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Raubkunst

Die Fotoalben des "Führers"

Während er Europa unterwarf, ließ sich Adolf Hitler rund hundert Fotoalben mit den besten Kunstwerken des Kontinents anfertigen: Für sein geplantes Museum in Linz wollte der gescheiterte Maler die besten Stücke persönlich auswählen. Jetzt sind zwei der Alben in den USA aufgetaucht.

Von Axel Frohn, Washington

Samstag, 24.11.2007   17:09 Uhr

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Wünschte er sich "Zwei liegende Mädchen und Amor" oder "Vier Amoretten in Wolken"? Durfte es eine "Junge Frau mit Pudel" sein oder lieber eine "Schäferszene"? Oder beide? Oder alle?

Der Führer und Reichskanzler hatte die Wahl. Abbildungen der genannten und vieler anderer Meisterwerke des französischen Malers François Boucher finden sich in zwei Alben aus dem Besitz Adolf Hitlers, die der Direktor des US-Nationalarchivs, Allen Weinstein, jetzt vor der Presse in Washington enthüllte.

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Die Alben enthalten Fotos von Gemälden, die während des Zweiten Weltkriegs von den Nazis in Frankreich geplündert wurden - Weinstein sieht in den beiden Bänden den "bedeutendsten Fund zu Hitlers planmäßigem Raub von Kunstgegenständen und anderem Kulturgut seit den Nürnberger Prozessen".

Souvenir vom Berghof

Hitler dienten sie als Kataloge, aus denen er die erlesensten Werke für das von ihm geplante grandiose Kunstmuseum aussuchte, das er in seiner "Heimatstadt" Linz bauen wollte. Die in braunes Leder gebundenen Mappen stammen aus dem Nachlass eines verstorbenen US-Soldaten. Der hatte sie im Mai 1945 in den Ruinen des "Berghofs", Hitlers Wohnsitz auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden, gefunden. Als Erinnerungsstücke nahm er sie mit über den Atlantik.

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Die Erben des GI verkauften die Souvenirs kürzlich für einen ungenannten Betrag an den texanischen Unternehmer Robert M. Edsel, der sich inzwischen als erfolgreicher Sachbuchautor und Dokumentarfilmer mehr für Beutekunst als fürs Ölgeschäft interessiert. Edsel stiftete den ersten Band jetzt dem US-Nationalarchiv, der zweite soll folgen.

Angelegt wurden die Alben vom Kulturraub-Kommando "Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg". Dessen Aufgabe bestand zunächst darin, in den von Deutschland besetzten Gebieten aus Synagogen, Bibliotheken und Archiven Materialien für den "Kampf gegen Juden und Fre-maurer" zu plündern. Nach dem Frankreichfeldzug ließ sich der vom NS-Chefideologen Alfred Rosenberg geführte Einsatzstab in Paris im Museum Jeu de Paume nieder. Dort war er seit November 1940 auch für die Konfiszierung "besitzerloser" jüdischer Kunstsammlungen zuständig.

Klauen für den Führer

Genau 21.903 Kunstgegenstände aus dem Besitz der Familien Rothschild, Veil-Picard, Alphonse Kann und des Kunsthändlers Georges Wildenstein sowie vieler anderer wurden vom Einsatzstab beschlagnahmt. Die erste Ladung von Kunstwerken, die von Paris ins Reich verfrachtet wurde, umfasste 30 Eisenbahnwagons. Sie bestand hauptsächlich aus Gemälden der Rothschild-Sammlung für Hitlers Linzer Galerie.

Dabei hatte auch der Raub seine pedantische Ordnung. Alle entwendeten Kunstgegenstände - Gemälde, Juwelen, Gobelins und Möbel aus dem 17. und 18. Jahrhundert - wurden vom Einsatzstab akribisch katalogisiert und die wertvollsten Stücke außerdem für Hitler und die Reichskanzlei abgelichtet. Fast hundert Fotoalben sollen auf diese Weise entstanden sein, von denen sich 39 im Besitz des Nationalarchivs in Washington befinden. US-Truppen konnten sie nach dem Krieg sicherstellen. Bei den Nürnberger Prozessen dienten sie als Beweismaterial für den organisierten und systematischen Kunstraub der Nazis.

Dieser Bestand wird jetzt durch die neu aufgefundenen Mappen Nr. 6 und Nr. 8 ergänzt. Die restlichen sind verschollen. Mehr als fünf Millionen Kunstgegenstände fanden nach dem Zweiten Weltkrieg den Weg zu ihren rechtmäßigen Eigentümern zurück. "Hunderttausende andere Kunstwerke im Wert von Milliarden Dollar", sagt der Experte Edsel, "gelten nach wie vor als vermisst".

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