es nicht nur von deutlich geringerem Brennwert - sondern auch radioaktiv, allerdings natürlichen Ursprungs, nicht infolge der Bombe. Für die El Paso Natural Gas Company sah es somit nicht danach aus, als würde sie die Kosten der gewaltigen Sprengung refinanzieren können.

Dennoch wagten Forscher in Colorado weitere Versuche. Der Test im Mai 1973 in der Nähe von Rifle im Westen des Bundesstaates sollte der letzte sein: Mit dem Ziel, einen besonders großen Effekt zu erzielen, waren dabei gleich drei Sprengsätze gezündet worden. Das Resultat aber war für Ingenieure wie Wissenschaftler ernüchternd: Statt eines großen, waren offenbar drei separate Hohlräume entstanden. Die Gasmenge der angebohrten Höhle jedenfalls war enttäuschend gering.

Doch auch ohne diesen Fehlschlag sollte das atomare Fracking in den USA keine Zukunft haben: Befürchtungen wurden lauter, wonach die Atomexplosionen Häuser zerstören und Erdbeben auslösen könnten, ganz abgesehen von der Radioaktivität. Ölgesellschaften sorgten sich zudem, dass durch die Explosionen im Erdgas-Gestein die häufig darüberliegende, bislang noch ungenutzte Ölschiefer-Schicht Schaden nehmen könnte.

Der Bundesstaat Colorado verabschiedete schließlich ein Gesetz, das Atomsprengungen verbot oder jeweils die explizite Zustimmung der Bevölkerung verlangte. 1975, nach 27 Tests mit insgesamt 35 Detonationen, stellten die USA das Programm Plowshare ein.

Sowjetisches Werkzeug

Während die öffentliche Meinung der US-Regierung klare Grenzen aufzeigt hatte, kannte das autoritäre Sowjet-Regime derartige Restriktionen nicht: Seit 1965 betrieb die Sowjetunion ihrerseits unter der Bezeichnung "Nukleare Explosionen für die Volkswirtschaft" ein ähnliches Programm, eröffnet mit einer 140-Kilotonnen-Detonation im Flussbett des Tschagan auf dem Atomtestgelände von Semipalatinsk in Kasachstan. Wie der russische Atomphysiker Alexander B. Koldobskij 1996 in der "Österreichischen Militärischen Zeitschrift (ÖMZ)" berichtete, handelte es sich dabei um die bis heute stärkste zivile Atomexplosion, die einen Krater mit einem Volumen von 17 Millionen Kubikmeter hinterließ, der als künstliches Wasserreservoir diente.

Von den insgesamt 115 zivilen Atomexplosionen, die die UdSSR bis 1988 auslöste, fanden laut Koldobskij nur vier auf dem Testgelände statt. Alle übrigen - außer in Kasachstan auch in Russland, der Ukraine, Usbekistan und Turkmenistan - hatten konkrete wirtschaftliche Ziele.

Was die Amerikaner planten, setzen die Sowjets um: Atomsprengungen dienten demnach unter anderem dazu, Gewässer aufzustauen, Flüsse durch Kanäle zu verbinden, Straßentrassen anzulegen und Bodenschätze zu erschließen. Nach der Beschreibung Koldobskijs hatte die Atommine in der Sowjetunion zeitweise wohl tatsächlich so etwas wie den Status eines alltäglichen Werkzeugs: In mehreren Fällen, in denen es bei der Erkundung zu einer Haverie am Bohrloch gekommen war, habe man mittels atomarer Gesteinsverschiebung die unkontrollierten Erdgasausbrüche stoppen können.



insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
Johannes Höper, 21.10.2013
1.
Tja, eine Atombombe ist halt auch nur ein etwas stärkerer Bohrer. Und - haben die Anwohner jetzt überall zweiköpfige Kinder?
Olaf Geibig, 21.10.2013
2.
>Tja, eine Atombombe ist halt auch nur ein etwas stärkerer Bohrer. Und - haben die Anwohner jetzt überall zweiköpfige Kinder? Das ist ziemlich zynisch und nicht witzig. Die tausenden von Krebstoten verhöhnen Sie damit. https://en.wikipedia.org/wiki/Nevada_National_Security_Site#Cancer_and_test_site
John D. Blue, 21.10.2013
3.
Interessanter Artikel. Für alle Interessierten hier ein YouTube-Link auf ein declassified US-Video zum im Artikel erwähnten Nukleartest "Sedan": https://www.youtube.com/watch?v=T1o38Yo5OhY. Enthält auch mehrere Videos der Explosion.
Dirk Mengel, 21.10.2013
4.
Sinnloser Beitrag... rund um die Nevada Testing Site und Semipalatinsk gab es zumindest genug Opfer der Atomtests. Was die Bemerkung im Artikel angeht, dass die Radioaktivität des Gases natürlichen Ursprungs sei - das habe ich aus anderen Quellen anders gehört und halte es auch für ein wenig unwahrscheinlich...
Siegfried Wittenburg, 21.10.2013
5.
"Und - haben die Anwohner jetzt überall zweiköpfige Kinder?" Welche Anwohner?
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