Sängerin Nina Hagen "Eine Nacht mit Jesus"

Wie verändert sich im Laufe der Jahre der Blick aufs Leben? In der Rubrik "Mit 17 hat man noch Träume" befragt der KulturSPIEGEL jeden Monat einen Star nach seinen Jugendsünden - und Träumen. Dieses Mal: die Sängerin Nina Hagen, 56, über Tante Muschel, Jesus Christus und polnisches LSD.

Die Sängerin Nina Hagen stellte am 2. November 2011 in Berlin ihr neues Album mit dem Titel "Volksbeat" vor.
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Die Sängerin Nina Hagen stellte am 2. November 2011 in Berlin ihr neues Album mit dem Titel "Volksbeat" vor.


KulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?

Hagen: Oh ja! Ich wollte unbedingt wissen, ob es Gott gibt.

KulturSPIEGEL: Ein ungewöhnlicher Wunsch für einen Teenager in der DDR.

Hagen: Diese Sehnsucht hatte ich seit meiner Kindheit. Als wir auf dem Land gelebt haben, hatte ich häufig Angst, wenn es draußen dunkel wurde. Dann hat meine Tante Muschel mit mir gebetet, und das war toll, ein Stück Himmel auf Erden. Danach war nichts mehr mit Angst. Als Zwölfjährige habe ich mich intensiv mit der Bibel beschäftigt. Ich habe gelesen, dass Jesus Menschen heil- und gesundgemacht hat. Das hat mich fasziniert. Ich war auf einer intensiven Suche nach diesem unbekannten Wesen Gott. Und mit 17 habe ich ihn gefunden.

KulturSPIEGEL: Wie ist Ihnen das gelungen?

Hagen: Durch ein Nahtod-Erlebnis. Ich bin gestorben, kurz mal im Heimatland der Seele aufgetaucht, habe Gott um Hilfe gerufen, und er hat geantwortet und mich gerettet. Diese eine Nacht mit Jesus Christus bestimmt mein ganzes Leben. Die Sängerin, der Mensch, der ich geworden bin, bin ich geworden, weil ich mich danach gesehnt habe, mit dem lieben Gott eine Beziehung einzugehen.

KulturSPIEGEL: Bei Ihrer Nahtod-Erfahrung ist auch LSD im Spiel gewesen.

Hagen: Stimmt. Da sieht man mal wieder, dass Gottes Wege mysteriös sind!

KulturSPIEGEL: Es heißt doch, in der DDR habe es keine Drogen gegeben?

Hagen: Doch, die gab es. Freunde aus Warschau hatten das LSD mitgebracht.

KulturSPIEGEL: Hatten Sie auch weltliche Jugendträume?

Hagen: Sicher. Ich wusste sehr früh, dass ich Sängerin werden will. Schauspielerin wollte ich auch sein. Tausendmal habe ich meine Mama auf der Bühne gesehen, auch in Musicals - meine Mutter fluchend als Blumenmädchen auf der Bühne, das war genial!

KulturSPIEGEL: Als 19-Jährige hatten Sie mit "Du hast den Farbfilm vergessen" einen Hit in der DDR. Ist in dem Moment der Sängerinnentraum wahr geworden?

Hagen: Der wurde schon in dem Moment wahr, in dem ich die Einladung bekam, im professionellsten Background-Chor der DDR unter Leitung von Reinhard Lakomy mitzusingen. Der Hit war nebensächlich. Sicher, es war toll, bekannt zu sein. Danach gingen Kinder als Nina Hagen zum Fasching, das war sehr lustig. Aber der größte Herzenswunsch war immer, mit Jesus auf der Bühne und im Leben zu stehen.

KulturSPIEGEL: Sie haben früh zu Gott gefunden, sich aber erst 2009 taufen lassen. Warum?

Hagen: Das stimmt so nicht. Ich habe mich schon 1981 mit meinem Baby Cosma in L. A. taufen lassen, von einem Musiker. Der war zwar nicht geweiht, aber ein Priester im Herzen.

KulturSPIEGEL: Danach waren Sie einige Jahre in einer Sekte.

Hagen: Ja. Ich war lange Jahre im Ashram von diesem komischen Typen, der behauptete, ein Gott zu sein, vor dem man niederknien müsse. Und im Geheimen ganz üble Dinge getan hat. Da ging es nie um Gott, das habe ich zum Glück irgendwann gemerkt. Aber auch im Ashram habe ich immer gesagt, ich bin Christin, mein Meister ist Gott, ich habe Gospels gesungen und zu Jesus gebetet.

KulturSPIEGEL: Wieso haben Sie sich dann doch noch für eine offizielle Kirche entschieden?

Hagen: Bis dahin hatte ich nie eine Gemeinde gefunden, die ich als echte Christen erlebt und denen ich mich zugehörig gefühlt habe. Eher so Pseudo-Christen wie der Kriegsverbrecher George W. Bush. Dann habe ich Pastor Kalle kennengelernt, bei "Frontal 21" auf der Interview-Couch. Er hat von seiner Arbeit erzählt, und da war mir klar, ich habe meinen Pastor gefunden.

KulturSPIEGEL: Was würde die 17-jährige Nina Hagen über die Nina Hagen von heute denken?

Hagen: Sie würde sie umarmen, so wie Jesus die 17-jährige Nina umarmt hat. Sie wäre begeistert, weil all ihre Träume wahr geworden sind und sie Jesus treu geblieben ist.

Das Interview führte Jörg Böckem



insgesamt 2 Beiträge
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Stefan Jansen, 31.12.2011
1.
Liebe Nina, vielleicht war es ein bisschen viel LSD dort und ein bisschen viel Koks da...
Volker Altmann, 13.01.2012
2.
Man mag über die gute Nina denken, wie man mag. Sicher ist sie sehr affektiert, scheint sie in einer eigenen, kruden Welt zu leben. Für mich hat sie jedoch mit ihrem West-Debut-Album ?Nina Hagen Band? von 1978 ein Meisterwerk geschaffen. Noch heute klingen die Nummern dieses Albums so frisch und unverbraucht wie am ersten Tag. Nicht zuletzt dank ihrer großartigen Band, die sich nach der Trennung von Nina ?Spliff? nannte. ?Carbonara?, ?Das Blech? und das grandiose ?Deja Vu? wurden zu Hits für ?Spliff?.
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