Richard Nixons Nachlass Tricky Dicks Schrei nach Liebe

Es ist ein historischer Schatz, der düstere Geheimnisse birgt - im Sommer 2007 wurde er der Öffentlichkeit zugänglich gemacht: 78.000 Seiten Notizen und Akten aus dem Besitz Richard Nixons. Die Unterlagen zeigen: Der frühere Präsident, genannt Tricky Dick, war besessen. Von seinem Image und der Macht.

DPA

"Lyndon Johnson galt als Mann mit vielen Fehlern", so schrieb der US-Präsident Richard Nixon in einem weitschweifigen elfseitigen Memorandum an seinen Stabschef im Weißen Haus, doch auch als "der am härtesten arbeitende Präsident" seit vielen Jahren. Harry Truman würde in die Geschichte eingehen wegen "seines Muts, seiner Substanz und seiner freimütigen und unbekümmerten Art". John F. Kennedys Außenpolitik "war ein völliges Desaster, wie Henry Kissinger immer wieder betont, doch wurde er durch seinen Charme gerettet". Dwight D. Eisenhower erschien schon überlebensgroß, bevor er das Präsidentenamt antrat, und galt dann als "warmer, freundlicher, gerechter Mann", während es sich tatsächlich um eine "distanzierte, nüchterne, eben militärische" Person gehandelt habe.

Nixons öffentliches Ansehen nahm sich dagegen - nach seiner Selbsteinschätzung - bescheiden aus. "Er gibt sein Bestes in einem harten Job, zumindest versucht er, uns aus dem Vietnamkrieg herauszuholen - und er ist ein vorsichtiger, besonnener Mann." Keine dieser Qualitäten, sinnierte der Präsident, war von besonderer Bedeutung, wenn seine Wiederwahl anstand. "Es geht nicht darum, was der Präsident tut", philosophierte Nixon weiter, "sondern um die Aura des Amts, den geheimnisvollen Nimbus, der um ihn herum geschaffen wird. Daraus entwickelt sich der sechste Sinn der Wähler, der dazu führt, dass sie ihn auch in schwierigen Zeiten unterstützen."

Das merkwürdige Schriftstück gehört zu einer Sammlung von 78.000 Seiten politisch besonders empfindlicher Akten und Wahlkampfunterlagen aus Nixons Privatpapieren, die in der vergangenen Woche freigegeben worden sind. Anlass dazu war die offizielle Übernahme der bisher privat geführten Nixon-Bibliothek in Yorba Linda, Kalifornien, durch das US-Nationalarchiv. Damit finden jahrelange gerichtliche Auseinandersetzungen zwischen der Nixon-Familie und der US-Regierung über den Nixon-Nachlass ihren Abschluss. 46 Millionen Seiten Akten, 3700 Stunden Tonbandaufnahmen und Abertausende Filme und Fotos sollen jetzt aus dem Nationalarchiv in Washington nach Yorba Linda verlagert werden. Nixons Präsidentschaft wird damit die am besten dokumentierte Regierung in der US-Geschichte sein.

"Die Herausforderung besteht darin", sagt der neue Bibliotheksdirektor Timothy Naftali, "eine kontroverse, traumatische und wichtige Geschichte ausgewogen und historisch zutreffend zu präsentieren." Einen Anfang hat er bereits gemacht. Eine Ausstellung, die Nixons Machtmissbrauch und den Watergate-Skandal aus der beschönigenden und verharmlosenden Sicht der Nixon-Anhänger zeigte, wurde bereits demontiert. Eine wissenschaftlich fundierte Version soll sie ersetzen.

Vom Wahlvolk geliebt werden

Offenbar wollte Nixon, von einer politischen Gegnerin mit dem Beinamen Tricky Dick versehen, vom Wahlvolk geliebt werden wie der ermordete John F. Kennedy. Doch im Vergleich zu dem ehemaligen Rivalen, der ihn im Präsidentschaftswahlkampf 1960 geschlagen hatte, wirkte Nixon unelegant, uneloquent und ungelenk. Seine Regierung vermittelte den Eindruck einer "effizienten, kalten Maschine". Dem wollte er das Bild des warmen, sorgenden Staatsoberhaupts entgegenstellen.

"Es gibt zahllose Beispiele für solche Wärme-Angelegenheiten", schrieb Nixon. "Wir haben jeden andern Präsidenten in diesem Jahrhundert darin übertroffen, uns zu verrenken, um zum Kabinett, den Mitarbeitern, dem Kongress usw. überfreundlich zu sein, etwa um Weihnachten herum, und zwar auf eine Art und Weise, die persönliche Fürsorge zeigt, nicht nur für sie, sondern auch für ihre Familien. (...) Kein Präsident könnte in dieser Hinsicht mehr getan haben als ich, insbesondere indem ich sie als würdevolle menschliche Wesen behandelt habe und nicht wie Dreck unter meinen Füßen."

Nixon betrachtete es als einen "ganz schwerwiegenden Fehlschlag der Öffentlichkeitsarbeit", dass die warme, fürsorgliche Seite seiner Persönlichkeit in den ersten beiden Jahren seiner Präsidentschaft nicht an die Wähler hatte vermittelt werden können. "Was dieses ganze Wärme-Geschäft angeht", bestand Nixon allerdings darauf, die Medien "nicht mit der Nase darauf zu stoßen. Wir erlauben ihnen, solche Dinge zu entdecken." Außerdem gehörte zu dem Eindruck, den er erwecken wollte, dass der Präsident über der Parteipolitik stünde und auch zu seinen politischen Gegnern eine "völlig aufrichtige Haltung" einnähme.

"Ein wenig mehr Rücksicht auf seine Frau"

Die Wirklichkeit sah anders aus. So musste ein Fernsehberater darauf hinweisen, dass Nixon bei öffentlichen Veranstaltungen "ein wenig mehr Rücksicht auf seine Frau" zeigen sollte. Vor einer Rede in Houston unter freiem Himmel war der Präsident durch die Menge davonmarschiert, und Pat Nixon, die nicht aufgepasst hatte, musste ihm nachlaufen, um ihn wieder einzuholen. "Hin und wieder sollte er zu ihr sprechen und sie anlächeln", riet der TV-Fachmann. "Weibliche Wähler sind besonders empfindlich dafür, wie ein Mann seine Frau in der Öffentlichkeit behandelt. Je mehr Aufmerksamkeit sie erhält, umso zufriedener sind sie."

Nixons Abneigung gegen alles, was mit den Kennedys zu tun hatte, zeigte sich, als ihm seine Sekretärin vorschlug, sich eine Komödie im Eisenhower-Theater des Washingtoner Kennedy Center anzusehen. "Ich werde das Center unter keinen Umständen und zu keiner Zeit besuchen", vermerkte der Präsident ärgerlich, "es sei denn, es handelte sich um eine Veranstaltung, an der ich teilnehmen muss."

Während Nixon als unparteiisches Staatsoberhaupt erscheinen wollte, nahmen seine Mitarbeiter im Weißen Haus, wie die freigegebenen Dokumente dutzendfach belegen, eine Kampagne "schmutziger Tricks" auf, die zu seiner Wiederwahl beitragen sollten und schließlich am 17. Juni 1972 im Watergate-Einbruch gipfelten.

Das "Komitee zur Wiederwahl des Präsidenten" unter Leitung des früheren Justizministers John M. Mitchell hatte zuvor die Finanzierung der politischen Aktivitäten des Weißen Hauses übernommen. Im Budget waren unter anderem 900.000 Dollar für die Arbeit Charles "Chuck" Colsons vorgesehen, der sich von einem Sonderberater des Präsidenten immer mehr zu dessen skrupellosen Handlanger entwickelte. 90.000 gab es für seine "schwarzen" Projekte, mit denen die republikanische Partei offiziell nichts zu tun haben wollte. Das Bekanntwerden dieser Vorhaben, so meinte Colson, "würde uns glatt versenken".

Dazu gehörte die "Beschaffung" von Dokumenten aus dem Hauptquartier der Demokraten, eine Verleumdungskampagne gegen den demokratischen Senator Edmund Muskie, "Hintergrundrecherchen" gegen Senator Edward Kennedy und eine verdeckte "Leserbriefaktion" gegen den demokratischen Präsidentschaftskandidaten George McGovern. Des Weiteren das Ausspionieren von dessen Mitarbeitern und Geldgebern, die mögliche Verbreitung in der schwarzen Presse, dass die Vorfahren des gegnerischen Vizepräsidentschaftskandidaten und Edward-Kennedy-Schwagers Sargent Shriver Sklavenhalter gewesen seien sowie Überlegungen zur illegalen Verwendung von Fernsehmitschnitten. Außerdem: die Verbreitung von Informationen über die Bewegung für Schwulenrechte auf Arbeiter- und Gewerkschaftsversammlungen, um die eine Klientel der Demokraten gegen die andere auszuspielen. Und manches andere mehr.

"Keine Gefahr"

Zu den harmloseren "Tricks" zählte das Weitererzählen eines McGovern-Witzes an Katharine Graham, die Herausgeberin der "Washington Post". Die Zeitung hatte die Drohung John Mitchells im Zusammenhang mit der Watergate-Berichterstattung wiedergegeben, "wenn Sie diesen Mist drucken, dann drehen wir Katharine Graham durch die Mangel". Tatsächlich hatte Mitchell diese Behandlung jedoch ihren "Titten" angedroht, ein Wort, das in einer US-Tageszeitung nicht veröffentlicht werden konnte. Als McGovern die Geschichte erfuhr, habe er trocken bemerkt: "Angesichts der Figur Katharine Grahams besteht da keine Gefahr."

Bemerkenswert ist auch ein Dokument aus dem Jahr 1971, in dem ein Wahlkampfberater im Weißen Haus auf einen John Kerry aufmerksam machte, den er für die republikanische Partei anwerben wollte. Er sei "artikuliert und könnte ein ausgezeichneter Kandidat" sein. "Er hat in Yale studiert und neigt zum Establishment. Er hat für die Demokraten an sich nichts übrig. (...) Er sagte, 'wenn er 1968 gewählt hätte, dann hätte er für Nixon gestimmt.' Ein Fernsehkommentator sieht für ihn eine politische Zukunft. Jemand sollte einmal mit ihm reden."

Ohne sein Wissen hatte Ann Whitman, die Sekretärin Eisenhowers, dessen Vizepräsident Nixon gewesen war, schon Jahre zuvor die perfekte Lösung für Nixons Image-Problem gefunden. Nixon verbringe zu viel Zeit damit, wie ein angenehmer Mensch erscheinen zu wollen, meinte Whitman, anstatt einfach einer zu sein.

Axel Frohn

Erschienen auf Spiegel Online am 15.07.2007

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