Reisewelle Spanien in Brüssel

Per Anhalter gen Süden: 1958 ließ sich der hispanophile Ernst Pelzing auf das Abenteuer Trampen ein. Sein Traumziel Spanien erreichte er allerdings nicht. Stattdessen verschlug es ihn nach Brüssel - und plötzlich kam ihm Spanien gar nicht mehr so spanisch vor.


Wer Geld hat, der reist. Wer keines hat, reist anders. Als in den fünfziger Jahren der Bundesrepublik das Wirtschaftswunder zu einer Motorisierungs- und folglich zu einer Reisewelle führte, machte das Reisefieber auch vor mir als 21-Jährigem keinen Halt. Costa Brava und Mallorca waren in, und so erlag auch ich dem Trend und wollte der Sonne und dem Mittelmeer entgegenreisen. Als autodidaktischer Sprachenliebhaber hatte ich bereits begonnen, mir die spanische Sprache anzueignen. Es fehlte nur noch die Übung unter natürlichen Bedingungen. Meine äußerst bescheidene Reisekasse war kein Hinderungsgrund für meine Reisepläne. Per Anhalter, lautete das Reisegebot der Stunde.

Am ersten Tag ging es noch zügig und komfortabel mit der Bahn durch das reizvolle Moseltal nach Trier, wo ich am ersten Tag einen Zwischenstopp einlegen wollte. Neben einem Rundgang durch die Stadt wollte ich mir die Porta Nigra, das römische Stadttor aus vorchristlichen Zeiten und die Römerbrücke über die Mosel ansehen. Danach sollte ich meine Feuertaufe als Anhalter bekommen: Ich streckte den Daumen am Straßenrand und spekulierte darauf, durch die Eifel bis nach Luxemburg mitgenommen zu werden. Ich war zuversichtlich.

Das Reisen per Anhalter hatte durchaus seine anstrengenden Seiten. Die Unwägbarkeiten des Tramperdaseins schlugen voll zu Buche: Mein Anhalterdaumen tat nämlich vorerst nicht die erwartete Wirkung, und Warten kann unheimlich ernüchternd sein. Genauso wie die Abhängigkeit von der Hilfsbereitschaft Fremder. Ich war also noch eine ganze Weile in Deutschland und reckte den Daumen gen Fahrbahn, in der Hoffnung, dass sich endlich jemand meiner erbarmen würde.

Mit der Metro nach Spanien?

Nach langem Warten waren es schließlich amerikanische Touristen, die mich erlösten und bis nach Reims im Nordosten Frankreichs mitnahmen. Gesprächsstoff gab es unterwegs reichlich. Ich wurde sogar zum Essen eingeladen, was ich dankend annahm, handelte es sich doch um eine Gelegenheit mehr, die empfindliche Reisekasse zu schonen. Mein erstes Anhaltererlebnis war erfreulich vielversprechend, aber es hatte auch lange auf sich warten lassen. Ich war mir nicht mehr so sicher, ob ich es ohne weiteres schaffen würde bis auf die iberische Halbinsel.

Mit äußerst bescheidenem Anhalterglück ging es weiter bis in die nördlichen Vororte von Paris. Dort setzte mich ein Lkw, ein nicht gerade komfortables Fortbewegungsmittel, nach einigen Kilometern ab. Da es noch früh am Nachmittag war, wollte ich per Anhalter schnellstmöglich weiter, denn viel zu sehen gab es hier nicht. Nur Straßen und endlose Häuserreihen. Aber niemand nahm mich mit. Durch Zufall sah ich in einiger Entfernung einen Zug vorbeifahren. Zu meinem Glück fand ich in der Nähe eine Bahnstation. Ich wählte als Reiseziel Étampes rund 49 Kilometer südlich von Paris. Eine Strecke, die ich mir leisten konnte und die mich meinem Reiseziel Spanien wenigstens ein kleines Stückchen näher bringen würde, ohne mein Budget allzu sehr zu strapazieren.

Nachdem ich meinen Reisewunsch in etwas holperigem Französisch geäußert hatte, sah mich der Schalterbeamte verwundert an: "Mais, Monsieur, c'est le Métro de Paris, pas la SNCF." ("Aber mein Herr, das ist die Pariser U-Bahn, nicht die Fernbahn.") Es kostete mich einen Augenblick, diese Information zu verdauen. Ich war offensichtlich an einer Metrostation gelandet und nicht an einer Eisenbahnstation, wie ich vermutet hatte. Ich wollte nicht in Paris bleiben. Ich wollte nach Spanien!

Meine Enttäuschung war groß und meine Erschöpfung riesig. Meine Gedanken kreisten daher um die Unterbringung in der kommenden Nacht. Ich nahm die Metro nach Stade Marcel Cerdan. Ich wusste, dass es dort eine Übernachtungsmöglichkeit gab. Kurzerhand blieb ich einige Tage in Paris und sah mir in aller Ruhe die Sehenswürdigkeiten an, während in mir die Entscheidung heranreifte - widerwillig musste ich es mir eingestehen -, das Reiseziel Spanien aufzugeben. Per Anhalter zu reisen war mühsam, unsicher und nahm viel zu viel Zeit in Anspruch, und eine Langstrecke mit der Bahn konnte ich mir nicht leisten.

Paella in Brüssel

In der Pariser Unterkunft traf ich auf einige spanische Tramper. Sie waren gerade aus Brüssel gekommen und noch immer hellauf begeistert von der ersten Weltausstellung, die dort nach dem Krieg wieder stattfand. Die Expo in Brüssel mit dem Atomium, das damals so viel Aufmerksamkeit erregte, schien mir ein genauso verlockendes Reiseziel zu sein wie Spanien. Meine Entscheidung fiel prompt. Jetzt sollte es doch nach Norden gehen. Als Anhalter musste man bereit sein, seine Pläne zu ändern und seiner Intuition zu trauen.

Dass die Anhalterpläne gescheitert waren, stellte sich überraschenderweise als Glücksfall heraus. Denn in Brüssel wurde ich für meine entgangenen Spanienfreunden entschädigt. Nicht nur die beeindruckenden Sehenswürdigkeiten der Weltausstellung hatten die Änderung der Reiseroute gelohnt, sondern auch die spanischen Gastarbeiter, die mich freundlich bei sich in ihrer Mehrzimmerwohnung aufnahmen, und bei denen ich die verpatzten Spanienerlebnisse, wenn auch auf belgischem Boden, nachholen konnte.

Endlich hatte ich die Möglichkeit, meine noch immer sehr theoretischen Sprachkenntnisse zu vertiefen, und neben der spanischen Sprache, die ich Jahre später zu meinem Beruf als Übersetzer machen sollte, lernte ich die für die Spanier so wichtigen Kulinaria kennen: Paella, Cocido madrileño und natürlich Vino tinto als fast pflichtgemäße Begleitung zu den Mahlzeiten. Es gab soviel Neues zu lernen, dass ich begann, mir Notizen zu machen. Die Spanier wussten es zu schätzen, dass sich ein Ausländer bemühte, ihre Sprache zu sprechen. Zwar hatte ich es am Ende meiner Reise nicht auf die Iberische Halbinsel geschafft, aber trotzdem kam mir Spanien weniger spanisch vor.



insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Ernst Pelzing, 21.01.2010
1.
Mobilitätsgewinn oder vom Kolben zur Düse Die fortschreitende Mobilität in den 50er und 60er Jahren in der BRD beschränkte sich nicht nur auf erdgebundene Techniken wie Rollschuhe, Schlittschuhe oder Fahrrad. Wir gingen auch in die Luft, soll heißen, dass die "neue Beweglichkeit" jezt in steigendem Maße vom Flugzeug Gebrauch machte. Die zu der Zeit kommenziell verfügbare Technik war der Kolbenmotor, konkret im Super Constellation-Flieger. Ich habe einen Flug Düsseldorf - Madrid 1962 in einer Familienangelegenheit in Erinnerung, der etwa vier Stunden dauerte. Das Doppelte an Zeit im Vergleich zu heute. Danach kam die Caravelle-Düsenmaschine ins Spiel. Mit ihr ging die Flugzeit drastisch zurück. Die Düsenmaschine hatte sich durchgesetzt. Mit ihr und dem aufkommenden Wohlstand hatte sich ein Mobilitätsgewinn ergeben, der ganze Herscharen von Touristen in den sonnigen Süden Europas transportierte.
Ernst Pelzing, 02.02.2010
2.
Zum Beitrag "Mobilitätsgewinn oder vom Kolben zur Düse" Im letzten Satz muss es selbstverständlich "Heerscharen" heißen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.