Abzug der Sowjetarmee aus Berlin Do swidanija, DDR

Flugzeugrollbahnen mussten mit, doch alte Uniformen hatten ausgedient: 1994 verließen die letzten sowjetischen Soldaten Berlin und Brandenburg. Fotograf Christian Thiel hat den Truppenabzug mit der Kamera begleitet.

Christian Thiel

Noch einmal ein Blick auf die Oder, ein kurzes Winken, und schon flogen ein paar Münzen zum Zugfenster hinaus. Geld ins Wasser zu werfen, ist ein alter Brauch in Russland - man macht es an einem schönen Ort, zu dem man später irgendwann einmal zurückkehren möchte. Auf die jungen Männer, die sich gerade von Deutschland verabschiedeten, wartete ein neues Leben, Hunderte Kilometer südlich von Moskau. Sie waren die letzten sowjetischen Soldaten, die an diesem Sommertag im Jahr 1994 von Berlin-Karlshorst aus in ihre Heimat zurückkehrten - und ich begleitete sie mit meiner Kamera.

40 Jahre lang waren die Truppen im Land gewesen, und knapp vier Jahre lang hatte ich ihren schrittweisen Abzug aus Berlin und Brandenburg auf zahlreichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen dokumentiert. Insgesamt mehr als 500.000 Soldaten und Offiziere traten mit ihren Familien die Heimreise an, nachdem sie militärtechnische Anlagen abgebaut und zusammen mit Panzern, Waffen und Munition für den Rücktransport nach Russland verladen hatten. Wo einst im Stechschritt exerziert und giftige Munition verschossen worden war, blieben nach dem Abzug öde Landschaften zurück. Auf riesigen, menschenleeren Arealen stand man plötzlich vor heruntergelassenen Schlagbäumen, die keine Funktion mehr erfüllten.

Von dem Berliner Fotografen Arno Fischer, dessen Assistent ich gewesen war, hatte ich von dem Projekt erfahren. Wir waren vier Fotografen und teilten die Arbeit unter uns auf, jeder von uns hatte eine andere Bildsprache. Mich interessierte vor allem das Dokumentarische, Essayistische. Ich wollte das Geschehen unvoreingenommen beobachten und nicht bewerten.

In meiner Kindheit und Jugend in Ost-Berlin konnte ich Soldaten der sowjetischen Armee nur selten aus der Nähe erleben. Streng abgeschottet hielten sie sich in eingezäunten Militäreinrichtungen auf. Ab der fünften Klasse lernten wir Kinder in der DDR ohne große Begeisterung Russisch, und gelegentlich kam ein Offizier, der uns etwas über die Armee erzählen sollte. Uns interessierte das alles nicht besonders, weil es von oben verordnet war.

Per Anhalter auf sowjetischen Militärlastern

In der Nähe von Erkner, wo meine Eltern ein Grundstück hatten, fuhren wir als Teenager ab und zu per Anhalter auf Militärlastern mit, weil wir die vier Kilometer zur S-Bahn nicht laufen wollten. Gegen ein paar Zigaretten ließen uns die Russen ohne große Diskussionen auf die Ladefläche steigen. Sie waren immer nett zu uns.

Im Ferienlager Jamlitz bei Cottbus beobachtete ich, wie sie ihre Panzer zum Waschen halb ins Wasser fuhren. Wenn sie ihre Schuhe auszogen, lachten wir uns halbtot, denn statt Socken trugen sie Fußlappen. Sie hatten noch die alten Uniformen der Sowjetarmee an, mit dem aufgenähten kyrillischen Kürzel "CA" am Ärmel.

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Abzug der Sowjetarmee: Go East

Später, als ich mit Rockbands als Tontechniker unterwegs war, sah ich manchmal Soldaten, die in Kneipen schlechten Sprit gegen Schnaps eintauschen wollten. Den wollte aber niemand haben, weil er jeden Automotor zum Stottern gebracht hätte. In all den Jahren dachten wir häufig, dass diese Soldaten doch eigentlich arme Kerle seien.

Der Trick mit den Polaroids

Als wir in den Neunzigerjahren dann den Truppenabzug fotografieren wollten, kamen wir zunächst gar nicht an die Männer heran. Zutritt erhielten wir nur zu den Kasernen, die schon geräumt waren. Uns interessierten aber auch die Menschen. In Berlin-Karlshorst haben wir es schließlich geschafft, auf das Militärgelände zu kommen, wo erst misstrauische Blicke auf uns geworfen wurden. Um das Eis zu brechen, wandten wir einen Trick an: Wir fotografierten Soldaten mit einer Polaroidkamera und schenkten ihnen die Aufnahmen. Bald hatten wir einen guten Draht zu ihnen.

Mit bis zu 70 Mann schliefen sie in großen Sälen, und einmal durften wir in einen solchen Saal hinein, nachdem alle aufgestanden waren. Wir schossen auch Bilder in einem Waschraum eines Ehrenbataillons, das bei Treffen von Bundeskanzler Kohl und dem russischen Präsidenten Jelzin im Stechschritt marschierte. Ich fotografierte einen Soldaten, der einem Kameraden gerade sorgfältig den Nacken ausrasierte. Ein Blumentopf auf einem Sims über den Waschbecken ließ uns vermuten, dass wir nicht die einzigen Besucher von außerhalb waren.

Andere Aufnahmen entstanden beim Frühsport, als Dutzende Männer unter Aufsicht Liegestütze machten, bei der strengen Kontrolle der Stiefel, die morgens blankgeputzt sein mussten, und im Speisesaal, den merkwürdigerweise überdimensionale kitschige Südseetapeten zierten. In der Zeit hatte ich auch mit General Burlakow zu tun, der als letzter Oberkommandierender der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland den Truppenabzug koordinierte. Er galt als korrupt und wurde auch "Mercedes-Burlakow" genannt, wegen seiner Vorliebe für teure Autos.

Buchweizengrütze und Wodka

In Brandenburg kamen wir unter anderem auf das Gelände des "Bombodroms" bei Wittstock, auf den Flugplatz Altes Lager nahe Jüterbog, in die Garnisonsstadt Wünsdorf und auf den Flughafen Eberswalde-Finow. Von der militärischen Ausrüstung nahmen die Sowjet-Truppen fast alles mit, was verladen werden konnte. Sie demontierten sogar ganze Flugzeugrollbahnen und hievten die Betonplatten mit Kränen in Güterzüge.

Eine auseinandergenommene Mig-23 wurde allerdings an einen Deutschen verkauft. Vielleicht hat er das Flugzeug jetzt in seinem Garten stehen. Oft luden uns die Soldaten zum Mittagessen ein. Es gab meist Kascha, ihre traditionelle Buchweizengrütze, nicht immer mit dem besten Fleisch. Da stocherten wir manchmal ziemlich mit der Gabel drin herum und spülten alles mit reichlich Tee aus dem Samowar hinunter.

Immer wenn ein Transport in Richtung Osten abgefertigt wurde, spielte eine Militärkapelle auf, die dann einsam auf dem Bahnsteig zurückblieb. In dem Zug, der im August 1994 die letzten Soldaten aus Karlshorst nach Kursk, etwa 500 Kilometer südlich von Moskau, brachte, fuhr ich im Auftrag des SPIEGEL mit. Während dieser Reise floss reichlich Wodka. Es ging ziemlich langsam voran, bis nach Moskau brauchten wir zwei Tage. Dort gab es noch eine kleine Truppenparade, dann ging es weiter in Richtung Kursk, wo eine türkische Baufirma von Deutschland finanzierte Wohnhäuser für die Soldaten errichtet hatte.

Nach meiner Rückkehr nach Berlin fuhr ich noch einmal nach Wünsdorf, wo ein letztes Aufräumkommando im Einsatz war. Große Lust zum Arbeiten hatte da offensichtlich niemand mehr. Manches hatten die Russen einfach stehen- und liegengelassen - ausrangierte Tische, alte Uniformen und sogar Gitarren. Katzen und andere Haustiere hatten sie aus Hygienegründen nicht mit nach Hause nehmen dürfen.

Die meisten dieser verwaisten ehemaligen Truppengelände sind bis heute durch Munition und Treibstoff stark kontaminiert. Eine alternative Nutzung gestaltet sich daher noch immer problematisch. Für Fotografen aber bieten sie mitunter einzigartige Anblicke.

Protokolliert von Corina Kolbe



insgesamt 45 Beiträge
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Michael Riedemann, 10.09.2014
1. Bilder wie aus den 40er Jahren
Soldaten in Güterwaggons etc. Kaum zu glauben, dass diese Bilder aus den 1990ern stammen.
mulholland_driver, 10.09.2014
2. Bildband zu diesem Thema
Einer der vier Fotografen war seinerzeit Detlev Steinberg, sehr bekannt für seine Fotoreportagen aus der Sowjetunion. Er hat Schwarzweißaufnahmen vom Russenabzug mit einer alten Mittelformatkamera gemacht. Anfang des Jahres hat er gemeinsam mit Andreas Franke einen Bildband mit dem Titel "Wünsdorf" zu diesem Thema herausgebracht, in deutscher und russisscher Sprache. Es gab auch eine Fotoausstellung in der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung. Man hätte die Fotos von Steinberg hier beim Spiegel veröffentlichen sollen. Sie sind sehr viel persönlicher als die Arbeiten von Thiel, die doch eine recht große Distanz zu den abgebildeten Personen aufweisen.
Hans von Atzigen, 10.09.2014
3. Die ehemaligen Soldaten
Die ehemaligen Soldaten haben irgendwo in der GUS und in Russland ein neues Leben gefunden. Die UDSSR hat sich fast über Nacht in einem sehr kurzen Zeit-Fenster aufgelöst. Die Gretchenfrage, wo ist die Ausrüstung, war bestimmt nicht das schlechteste Material der roten Armee, geblieben??? Konnten da die NATO die USA etwas lokalisieren??? Hat keinen interessiert, Hauptsache die waren weg. Die letzten der UDSSR hatten da sicher ein Problem wohin mit den Riesigen Mengen an Gerät und das möglichst ausserhalb der Überwachung aus dem Weltraum oder vor Ort. Da kann man faktisch sicher sein das da auch sehr vieles in der Strategisch,, zentralen,, Ostukraine unter dem Boden verschwunden ist. Lager die man umständehalber bis heute geheim gehalten hat. Und da wundert sich der Westen das in der Ostukraine militärisches Gerät auch aus der Produktion der 80 iger Jahre auftaucht. Gut eingelagert bleibt so Gerät auch über einen längeren Zeitraum funktionstüchtig. Inklusive der dazugehörigen Munition. Mit grosser Wahrscheinlichkeit liefert das aktuelle Russland kaum Waffen die sind vor Ort in der längst unabhängigen Ukraine. Vorsichtshalber strikte geheim gehalten wurden. Ohne die Idioten- Politik in Kiew und im Westen allgemein, währen das dort geblieben für die nächsten 50-100 Jahre.
KD Meier, 10.09.2014
4. hans von Atzigen
Sie haben aber weit ausgeholt! Ihre These waere moeglich, aber nicht wahrscheinlich. Kriegsmateral fuer 500000 Mann einfach verstecken? Denke eher, das da viel verschoben wurde. Der halbe nahe Osten ist mit russischem Kriegsgerät ausgeruestet, das gut in diese Zeit passt. Mir selbst wurde 1992 o. 93 an einer Imbissbude bei Magdeburg ein AK47 Gewehr nebst Munition fuer seinerzeit 600 DM angeboten.
Dengar, 10.09.2014
5. Zerstörung
Gern hätte ich auch Bilder von verlassenen Wohnanlagen gesehen. Zumindest aus Jena sind viele Russen ungern wieder abgezogen, was sich auch durch Vandalismus auszeichnete. Die Wohnblöcke in Jena-Nord zeichneten sich nach dem Abzug durch eingeschlagene Fensterscheiben und herausgerissene Sanitäranlagen aus. Da muss großer Frust geherrscht haben.
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