Los Angeles 1965 "Brenn, Baby, brenn!"

Brennende Geschäfte, verprügelte Weiße: Im August 1965 ging der Stadtteil Watts in Los Angeles in Flammen auf. Alles hatte mit einer einfachen Alkoholkontrolle begonnen.

LAFDHS

Auf einer Linie gehen. Versagt. Den Finger an die Nase führen. Versagt. Kein Zweifel, Marquette Frye war schwer betrunken, als ihn der Motorradpolizist Lee Minikus am Abend des 11. August 1965 mit seinem altersschwachen Buick aus dem Verkehr winkte.

Für die überwiegend schwarzen Anwohner des Blocks zwischen der 116. Straße und dem Avalon Boulevard in South Central Los Angeles war der Alkoholtest am Straßenrand eine willkommene Unterhaltung: Es war ein quälend heißer Tag. Rund 30 Männer, Frauen und Kinder standen in der Nähe und amüsierten sich über Fryes erfolgslose Gehversuche.

Der Verhaftete, der wie die Umstehenden ebenfalls schwarzer Hautfarbe war, hatte sich bislang kooperativ gezeigt. Ein Polizeiwagen sollte Frye bald aufs Revier bringen, der 21-Jährige wartete geduldig. Plötzlich wechselte die Stimmung. Seine Mutter Rena eilte aus ihrem nahe gelegenen Haus herbei. Ihr Sohn verlor die Nerven. "Fass mich nicht an, du weißer Motherfucker! Ich töte dich!", brüllte Marquette Frye einen Polizisten an. Mittlerweile war die Zuschauermenge auf rund 500 Menschen angeschwollen. Niemand lachte mehr.

Polizeipatrouille während der Unruhen
LAFDHS

Polizeipatrouille während der Unruhen

Es kam zum Handgemenge zwischen den Fryes und dem Polizisten, der Verstärkung erhalten hatte. Bald wurden die Familienmitglieder abtransportiert. Mehr als tausend aufgebrachte Menschen waren mittlerweile zusammengeströmt. Als die Ordnungshüter abrücken wollten, spuckte jemand einen Polizisten an. Erzürnt ergriffen die Cops eine Friseurin, die in einem langen, weiten Arbeitskittel in der Menge stand. Die Leute wurden immer zorniger, weil sie die Frau für schwanger hielten. Als die Polizeiwagen losfuhren, krachten die ersten Flaschen auf die Fahrzeuge.

Tausende sollten in den nächsten Tagen folgen.

"Seine rechte Faust zerschmetterte meine Brille"

Mit rasender Geschwindigkeit verbreitete sich im Schwarzenviertel Watts die Nachricht von den Verhaftungen. Von Straßenecke zu Straßenecke wurde die Geschichte immer weiter ausgeschmückt. Am Ende hieß es, die Polizisten hätten eine Schwangere verhaftet und brutal misshandelt.

Trupps aus aufgebrachten Jugendlichen bewaffneten sich daraufhin mit allem, was sie finden konnten - Steine, Flaschen, Stöcke. Dann gingen sie auf die Jagd. Weiße wurden aus ihren Autos gezerrt und verprügelt, egal ob Mann oder Frau. Ein in aller Eile eingerichteter Kommandostand der Polizei wurde die ganze Nacht über belagert. "Steine und Flaschen flogen durch die Luft wie ein Hagelsturm", berichtete der Reporter Jack Gaunt. Seinen Kollegen Nicholas Beck erwischte ein Randalierer beim Telefonieren: "Seine rechte Faust zerschmetterte meine Brille."

Nach Mitternacht ließ der Terror allmählich nach. 19 verletzte Polizisten, 34 Verhaftungen und 50 demolierte oder ausgebrannte Autos zählte das Los Angeles Police Department. Das Schlimmste schien überstanden. In einer von den Behörden angesetzten Konferenz appellierten am Nachmittag zahllose Politiker, Geistliche und Sozialarbeiter an die Menschen, die Gewalt zu beenden. Auch die verhaftete Rena Frye, Marquettes Mutter, sprach in die Mikrofone: "Helft mir und den anderen, die Situation zu beruhigen, damit wir diese Nacht nicht wieder einen Aufruhr haben!"

Zum Schluss trat ein junger Schwarzer aus Watts vor die Kameras. "Wir werden nicht mehr hier unten kämpfen", begann er versöhnlich. "Wir werden es in den weißen Vierteln tun!", schrie er die versammelten Würdenträger an.

Am Abend brannte Watts erneut.

"Kommt von den Straßen!"

"Tötet, tötet, tötet!", brüllten alkoholisierte Teenager, wenn sie Weiße oder Hispanics verdroschen. Krawallmacher fuhren in ihren Autos die Straßen rauf und runter und feuerten die Brandstifter an: "Brenn, Baby, brenn!" Geschäfte wurden systematisch geplündert. Auch schwarze Ladenbesitzer blieben nicht verschont. "Ihr mögt meine Blutsbrüder sein, aber wenn ihr nicht abhaut, werdet ihr meine toten Brüder sein", vertrieb ein Verkäufer mit der Waffe im Anschlag einen Trupp von Plünderern.

Plünderung
imago/United Archives

Plünderung

Schockiert wanderte der schwarze Radiomoderator Magnificent Montague durch die verwüsteten Straßen. Sein Slogan "Brenn, Baby, brenn!" diente den Randalierern als Parole. Eigentlich hatte er damit die Zuhörer während seiner Sendung für die Musik entflammen wollen. Jetzt machten ihn die Leute zur bitteren Realität. "Kommt von den Straßen!", flehte Magnificent Montague im Radio.

Während draußen Tausende den Aufstand probten, verschanzten sich die friedlichen Einwohner in ihren Häusern. "Ich verstehe nicht, warum sie das tun", sagte der Schuhverkäufer Rene Jackson der Presse. "Klar, Sie denken, dass sie Rache an den Weißen nehmen, wenn sie deren Läden niederbrennen. Aber Schwarze arbeiten in diesen Geschäften. Und Schwarze werden jetzt keine Jobs mehr haben!"

Genauso entsetzt wie Jackson waren landesweit Aktivisten der Bürgerrechtsbewegung. Erst fünf Tage vor Ausbruch der Unruhen hatte Martin Luther King in Washington D. C. der Unterzeichnung des Voting Right Acts durch den Präsidenten Lyndon B. Johnson beigewohnt, der Schwarzen eine faire Beteiligung an Wahlen garantieren sollte. Jetzt war der friedliebende King fassungslos angesichts der Zustände in Los Angeles. Und forderte die Behörden auf, den Aufstand mit "voller Polizeigewalt" niederzuschlagen.

"Ein Flickenteppich aus Hass und Zerstörung"

Dazu waren die Ordnungshüter allerdings gar nicht mehr in der Lage. "Es sieht so aus, als ob wir die Truppen rufen müssen", gestand Polizeichef William H. Parker hilflos am Morgen des 13. August ein. Eine gute Entscheidung. Dieser Freitag, der 13., sollte alles bis dahin Geschehene in den Schatten stellen: Piloten, die den Flughafen von L. A. ansteuerten, beobachteten entsetzt das Flammenmeer, das in der Stadt tobte. "Aus der Luft sah das Ganze aus wie ein verrückter Flickenteppich aus Hass und Zerstörung", berichtete der Reporter James P. Bennet aus seinem Helikopter.

Kurz vor Mitternacht hallten schließlich die Schritte marschierender Nationalgardisten durch die Straßen. Mit aufgepflanzten Bajonetten versuchten die Soldaten, die Straßen zu sichern. Einen Feuerwehrmann, einen Polizisten und acht Plünderer kostete der schlimmste Tag der Unruhen das Leben.

Am Samstagabend war das Militär besser vorbereitet. Über 13.000 Mann standen bereit, um die Ordnung wiederherzustellen. Auch in Long Beach, San Diego und Pasadena war es zu Tumulten gekommen. Die massive Truppenpräsenz sorgte allmählich für Ruhe in den Straßen. 34 Tote, mehr als tausend Verletzte und 40 Millionen Dollar Schaden hatte der Aufruhr innerhalb von sechs Tagen verursacht. Mehr als 600 Gebäude waren zerstört oder stark beschädigt. 3500 Menschen waren festgenommen worden.

Eine Erforschung der Ursachen dieses Gewaltexzesses vermied die Politik. "Hier in Kalifornien hatten wir eine wundervolle funktionierende Beziehung zwischen Weißen und Schwarzen", erklärte Gouverneur Pat Brown nach einer Besichtigung von Watts. "Bis diese Sache passierte."

Brennendes Geschäft
LAFDHS

Brennendes Geschäft

Tatsächlich waren die Lebensumstände der meisten Schwarzen im Süden von Los Angeles alles andere als wundervoll. Hohe Arbeitslosigkeit, mangelnde Bildungschancen, Diskriminierung und Polizeibrutalität prägten das Leben vieler Einwohner. Schwarze Bürgerrechtler, die die Gleichberechtigung erstritten hatten, drangen nicht mehr durch. "Wir müssen uns die Hände reichen", forderte Martin Luther King eine Woche nach dem Ende der Unruhen bei seinem Besuch in Watts. "Und brennen!", schallte es ihm entgegen.

Der Polizist Lee Minikus, der Marquette Frye ordnungsgemäß am verhängnisvollen Abend des 11. August 1965 verhaftet hatte, sagte 2005 der "Los Angeles Times": "Es lief alles bestens bei der Verhaftung - bis seine Mama kam."



insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Peter Müller, 10.08.2015
1.
Sehr schön, die Polizei geht ihrer Arbeit nach und verhaftet völlig legitim einen betrunkenen afroamerikanischen Autofahrer und die Antwort der afroamerikanischen Bevölkerung ist ein Gewaltexzess sondergleichen, der sich gegen die Weißen richtet. Ich würde den Polizisten hier keinen Rassismus vorwerfen, wohl aber den Afroamerikanern. Es ist für mich unverständlich, warum Afroamerikaner keine Rassisten sein können. Menschen die andere Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe zusammenschlagen sind für mich gleich verabscheuungswürdig.
Michael Triqua, 10.08.2015
2.
Damals wie heute ... Schuld sind immer die anderen ...
Karl Schmieder, 10.08.2015
3. Nichts
Das ist doch der klassische Fall: Nichts auf die Reihe bekommen, und dann im Verband mit anderen Nichtskönnern bei länger aufgestautem Frust ordentlich Dampf ablassen.
David Urban, 10.08.2015
4. mama told me not to come ... auf diese webseite...
Aha, die Mama war es... Man hätte auch schreiben können „Die Beatles blieben zusammen bis Yoko Ono kam“. „Tatsächlich waren die Lebensumstände der meisten Schwarzen im Süden von Los Angeles alles andere als wundervoll“. Waren, aha. Für ein bisschen analytischen Inhalt hätte es schon reichen dürfen, denn selbst der Wikipedia-Auftritt unter „Watts-Aufruhr“ ist weit besser dokumentiert.
winfried schwinn, 10.08.2015
5. st. louis east nicht vergessen
1917 gab es dort bei Unruhen 50 tote. später durch die bürgderrechtsbewegungen zogen die meisten weißen fort. legten ihre betriebe still und st. Louis east verarmte mit 98 % schwarzen als Wohnbevölkerung. ende 70 war der anblick des stadteiles bei der durchfahrt für mich gespensstisch und nmiederschmetternd. viele vom feuer zerstörte häuser blieben einfach stehen. über die brücke des Mississippi, die den stadteil mit der kernstadt verbindet, war kein Fahrzeugverkehr. weiße hatten wohl angst nach dort zu fahren. es hat sich danach viel getan, wenn man die berichte von dort auswertet. st. Louis selbst war das tor für die Einwanderer und einst eine blühende Stadt mit guter Industrie. die guten Zeiten sind vorbei.auch das Zweiparteiensystem ist nicht gut, da es keine stetigkeit und Vertrauensschutz in soziale leistungen gewährleistet.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.