Grubenschließung nach der Wende Aufstand im Kalibergwerk

Keine Ortschaft war nach der Wende bei Bonner Politikern so gefürchtet wie das thüringische Bischofferode. Von 1992 bis 1993 kämpften dort Kaliwerker für den Erhalt ihres Betriebs - mit allen Mitteln. Um ihren Job zu retten, riskierten einige sogar ihr Leben.

DPA

Wahrscheinlich kratzte Günter Rexrodt seinen ganzen Mut zusammen, als er aus dem Auto stieg. Schließlich gab es keinen Ort in der Republik, an dem er weniger willkommen war. Am 2. November 1993 besuchte der Bundeswirtschaftsminister eine Konferenz in der thüringischen Stadt Worbis. Bergleute aus dem nahegelegenen Örtchen Bischofferode warteten schon auf ihn - und bereiteten dem Politiker einen heißen Empfang. Empört riefen sie: "Wirtschaftstöter!" - eine wenig schmeichelhafte Bezeichnung für einen Wirtschaftsminister. Und eine wenig verwunderliche für Rexrodt - schließlich war er den weiten Weg aus Bonn gekommen, um zu erklären, warum ihr Kalibergwerk geschlossen werden sollte.

Der Tag sollte für ihn alles andere als gemütlich werden. Die Emotionen entluden sich bei einer hitzigen Diskussion mit den Kaliwerkern unter freiem Himmel. Auf der einen Seite die Bergleute, denen der Zorn hochrot ins Gesicht geschrieben stand, auf der anderen ein Bundesminister, der mit erhobenem Zeigefinger und Megafon versuchte, den wütenden Lärm zu übertönen.

Außer tröstlichen Worten konnte Günter Rexrodt den Männern ohnehin nichts mit auf den Weg geben - das Ende ihres Kaliwerks war längst beschlossene Sache.

"Das konnte kein Mensch begreifen"

"Wir waren gut vorbereitet und alle guter Hoffnung auf die Marktwirtschaft", sagt Gerhard Jüttemann über die Erwartungen der Belegschaft nach der Wende 1989. Viele Jahre ist der gelernte Zerspanungsfacharbeiter unter Tage eingefahren. "Wir hatten qualifiziertes Personal, moderne Technik und ein Lagervorkommen, das noch Jahrzehnte gereicht hätte." Für die DDR war das Kaliwerk ein profitabler Devisenbringer, denn das Kali wurde in den Westen exportiert. Rund 2000 Mann fanden hier zur Zeit der Wende Beschäftigung. Die chemische Industrie und vor allem die Landwirtschaft hatten Bedarf an dem Rohstoff.

Eigentlich gute Aussichten für die Zukunft, dachten die Bischofferoder Kalikumpel. Umso erstaunlichere Nachrichten erhielt die Belegschaft kurz vor Weihnachten 1992. "Wir kriegten dann von der Betriebsleitung am 10. Dezember die Information: Im Zuge der geplanten deutsch-deutschen Kali-Fusion werden die Standorte Bischofferode und Merkers zum 31. Dezember 1993 geschlossen", berichtet Gerhard Jüttemann. Er macht eine Pause. "Das platzte rein wie eine Bombe." Die deutsch-deutsche Kali-Fusion war der Zusammenschluss der westdeutschen Kali und Salz AG sowie der ostdeutschen Mitteldeutschen Kali AG, die von der Treuhandanstalt kontrolliert wurde.

Die Bischofferoder waren schockiert darüber, dass ausgerechnet ihr konkurrenzfähiges Werk dichtgemacht werden sollte. "Kali und Salz hatte viel mehr Verlust als wir. Das hatte mit Gerechtigkeit, mit Wiedervereinigung nichts zu tun. Diese Schweinereien wurden dann ja auch aufgedeckt", sagt Jüttmann und gerät noch heute in Rage.

Malochende Werksbesetzer

Zu diesem Zeitpunkt war Jüttemann bereits Betriebsratsmitglied. "Ich habe damals der Belegschaft gesagt: Stellt euch auf einen langen, harten Kampf ein, das ist ein mächtiger Gegner." Er habe ihnen erklärt, dass es nicht leicht werde: "Aber uns geschieht Unrecht, und das können wir nicht einfach hinnehmen. Wir werden uns lange, lange wehren."

Nachdem Proteste nicht gefruchtet hatten, griffen die Kaliwerker zu anderen Mitteln. Sie nahmen am 7. April 1993 ihre Arbeitsstätte in Besitz, damit das Werk nicht klammheimlich über Nacht geschlossen werden konnte. Auf eine riesige Leinwand schrieben sie "Dieses Werk ist besetzt".

So vorbildliche Werksbesetzer hatte die Marktwirtschaft bislang nicht oft gesehen. Parallel zur Besetzung arbeiteten die Kumpel weiter ihre normale Schicht ab. "An der Werkswache standen dann die Kollegen, die jetzt keine Schicht hatten. Die standen dort vorne und haben gewissermaßen die zweite Schicht gemacht. Das ging dann immer im Wechsel", erzählt Siegfried Hübenthal. "Ich habe 1993 die meiste Zeit am Schacht verbracht. Dass war ganz selten, dass ich mal zu Hause war", erinnert sich Hübenthal. "Es ging schließlich um unseren Arbeitsplatz!"

"Bischofferode ist überall"

Ein Foto aus dieser Zeit verdeutlicht den Siegeswillen der Bischofferoder Kumpel. Ein Bergmann, bereit zur Abfahrt im Aufzug, die Grubenlampe um den Hals, streckt zusammen mit seinem Kollegen die Faust siegessicher in die Luft. Rund 690 Mann war die Belegschaft zu diesem Zeitpunkt noch stark. Und bald sollten auch die Manager der Treuhand in Berlin und die Bundespolitiker aus Bonn den Zorn der Bischofferoder zu spüren bekommen.

"Wir haben alles gemacht. Mit einer Delegation sind wir sogar zum Papst gefahren und haben eine Petition übergeben. Zig Demonstrationen haben wir gemacht, deutschlandweit", erinnert sich Jüttemann. Und Siegfried Hübenthal ergänzt: "Wir waren bei BASF vorm Werkstor und haben uns dort angekettet und in Frankfurt bei der Aktionsversammlung mit einem Autokorso." BASF war der Hauptaktionär der Kassler Kali und Salz AG. "Bischofferode ist überall", lautete die Kampfansage der Bergleute - weil überall im Osten in den Betrieben die Lichter ausgingen.

Eindrucksvolle Bilder aus Bischofferode gingen durch die Medien: Bergmannsfrauen, den Schutzhelm in der Hand, die in Tränen ausbrechen. Kinder mit Schildern in der Hand, die Aufschriften trugen wie "Lasst unseren Vätern die Arbeit!". Eine Welle der Solidarität erreichte Bischofferode. Gewerkschaften stellten Faxgeräte, Kopierer, auch Geld zu Verfügung, unzählige Solidaritätsschreiben erreichten die Bergleute aus der ganzen Welt. Zu Aktionstagen strömten Tausende nach Bischofferode. Doch der Widerstand der Kaliwerker blieb vergeblich. Im Juli stimmte der Treuhandausschuss des Bundestags der Fusion der beiden Kali-Konzerne zu.

"Hoffentlich lässt hier nicht mal einer mal sein Leben"

Die Protestaktionen erreichten einen neuen Höhepunkt: Einige Männer gingen in den Hungerstreik. "Die Hungerstreikenden waren in einem separaten Bereich, das war so, paradox es klingt, die Küche. Da hatten die sich Pritschen reingestellt", erinnert sich Gerhard Jüttemann, der von dem Plan zunächst nichts gewusst hatte. Zwölf Männer begannen die verzweifelte Aktion, wenn sie nicht mehr konnten, übernahmen andere ihren Platz. Nur mit Säften - und der einen oder anderen Zigarette - hielten sie sich bei Kräften. Eine Ärztin sah nach den Männern. Nur um einen Hungerstreikenden brauchte sie sich nicht zu kümmern: Auf einer Pritsche lag ein Skelett, ganz bergmannsgetreu mit einem Schutzhelm auf dem Kopf. Darüber ein Zettel mit der Aufschrift: "Danke Herr Kohl!"

Warum aber griffen die Männer zu dem lebensgefährlichen Protestmittel? "Wissen Sie, wenn Sie so deutlich diese Ungerechtigkeit täglich vor Augen haben und wissen, hier wird ein Betrieb abgewickelt, der eigentlich noch eine Chance gehabt hätte, wenn ein Konzern hier wirtschaftliche Interessen vor menschliche Interessen setzt, tja dann ...", sagt Jüttemann.… Das Hungern zeitigte bald Folgen bei den Männern. "Wahnsinnig an Gewicht verloren haben die", meint der ehemalige Betriebsrat. "Ein paar sahen aus, da kriegte man schon richtig Angst. Ich habe immer gesagt, hoffentlich, hoffentlich, lässt hier nicht einer mal sein Leben." Doch auch der Hungerstreik konnte Politik und Treuhand nicht zum Einlenken bewegen. Anfang September unterbrachen die Bischofferoder ihren Protest.

Eine letzte Hoffnung hatten die Bischofferoder Werksbesetzer noch - die Brüsseler Wettbewerbshüter mussten der Fusion der beiden Kali-Konzerne zustimmen. Doch selbst dieser letzte Hoffnungsschimmer war vergebens: Brüssel räumte Mitte Dezember 1993 die letzte Hürde aus dem Weg. Damit war das Schicksal der Kaliwerker endgültig besiegelt.

"Ich hatte noch eine Betriebsversammlung einberufen und in die Gesichter der Leute geblickt", erinnert sich Jüttemann. Bei vielen war die Kraft nach einem Jahr Kampf erloschen. Die Kaliwerker von Bischofferode gaben auf. 7500 Mark erhielt jeder auf die Hand. "Das ist nicht viel für 32 Jahre im Bergbau", meint Siegfried Hübenthal. Am 31. Dezember 1993 wurde das Kalibergwerk Bischofferode geschlossen. "Das tat weh", so Hübenthal. Und selbst heute noch, 20 Jahre später, sitzt der Schmerz tief in Bischofferode.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Klaus Taubert, 30.12.2013
1.
So dramatisch die Aktionen 1993 und danach auch verliefen, ist die spannende Schilderung in diesem Beitrag nur die eine Hälfte der Wahrheit. Die andere, der wirtschaftliche Hiuntergrund, ist nachzulesen in meinem Beitrag zur Zeitgeschichte unter: http://wp.me/p3pGuo-kR
Albrecht Trübenbacher, 30.12.2013
2.
Mir wurde 1995 bei einer Führung erzählt, dass angesichts der Fusion extra das Bergbaurecht geändert worden wäre, damit man von hessischer Seite aus auf thrüningischer Seite abbauen dürfe ...
Thomas Glöckner, 30.12.2013
3.
Und natürlich ist das wirtschaftliche Argument ein Argument zur Aufhebung jeglicher Menschlichkeit! Sollte nicht der Mensch mit seiner Leistung und mit seinem Arbeitswillen - und die Kumpel wollten gerne weiter arbeiten - vor jedem wirtschaftlichen Gedanken kommen ? Hätte man die Situation damals nicht anders, viel ausgeglichener lösen können ? Und warum wurde nur im Gebiet der ehem. DDR die Grube geschlossen, aber nicht in der Bundesrep. ? Thomas Glöckner
Peter Grolig, 31.12.2013
4.
Was wollten die Bergleute denn eigentlich erreichen? Den Sozialismus haben sie abgelehnt, deren Vertreter ans Messer geliefert und jetzt setzte man ihnen halt auch das Messer an die Gurgel. Was ist da so verwunderlich? Im Ruhrgebiet hat man ganz viele Zechen und Hüttenwerke zugemacht, abgebaut und eingepackt und nach China verkauft. Das ist das Wesen des Kapitalismus. Außerdem habt ihr liebe Bergleute aus dem Osten den lieben Kanzler der Einfalt ähm pardon Kanzler der Einheit doch selbst gewählt weil er euch nach Strich und Faden belogen und betrogen hat. Da erzählt er euch von den blühenden Landschaften, die er im Geiste sieht und schon seid ihr so verblendet wie die Katholiken, die auf die Ausgabe des Leibes Christi warten. Es ist in der ganzen kapitalistischen, westlichen Welt niemand da, der sich für euch einsetzt. Spätestens jetzt, im Jahre 2013, sollte das der letzte Hirnamputierte CDU-wählende Arbeitnehmer erkannt haben. Auch die SPD ist weit davon entfernt sich für die Interessen der Arbeitnehmer einzusetzen. Die Mitgliederzahlen der SPD geben dies ganz deutlich wider. Es gehen Politik und Wirtschaft momentan nur darum mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel Gewinn zu erzielen. Marx schrieb in seinem Buch "Das Kapital", dass die Verelendung der Bevölkerung die Leute zum Kommunismus führen würde. Die Anzahl der Tafeln im Gebiet der BRD zeugen jedoch davon, dass sich Marx da gewaltig irrte. Solange der Bauch voll ist und die Bude halbwegs warm ist der Deutsche zu bequem um auf die Straße zu gehen. Die Franzosen sind da aus einem ganz andern Holz geschnitzt. Auch die Italiener und die Spanier lassen sich das nicht bieten. Aber ein Volk, dessen Stolz und Würde lediglich durch das Grundgesetz für unantastbar erklärt wurde, steht das nicht auf dem Programm. Also meckert nicht, ihr wollt das alles so haben und bekommt es jetzt. Seid schließlich froh, dass ihr keinen Schuss in den Hinterkopf bekommt. Das ist doch auch schon was.
Siegfried Wittenburg, 01.01.2014
5.
@ Peter Grolig "Es gehen Politik und Wirtschaft momentan nur darum mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel Gewinn zu erzielen..." ...und es geht den allermeisten Menschen darum, für ihr Geld das Maximale herauszuholen. Eher passt ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass sich dieses ändert.
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