Religionsparodien Was zur Hölle!?

Wer's glaubt, wird selig: Gott ist ein Spaghettimonster, die Welt wurde letzten Donnerstag erschaffen, und wenn sie untergeht, retten uns die Sexgöttinnen vom Planeten X. einestages präsentiert unglaubliche Satire-Kirchen und ihre göttlichsten Mythen.

Niklas Jansson/itchstudios.com

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"Was zur Hölle glaubst du, was du da tust?", schreit der Prediger von seiner Kanzel herunter, "Schleppst deinen Hintern durch den Tag und verkaufst Körper und Seele an einen Haufen Normalos?" Die Kamera hält auf einen Büroarbeiter, hinter dem sich monströse Vorgesetzte aufbauen. Anstelle von Gesichtern haben sie riesige fleischfarbene Smileys. "Bist du es leid, immer Schuldgefühle zu haben - aber keinen Sex?" Im roten Licht verziehen sich die Lippen des Predigers zum diabolischen Grinsen: "Es gibt eine Antwort, lieber Freund."

Frauen, Männer und Kinder in weißen Kitteln und mit Pfeifen im Mund halten Geldscheine in die Höhe. Auf ihren Armbinden tragen sie aus Pfeifen gebildete Hakenkreuze. Ihre Augen beginnen zu glühen. Der Prediger fordert: "Tu Buße! Kündige deine Arbeit! Mach dich locker! Und lobpreise Bob!"

Wer 1991 spät genug den Musiksender MTV einschaltete, stolperte über diese bizarren Nonsens-Werbeclips, in denen der selbsternannte Reverend Ivan Stang voll Inbrunst für seine Religion warb. In ihrer Absurdität wirkten die Filmchen wie eine Mischung aus Alptraum und Monty-Python-Sketch, doch dahinter steckte eine ganz reale Kirche: die Church of the SubGenius. Gegründet wurde sie Ende der siebziger Jahre von zwei Querköpfen aus Texas als absurder Scherz. Doch der Unsinn verselbständigte sich, bis er zu einer ausgewachsenen religiösen Organisation wurde.

Gott - ein unsichtbares Weltraummonster

Alles begann mit einem kleinen Pamphlet, das Douglass Smith und sein Freund Steve Wilcox im Jahr 1979 in Dallas verteilten. In großen Lettern prangte darauf: "Morgen endet die Welt - und du könntest dabei sterben!" Und direkt darunter, winzig klein: "Naja, vermutlich nicht… aber egal, lies weiter!" Dann kam eine 14 Seiten lange chaotische Collage aus Illustrationen von Ufos, Cowboys und Pfeife rauchenden Männern und Slogans wie "Wenn du nach einer vollkommen unechten Religion suchst, die äußerste Degeneration verzeiht und dir sagt, dass du 'über' jedem anderen stehst - dann könnte die Church of the SubGenius dich retten!"

Die zentrale Figur ihrer "Spasti-Religion der Macho-Ironie", wie Wilcox und Smith, die sich selbst Dr. Philo Drummond und Reverend Ivan Stang nannten, ihre Kirche umschrieben, war ein Pfeife rauchendes Männergesicht, das sie aus einer Werbeanzeige der fünfziger Jahre geklaut hatten. Sie dichteten ihm einen Heilands-Mythos an: J. R. "Bob" Dobbs (die Anführungszeichen verdeutlichen seinen Heiligenschein und werden stets mitgeschrieben) war der erfolgreichste Händler aller Zeiten. 1953 erschien "Bob" auf einem selbstgebauten Fernseher Gott - laut Smith ein "unsichtbares Weltraummonster". Er offenbarte "Bob", dass er den Menschen helfen müsse, sich ihres "Slacks" bewusst zu werden, wobei die Bedeutung von "Slack" für jeden Menschen anders sei. Seither hilft er Menschen, ihr "Slack" vor einer Weltverschwörung zu retten, die es ihnen durch nervige Arbeit entreißen will.

Das Pamphlet wirkte wie eine Mischung aus Religionsparodie und Dada-Kunstwerk: Es erhob "Bulldada", eine Chimäre aus "Bullshit" und "Dada", zum Schlüsselbegriff. Bulldada ist die Qualität, die die banalsten Dinge mit tiefster Bedeutung versieht. Von vorne bis hinten war all das ganz offenbar ersponnen: "Bob", der Weltraummonstergott - und sicher auch die Behauptung, die Anhänger der Kirche, die SubGenii, stammten in Wirklichkeit vom Yeti ab. Doch das hielt die Menschen nicht davon ab, daran zu glauben. Ganz im Gegenteil.

Schnell wurde das irre Machwerk in Künstlerkreisen bekannt: Die Musiker der Popband Devo und Frank Zappa wurden bald ebenso zu "Bob"-Jüngern wie Star-Comiczeichner Robert Crumb, Schöpfer von "Fritz the Cat". Als er begann, in seiner Comic-Serie "Weirdo" für die SubGenius-Kirche zu werben, war die Welle nicht mehr aufzuhalten: 1983 veröffentlichte die Kirche ihr erstes heiliges Buch - das "Book of the SubGenius". Es enthielt eine Sammlung von abstrusen Heilsversprechen ("Die Welt ist ein Truthahn - und 'Bob' reicht dir das Tranchiermesser!"), surrealen Illustrationen voller Ufos, Männern mit Glühbirnenköpfen - und natürlich "Bob". Weitere Bücher, ein Film und eine Radiosendung folgten.

Sexgöttinnen vom Planeten X

Die Mythen, die Smith, Wilcox und ihre Anhänger um die Kirche sponnen, waren vielleicht irrsinnig - aber immer auch irrsinnig unterhaltsam. Selbst, als das Ende der Welt nahte: Am 5. Juli 1998, so behaupteten die Religionsväter, würden Außerirdische vom Planeten X erscheinen, um die Welt zu vernichten. Die Mitglieder der Church of the SubGenius hätten jedoch nichts zu befürchten: Nach Vorzeigen ihrer Mitgliedskarte würden die Sexgöttinnen vom Planeten X sie in ihre Fluchtkapseln hineinlassen und vor der Zerstörung der Erde retten.

Natürlich blieb das Ende der Welt aus, doch die SubGenii störte das nicht: Sie verbreiteten einfach Gerüchte, der Kalender gehe eben falsch und das Jahr 1998 sei noch gar nicht eingetreten - oder man habe das Jahr seitenverkehrt gelesen und das Ende der Welt komme erst 8991. Kirchengründer Douglass Smith ließ sich noch am 5. Juli von seinen Glaubensbrüdern auf einem Campingplatz in New York für seinen Irrtum symbolisch teeren und federn und in einen Teich werfen. Anschließend gingen die SubGenii wieder heim und die Kirche erklärte fortan den 5. Juli zum Feiertag. An diesem "X-Day", solle künftig mit ausschweifenden Feiern dem möglichen Ende der Welt gehuldigt werden. Schließlich konnte man sich nie sicher sein, ob die Sexgöttinnen nicht dieses Jahr vorbeikämen. Über die Jahre entwickelte sich der X-Day zu einem mehrtägigen alternativen Festival mit wild verkleideten Teilnehmern, rauschenden Trinkgelagen und Auftritten von Künstlern und Rockbands. Vom Ende der Welt wollte sich scheinbar niemand den Spaß verderben lassen.

"Warum eine Ziege?"

Nicht jeder verstand diesen Spaß. Das musste Rachel Bevilacqua, Ehefrau des ehemaligen SubGenius-Managers Steve Bevilacqua, im Dezember 2005 am eigenen Leib erfahren: Der New Yorker Richter James P. Punch entzog ihr das Sorgerecht für ihren Sohn aus erster Ehe - weil dessen Vater dem Richter Fotos von ihrer Teilnahme an einem X-Day zugespielt hatte. Darauf zu sehen waren ein als Clown geschminkter Mann, der bei einer Christuspassion-Parodie ein riesiges Dollarzeichen als Kreuz auf dem Rücken trug, Rachel, die sich ein Herz auf ihren Hintern malen ließ und ein Mann mit einem "Christentum ist blöd"-T-Shirt. Richter Punch bezeichnete die Party-Bilder als "verstörend".

Die Church of the SubGenius, so erinnert sich Bevilacqua in ihrem Blog, schien ihm zutiefst verdächtig: Besonders dubios kamen ihm zwei Fotos vor, auf denen Rachel, in ein knappes Kostüm gekleidet, einen Pappmaschee-Ziegenkopf in der Hand hielt. Er witterte offenbar ein okkultes Symbol hinter dem selbstgebastelten Tierkopf und fragte immer wieder: "Warum eine Ziege?" Bevilacqua versuchte, ihm zu erklären, dass alles nur Spaß gewesen sei, doch Punch ließ sich nicht beirren. Er beschimpfte sie als "Perverse", bezeichnete den X-Day als "Sexorgie" - und sprach das Sorgerecht für ihren Sohn ihrem Ex-Mann zu.

Die SubGenii nahmen es, wie sie alles nahmen: mit Humor. Sie sammelten Spenden und verkauften T-Shirts mit "Warum eine Ziege?"-Aufdruck, um Bevilacqua einen Anwalt zu finanzieren, mit dessen Hilfe sie das Sorgerecht zurückerstreiten könnte. Eineinhalb Jahre dauerte der Rechtsstreit an, bis die verdächtigte "Bob"-Anhängerin im Sommer 2007 ihren Sohn wieder zurückbekam. Vielleicht hatte das Gericht nach langem Überlegen doch noch den Scherz hinter der Religion verstanden.

Der perfekte Witz

Es mag ihm so schwer gefallen sein, weil die SubGenii selbst immer wieder mit der Frage spielen, ob all der Irrsinn nun ein Witz ist oder nicht: Die offizielle Website subgenius.com nennt die Religion "den größten Witz (?), der je erzählt wurde", und ein gängiger Slogan der Glaubensgemeinschaft lautet: "Scheiß auf die anderen, wenn sie keinen Spaß vertragen!". Ganz offensichtlich macht sich der Kult mit seinen Motiven herzlich über andere Religionen lustig. Zugleich beteuert er aber immer wieder, das alles sei durchaus ernst gemeint.

Für die SubGenii scheint die Grenze zwischen Ernst und Witz fließend zu sein. Douglass Smith erklärte die Paradoxie am 8. Juni 2007 im religionskritischen "Dogma Free America"-Podcast so: "Es ist eine Verarschung abergläubischer Spinner und Egomanen. Aber es ist auch die eine wahre Religion. Warum nicht beides?" Wenn man sich Religionen und Witze genau ansehe, seien beide eigentlich gar nicht so verschieden. "Und wenn du beides kombinierst, hast du am Ende die perfekte Religion - und den perfekten Witz."

Sicher, die meisten Religionen beanspruchen für sich, die "eine wahre Religion" zu sein - doch nur wenige können es mit dem Witz, der Ironie und dem schieren Irrsinn der Church of the SubGenius aufnehmen. Ob der Kult des fliegenden Spaghettimonsters, ein Bankautomaten exorzierender Priester oder eine Glaubensgemeinschaft, die Kraken als heilige Tiere verehrt: einestages hat die schrägsten und lustigsten von ihnen für Sie in der Bildergalerie zusammengestellt.



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Lukas Köppen, 20.10.2011
1.
Lustiger Artikel. Bloß finde ich persönlich nicht, dass die hier vorgestellten Sachen abstruser sind, als das, was uns Judentum, Christentum, Islam etc. andrehen wollen. Bloß sind die schon ein bisschen länger da und man hat sich an den Quatsch gewöhnt. Naja.
Johann Braun, 20.10.2011
2.
Gläubige! Möget ihr immr genug Sauce zu eurer Pasta haben! ------------------------------ Wenn man sich die gängigen Religionen so ansieht, dann kann keine noch so verrückte Idee verrückt genug sein, dass sie nicht von irgendwelchen Leuten geglaubt wird. Die Leute brauchen einen Strohhalm an dem sie sich festhalten können - und wenn es nur ein Engelshaar ist.
Gerhard Markus, 20.10.2011
3.
Irgendwie kommt mir der Spiegel doch ziemlich uncool vor: Wo bleibt denn in der teilweise humorigen Bilderreihe der Gott der Muslime, wo sein Prophet? Ist diese Religion nicht so lustig? Wird sie etwa durch ihr "nicht Vorkommen" diskriminiert? Hat da vielleicht die Schere im Kopf des deutschen Siegeljournalisten schnapp gemacht oder riechen da etwa volle Hosen im "wind of change"?! Schade!
Frank Werner, 20.10.2011
4.
Danke, dass Sie der Versuchung widerstanden, das "Leben des Brian" als Religionsparodie zu bezeichnen. Das kann man Ihnen nicht hoch genug anrechnen. DH
Wolfgang Lenhard, 21.10.2011
5.
Sehr lustig, und das, obwohl die wichtigsten Religionsparodien vergessen wurden: 1. The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints (Mormonentum) 2. Scientology 3. die katholische Kirche
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